Über das Werk
John Neumeiers Ballett Nijinsky zeichnet ein eindrucksvolles choreografisches Porträt des legendären Tänzers Vaslav Nijinsky.
In fragmentarischen Erinnerungen, Traumsequenzen und historischen Momenten aus seinem Leben eröffnet das Werk einen Blick in seine innere Welt. Kraftvolle Choreografie, Musik und symbolische Bilder verbinden sich zu einer Darstellung von Nijinskys künstlerischem Genie ebenso wie seines Ringens mit der psychischen Erkrankung.
Nijinsky
Handlung
Die Inhaltsangabe wurde von John Neumeier verfasst.
Am 19. Januar 1919 um fünf Uhr nachmittags tanzte Vaslaw Nijinsky im Ballsaal des Suvretta House in St. Moritz zum letzten Male öffentlich. Er nannte seine Vorstellung Hochzeit mit Gott. Mein Ballett Nijinsky beginnt mit einer realistischen Wiedergabe dieser Szene. Die folgende Choreografie visualisiert Nijinskys Gedanken, Erinnerungen und Wahnvorstellungen während seines letzten Auftritts.
Hervorgerufen durch das Trugbild seines ehemaligen Mentors, Impresarios und Liebhabers Serge Diaghilew, ruft sich Nijinsky Bilder seiner sensationellen Karriere mit den Ballets Russes zurück ins Gedächtnis. Tänzer, als Teile seiner Persönlichkeit, führen Fragmente seiner herausragenden Rollen auf. Harlequin, der Dichter aus Les Sylphides, der Goldene Sklave aus Scheherazade und Der Geist der Rose vermengen sich mit Charakteren aus seinem eigenen Leben. Seine Schwester Bronislawa, die spätere Choreografin, sein älterer Bruder Stanislaw – der ebenfalls zu einem Tänzer ausgebildet wurde und von Kindheit an mit Anflügen von Wahnsinn versehen war – und die Mutter Eleonora Bereda, die gemeinsam mit dem Vater die frühesten Lehrenden ihrer Kinder waren, erscheinen in seiner traumdurchwebten Fantasie. In einer anderen Szene meines Balletts erinnert sich Nijinsky an sein kompromissloses Ringen um eine neue choreografische Sprache. Seine Bewegungsexperimente fließen ein in die Ballette L’Après-midi d’un faune, Jeux, Le Sacre du Printempsund später Till Eulenspiegel. Eine Frau in Rot, Romola de Pulszky, Nijinskys spätere Frau, durchkreuzt seine verworrenen Erinnerungen. Noch einmal erlebt er ihre erste Begegnung während einer Schifffahrt nach Südamerika und ihre plötzliche Vermählung – ein Ereignis, das den endgültigen Bruch mit Diaghilew und den Ballets Russes hervorrief.
Nijinskys Wahnsinn führt ihn tiefer in sein inneres Wesen. Erinnerungen an Kindheit, Familie, Schule und Mariinski-Theater vermischen sich mit alptraumhaften Visionen des Ersten Weltkrieges – und der Untreue seiner Frau. Die skandalträchtige Premiere seines Balletts Le Sacre du Printemps wird der Brutalität des Ersten Weltkrieges und dem Tod seines Bruders Stanislaw gegenübergestellt. Romola begleitet ihn durch schwierige und schlechte Zeiten. In Nijinskys Augen ist es die Welt, die ihn umgibt – nicht »Nijinsky«, der geisteskrank wird … Die Vorstellung im Suvretta House und mein Ballett enden mit Nijinskys letztem Tanz – dem Krieg.
John Neumeier, der zu den bedeutendsten Choreografen unserer Zeit zählt, ist seit jeher von dem Künstler und Menschen Nijinsky inspiriert. Bereits 1979 kreierte er ein Kurzballett mit dem Titel Vaslav. Im Jahr 2000, das den 50. Todestag Nijinskys markiert, hat sich Neumeier ein weiteres Mal mit diesem außergewöhnlichen und geheimnisvollen Menschen in einem abendfüllenden Ballett, das mit dem Hamburg Ballett seine Uraufführung erlebte, auseinandergesetzt. »Wenn man ein Werk über eine historische Persönlichkeit schafft, auf welchen Aspekt sollen wir uns konzentrieren? Wer war er wirklich: der Mensch? Der Künstler?«, fragt der Choreograf.
Das Publikum erfährt in Neumeiers tänzerischem Porträt von einem Leben zwischen strahlendem Ruhm und abgründiger Verzweiflung: Nijinsky als gefeierter Star der Ballets Russes und zugleich als von Wahnsinn, Zweifel und Ängsten gezeichneter Mensch. »Eine Biografie der Seele«, die aus einem Konglomerat von Erinnerungen und Empfindungen, Assoziationen und diversen Realitäten entsteht. So durchlebt Nijinsky noch einmal die Höhepunkte seines Erfolgs. Die legendärsten Rollen wie der Harlekin, Geist der Rose oder Goldene Sklave erscheinen als Spiegelbilder und werden immer wieder von Momenten aus der Kindheit, mit Familienmitgliedern und aus seiner Karriere durchbrochen – von seinen revolutionären choreografischen Visionen wie L’Après-midi d’un Faune und Le Sacre du Printemps bis zur leidenschaftlichen Begegnung mit seiner Frau Romola und dem schmerzhaften Bruch mit den Ballets Russes. Doch der Glanz beginnt langsam dunkler zu werden … Vergangenheit und Gegenwart, Bühne und Krieg, Triumph und Verlust verschmelzen immer mehr zu einem inneren Strudel. In Nijinskys Wahrnehmung ist nicht er dem Wahnsinn verfallen, sondern die Welt.
In seiner Musikauswahl bleibt Neumeier nah an dem Künstler Nijinsky sowie historisch-musikalischen Einflüssen. Um eine prägende Ebene seines Lebens zu beleuchten, erklingt im ersten Teil – neben wenigen kammermusikalischen Miniaturen – Scheherazade von Nikolaj Rimskij-Korsakow. Kaum ein Werk verkörpert den Zauber der frühen Ballets Russes eindringlicher. In der Rolle des Goldenen Sklaven begründete Nijinsky hier seinen Mythos, noch bevor er als Der Geist der Rose oder Petruschka Tanzgeschichte schrieb. Der zweite Teil des Balletts setzt einen bewussten Kontrast zu dieser schillernden Welt: Dmitri Schostakowitschs 11. Sinfonie Das Jahr 1905 erinnert an den blutig niedergeschlagenen Aufstand vor dem Winterpalast in St. Petersburg. Zwischen Sinnlichkeit und Tragödie spannt sich so ein Bogen, der Nijinskys Zeit in ihrer ganzen Spannung musikalisch erfahrbar macht.
Zwischen John Neumeier und Vaslav Nijinsky besteht eine künstlerische Verwandtschaft, die selbst bereits historischen Charakter angenommen hat. Der russische Tänzer und Choreograf des frühen 20. Jahrhunderts prägt Neumeiers Arbeit und Ästhetik maßgeblich. In seiner Wohnung bewahrt Neumeier ein privates Nijinsky-Museum – Ausdruck seiner tiefen Verehrung für den Künstler, den er als größten Visionär der Ballettkunst und zugleich tragischste Figur bezeichnet.