Über das Werk
Jeder Mann nennt sie mit einem anderen Namen. Denn für sie ist Lulu bloß eins: eine Fläche, auf der sie ihre Wünsche und Begierden, aber auch Ängste projizieren.
Wer Lulu wirklich ist, das können und wollen die Männer, die ihr erliegen und an ihr zugrunde gehen, gar nicht wissen. Darin liegt aber auch die Tragik Lulus, die Dr. Schön, den Einzigen, der ihr wirklich etwas bedeutet, tötet und zuletzt als heruntergekommene Prostituierte in London dem Frauenmörder Jack the Ripper zum Opfer fällt.
Regisseur Willy Decker versteht die Opernhandlung als unablässige Folge von Kampfszenen, in denen die rätselhafte, männerverschlingende Kindfrau Lulu durch alle sozialen Klassen durchgereicht wird, bis sie schließlich in der Gosse zum Opfer eines Triebtäters wird. Dementsprechend erinnert das Bühnenbild an eine Manege, in der Lulus Wirken und Leben vorgeführt wird, beobachtet von einer namenlosen Masse. Schon am Beginn, noch ehe der erste Ton erklingt, sieht man die einsame und unbewegliche Lulu in einer nur scheinbar von ihr beherrschten Arena, in der der immerwährende Kampf zwischen dem Männlichen und Weiblichen jeden Moment wiederaufgenommen wird.
Lulu ist die erste Zwölftonoper der Musikgeschichte.
Als sich der immer schon labile Gesundheitszustand des 50-jährigen Komponisten rasant verschlechterte, wurde die Arbeit an dem Werk regelrecht zu einem Wettlauf mit dem Tod. Schlussendlich vollendete Alban Berg die ersten beiden Akte und nur einen kleinen Teil des dritten Aktes. Umso größer war der Jubel, als Lulu 1979 in der von Friedrich Cerha komplettierten Version zur Weltpremiere gelangte, die auch bei dieser Wiederaufnahme zur Aufführung kommt.