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Weltrettung am Mount Everest

Interview |

Im Gespräch mit KS Camilla Nylund

Man­che er­kennt man so­fort. Nicht nur an der Stim­me, son­dern auch an Hal­tung, Ges­te, Aura und Aus­druck. So et­wa die Kam­mer­sän­ge­rin Camilla Nylund. Mit ih­rer Büh­nen­prä­senz er­füllt sie die gro­ßen Büh­nen der Welt, ih­re Stim­me be­sticht mit er­le­se­ner Schön­heit und Far­be und bie­tet die nö­ti­ge Durch­schlags­kraft. Und ih­re Fi­gu­ren sind Men­schen aus Fleisch und Blut, de­ren Schick­sa­le uns be­we­gen. Wer sie er­lebt, ver­gisst sie nie: die über­le­ge­ne Ru­he, die Bann­kraft höchs­ter Qua­li­tät, die Si­cher­heit in dem, was sie tut. Rund 150 Mal war sie seit 2005 an der Wiener Staatsoper zu er­le­ben, be­son­ders auch in Strauss- und Wagner-Rol­len. Nun geht es wie­der um ei­nen Gip­fel­sturm: um die Brünnhilden im Ring des Nibelungen, die sie im ver­gan­ge­nen Mai und nun im Ju­ni singt.

Ri­chard Wagners Ring des Nibelungen füllt nicht oh­ne Grund gan­ze Bi­blio­the­ken. Ganz ab­ge­se­hen vom Mu­si­ka­li­schen, al­so auf rein in­halt­li­cher Ebe­ne, ist er wie ein Re­pe­ti­to­ri­um ge­wag­ter An­sät­ze und Ent­wür­fe, öko­lo­gisch bis an­ti­ka­pi­ta­lis­tisch. Wel­cher As­pekt ist da­bei für Sie zen­tral?

Na­tür­lich, der Ring kann Aus­druck von so vie­lem sein. Ei­ner Ge­sell­schafts­idee, ei­ner Welt­sicht, man kann ihn po­li­tisch le­sen, als Fa­mi­li­en­ge­schich­te, phi­lo­so­phisch. Es gibt ein­fach so vie­le As­pek­te, die da hin­ein­spie­len, und so vie­le In­ter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Man kann ihn aber auch auf der Ebe­ne der Fi­gu­ren be­trach­ten. Mich per­sön­lich in­te­res­sie­ren am meis­ten die Cha­rak­te­re, ihr Ver­hält­nis zu­ein­an­der, ih­re Psy­cho­lo­gie, ih­re Be­zie­hun­gen. Da­zu muss ich sa­gen, dass ich mich mit dem Ring des Nibelungen seit dem Be­ginn mei­ner Kar­rie­re, al­so seit rund 30 Jah­ren, be­schäf­ti­ge.

Sie san­gen in frü­hen Jah­ren ei­ne der Walküren?

Ich war ei­ne Walküre – Gerhilde – und ei­ne Rheintochter – Woglinde –, Letz­te­re so­wohl im Rheingold als auch in der Götterdämmerung. Spä­ter war ich Freia, ich war auch Gutrune, und ich ha­be ei­ne der Nornen ge­sun­gen. Ja, und 2013 gab ich mein Wiener Staatsoperndebüt als Sieglinde in der Walküre. Drei­zehn Jah­re spä­ter darf ich nun an die­sem Haus in der­sel­ben Pro­duk­ti­on die Brünnhilde ge­ben. Ei­gent­lich: die Brünnhilden, al­so die Fi­gur in der Walküre, in Siegfried und in der Götterdämmerung. Ich ken­ne vie­le mei­ner fan­tas­ti­schen Vor­gän­ge­rin­nen in die­ser Par­tie – und freue mich bei al­ler Ehr­furcht sehr, dass auch ich nun die­se Fi­gur ver­kör­pern darf.

Den Ring-Kos­mos kann man kaum aus­schöp­fen, durch die ste­ti­ge Be­schäf­ti­gung ent­deckt man im gro­ßen Tetralogie-Bau stets neue Win­kel, Ecken, Zu­sam­men­hän­ge. Ist es bei Ih­nen auch so, dass Sie mit je­der Be­schäf­ti­gung ra­di­kal tie­fer in das Werk ein­tau­chen? Im­mer mehr ver­ste­hen, aber auch im­mer mehr Fra­gen ha­ben?

Na­tür­lich ist der Ring auf­grund sei­nes sehr gut ge­wo­be­nen Stof­fes, die­ses im Kern my­thi­schen Ma­te­ri­als, die­ser al­ten Sa­ga, ein Werk, das enorm viel ein­schließt, Deu­tungs­mo­del­le an­bie­tet und Spie­ge­lun­gen zeigt. Es ist in ihm viel zu ent­de­cken, und wenn man will, kann man zum Bei­spiel in den Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen auch sehr aus dem Le­ben ge­grif­fe­ne Si­tua­tio­nen er­ken­nen. Wie in vie­len an­de­ren gro­ßen Opern auch – das macht ja ein Meis­ter­werk aus. Und wie bei al­len die­sen be­deu­ten­den Stü­cken führt je­de neue Aus­ein­an­der­set­zung zu ei­nem noch tie­fe­ren Ver­ständ­nis; man er­kennt As­pek­te, die man beim letz­ten Mal noch nicht so klar ge­se­hen hat, und na­tür­lich stel­len sich im­mer auch neue Fra­gen. Völ­lig aus­zu­schöp­fen ist ein Kunst­werk wie der Ring nie. 

Da­zu kommt, dass je­de Pro­duk­ti­on an­ders an­ge­legt ist: in der Blick­rich­tung der In­sze­nie­rung, in ih­rer Äs­the­tik, in der Kon­stel­la­ti­on der Mit­wir­ken­den. So wer­den stets un­ter­schied­li­che Mo­men­te be­tont, was wie­der­um neue Per­spek­ti­ven öff­net. Das ist nun mein drit­ter Ring. Die Wiener Pro­duk­ti­on ha­be ich zwar nicht bei der Ent­ste­hung be­glei­tet, aber ich hat­te das Glück, die Brünnhilden in be­reits zwei Neu­pro­duk­tio­nen zu sin­gen. Mit an­de­ren Wor­ten: Ich konn­te mir die­se Fi­gur ge­nau er­ar­bei­ten und bin eben da­bei, in die Ring-Welt noch tie­fer ein­zu­tau­chen.

In wel­chen Bah­nen ver­lief die­ses Ler­nen? Zu­erst die über­lie­fer­te Sa­ge? Oder zu­erst der Text?

An­fangs ist man na­tür­lich da­mit be­schäf­tigt, den Text nicht nur zu ler­nen, son­dern ihn über­haupt zu ver­ste­hen. Es ist ja nicht nur ein his­to­ri­sches Deutsch, son­dern ein Richard-Wagner-Deutsch, sei­ne ei­ge­ne Dich­tung. Da­zu kommt die Mu­sik, die es ei­nem auch nicht leicht macht. Aber um­so si­che­rer und tie­fer man in die­sen Wel­ten un­ter­wegs ist, des­to ge­las­se­ner wird man. Und durch die er­wor­be­ne Ge­las­sen­heit und Er­fah­rung öff­net sich der Blick für Neu­es. Wie ge­sagt: Ein lan­ger Pro­zess, der nie en­det.

Sie san­gen hier an der Staatsoper eben noch die Marschallin im Rosenkavalier, nun die Brünnhilde. Wel­che der Fi­gu­ren lehrt Sie mehr?

Das ist schwie­rig zu be­ant­wor­ten, aus zwei Grün­den. Ers­tens, weil ich die Marschallin seit An­fang der 2000er-Jah­re sin­ge. Sie ist mir al­so wirk­lich in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen, ich ge­he ge­las­sen auf die Büh­ne, ken­ne je­de Ges­te, je­den Blick, je­den Schritt, je­de Nu­an­ce. Und das ge­nie­ße ich ent­spre­chend! Es ist ein­fach herr­lich, ei­ne sol­che Rol­le zu spie­len – und ihr auch noch so ver­traut zu sein. Zwei­tens sind die bei­den ein­fach so un­ter­schied­li­che Fi­gu­ren. Die Marschallin ist enorm viel­schich­tig, die Brünnhilde zwar eben­so kom­plex, aber auf ei­ne ganz an­de­re Art und Wei­se. Es sind ein­fach nicht zu ver­glei­chen­de Fi­gu­ren. Bei der Brünnhilde kommt da­zu, dass sie in drei Tei­len des Rings vor­kommt und sich stark wan­delt.

Be­deu­tet die­se Drei­zahl auch ei­ne je­weils an­de­re Stimm­ge­bung?

Ja, man braucht je­des Mal ein biss­chen ei­ne an­de­re Stim­me. Man­che mei­ner Kol­le­gin­nen mei­nen da­zu: Die Walküren-Brünnhilde liegt zu tief, die Siegfried-Brünnhilde zu hoch und ist zu kurz, die Götterdämmerung-Brünnhilde wie­der­um ist zu lang.

Was aber al­le drei Wer­ke ver­bin­det, ist ih­re enor­me Fas­zi­na­ti­ons­kraft.

Al­so die Walküre ist ein­fach ein fan­tas­ti­sches Stück. Ich ha­be es stets ge­nos­sen, die Sieglinde zu sin­gen, und ich ge­nie­ße es nun sehr, Brünnhilde zu sein. Es fängt mit die­sen sehr be­rühm­ten Hojotoho-Ru­fen an, aber die Par­tie er­schöpft sich na­tür­lich nicht im Im­po­san­ten und Wil­den, son­dern sie birgt auch un­glaub­lich Be­we­gen­des in sich. Brünnhildes gro­ße Sze­nen mit Wotan, ih­rem Va­ter, sind wahn­sin­nig be­rüh­rend, viel­leicht ge­ra­de auch, weil vie­le von uns an ih­re ei­ge­nen Fa­mi­li­en­kon­stel­la­tio­nen den­ken. Ob­wohl wir uns in ei­ner Göt­ter­welt be­fin­den, sind es doch sehr mensch­li­che Din­ge, die hier ver­han­delt wer­den. Denn Wagners Göt­ter ha­ben oft­mals die­sel­ben Fra­gen, die­sel­ben Pro­ble­me wie wir Men­schen – und das kann glei­cher­ma­ßen span­nend wie be­we­gend sein. Die gro­ße Auf­wach-Sze­ne im Siegfried ist na­tür­lich fan­tas­tisch, die­se Lie­be, die sich zwi­schen den bei­den er­eig­net. Aber am liebs­ten ist mir den­noch die Götterdämmerung-Brünnhilde, die sin­ge und spie­le ich ein­fach sehr ger­ne!

Be­trach­ten Sie die drei Aben­de als Ein­heit? Al­so ei­ne sehr lan­ge, wenn auch stimm­lich et­was un­ter­schied­lich an­ge­leg­te Rol­le, auf­ge­teilt auf drei Aben­de? Oder fi­le­tie­ren Sie sich die Sa­che, und es sind ein­fach drei Rol­len?

Ich se­he die drei Brünnhilden durch­aus als Ein­heit. Es ist ja ei­ne Per­son, aber ei­ne, die ei­ne ge­wal­ti­ge Ent­wick­lung durch­macht. Wir er­le­ben sie in der Walküre, wie sie ei­nen ver­meint­li­chen Feh­ler macht – das sieht sie al­ler­dings nicht so! – und da­für be­straft wird. Aus der Si­tua­ti­on, dem Zu­sam­men­tref­fen mit Siegmund, lernt sie, was Lie­be ist, was wah­re Ge­füh­le sind, was es be­deu­tet, mit je­man­dem Mit­leid zu ha­ben. Und sie lernt, was Lie­be mit ei­nem macht. Sie ret­tet die schwan­ge­re Sieglinde, gibt de­ren un­ge­bo­re­nem Kind den Na­men Siegfried – und trifft die­sen dann spä­ter, in der Oper Siegfried, wie­der: Er ist es, der sie aus dem Schlaf er­weckt und den sie liebt. Ei­ne vor­be­stimm­te Lie­be? Un­fass­bar aber, wie sie spä­ter in der Götterdämmerung be­tro­gen wird … Vie­les in die­ser Par­tie ist sehr schwie­rig zu sin­gen, sehr dra­ma­tisch – und ich bin ja an sich kei­ne »Hoch­dra­ma­ti­sche«, son­dern ha­be mich peu à peu der Fi­gur an­ge­nähert, blei­be aber den­noch im­mer bei mei­ner Stim­me. Man muss aber auch sa­gen: Ge­ra­de in der Götterdämmerung hat Wagner die Par­tie sehr klug ein­ge­teilt. Man hat als Brünnhilde im Lau­fe des Abends im­mer wie­der Pau­sen. Das hilft sehr!

Und wel­che der Brünnhilden ist Ih­nen als Cha­rak­ter lie­ber? Die jun­ge, zu Be­ginn? Die Wei­se, am En­de?

Mir steht die Wis­sen­de am En­de am nächs­ten. Jun­ge Mäd­chen ha­be ich schließ­lich mein gan­zes Le­ben lang ge­spielt. Krie­ge­rin war ich da­vor nie … Span­nend fin­de ich auch den Cha­rak­ter der ver­letz­li­chen Brünnhilde in Siegfried, die die­ses groß­ar­ti­ge Du­ett singt, das in ei­nem Rausch en­det.

Im Siegfried hat man als Brünnhilde ein biss­chen den stra­te­gi­schen Vor­teil, dass Siegfried schon den gan­zen Abend singt, man selbst erst im letz­ten Auf­zug ein­steigt.

Ja, als Brünnhilde ist man da frisch!

Und den­noch ei­ne her­aus­for­dern­de Par­tie.

Zwei­fel­los, ich wür­de sa­gen, dass die Siegfried-Brünnhilde ei­ne gro­ße Grat­wan­de­rung zwi­schen Fra­gi­li­tät und Po­wer ist.

Brünnhildes Hojotoho-Ru­fe in der Walküre sind vie­len be­kannt, und sie sind be­son­ders her­aus­for­dernd. Be­reits in Takt elf braucht die Sän­ge­rin das ho­he C. Sin­gen Sie sich für ei­nen sol­chen Start an­ders ein als et­wa für ei­ne Marschallin?

Nein, ei­gent­lich nicht. Ich sin­ge mich im­mer gleich ein, egal, wel­che Rol­le. Ich schaue, ob die Stim­me läuft, ob al­les schön of­fen ist und ob die Hö­he da ist. Letz­te­res braucht man zum Bei­spiel für die Marschallin we­ni­ger, da be­nö­tigt es eher ei­ne sehr sta­bi­le und ge­tra­ge­ne Mit­tel­la­ge. In­so­fern ist sie ei­ne gu­te Vor­be­rei­tung auf die Brünnhilde, denn auch da braucht es viel Mit­tel­la­ge. Als ich die Brünnhilde kon­kret plan­te, fiel mir na­tür­lich so­fort ein: Ja, ich wer­de die­ses Hojotoho sin­gen. Die­ser Mo­ment aber geht auf der Büh­ne er­staun­lich schnell vor­bei. Un­term Strich ist die Brünnhilde ei­gent­lich ei­ne eher tie­fe Par­tie.

Sprin­gen wir zum En­de, zum Fi­na­le der Götterdämmerung, wenn sich Brünnhilde ins Feu­er stürzt: Se­hen Sie sie als Op­fer? Oder als Hel­din, die die Welt vor dem Ring ret­tet?

Man könn­te auch sa­gen, sie ist Hel­din und Op­fer zu­gleich. Für mich ist sie die­je­ni­ge, die das Ge­sche­hen in die Hand nimmt und sagt: So, es muss ein En­de ha­ben, da­mit et­was Neu­es, et­was Bes­se­res kom­men kann.

Von den vie­len gro­ßen Mo­men­ten im Ring sticht die To­des­ver­kün­di­gung in der Walküre be­son­ders her­vor: In ei­nem mu­si­ka­lisch wie in­halt­lich er­grei­fen­den Ge­spräch er­fährt Siegmund sei­nen bal­di­gen Tod und be­kräf­tigt sei­ne über al­les ge­hen­de Lie­be zu Sieglinde.

Das ist ei­ner der ganz, ganz tol­len Mo­men­te im Ring – und er for­dert von den Sän­gern gro­ße Ru­he und Ge­fasst­heit und höchs­ten emo­tio­na­len Aus­druck ab. Ge­ra­de auch auf­grund sol­cher Sze­nen ver­steht man, dass die Walküre der letzt­lich beim Pu­bli­kum be­lieb­tes­te Teil im Ring ist. Ge­ra­de dar­um wird in Ring-Se­ri­en mit­un­ter die Walküre ein­mal zu­sätz­lich ge­spielt.

Sie san­gen vie­le gro­ße Wagner-Rol­len, Isolde, Eva, Elsa, Elisabeth, Venus, Senta, Sieglinde – sind die drei Brünnhilden so et­was wie der Mount Everest?

Ich ha­be al­les von Wagner ge­sun­gen, was ich woll­te. Es fehlt an den gro­ßen Rol­len nur die Kundry, aber ich glau­be nicht, dass ich ei­ne Kundry bin, je­den­falls reizt mich das der­zeit we­nig. Die Brünnhilde … frü­her dach­te ich, dass ich sie nie sin­gen wer­de. Und nun bin ich mit­ten­drin. Ja, die Brünnhilde, das ist der Mount Everest! Je­des Mal. Aber das ist auch das Reiz­vol­le dar­an: Ich lie­be die­se Her­aus­for­de­rung, die­sen Mount Everest, die Auf­ga­be, die sich mir stellt! Auch das macht mein Le­ben als Sän­ge­rin aus!

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