Auch Verdi verleiht Flügel
Die Wiener Staatsoper hatte ihre Fühler schon nach ihr ausgestreckt, mehr noch, der erste Vertrag war bereits unterschrieben. Kein Wunder, hatte doch Anastasia Bartoli in den letzten paar Jahren mit ihrer beweglichen, farbenreichen Stimme und ihrer großen Tessitura das internationale Besetzungskarussell ordentlich aufgemischt – das Colbran-Sopran-Fach ebenso wie das italienische lyrisch-dramatische Repertoire.
Nicht umsonst wurde die junge Sängerin unter anderem auch von Altmeistern wie Riccardo Muti oder Zubin Mehta von Anfang an unter die Fittiche genommen. Doch dann ging es hier in Wien noch schneller als geplant: Eine Kollegin erkrankte, und ein kurzes Telefonat später saß Anastasia Bartoli bereits im Flugzeug, um im Haus am Ring in einer ihrer Paraderollen, der Verdi’schen Lady Macbeth, einzuspringen. Fazit: Ein jubelndes Publikum und begeisterte Rezensionen, in denen beispielsweise von »einer mörderisch guten Anastasia Bartoli« oder von »wunderbar pointierten Koloraturen im Brindisi, die blitzten wie ein Dolch im Sonnenlicht oder düsteren Schattierungen der Stimme in der Wahnsinnsszene« die Rede war. Das war im Oktober 2024. Rund zwei Jahre später folgt nun – im September und Oktober – mit derselben Rolle ihre erste reguläre Aufführungsserie an der Wiener Staatsoper.
In Ihrem breit gefächerten Repertoire nehmen Verdi-Rollen eine zentrale Position ein. War es der triumphale Sieg beim renommierten »Voci Verdiane«-Wettbewerb in Busseto, der dazu geführt hat, dass gerade dieser Komponist in Ihrer Gesangskarriere eine so bedeutende Rolle spielt, oder haben Sie sich bewusst für diesen Wettbewerb entschieden, weil Sie oder Ihre Lehrer erkannt hatten, dass Verdi gut zu Ihrer Stimme passt?
Die Entscheidung, bei diesem Wettbewerb anzutreten, war vielleicht so etwas wie eine schicksalhafte Fügung, eine ideale astrale Konjunktion oder sonst etwas dergleichen, jedenfalls keine bewusste Strategie. Es stimmt natürlich, dass dieser 1. Preis rückblickend gesehen zugleich meinen ersten Schritt im Opernsängerinnendasein bedeutet hat. Aber damals, unmittelbar nach dem Sieg, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie es weitergehen sollte. Schon gar nicht wusste ich, in welche Repertoirerichtung ich mich vortasten müsste. Kurz zuvor hatte ich im kleinen Teatro Ristori in Verona als Rosina debütiert, in Lissabon als Santuzza und in Lima als Fiordiligi. Also durchaus sehr verschiedene Richtungen. Aber dann kam es zu einem von Mutis Ehefrau Cristina organisierten Vorsingen – und unmittelbar danach, noch am selben Tag, erfolgte die Anfrage Riccardo Mutis, ob ich mir vorstellen könnte, unter seiner Leitung beim Tokyo Spring Festival die Lady in Macbeth zu machen. Es wird Sie nicht wundern, dass mir kurz der Atem weggeblieben ist: Ich, die junge Sängerin, hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige vollständige Verdi-Partie auf einer Bühne gesungen. Und dann gleich die Lady Macbeth!
Aber wenn jemand wie Riccardo Muti so ein Angebot macht … Was soll ich sagen: Ich erbat mir einen Tag Bedenkzeit, las die Rolle durch, prüfte, inwieweit die wichtigen, herausfordernden Passagen für mich vokal bewältigbar schienen, und war dann mutig genug, zuzusagen. Da das geplante Debüt 2020 aufgrund der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben werden musste, hatte ich – Glück im Unglück – auch noch unerwartet viel Zeit fürs Rollenstudium und konnte überdies feststellen, wie gut mir die Lady in der Stimme lag, wie ähnlich sie technisch gesehen und von der Agilität her den späten, mir vertrauten dramatischen Rossini-Partien ist. Die Macbeth-Aufführungen in Japan zogen jedenfalls recht bald weitere Verdi-Angebote wie Abigaille, die Ernani-Elvira, Lucrezia Contarini in I due Foscari, Desdemona oder Odabella nach sich.
»Verdi gibt uns Sängerinnen und Sängern gewissermaßen die Schlüssel in die Hand, um supermann- bzw. superfrauartig abzuheben und das Publikum mit dieser wunderbaren Musik und all den Emotionen und Situationen, die durch sie ausgedrückt werden, beschenken zu können.«
Gibt es etwas gesangstechnisch Typisches, das allen Verdi-Rollen eignet? Eine Violetta oder eine Lady etwa sind doch zwei völlig verschiedene Welten.
Die Antwort ist: nein.
Die Rollen des Primo Verdi, also der ersten Schaffensperiode Verdis, sind beispielsweise etwas völlig anderes als etwa eine Aida. Aber auch innerhalb einer Schaffensperiode gibt es große Unterschiede. Die bereits genannte Contarini in I due Foscari und die zeitnah entstandene Abigaille sind definitiv zwei Paar Schuhe. Anders gesagt: Jede Verdi-Rolle hat unterschiedliche technische Anforderungen, ist vom Ausdruck, vom Charakter her ein Unikum, benötigt also jeweils eine andere Annäherung und Umsetzung. Und nicht jede Rolle passt gleich gut zu einer bestimmten Stimme. Schon deshalb möchte ich auch nicht als Verdi-, Puccini- oder Rossini-Sängerin schubladisiert werden, obwohl ich tatsächlich zahlreiche Rollen der Genannten singe. Eines kann man hingegen schon sagen: Egal, wie schwer eine Verdi-Partie auch sein mag, sie ist immer so perfekt geschrieben, dass ich stets das Gefühl habe, auf der Bühne den Komponisten hilfreich an meiner Seite zu haben.
Ich spüre, ich kann es nicht anders erklären, eine Art machtvolle Energie, die mich zu tragen scheint. Verdi gibt uns Sängerinnen und Sängern gewissermaßen die Schlüssel in die Hand, um supermann- bzw. superfrauartig abzuheben und das Publikum mit dieser wunderbaren Musik und all den Emotionen und Situationen, die durch sie ausgedrückt werden, beschenken zu können.
Zurück zur Lady Macbeth: Sie erwähnten vorhin nicht von ungefähr, wie überrascht Sie waren, als Muti Ihnen die Rolle angeboten hatte – eine ungemein herausfordernde Partie, die ansonsten meist von älteren Kolleginnen verkörpert wird.
Das ist richtig, aber mittlerweile, einige Jahre nach meinem Lady-Debüt und damit nach ebenso vielen intensiven Jahren in dieser magischen Welt der Oper, verstehe ich, wieso Muti auf die Idee kam, diese Partie einer jungen Sängerin anzuvertrauen: Weil eine junge Stimme, wenn die natürlichen vokalen Voraussetzungen vorhanden sind, in Wahrheit besser geeignet ist als eine ältere.
Schauen wir uns doch die Rolle etwas genauer an: Die Lady Macbeth benötigt ganz grundsätzlich einen dramatischen Sopran, allerdings mit ausreichender Agilität, dann einen farbenreichen lyrischen Sopran, beim Brindisi zusätzlich einen Soprano leggero und bei »La luce langue« einen Mezzosopran, weil die Arie so tief liegt. Das sind vier unterschiedliche Stimmen. Verfügt eine Sängerin über eine gute Technik, das nötige vokale Material und genügend Kraft und vokales Volumen, so wird sie die Lady gut meistern können. Nach 30 Karrierejahren hat sich eine Stimme hingegen zwangsläufig verändert, ist schwerer, weniger flexibel geworden, zeigt mitunter vielleicht sogar einige Abnützungserscheinungen.
Und dann ist es natürlich viel schwieriger, allen unterschiedlichen Herausforderungen der Rolle gleichermaßen zu genügen. Das Dramatische wird vielleicht problemlos gehen, aber jene Passagen, die einen leichten, beweglichen Sopran erfordern, womöglich weniger. Ich habe mit mir selbst eine strenge Abmachung getroffen: Sollte ich die Lady eines Tages, in zehn, fünfzehn Jahren vielleicht, nicht mehr optimal ausfüllen, werde ich sie abgeben.
Neben der Lady gehören auch Rossinis ungemein schwierige Ermione oder die Abigaille zu ihren zentralen Rollen. Ist es möglich, diese Charaktere kurz nacheinander zu singen? Oder unterscheiden sich die Anforderungen an die Gesangstechnik so stark voneinander, dass man dazwischen ausreichend Zeit braucht, um sich jeweils anzupassen?
Ich bin repertoiretechnisch gesehen recht breit aufgestellt, das stimmt. Und da kann es natürlich passieren, dass ich sehr rasch von Puccini auf Rossini oder von Rossini auf den Primo Verdi switchen muss. Keine Idealsituation, aber man lernt, damit umzugehen und sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten – wie eine Athletin im Spitzensport. Und dann ist so ein schneller Repertoirewechsel nicht mehr so problematisch. Ich muss lediglich zu meinem Körper, zu den einzelnen Muskeln des Stimmapparats sagen: »Achtung, jetzt kommen wir zu diesen oder jenen technischen Erfordernissen, macht euch bereit …«
Aber benötigt man vor einer Vorstellung je nach Rollenbeschaffenheit auch eine entsprechend angepasste Art des Einsingens?
Nein, nein … Ich habe mit der Zeit herausgefunden, dass für mich in jedem Repertoire das Trainieren der Stimmgeläufigkeit, der Agilität, das beste Aufwärmen darstellt.
Sie singen auch Rollen, die auf internationalen Bühnen allgemein als Rarität gelten – wie zum Beispiel die schon genannte Lucrezia Contarini. Lernen Sie solche Opern auf Anfrage? Oder haben Sie diese Partien bereits im Vorfeld einstudiert?
Tatsächlich habe ich immer wieder auch Rollen gelernt, von denen ich nicht zwingend annahm, dass sie eines Tages Realität werden könnten. Manchmal scheint es mir aber, ich müsste irgendeine selten aufgeführte Oper bloß einstudieren, um eine spätere Anfrage für eine Aufführung auszulösen. (lacht) Und die Lucrezia Contarini war gewissermaßen so ein Fall. Das ist übrigens eine ebenso fantastische wie schwierige Partie. Vielleicht die unangenehmste von Verdi überhaupt! Nicht zuletzt, weil man als dramatischer Sopran zusätzlich die Tessitura eines leichten Soprans bewältigen muss – sehr herausfordernd, aber ich liebe das.
Abschließend noch eine grundsätzliche Frage: Warum wird man Sängerin, trotz all der erwartbaren Strapazen, die dieser Beruf mit sich bringt? Entspricht der Sängerinnenalltag überhaupt den Erwartungen, die Sie während Ihres Studiums von ihm hatten?
Das ist schnell erzählt. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich die Tochter von Cecilia Gasdia bin, den Beruf einer Sängerin also aus nächster Nähe miterleben konnte. Gerade deshalb wollte ich zunächst einen eigenen Weg gehen und bin Kunstfallschirmspringerin geworden. Aber mit 23 Jahren verspürte ich eine Art mystischen Ruf und wagte mich an ein Gesangsstudium. Während also einige gleichaltrige Kolleginnen schon mit ihrer Karriere begannen, war ich mit Stimmübungen beschäftigt. Das war nicht gerade fein, aber ich habe mich durchgebissen. Der Rest ist Geschichte.
Was ich allerdings nicht erwartet hatte, war einerseits die Einsamkeit, die mit diesem Beruf einhergeht, und andererseits die Tatsache, dass man in 99 Prozent der Aufführungen keine idealen Voraussetzungen vorfindet: Einmal ist die Akustik des Hauses nicht gut, dann gab es zu wenige Proben, oder es ist zu heiß, die Luft zu trocken, man ist gesundheitlich angeschlagen – die diesbezüglichen Erschwernisse sind kaum zu zählen. Nichtsdestotrotz würde ich mich wieder für genau dieses Dasein entscheiden. Wenn man für die Bühne geboren ist, kommt man ihrem Ruf einfach nicht aus – und wird, das muss ich betonen, für all die Unannehmlichkeiten durch die vielen wunderschönen Augenblicke, die ebenfalls kaum zu zählen sind, mehr als entschädigt.