Über das Werk
Rastloser Dandy erkennt in einer bürgerlichen Frau zu spät seine große Liebe. Zerrissene Briefe. Zerstörte Leben.
Mit seiner Adaption von Puschkins Versroman Eugen Onegin schuf John Cranko ein Meisterwerk des Erzählballetts und eines der berühmtesten Handlungsballette des 20. Jahrhunderts. Die im Unglück endende Liebesgeschichte von der jungen Frau Tatjana und dem Antihelden Onegin zeichnet Meisterchoreograf John Cranko zu verschiedenen Werken Tschaikowskis, jedoch nicht zu dessen Oper Eugen Onegin. Die Emotionen und Leidenschaften seiner Figuren werden, wie durch ein Brennglas betrachtet, zum Motor seiner Dramaturgie, die sich allein durch den Tanz erzählt.
Onegin
Handlung
Im Garten Madame Larinas
Tatjana und Olga tanzen mit ihren Freundinnen. Ein altes Spiel wird gespielt: Wer in den Spiegel blickt, sieht den Geliebten. Bei Olga bewahrheitet sich der Aberglaube. Sie erblickt ihren Verlobten, den Dichter Lenski. Als ihre Schwester Tatjana in den Spiegel schaut, sieht sie Onegin und verliebt sich in ihn. Lenski hatte seinen Freund, der wegen der Erbschaft eines stattlichen Landgutes aus St. Petersburg gekommen ist, in das Haus der Witwe Larina eingeführt. Doch der gelangweilte Städter lässt die Gesellschaft seine Überlegenheit spüren. Auch Tatjana vermag ihn nicht von seinem Hochmut abzubringen.
Tatjanas Schlafzimmer
Tatjana schreibt einen Brief an Onegin, in dem sie ihrer schwärmerischen Liebe zu dem fast unbekannten Mann Ausdruck verleiht. Über dem Geschriebenen eingeschlafen, blickt sie im Traum in ihren Spiegel: Onegin erscheint und erwidert ihre Liebe.
Im Haus Madame Larinas
Tatjana feiert ihren Geburtstag. Ungeduldig wartet sie auf ein Zeichen, mit dem Onegin, der mit Lenski ebenfalls auf der Party ist, auf ihren Brief antwortet. Aber Onegin ist gereizt. Er zerreißt den Brief vor Tatjanas Augen und flirtet so unmissverständlich mit Olga, dass der ahnungslose und zutiefst eifersüchtige Lenski ihn zum Duell fordert. Fürst Gremin, ein angesehener Freund des Hauses, kann das Drama nicht verhindern.
Ein verlassener Park
Tatjana und Olga beschwören Lenski, auf das Duell zu verzichten. Auch Onegin ist zur Versöhnung bereit, doch Lenski lässt sich nicht umstimmen. Onegin erschießt Lenski.
Ballsaal des Fürsten Gremin
Zehn Jahre sind vergangen. Tatjana hat Fürst Gremin geheiratet. Auf einem Ball des Fürsten erscheint ein vom Leben enttäuschter Onegin. Als er Tatjana dort unerwartet wiedersieht, wird ihm klar, dass er die einzige echte Liebe seines Lebens zurückgewiesen hat. Er hofft auf ihre einstigen Gefühle für ihn. Doch die Rollen vertauschen sich: Tatjana wendet sich scheinbar überlegen von Onegin ab.
Tatjanas Boudoir
Onegin hat sich schriftlich bei Tatjana angemeldet. Diese will die Begegnung vermeiden, doch ihre Bitte an den sorglosen Gremin, sie an diesem Abend nicht allein zu lassen, bleibt vergeblich. Onegin kommt und offenbart ihr seine Liebe. Im Kampf mit ihren Gefühlen erkennt Tatjana, dass Onegins Einsicht zu spät kommt: Vor seinen Augen zerreißt sie seinen Brief. Onegin stürzt verzweifelt davon, Tatjana bleibt verzweifelt zurück.
»Ach, warum kamen Sie aufs Land, wo wir so still verborgen waren? Ich hatte nimmer Sie gekannt und nie solch Herzeleid erfahren.« Tatjanas verzweifelter, nach Onegins Liebe suchender Brief ist seit John Crankos erstmals mit dem Stuttgarter Ballett 1965 aufgeführtem Onegin nicht nur Literaturliebhaberinnen, sondern auch Ballettkennern ein Begriff. Crankos choreografische Adaption des Versromans von Alexander Puschkin zählt zu den berühmtesten Handlungsballetten des 20. Jahrhunderts sowie zu den Meisterwerken des südafrikanischen Choreografen, der mit seiner Ballettkunst und seinem direktorialen Gespür für die Förderung von Tänzerinnen und anderen Künstlerinnen nicht nur das »Stuttgarter Ballettwunder« schuf, sondern dessen Arbeit im Südwesten Deutschlands seit den 1960er Jahren eines der wichtigsten Kapitel der deutschen Ballettgeschichte markiert.
Die Choreografie changiert zwischen großen Ensembleszenen, intimen Momenten der vier Hauptfiguren und emotionalen Pas de deux. Onegin steht maßgebend für die Interpretation und den Anspruch Crankos an das Handlungsballett: »Sein Sinn stand«, so Hartmut Regitz, »nach einem neuen Typus des abendfüllenden Balletts, einem Typus, der sich durch die Klarheit der Handlung und psychologische Profilierung der Charaktere auszeichnete und in gigantischen Pas de deux gipfelte, die mit ihrem Emotionsreichtum und ihrer choreografischen Radikalität tänzerische Dimensionen und Ausdrucksbereiche erschlossen, die man bis dahin nicht gekannt hatte.«
John Crankos Ballett Onegin basiert – wie die Oper Eugen Onegin von Pjotr Iljitsch Tschaikowski – auf dem Versroman von Alexander Puschkin, geht musikalisch jedoch eigene Wege. Statt Musik aus der Oper zu verwenden, wurde die Partitur aus verschiedenen Werken Tschaikowskis neu zusammengestellt und eigens für das Ballett von Kurt-Heinz Stolze bearbeitet. Den Schwerpunkt bilden Klavierkompositionen, insbesondere der Zyklus Die Jahreszeiten op. 37, ergänzt durch Ausschnitte aus Opern und sinfonischen Werken. Durch die Kombination kurzer, flexibel einsetzbarer Musiknummern entsteht eine dramaturgisch geschlossene Form, in der Themen leitmotivisch verarbeitet und weiterentwickelt werden. Die Instrumentation orientiert sich am Stil Tschaikowskis, ist jedoch bewusst kammermusikalischer gehalten. So entsteht eine transparente Klangsprache, die die Handlung präzise unterstützt und die großen orchestralen Höhepunkte gezielt akzentuiert.
Aus folgenden Musikwerken Tschaikowskis wurde die Partitur zusammengestellt: Oxanas Launen op. 14 (1885), Francesca da Rimini, Symphonische Fantasie nach Dante op. 32 (1876), Romeo und Julia, Duett für Sopran, Tenor & Orchester ohne op. (1893), Drei Stücke für Klavier op. 9 (1870), Sechs Stücke für Klavier op. 19 (1873), Die Jahreszeiten für Klavier op. 37a (1876), Sechs Stücke für Klavier op. 51 (1882), Achtzehn Stücke für Klavier op. 72 (1893), Impromptu für Klavier As-Dur ohne op. (1889)
Ein Duell endet für den erst 38-jährigen Puschkin im Jahr 1837 – wie für Lenski in Onegin – tödlich. Auch Cranko erreichte kein hohes Alter: Er starb während des Rückflugs von einer US-Tournee 1973 im Alter von nur 45 Jahren.