Zwischen Prunk & wahrer Liebe
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Mit der Wiederaufnahme von Manon kehrt eines der bedeutendsten Handlungsballette des 20. Jahrhunderts des britischen Choreografen Sir Kenneth MacMillan (1929–1992) zur Musik von Jules Massenet zurück auf die Bühne der Wiener Staatsoper, wo das Werk 1993 seine Premiere feierte.
MacMillan war zunächst Tänzer beim Sadler’s Wells Theatre Ballet, bevor er bald für eben diese Compagnie zu choreografieren begann – beeinflusst und animiert von seinem engen Freund, dem südafrikanisch-britischen Choreografen John Cranko, einem Meister des erzählenden Balletts, in den 1950er Jahren Resident Choreographer dieses Ensembles und ab 1961 erfolgreicher Ballettdirektor des Stuttgarter Balletts. Ab 1960 folgten Werke für das Royal Ballet London, dessen führender Choreograf MacMillan 1965 wurde und – mit einer Unterbrechung als Ballettdirektor der Deutschen Oper Berlin (1966–1969) – schließlich Nachfolger von Frederick Ashton als Direktor der namhaften britischen Compagnie, der er bis zu seinem Tod verbunden blieb.
Seine ersten Werke waren einaktig, rein auf den Tanz bezogen, jedoch niemals gänzlich handlungslos, und spannten sich dabei von humorvollen, fast revueartigen Stücken wie Danses Concertantes über Erforschungen der menschlichen Seele, etwa in Different Drummer zum Woyzeck-Thema Büchners, bis zu Betrachtungen über Leben und Tod wie in Das Lied von der Erde zur Musik von Gustav Mahler.
Bekannt geworden ist MacMillan aber vor allem mit seinen dramatischen, abendfüllenden Handlungsballetten, die oft auf wahren Geschichten beruhten – begonnen mit Romeo und Julia (1965) und Anastasia (1971) über Manon (1974) bis zu Mayerling (1978) zur Musik von Franz Liszt. Das Werk zählt seit 2008 zum Repertoire des Wiener Staatsballetts, ist es doch eng mit Österreichs Geschichte um den tragischen Tod des Kronprinzen Rudolf und seiner Geliebten Mary Vetsera verbunden. Sein Musikgeschmack war ebenso vielseitig und reichte von Schönberg und Strawinski über Webern und Schostakowitsch bis zu Fauré.
Für Manon wählte MacMillan Musik des Franzosen Jules Massenet – jedoch nicht aus dessen bekannter gleichnamiger Oper aus dem Jahr 1884, sondern aus verschiedenen seiner Kompositionen, darunter aus Cendrillon, Don Quichotte, Cléopâtre und Grisélidis. Zusammengestellt wurde die Musik von Leighton Lucas, einem ehemaligen Tänzer der Ballets Russes, der Ballettdirigent und Filmkomponist geworden war, und unter der Mitarbeit von Hilda Gaunt, damals Pianistin des Royal Ballet.
Ausgangsbasis für das Libretto bildete die 1731 erschienene Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut von Antoine François Prévost d’Exiles, nach seiner Berufsbezeichnung schlicht Abbé Prévost genannt – ein weitgehend autobiografisches Werk und der siebte Band seiner Mémoires, in dem er vermutlich eigene Erlebnisse verarbeitete, etwa seine Beziehung zu der »Edelkurtisane« Lenki Eckhardt.
Er beschreibt Manon folgendermaßen:
»Manon war ein Wesen von höchst eigenartigem Charakter. Hatte sie Geld, so machte sich kein Mädchen so wenig daraus wie sie; aber wenn sie besorgen musste, Mangel daran zu leiden, hatte sie keinen ruhigen Augenblick. Vergnügungen und Zeitvertreib waren ihre einzigen Bedürfnisse. (…)«
MacMillan hielt sich in seiner Fassung nahe an das Original und erzählt ergreifend die Geschichte der jungen, laut Prévost »betörend schönen« Manon, die ins Kloster geschickt werden soll und auf dem Weg dorthin dem Studenten Des Grieux begegnet. Die beiden verlieben sich auf den ersten Blick ineinander und wollen nach Paris fliehen. Manons Bruder Lescaut hat jedoch andere Pläne und möchte sie an einen reichen Lebemann verkaufen. Auch der wohlhabende Monsieur G. M. bekundet sein Interesse und schenkt ihr einen prunkvollen Mantel sowie ein wertvolles Armband. Manon, hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Des Grieux und den Verlockungen des Reichtums, lässt sich von Letzterem blenden. Als sie Des Grieux jedoch auf einem Fest wiederbegegnet, entflammt ihre Zuneigung zu ihm erneut. Sie stiftet ihn zum Falschspiel an und flieht mit ihm. Monsieur G. M. lässt sie jedoch als Prostituierte festnehmen, Lescaut wird von ihm erschossen. Nach Amerika deportiert, stirbt Manon letztlich geschwächt in den Armen Des Grieux in den Sümpfen von Louisiana.
Die Uraufführung von Manon fand mit dem Royal Ballet London statt – einer Compagnie, deren Ballettdirektor MacMillan zu dieser Zeit war und für die er nach Romeo und Julia und Anastasia ein weiteres großes Werk schaffen wollte, in dem das Ensemble glänzen konnte. Die meisten Rollen kreierte er für bestimmte Tänzer*innen, die ihn inspirierten. So war es bei Manon Antoinette Sibley in der Titelrolle, Anthony Dowell als Des Grieux und David Wall als Lescaut.
MacMillan zeigt mit Manon eine wahre Charakter- und Milieustudie zwischen Arm und Reich, Liebe und Prunk, die prekäre Trennung zwischen Pracht und Verfall im vorrevolutionären Frankreich, und lässt das Ballett ein wenig später spielen als Prévosts Roman. Figuren der Demi-monde stehen neben Bettlern, Dieben und Prostituierten. Optisch unterstützt wurde das Bühnengeschehen durch die detailgetreue Ausstattung von Nicholas Georgiadis, die bei der Wiener Erstaufführung durch jene von Peter Farmer ersetzt wurde.
MacMillan wurde mit den Worten zitiert, dass er seinen Hinweis auf Manons Verhalten in ihrem armen Hintergrund gefunden habe: »Manon hat weniger Angst davor, arm zu sein, sondern schämt sich dafür, arm zu sein. Armut in dieser Zeit war das Äquivalent eines langen, langsamen Todes.«
MacMillan forderte daher auch von den Tänzer*innen nicht nur hohe technische Fertigkeiten – vor allem in den vier zentralen, anspruchsvollen, nahezu akrobatischen und zutiefst leidenschaftlichen Pas de deux –, sondern auch große darstellerische Kunst.
Für unzählige Tänzer*innen zählen seither die Hauptpartien zu den begehrenswertesten des Ballettrepertoires. Sowohl der einstige Ballettdirektor des Wiener Staatsballetts Manuel Legris als Interpret der Rolle des Des Grieux in der 1999 erfolgten Wiederaufnahme des Werks an der Wiener Staatsoper als auch die aktuelle künstlerische Leiterin Alessandra Ferri als Manon brillierten in diesem Ballett, wenngleich Letztere nicht im Haus am Ring, sondern bei ihrem Debüt mit dem Royal Ballet.
Für die Interpretinnen der Titelrolle stellt sich die Frage, welchen Charakter Manon eigentlich darstellt. Ist sie das naive, junge, unschuldige Mädchen, die verführerische Frau oder gar eine Prostituierte? Ist sie von ihren Emotionen getrieben, handelt sie instinktiv oder berechnend? Ist sie Opfer der Intrigen, Machtkämpfe und Besitzansprüche von Lescaut, Monsieur G. M. und dem Aufseher? Oder hat sie ihr Schicksal selbst verschuldet? Die Interpretation dieser Partie ist vielschichtig und daher immer wieder spannend und herausfordernd für neue Generationen.
Nahezu alle Tänzer*innen des Wiener Staatsballetts geben am 16. Mai in Manon ihre Rollendebüts. Die Einstudierung obliegt der ehemaligen Principal Dancer des Royal Ballet Laura Morera sowie dem Benesh-Choreologen Gregory Mislin, der bereits Christopher Wheeldons The Winter’s Tale betreute. Es sind zahlreiche unterschiedliche solistische Besetzungen zu erleben, die unter anderem von Ballettdirektorin Alessandra Ferri gecoacht werden. Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen von Ermanno Florio, der auch die letzte Serie dieses Balletts 2013 im Haus am Ring dirigierte.
»Meine erste Manon tanzte ich im Alter von 19 Jahren mit dem Royal Ballet, und dieses Ballett hat mich in der Folge durch meine gesamte Karriere begleitet. Zusammen mit Julia und Giselle gehört sie zu den Rollen, die mich als Künstlerin am tiefgreifendsten geprägt haben. Sie wurde schnell zu einer Art Paraderolle für mich, beginnend mit meinen allerersten Proben mit Sir Kenneth MacMillan. Manon ist ein Ballett, das ich zutiefst liebe, eines, das für mich eine große Bedeutung hat und von dem ich finde, dass es unbedingt an jüngere Generationen weitergegeben werden sollte. Es ist einer der großen Klassiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zugleich eine Geschichte, die uns dazu einlädt, über die Stellung der Frau im 18. Jahrhundert nachzudenken – und in gewisser Weise auch noch heute.«