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Wenn zwei sich freuen, starb der Dritte

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Anmerkungen zur ersten Neuproduktion der neuen Spielzeit

Wer ver­mag schon die Tie­fe der mensch­li­chen See­le und Psy­che zu er­grün­den? Selbst zwei Lie­ben­de, die ein­an­der in größ­ter Of­fen­heit be­geg­nen und da­her zu ken­nen mei­nen, wer­den je­den Tag, ja, oft je­de Stun­de, mit neu­en Ein­bli­cken in die in­ne­re Welt des Part­ners kon­fron­tiert: Hin­ter der schein­ba­ren Fas­sa­de des Ge­wohn­ten ent­deckt man Un­er­war­te­tes, An­zie­hen­des, Er­staun­li­ches, ge­le­gent­lich aber auch Schreck­li­ches, Ab­sto­ßen­des. Und ge­nau da­rum geht es in den zwei je­weils ein­stün­di­gen Opern, die am 3. Ok­to­ber in der ers­ten Staats­opern-Neu­pro­duk­ti­on der ak­tu­el­len Spiel­zeit zur Pre­mi­e­re ge­lan­gen. In bei­den (seit Jahr­zehn­ten an die­sem Haus nicht mehr auf­ge­führ­ten) kam­mer­spiel­ar­ti­gen Wer­ken, so­wohl in Alexander Zemlinskys Eine florentinische Tragödie als auch in Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg, steht ein Paar im Mit­tel­punkt, das, be­wusst oder un­be­wusst, in die Tie­fen und letz­ten dunk­len Ver­win­ke­lun­gen der ge­mein­sa­men Be­zie­hung hi­nab­steigt. 

Im Zemlinsky-Stück mün­det dies in der bru­ta­len Er­mor­dung von Biancas Ge­lieb­tem durch ih­ren ei­fer­süch­tig ge­wor­de­nen Ehe­mann Simone und dies wie­de­rum in ei­nem ab­schlie­ßen­den Di­a­log der bei­den Ehe­leu­te, der ganz über­ra­schend ei­nen über­schwäng­li­chen, neu­en Lie­bes­be­ginn sig­na­li­siert – Bianca: »Wa­rum hast du mir nicht ge­sagt, dass du so stark?« Simone: »Wa­rum hast du mir nicht ge­sagt, dass du so schön!« Bei Bartók hin­ge­gen sym­bo­li­siert das Öff­nen der sie­ben ver­schlos­se­nen Tü­ren ei­ner dunk­len, un­ein­nehm­bar schei­nen­den Burg das Er­kun­den der ge­hei­men see­li­schen Ab­grün­de

»Die sieben verschlossenen Türen meinen das Aufdecken gemeinsam erlebter Traumata, das Sichtbarmachen aller verdrängten, gegenseitig geschlagenen Wunden«

Zwei Stücke, eine Handlung

Vasily Barkhatov – er ge­hört zu den an­ge­sag­tes­ten Re­gis­seu­ren der Ge­gen­wart und in­sze­niert an Büh­nen wie der Mailänder Scala, der Bayerischen Staatsoper, bei den Bayreuther Festspielen, in Lyon oder am Theater an der Wien – hat­te schon seit sei­nen Stu­den­ten­ta­gen in­ten­siv über ei­ne Re­a­li­sa­ti­on von Herzog Blaubart nach­ge­dacht. Im Zu­ge ei­ner Re­cher­che über Oscar Wilde stieß er et­was spä­ter auf des­sen Florentinische Tragödie und in wei­te­rer Fol­ge auf die Ver­to­nung des Dra­men­frag­ments durch Alexander Zemlinsky. Spä­tes­tens seit da­mals war aus dem Bartók-Lieb­ha­ber ein eben­sol­cher Zemlinsky-Fan ge­wor­den, und spä­tes­tens seit da­mals hat­te die Idee, die bei­den Stü­cke an­hand ei­ner durch­ge­hen­den Hand­lung zu ei­nem ge­mein­sa­men Abend zu ver­ei­nen, in ihm Wur­zeln ge­schla­gen. Jah­re des Nach­den­kens spä­ter wird nun die­se Idee auf der Staats­opern­büh­ne end­lich Re­a­li­tät.

Vasily Barkhatov (die Be­to­nung liegt auf dem ers­ten a sei­nes Fa­mi­li­en­na­mens) be­greift den Abend als die Ge­schich­te ei­nes ein­zi­gen Paa­res, des­sen hoch­emo­ti­o­na­le Be­zie­hungs­ent­wick­lung und Be­zie­hungs­ar­beit wir, das Pu­bli­kum, mit­ver­fol­gen dür­fen: Im Teil vor der Pau­se, in der Florentinischen Tragödie, lernt man Bianca und Simone ken­nen. Ganz kurz, im Zeit­raf­fer, wird im Or­ches­ter­vor­spiel der Be­ginn der Ehe ge­schil­dert, das Glück, das die bei­den an­ein­an­der und am ge­mein­sam ge­grün­de­ten, nob­len In­nen­aus­stat­tungs­ge­schäft hat­ten. Doch All­tag und Rou­ti­ne lie­ßen die an­fäng­li­che Lei­den­schaft und Freu­de bald er­kal­ten, und so be­fin­det sich das Paar mitt­ler­wei­le am Tot­punkt sei­nes ge­mein­sa­men Le­bens. Um der Be­zie­hung doch noch ei­ne Chan­ce zu ge­ben, en­ga­giert Bianca ei­nen Psy­cho­the­ra­peu­ten. Und die­ser schlägt ein Rol­len­spiel vor – in den Räum­lich­kei­ten des Ge­schäf­tes. »Der Te­nor ist bei uns so­mit kein ge­hei­mer Lieb­ha­ber Biancas, son­dern ei­ner, der kommt, um dem Zu­sam­men­le­ben der bei­den wie­der auf die Sprün­ge zu hel­fen«, so der Re­gis­seur. Wie so oft in ver­gleich­ba­ren Si­tu­a­ti­o­nen fin­det der Ehe­mann, Simone, die­ses Rol­len­spiel ein­fach nur lä­cher­lich und sinn­los und macht nur nolens volens mit. 

Al­ler­dings wird er, oh­ne es gleich zu mer­ken, im­mer tie­fer ins Ge­sche­hen hi­nein­ge­zo­gen. Nicht zu­letzt, weil der The­ra­peut in die­sem Spiel den Na­men Guido Bardi an­nimmt, ei­nes tat­säch­li­chen frü­he­ren Ge­lieb­ten Biancas, und auf die­se Wei­se Simones Ei­fer­sucht der­ma­ßen auf­sta­chelt, dass al­les au­ßer Kon­trol­le ge­rät. Schließ­lich ras­tet Simone aus und tö­tet den The­ra­peu­ten. Aber ge­ra­de die­ser Rück­fall ins Ani­ma­li­sche, die­ses dem Wü­ten ei­nes stein­zeit­li­chen Krie­gers ver­gleich­ba­re Mor­den, ent­zün­det in Bianca die frü­he­re Lei­den­schaft, und auch Simone sieht Bianca wie­der mit neu­en, be­wun­dern­den Au­gen. Der The­ra­peut war al­so er­folg­reich, be­zahlt aber den Er­folg mit sei­nem Le­ben. Für die Pau­se zwi­schen den Stü­cken und hin­ter dem ge­schlos­se­nen Vor­hang be­haup­tet die Pro­duk­ti­on, als Krö­nung des Wie­der­zu­ein­an­der­fin­dens der bei­den, ei­nen ka­thar­ti­schen Se­xu­al­akt Biancas und Simones.

Nach Mord & Sex geht es weiter

Mit dem Auf­tau­chen aus dem eben er­leb­ten Sin­nes­rausch be­ginnt nach der Pau­se das Bartók’sche Stück. An­ge­sichts die­ser Ex­trem­si­tu­a­ti­on, an­ge­sichts des Vor­ge­fal­le­nen ist das Ehe­paar nun be­reit, end­gül­tig al­le Kar­ten auf den Tisch zu le­gen. Und so zwin­gen sie sich, zu zweit al­le frü­he­ren Etap­pen ih­rer Be­zie­hung ein für al­le Mal auf­zu­ar­bei­ten. »Die sie­ben ver­schlos­se­nen Tü­ren zie­len bei uns nicht nur auf das In­nen­le­ben Blaubarts al­lein. 

Im Ge­gen­teil: Sie mei­nen das Auf­de­cken ge­mein­sam er­leb­ter Trau­ma­ta, das Sicht­bar­ma­chen al­ler ver­dräng­ten, ge­gen­sei­tig ge­schla­ge­nen Wun­den«, er­läu­tert Barkhatov sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on. De­fi­niert der Re­gis­seur das ers­te Stück als durch­aus re­a­lis­ti­sches Ge­sche­hen, so tritt die Be­zie­hung der bei­den im zwei­ten Teil der Pro­duk­ti­on in ei­ne se­mi­re­a­le, me­ta­phy­si­sche Sphä­re des Un­be­wuss­ten ein. »Der not­wen­di­ge Pro­zess des sym­bol­haf­ten Öff­nens der Tü­ren be­kommt da­durch alp­traum­haf­te Zü­ge. Aber ge­ra­de das für bei­de schmerz­haf­te Durch­schrei­ten die­ser ge­mein­sa­men Ver­gan­gen­heit heilt das Ge­we­se­ne in dem Mo­ment, in dem sie sich ihr stel­len.«

Am En­de des Stücks wird sich das Paar auf ei­nem neu­en Be­zie­hungs­ni­veau wie­der­fin­den, und zwar auf ei­nem dau­er­haft trag­fä­hi­gen. Der letz­te Satz Blaubarts »Und von nun an wird es für im­mer Nacht sein …« ist so­mit nicht im üb­li­chen hoff­nungs­los-de­sil­lu­si­o­nier­ten Sinn zu ver­ste­hen, son­dern als po­si­ti­ve De­fi­ni­ti­on des neu­en Sta­tus quo. 

»Wahr­schein­lich ist es das ers­te Mal in der Re­zep­ti­ons­ge­schich­te von Herzog Blaubart, dass die Oper mit ei­nem glück­li­chen En­de schließt«, denkt Barkhatov laut nach. »Aber auch von der Mu­sik her spricht nichts ge­gen die­se Deu­tung, denn das Or­ches­ter­nach­spiel ver­kün­det uns nichts Tra­gi­sches, viel­mehr et­was zu­tiefst Tröst­li­ches. Wir se­hen al­so ein zu­frie­de­nes Paar, das nach ei­nem lan­gen Tag ge­mein­sam zu Bett geht. 

Und auch das ist ein Fa­zit die­ses Abends: Dass je­ne ir­ren, die mei­nen, man kön­ne das Glück nicht auf das Un­glück an­de­rer auf­bau­en. Un­ser Pro­ta­go­nis­ten­paar baut sein Glück so­gar auf den Tod ei­nes Drit­ten auf. Und die­ser Drit­te wird ein­fach un­ters Bett ge­scho­ben …«

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