Über das Werk
Im Mittelpunkt der Ereignisse, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts spielen, steht der spanische Kronprinz Carlos.
Er ist unsterblich verliebt in Elisabeth von Valois, die ihm seit Kindheitstagen zur Frau bestimmt ist, ehe sie sein verwitweter Vater König Philipp II. für sich beansprucht. Dieser private Konflikt wird durch einen politischen verschärft: durch die Forderung Carlos’ nach der Regentschaft der aufständischen niederländischen Provinzen – eine vor dem Hintergrund der Inquisitionsprozesse und der Macht des Großinquisitors fatale Situation.
Don Carlos
Handlung
Im Wald von Fontainebleau beklagen Holzfäller die Not, in die sie der jahrelange Krieg zwischen Spanien und Frankreich gestürzt hat.
Elisabeth, die Tochter des französischen Königs, versucht, die Not der Armen zu lindern. Dabei berichtet sie, dass die Friedensverhandlungen vor dem Abschluss stehen. Alle wissen, dass der Frieden durch ihre Heirat mit dem spanischen Thronfolger Don Carlos besiegelt werden soll.
Carlos ist heimlich nach Frankreich gereist und hat Elisabeth hier kennen und lieben gelernt. Die beiden treffen sich im abendlichen Wald und durchleben im Voraus das Glück ihres künftigen gemeinsamen Lebens. Da kommt die Nachricht, dass Elisabeth nicht mit Don Carlos, sondern mit dessen Vater, Philipp II., verheiratet werden soll. Angesichts des leidenden Volkes begreift Elisabeth ihre Verantwortung und willigt in die Heirat ein, die ihr Glück zerstört.
Im spanischen Kloster San Yuste, in dem angeblich der abgedankte Kaiser Karl V. begraben ist, sucht Carlos Frieden, aber er kann Elisabeth nicht vergessen.
Ein geheimnisvoller Mönch scheint ihm Trost zuzusprechen. Carlos meint, den totgeglaubten Kaiser in ihm zu erkennen. Der Marquis von Posa versucht, Carlos für seine große Idee zu gewinnen: die Befreiung Flanderns von der spanischen Unterdrückung. Doch Carlos ist nicht ansprechbar. Er gesteht Posa seine hoffnungslose Liebe zu Elisabeth.
Vor dem Kloster erwarten die Hofdamen die Königin. Posa überbringt Elisabeth ein Schreiben ihrer Mutter aus Paris und steckt ihr bei dieser Gelegenheit einen Brief von Carlos zu. Darin wird Posa als vollkommen vertrauenswürdig empfohlen. Posa berichtet Elisabeth von der rätselhaften Traurigkeit, in der Carlos lebt, und bittet sie, ihrem Stiefsohn eine Audienz zu gewähren. In Eboli keimt die Hoffnung, Carlos’ Unruhe sei darauf zurückzuführen, dass er sie, ebenso wie sie ihn, heimlich liebt, und dass er nun Elisabeth von dieser Liebe erzählen will. Carlos bittet Elisabeth, sich bei seinem Vater für ihn zu verwenden, damit er nach Flandern gehen kann. Beide versuchen, sich zu beherrschen, werden aber bald von ihren Gefühlen überwältigt. Nur mit äußerster Kraft gelingt es Elisabeth schließlich, sich aus Carlos’ Armen zu reißen und die Begegnung zu beenden. Der König findet die Königin ohne Begleitung, was dem Reglement des Hofes widerspricht. Er verbannt die zuständige Hofdame aus Spanien.
Die Zeugen des Vorfalls ziehen sich zurück, nur Posa wird von Philipp aufgehalten. Es verwirrt ihn, dass dieser Mann noch nie um ein persönliches Gespräch gebeten hat. Er bietet ihm an, ihm eine besondere Gunst zu erweisen. Posa nutzt die Gelegenheit, dem König die Schrecken der spanischen Herrschaft in Flandern zu beschreiben. Philipp ist vom Mut des Mannes beeindruckt. Er vertraut ihm an, dass er Elisabeth im Verdacht hat, ihn mit Carlos zu betrügen, und bittet Posa, die beiden zu überwachen. Posa ist über diesen Vertrauensbeweis außer sich vor Freude und sieht die Erfüllung seines politischen Traums in greifbare Nähe gerückt. Philipp warnt ihn vor der Inquisition.
In den Gärten der Königin feiert man einen großen Maskenball. Elisabeth tauscht ihre Maske mit Eboli, um sich unbemerkt zurückziehen zu können. Eboli, Königin für eine Nacht, schickt Carlos eine Einladung zu einem mitternächtlichen Stelldichein.
Carlos glaubt, dass Elisabeth ihm geschrieben hat. Zu spät erkennt er den verhängnisvollen Irrtum. Eboli begreift, dass Carlos die Frau seines Vaters liebt und wiedergeliebt wird. Posa will die Prinzessin töten, um sie zu hindern, das Geheimnis zu verraten. Doch dann kommt ihm ein rettender Gedanke, und er verzichtet auf den sinnlosen Mord. Eboli stürzt wütend davon, und Posa bittet Carlos, ihm alle wichtigen Papiere auszuhändigen, die ihn kompromittieren könnten.
Auf einem Platz in Madrid findet ein großes Fest statt: eine öffentliche Ketzerverbrennung. Die festliche Stimmung wird empfindlich gedämpft, als Carlos mit einer Gruppe flandrischer Deputierter hervortritt, die den König um Frieden für ihre Heimat anflehen. Als Philipp diese Zustimmung starrsinnig zurückweist, bittet ihn Carlos, als Statthalter von Brabant und Flandern eingesetzt zu werden. Philipp verweigert das und reizt seinen Sohn damit so, dass dieser die Waffe gegen den König richtet. Niemand wagt, den vor Wut Rasenden zu entwaffnen, bis Posa eingreift.
Der König ernennt den Marquis zum Herzog, Carlos wird verhaftet.
Der Gedanke an Elisabeths mögliche Untreue und das Gefühl seiner hoffnungslosen Einsamkeit rauben dem König den Schlaf. Er hat den Großinquisitor zu sich rufen lassen, weil er im Konflikt mit Carlos seinen Rat braucht.
Der Großinquisitor verspricht ihm die Absolution im Falle, dass Philipp seinen Sohn hinrichten lässt. Doch er kam eigentlich aus einem für ihn weitaus schwerer wiegenden Grund zu Philipp. Er verlangt die Auslieferung Posas an die Inquisition. Als Philipp sich weigert, seinen einzigen Freund zu verraten, macht ihm der Großinquisitor klar, wer die Macht im Staate hat.
Elisabeth beklagt sich über den Diebstahl einer Schatulle, in der sie ihre persönlichsten Dinge aufbewahrt. Philipp öffnet das Kästchen, das man ihm gebracht hat. Er fragt sie, was es mit dem Porträt des Infanten auf sich habe, das zwischen ihren Schmuckstücken liegt. Ihre Verteidigung versetzt ihn in so blinde Wut, dass er die vermeintliche Ehebrecherin zu Boden schlägt. Eboli bemüht sich um die Zusammengebrochene, und Posa macht dem König Vorhaltungen, der seinen ungerechtfertigten Argwohn bedauert.
Eboli bleibt mit Elisabeth allein und gesteht ihr, dass sie die Schatulle aus Eifersucht gestohlen hat. Da sie aus enttäuschter Liebe gehandelt hat, verzeiht ihr Elisabeth. Als Eboli aber bekennt, ein Verhältnis mit dem König zu haben, verlässt Elisabeth schweigend den Raum. Eboli wird vor die Wahl zwischen Kloster und Verbannung gestellt. Sie bricht verzweifelt zusammen, doch der Gedanke an Carlos gibt ihr neue Kraft. Sie will sein Leben retten.
Posa besucht Carlos im Gefängnis und verspricht ihm die baldige Freiheit. Er hat es so eingerichtet, dass man Carlos’ belastende Papiere bei ihm gefunden hat, sodass der König nun ihn, Posa, für den Aufrührer hält. Ein Schuss fällt, und Posa ist tödlich getroffen. Mit letzter Kraft mahnt er Carlos daran, ihre gemeinsame Vision von einem freien Flandern in die Tat umzusetzen.
Philipp will seinen Sohn aus der Haft entlassen, muss von diesem aber die wahren Zusammenhänge erfahren. Vater und Sohn beklagen gemeinsam den Tod ihres einzigen Freundes.
Eine Sturmglocke ertönt. Eboli hat das Volk zum Aufstand angestiftet, um Carlos aus dem Gefängnis zu befreien. Die Flucht gelingt in letzter Minute, bevor das Erscheinen des Großinquisitors den Aufruhr der Menge abrupt beendet.
Elisabeth und Carlos nehmen für immer Abschied voneinander. Es bleibt ihnen nur die Hoffnung auf ein Wiedersehen in einer besseren Welt.
Philipp übergibt seinen Sohn der Inquisition. Da greift der geheimnisvolle Mönch in das Geschehen ein und entzieht Carlos und Elisabeth der irdischen Gerichtsbarkeit. Alle erkennen in ihm den totgeglaubten Kaiser.
Regisseur Peter Konwitschny spannte in seiner Inszenierung zwischen den Figuren ein Beziehungsgeflecht von atemberaubender Dichte. Zunächst von Teilen des Publikums abgelehnt, erhielt die Produktion bald Kultstatus und wird heute bei jeder Wiederaufnahme mit großer Euphorie empfangen. Die von ihm darüber hinaus geschaffene humoristisch-pantomimische Einlage zur großen Ballettmusik Verdis im dritten Akt vergrößert die Fallhöhe der Tragödie. Besonderer Fokus liegt für Konwitschny auf dem utopischen Moment, das Verdi mit der Errettung von Carlos und Elisabeth am Ende der Oper zeigt. Für den Regisseur ist der Schluss demnach keine realistische Forterzählung, sondern eine Art Veto des Komponisten gegen den Sieg der liebes- und lebensfeindlichen Autoritäten.
Mit Don Carlos schuf Verdi einen wesentlichen Beitrag zur Gattung der französischen Grand opéra. Diverse Schwierigkeiten während der Einstudierung führten dazu, dass der Komponist gegen seinen Willen zahlreiche Kürzungen vorzunehmen hatte, ehe das Werk 1867 seine Uraufführung erlebte. Die Produktion an der Wiener Staatsoper zeigt die rekonstruierte Urfassung, die auch jene Passagen beinhaltet, die Verdi 1867 hatte streichen müssen. Das besondere Atout dieser Fassung ist ihre stilistische Einheitlichkeit und eine überaus präzise psychologisch ausgearbeitete Figurenentwicklung.
Verdi hatte bei der Komposition des Don Carlos mit zwei sehr profanen Dingen zu kämpfen: mit dem Pariser Vororte-Zug und den Nachmahl-Gepflogenheiten des Publikums. Vorstellungen durften nämlich grundsätzlich nicht zu früh beginnen, da die Zuschauerinnen und Zuschauer das Abendessen gemütlich und nicht überstürzt vor einem Opernbesuch einnehmen wollten. Zugleich durfte eine Aufführung nicht länger als bis zur Abfahrt des letzten Zuges dauern, der die Besucherinnen und Besucher aus den Vorstädten wieder heimbrachte. Eingekeilt zwischen diesen beiden zeitlichen Fixpunkten musste daher die Partitur wenige Tage vor der Uraufführung empfindlich zurechtgestutzt werden.
Eine Koproduktion mit dem Gran Teatre del Liceu.
