Über das Werk
Nach dem Tod seiner Frau Marie hat sich Paul in Brügge, der »toten Stadt«, in eine versteinerte, zerstörerische Erinnerungswelt zurückgezogen.
In einer »Kirche des Gewesenen« bewahrt er alles auf, was ihn an die Tote erinnert – und bindet. Doch die Trauer lähmt, höhlt aus und hält Paul von Gegenwart und Zukunft fern. Bis ihm Marietta, das Ebenbild der Verstorbenen, begegnet. Die Femme fatale weckt erotische Wünsche, aber auch die Sogkraft der Erinnerung – und bringt ihn an die Grenzen seiner Existenz.
Die tote
Stadt
Handlung
Seit Jahren lebt Paul in Brügge nur noch für die Erinnerung an seine tote Frau Marie. In einem Zimmer seines Hauses, das für ihn zur »Kirche des Gewesenen« wurde, verwahrt er alle Dinge, die ihn an sie erinnern, darunter eine Haarflechte der Verstorbenen.
Als sein Freund Frank ihn besucht, erzählt ihm Paul von der Begegnung mit einer Unbekannten, die Marie völlig gleicht. Es ist Marietta, die als Tänzerin in Brügge gastiert und Pauls Einladung, ihn zu besuchen, angenommen hat. Sie nimmt seinen Rosenstrauß entgegen und singt, sich selbst auf Maries Laute begleitend, das alte Lied »Glück, das mir verblieb«. Immer stärker fließen die Bilder der toten Marie für Paul mit jenen Mariettas zusammen. Als er sie in die Arme schließen möchte, entwindet sie sich ihm und geht zur Probe, nicht jedoch ohne ihn zu einem Wiedersehen im Theater zu ermutigen.
Paul versinkt in einen tiefen Traum, in dem ihm Marie aus ihrem Porträt entgegentritt und ihn an seine Treue mahnt. Plötzlich findet er sich am Kai vor Mariettas Haus wieder. Frank taucht auf, mit dem Schlüssel zu ihrem Zimmer. Paul schlägt ihn nieder und reißt den Schlüssel an sich. Marietta kehrt mit ihrer Komödiantentruppe vom Theater heim und improvisiert auf offener Straße zu Ehren des Grafen Albert die Erweckungsszene aus Meyerbeers Oper Robert der Teufel. Marietta spielt darin die von den Toten auferstandene Héléna. Paul fährt dazwischen und beschuldigt sie der Blasphemie. Marietta nimmt den Kampf mit der toten Rivalin auf. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht plagen Paul Schuldgefühle. Als eine Prozession an seinem Haus vorbeizieht, verhöhnt ihn Marietta wegen seiner Frömmigkeit. Schließlich ergreift sie Maries Haarflechte. Paul will sie ihr entreißen, wirft Marietta nieder und erwürgt sie.
Paul erwacht aus seinem Traum. Marietta erscheint, um den vergessenen Rosenstrauß zu holen. Auch Frank kehrt zurück, und Paul beschließt, mit ihm Brügge, die »Stadt des Todes«, zu verlassen.
In seiner maßstabsetzenden Inszenierung leuchtet Willy Decker tief in das weite Land der Seele, entwirft eine packende Bildsprache und zeigt Die tote Stadt im gefährlichen Schwebezustand zwischen innerer und äußerer Welt, zwischen Traum und Albtraum. Es ist eine psychologisch feine Regiearbeit, die die symbolhaften Handlungselemente gekonnt auffängt und sie in einprägsame szenische Setzungen überführt.
Korngolds Musik, die in expressiven Ausbrüchen, in harmonisch faszinierender Vielschichtigkeit ebenso wie in bittersüßen Schlagern spricht, vermag auch mehr als einhundert Jahre nach der Uraufführung zu faszinieren und zu bewegen. Im bewussten Gegensatz zu den damals Raum gewinnenden Strömungen rund um die Zwölftontechnik und Atonalität wählte Korngold (auch unter dem dominanten Einfluss seines Vaters, des berühmten Kritikers Julius Korngold) einen Weg, der an der Tonalität festhielt – und schrieb musikalische Nummern, die auch außerhalb der Opernhandlung Ewigkeitswert besitzen. »Mein Sehnen, mein Wähnen« etwa, oder auch »Glück, das mir verblieb« sind daher fixer Bestandteil zahlreicher Operngalas und haben Wunschkonzertqualität – im besten Sinne des Wortes.
Korngold galt seit frühester Jugend als Wunderkind, dem auch Kollegen wie Giacomo Puccini, Richard Strauss oder Gustav Mahler allergrößte Bedeutung bestätigten. »Ein Genie!«, titulierte ihn etwa Letztgenannter. Korngolds Ballettpantomime Der Schneemann wurde im Jahr 1910 an der Wiener Hofoper mit Erfolg erstaufgeführt, von da an war die Karriere kometenhaft, der Ruhm unvergleichlich. Bis der NS-Terror den Komponisten zur Emigration zwang und seine Werke verbot. Von dieser brutalen Zäsur hat sich Korngolds Gesamtwerk, was die Publikumsrezeption hierzulande betrifft, leider nie mehr völlig erholt. Doch zumindest Die tote Stadt zählt neben anderem wie dem Violinkonzert auch heute zu den Fixstartern im Repertoire; ein Werk, das von Künstlern wie vom Publikum hochgeschätzt wird.
Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen.
In Kooperation mit dem Gran Teatre del Liceu und der Dutch National Opera.