Unter Federn oder: Wer ist hier der Vogelfänger?
Interview |
Manche nehmen sie mit nach Hause. Andere lassen sie lieber beim Portier zurück, wieder andere wollen sie überhaupt nur auf der Bühne um sich haben. Wen? Die Rolle! Jene wechselnde Zweitpersönlichkeit eines Darstellers, die ihr Eigenleben hat, Spiegelbild und Widerpart ist, fremd und hochpersönlich, auf vielen Ebenen interagierend. Was aber, wenn sich Rolle und Sänger außerhalb einer aktuellen Proben- und Vorstellungssituation begegnen und ins Reden kommen? Wir haben es ausprobiert und Michael Nagl mit dem Zauberflöten-Papageno konfrontiert.
Papageno: Eigentlich beschäftigt mich immer wieder eine Frage besonders: Wann fängst du an, ich zu sein? Und bist du dann immer noch du?
Michael Nagl: Also, wenn ich an einem Vorstellungstag in der Früh die Augen aufmache, bin ich ich, also Michael Nagl. Aber ein Michael Nagl, der weiß, dass er am Abend singen wird. Das bedeutet, dass ich mir den Tag gut einteile und mit der Energie haushalte, damit ich am Abend die Kräfte bündeln kann. Ich weiß also den ganzen Tag lang, dass ich am Abend in einer Rolle auf der Bühne stehen werde, und lebe auch danach. Aber so richtig in die Partie tauche ich ganz spät ein, im Falle der Zauberflöten-Inszenierung in Wien: beim ersten Ton der Ouvertüre. Denn da setze ich mich in den Luster und fahre in den Schnürboden hinauf. Wenn das passiert, weiß ich: Es ist Showtime! Und selbst dann: Ich bin du, aber immer bleibe ich doch auch ich.
Worin liegt der Reiz, in eine andere Persönlichkeit zu wechseln? Warum willst du ich werden? Oder anders gefragt: Warum machst du diesen Beruf?
Anfangs bin ich da einfach reingewachsen. Als ich Kind war, haben wir zu Hause in Leopoldau immer wieder Familienkonzerte veranstaltet. Man hat gemacht, was man gerade gelernt hat: Meine Schwester spielte Blockflöte, mein Bruder Gitarre – und ich habe eben gesungen. Einmal war der Leiter des Wiener Mozart Knabenchores dabei und hat mich überzeugt, in seinen Chor zu kommen. Für mich war das toll: Man traf sich, um zu musizieren, konnte aber daheim wohnen, und immer gab es innerhalb des Chores ein großes Gemeinschaftsgefühl. Wir sangen viel Mozart, traten auf, waren manchmal sogar als kleine Mozarts verkleidet. Und irgendwann war mir klar: Das, was ich da tue, fühlt sich für mich einfach gut an. Später ging es mit einem Gesangsstudium in Wien weiter, und ich landete im Sängerleben. Mein professionelles Debüt war übrigens auch in der Zauberflöte, im Stadttheater Baden!
Der Reiz daran, sich in eine andere Person zu verwandeln, liegt für mich darin, neue Facetten auszuprobieren und in eine Fantasiewelt einzutauchen, die man im Alltag niemals erleben würde. Gleichzeitig ermöglicht eine Rolle, für einen Moment aus der eigenen Persönlichkeit herauszutreten und Seiten an sich zu entdecken, die im echten Leben keinen Platz haben. Wie zum Beispiel besondere Naivität, Offenheit, Verschlossenheit oder sogar eine gewisse Gemeinheit. Dieses spielerische Ausloten menschlicher Eigenschaften macht das Darstellen einer Figur so spannend.
Und wie schnell verlässt du mich wieder? Schlussapplaus? Oder verlierst du mich am Weg nach Hause?
Die Rolle verlässt mich in dem Moment, in dem der Schlussapplaus beginnt. Mit dem letzten Ton der Musik endet für mich auch die Geschichte, die wir auf der Bühne erzählen. Ich verbeuge mich bewusst als Michael Nagl und nicht als Papageno, schließlich sind wir Sänger Künstler, die eine Rolle darstellen, aber sie nicht dauerhaft leben.
Ist es dir lieber, Figuren zu spielen, die dir ähnlich sind – oder reizt dich gerade das umfassende »Jemand-anders-Sein«?
Eine gewisse Distanz zur Rolle ist immer gut. Gerade an einem Repertoiretheater wie hier in Wien oder an meinem Stuttgarter Stammhaus hat man schließlich mehrere Partien gleichzeitig im Kopf. Sich ständig vollkommen neu zu erfinden und zwischen unterschiedlichen Persönlichkeiten zu wechseln, würde einen auf Dauer wohl in den Wahnsinn treiben. Wobei: Anfangs ist es natürlich einfacher, wenn man jemanden spielt, der einem ähnlich ist. Man findet schneller in die Figur hinein und kann auf eine vertraute Mimik und Körpersprache zurückgreifen. Mit wachsender Erfahrung entwickelt man jedoch sein Handwerk immer weiter – und lernt dadurch auch, weit entfernte Charaktere glaubhaft und differenziert darzustellen.
Jetzt muss es natürlich kommen. Bist du gerne ich? Du singst ja auch andere Mozart-Rollen, Figaro, Leporello, Masetto. Sogar Sarastro hast du gemacht. Bedeute ich dir mehr als er?
Der Sarastro war in einer abgespeckten Zauberflöten-Version während der Corona-Zeit, und ich dachte mir: Bevor ich den Papageno spiele, möchte ich auch einmal wissen, wie es sich anfühlt, Sarastro zu sein. Das hat übrigens gut funktioniert! Doch dann kamst du – und ich habe schnell gemerkt, dass es mit dir einfach mehr Spaß macht. Papageno entspricht viel stärker meinem Wesen, allein schon wegen der Spielfreude. Vielleicht wende ich mich irgendwann wieder dem Sarastro zu, wenn ich älter geworden und etwas ruhiger bin. Im Moment aber bist du mir eindeutig lieber.
Papageno muss ja nicht zwangsläufig ganz jung sein! Es gab und gibt viele Papagenos im etwas reiferen Alter. Erich Kunz sang seinen letzten an der Staatsoper im Alter von 65 Jahren.
Das macht unter anderem das Wunderbare an den Opern von Mozart aus. Viele seiner Figuren sind fast alterslos. Don Giovanni zum Beispiel kann jung sein, aber auch älter. Ebenso Figaro. Selbst Tamino. Und, du hast recht, Papageno auch.
Nicht nur du bereitest dich übrigens auf mich vor, sondern auch umgekehrt. Ich habe dich recherchiert. Du lässt dich merkbar gerne auf Mozart-Rollen ein. Allein in der Zauberflöte waren es Papageno, Sarastro …
… Geharnischter, Sprecher, Priester. Ich weiß. Und dann eben noch viele andere Partien aus seinen Opern.
Und warum? Weil Mozart Mozart ist?
Anfangs vor allem deshalb, weil man an der Universität gerne auf Mozart-Opern zurückgreift. Das Orchester ist überschaubar, die Partien begleiten einen oft noch lange im Berufsleben – und Mozart ist zudem ausgesprochen gesund für die Stimme. Meine erste Mozart-Partie war übrigens Don Alfonso in Così fan tutte, damals in einer Universitätsproduktion. Danach kamen Antonio in Le nozze di Figaro und später Masetto. Und wenn erst einmal ein Leporello an der Reihe war oder ein Figaro, hat man quasi Blut geleckt. Vor allem macht es mir ungeheuren Spaß. Mozarts Opern nutzen sich nie ab – im Gegenteil: Je öfter man sie spielt, desto mehr entdeckt man in ihnen.
Jetzt aber ganz ehrlich, was entdeckst du in mir? Meinen Charakter in drei Worten!
Naiv. Lebensfroh. Tragisch.
Lebensfroh gefällt mir. Naiv … na ja. Aber tragisch?
Bei aller Heiterkeit gibt es bei dir eben auch einsame und verzweifelte Momente. Du bist nicht nur komisch, naiv und fröhlich. Gerade eine komödiantische Figur braucht nicht nur Ernsthaftigkeit im Spiel, sondern immer auch eine ernsthafte Seite. Eine gute Komödie lebt schließlich vom Zusammenspiel von Hell und Dunkel. Fehlt eine dieser Ebenen, werden die Figuren schnell eindimensional und flach. Zum Menschsein gehört nun einmal beides.
Ich will nicht eitel sein, aber ist es das, was mich so beliebt macht? Wir beide wissen ja genau, dass immer ich der Sympathieträger bin. Das geht bei der Kinderzauberflöte los und bleibt mir in allen Produktionen erhalten.
Ich glaube, ganz unabhängig von Alter, Persönlichkeit oder Opernerfahrung findet sich irgendwie jede und jeder im Papageno wieder. Vielleicht, weil er dem Publikum am nächsten steht. Wenn er schwindelt, den Mund nicht halten kann, einfach nur ein Glas Wein möchte, vor Angst in Ohnmacht fällt oder sich vor der Schlange fürchtet – all das ist menschlich und unmittelbar nachvollziehbar. Vieles davon haben die meisten von uns selbst schon erlebt. Und was den Sympathieträger Nummer eins betrifft: Das mag schon stimmen. Aber dann tritt die Königin der Nacht auf, singt ihre Arien – und räumt ab. Das hat Mozart schon genau austariert.
Erzeugt dieses Sympathieträger-Sein einen Druck bei dir? Manchmal denke ich mir nämlich: Puh, mich kennt ja wirklich fast jede und jeder und erwartet sich dann auch entsprechend viel. »Der Vogelfänger bin ich ja« ist ein Top-Five-Opernhit.
Anfangs hatte ich einen Riesenrespekt vor dir. Ich spürte schon dieses: »Hm, wie nähere ich mich dir an?« Aber das legt sich mit der Zeit, man bahnt sich einfach einen Weg und findet zur Rolle.
Weil du gerade so ehrlich bist … Ist es nicht so, dass viele den Papageno mögen, weil sie sich ihm insgeheim ein wenig überlegen fühlen? Im Sinne von: Das würde ich in einer entsprechenden Situation besser machen! Mehr »standhaft, duldsam und verschwiegen« sein. In diesen Disziplinen brilliere ich ja nicht unbedingt.
Nein, das denke ich eigentlich gar nicht. Das würde bedeuten, deinen Charakter zu unterschätzen. Du bist doch recht vielschichtig, wie ich im Laufe unseres Zusammenwirkens erfahren habe. Nur auf den ersten Blick wirkst du einfach zu durchschauen. Aber wie wir beide wissen: Was man aus dir herauslesen will, hängt nicht nur von uns beiden, sondern immer auch von der Lesart des Regieteams ab.
Wo aber überschneiden wir uns? Wie viel Papageno steckt in Michael Nagl?
Also, Federn haben wir beide keine. Und was das Vogelfangen betrifft: Darin bin ich vermutlich deutlich weniger talentiert als du. Ich stelle mir vor, dass dafür vor allem gutes Klettern nötig wäre – und das gehört nicht gerade zu meinen großen Stärken. Was ich allerdings durchaus bei mir wiedererkenne, ist deine soziale und offene Art. Man trifft jemanden zum ersten Mal und versucht, offenherzig auf ihn zuzugehen und einfach nett zu sein. Mir gefällt es zum Beispiel, wie du Pamina erstmals begegnest: hilfsbereit, positiv. Ich hoffe jedenfalls, dass andere in ähnlichen Momenten auch ein bisschen Papageno in mir erkennen.
Und das mit den strengen Prüfungen? Da ist Tamino doch erfolgreicher als ich.
Na ja, vielleicht bin ich auch manchmal einer, der gerne einen Umweg nimmt.
Du siehst dich also nicht eher als Tamino?
Ich würde sagen, ich liege schön in der Mitte zwischen euch beiden.
Ich liebe grundsätzlich alle meine Noten und Töne in der Zauberflöte. Und auch die der anderen. Aber ich habe natürlich meine Favoriten-Momente, die sich in den letzten 235 Jahren immer wieder geändert haben. Wie siehst du das? Welcher Moment erzeugt bei dir Gänsehaut?
Seit ich die Zauberflöte kenne, freue ich mich immer – und das hat überhaupt nichts mit Papageno zu tun – am meisten auf das ganz kurze Zwischenspiel im Tamino-Papageno-Drei-Damen-Quintett, unmittelbar nach »Wo man die Burg wohl finden kann?«. Also, bevor das »Drei Knäbchen, jung, schön, hold und weise« gesungen wird. Da packt es mich jedes Mal aufs Neue. Obwohl das eigentlich eine ganz unauffällige, einfache Passage ist.
Wahrscheinlich gerade, weil es so einfach und trotzdem ungemein berührend ist? Eben so »mozartisch«. Hier steht man gebannt vor dem Genie. Ich habe ihn ja persönlich kennengelernt – und dennoch staune ich stets über genau solche Momente.
Diese paar Takte sind eigentlich ganz simpel und zugleich magisch. Ein anderes Beispiel: Gerade singe ich in Amsterdam den Figaro. Und wenn am Ende, nachdem der Graf um Verzeihung gebeten hat, dieses zarte »Ah, tutti contenti saremo così« erklingt – also: »Ah, so werden wir alle glücklich sein« –, dann denke ich jedes Mal: »Mamma mia, was für ein Glück, dass ich das erleben und auf der Bühne gestalten darf!« Es sind so einfache Mittel, die Mozart einsetzt – und doch haben sie eine so faszinierende Wirkung! Mich berührt immer wieder der Gedanke, dass an einem Opernabend Menschen zusammenkommen, die tagsüber völlig unterschiedliche Dinge erlebt haben, und dann durch die Musik miteinander verbunden werden. Mit einer Energie, die man sonst kaum irgendwo findet. Ganz egal, ob man sich mit Oper auskennt oder nicht: Was durch die Musik in solchen Momenten ausgedrückt wird, versteht jede und jeder unmittelbar – ganz ohne Schwelle, ganz natürlich.