»Was war denn das jetzt?«
Interview |
Am Beginn einer der Proben zum Barbiere di Siviglia hast du gesagt: »Jeder Probentag ist eine Befragung des Orakels.« Beschreibt dieser Satz schon den Kern deiner Regiearbeit?
In gewisser Weise ja. Viele Regisseure gehen in die Proben und wissen schon ganz genau, worauf sie hinauswollen. Ich respektiere so einen Zugang natürlich, aber bei mir ist es anders. Mein Zugang und mein Wunsch ist nicht, das Stück, das Werk vollständig verstanden zu haben, wenn die Proben losgehen. Ich setze das Material Situationen aus, die man eigentlich nicht denken würde. Vielleicht müssen alle erst einmal auf dem Kopf stehen, und dann ist es unsere Aufgabe, plausibel zu machen, warum sie auf dem Kopf stehen. Das heißt: Durch die Art und Weise, wie ich mit meinem Ensemble probe, befragen wir den Text, damit er uns antwortet: über die Musikalität, den Klang, den Rhythmus. Nicht durch Punkt und Komma und Sinn. Das Interessante ist, dass Texte multiperspektivisch sind.
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sie zu verstehen. Und indem wir den Text gewissermaßen malträtieren und befragen, provozieren wir Antworten aus dem Text. Ich befrage also das Stück in den Proben am laufenden Band durch irgendwelche seltsamen Vorgänge. Und frühestens bei der Premiere erzählt mir das Stück, der Text, die Melodie und die Musik, worum es geht.
Das heißt, dass wir am Ende der Proben nicht den Sinn des Werkes gefunden haben, sondern eine Perspektive darauf?
Am Ende haben wir immer noch das Orakel. Und das bleibt auch geheimnisvoll. Wirklich auf den Grund kommen wir nie. Aber wir bekommen eine Sicht, die uns etwas erzählt. Nicht die üblichen Formulierungen, die uns sagen, was politisch ist und wie wir etwas denken sollen. Sondern dass man erst einmal sagt: Ich weiß erst mal nichts. Wir haben Formulierungen und Argumentationsketten, die wir immer wieder wiederholen. Und diese Wiederholung will ich unterbrechen. Es kann sein, dass es nicht gelingt, dass man denkt, man macht etwas Außergewöhnliches, und am Ende kommt dann doch dasselbe dabei heraus wie eh und je. Aber das kann eben auch das Ergebnis sein, wenn man sich dem Stoff nähert, ohne ihm etwas aufzwingen zu wollen. Rumdrehen an dem Ding, es verzerren – und irgendwann spricht es zu uns.
Gilt das auch für die Musik?
Ja, die Musik ist ja auch eine Art Literatur. Sie will auch gelesen werden wie der Worttext, mit dem sie natürlich verbunden ist. Das Entscheidende für mich ist, dass wir es immer mit Dingen zu tun haben, die aufgezeichnet sind. Und alles, was aufgezeichnet ist, ist immer fragwürdig. Frag-würdig. Es ist würdig, befragt zu werden. Genauso will ich arbeiten.
Zur konkreten Arbeit auf der Probe: Du präsentierst kein fertiges Konzept, sondern machst dich gemeinsam mit den Solistinnen und Solisten auf die Suche. Wie kann man sich den Einstieg in diese Arbeit vorstellen?
Wenn wir beginnen, beobachte ich die Leute. Zum Beispiel wie bei unseren Proben, wenn die Stelle, die wir uns vornehmen, zuerst einmal am Klavier gesungen wird. Ich höre, sehe sie, wie sie sich bewegen, was sie machen. Die Leute, die das Werk auf die Bühne bringen, sind das Konzept. Bei ihnen sehe ich bestimmte Sachen, wie spielen sie, wie singen sie. Dann versuche ich, darauf einzugehen, was ich gesehen und gehört habe. Ich spiele ihnen vielleicht etwas vor, aber das ziehe ich aus dem, was ich bei ihnen sehe. Ich weiß aus meiner Erfahrung als Schauspieler, dass man gewisse Dinge bei sich selber gar nicht sieht. Ich zeige ihnen, was mir an dem, was sie machen, gefällt, was mich interessiert, was mir ins Auge sticht. Denn was die Schauspieler oder die Sänger mir zeigen, ist immer auch etwas, das ich vorher noch nicht denken konnte und das mich dann zu den Antworten auf den Stoff, auf das Material hinführt, die ich provozieren will.
Es geht also um zu lüftende Geheimnisse und um Komplizenschaft im Umgang mit dem Material.
Genau. Die Sänger auf der Probe sind meine Partners in Crime.
Dein Theater stand immer schon für körperbetontes Spiel und für eine Musikalität der Körper. Für Sängerinnen und Sänger an der Oper ist es trotzdem oft ungewohnt, so viel in Bewegung zu sein. Wie ist deine Erfahrung an der Oper: Gelingt es, die Musikalität der Darstellung als Einheit mit dem Gesang zu vermitteln?
Um meine Arbeit zu verstehen, ist es das Wichtigste zu wissen, dass es für mich keinen Unterschied zwischen Sprechtheater und Oper gibt. Der Begriff Musiktheater ist für mich ein Pleonasmus. Theater ohne Musik ist für mich nicht vorstellbar. Ich denke immer musikalisch. Darum gilt in meinen Produktionen für einen Schauspieler genau dasselbe wie für einen Sänger. Auf der Bühne geht es um Singen und Tanzen. Immer.
Zu unserem Stück. Wir haben unser Orakel also über den Barbiere di Siviglia befragt und haben einige Dinge herausgefunden, die interessant werden könnten. Kannst du etwas darüber erzählen?
Nein. Das Tolle ist das Unberechenbare, das Unvorhersehbare. Deswegen will ich nichts vorwegnehmen. Ich will dem Stück nicht vorgreifen – also dem, was es mir bis zur Premiere erzählt haben wird. Oder auch darüber hinaus. In Zürich habe ich Die Physiker von Dürrenmatt gemacht. Bei der Premiere hat mir gefallen, was die Schauspieler gemacht haben, das war alles gut. Dann habe ich eine der letzten Vorstellungen gesehen – und die Schauspieler haben mich dermaßen verblüfft. Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Und ich habe noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Sache bekommen. Der Vorgang ist, dass man während der Proben etwas pflanzt, das auf unterschiedliche Weisen wachsen kann. In der Oper kann das natürlich auch durch Umbesetzungen der Fall sein. Aber man muss merken: Ein Stück ist ein lebendiges Wesen – ein ewiges Leben. Mein Traum ist, mit einer Truppe ein ewiges Stück zu machen, das man immer wieder probt, immer wieder aufführt. Wo die Schauspieler dann irgendwann älter werden. Dann stirbt jemand, und es kommt ein Nachfolger. Dass es immer weiterläuft, über Generationen, aber immer ein Stück bleibt, das sich weiterentwickelt. Dazu müsste ich allerdings eine eigene Truppe bilden, am besten mit Schauspielern und Sängern.
Vielleicht kommt das Repertoiretheater so einer Idee sogar entgegen. Wir proben nun gerade an einer großen, traditionsreichen Institution. Zugleich fällt auf den Proben oft der Hinweis auf die Commedia dell’arte, das italienische Stegreifspiel aus dem 16. bis 17. Jahrhundert, aus dem Figuren wie der Harlekin hervorgegangen sind. Worin bestehen die Verbindungen?
Ich habe in meiner Arbeit immer wieder auf dieses System referiert, weil mich der Ansatz der Commedia dell’arte interessiert: Der Darsteller oder die Darstellerin wählt eine Figur und entwickelt und verfeinert sie immer mehr, bis ins Alter. Wie bei den Marx Brothers. Harpo Marx kommt ins Bild und man weiß, jetzt kommt die Nummer mit der Harfe oder mit dem Klavier. Oder Groucho Marx kommt mit seinen großen Schritten gelaufen, man weiß, was es ist, aber man will es immer wieder sehen. Oder Clowns wie Charlie Rivel, der immer wieder sagt »Akrobat schön« und darauf sein ganzes Leben aufbaut. Die Arbeit mit Sängern kommt diesem Interesse auch entgegen: Sie bringen oft dieses Repertoire an Gesten und Stimmungen mit, und ich kann damit arbeiten. Darin besteht die Verbindung zur Commedia dell’arte – an der Arbeit mit einem gestischen Repertoire, das entwickelt, trainiert, verfeinert und immer wieder neu gespielt wird, sodass sich die Überraschungen aus der Variation ergeben. Man muss die Referenz auch nicht überstrapazieren, andere Referenzen sind für mich auch wichtig – das Spiel mit Übertreibung, wie wir es aus dem Stummfilm kennen. Die Übertreibung, die eigentlich vor allem eine Feier des Ausdrucks ist.
Gioachino Rossinis Musik mit ihren berühmten Crescendi und ganz generell ihrem meisterlichen Umgang mit Rhythmus als theatralem Effekt scheint deiner Regiearbeit sehr entgegenzukommen. Wie ist dein Verhältnis zu diesem Komponisten?
In der Vorbereitung auf den Barbiere di Siviglia habe ich mich zum ersten Mal wirklich intensiv mit Rossini beschäftigt und dabei schnell gemerkt, dass seine Art zu komponieren genau das trifft, was auch für den Kern meiner Arbeit wesentlich ist. Er singt mir quasi aus dem Herzen. Ich möchte nicht gern das Wort »modern« verwenden, weil das inzwischen so inflationär geworden ist. Mir geht es darum, dass Rossini Musik schreibt, der man anmerkt, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Man könnte den Barbiere di Siviglia in dieser Hinsicht in eine Reihe mit Bizets Carmen und Wagners Fliegendem Holländer stellen. Auf alle diese drei Werke trifft das zu – eine andere Art zu denken, eine andere Art, sich zu bewegen. Rossini steigert die Bewegung bis zum Exzess, und in dem Exzess kündigt sich wieder diese neue, beschleunigte Zeit an. Nietzsche, der darüber philosophiert, wie alles vollkommen anders wird, die vollkommen andere Virtuosität von Charlie Chaplin oder Duke Ellington: Das ist alles bei Rossini vorbereitet.
In gewisser Weise scheint dein Theater an der Schnittstelle zwischen den beiden wichtigen Polen italienischer Theatertradition zu operieren, die letztlich auch den Barbiere di Siviglia hervorgebracht hat: Carlo Gozzi hat versucht, die Commedia dell’arte als Typenspiel in Masken zu konservieren, Carlo Goldoni wollte ein verschriftlichtes Theater und die Masken abschaffen, um eine deutlichere Charakterzeichnung zu erreichen.
Und in Deutschland hat die Schauspielerin Caroline Neuber als Symbol des Bildungstheaters den Hanswurst öffentlich verbrannt. Man merkt die Folgen beim Publikum heute noch – wenn etwas komödiantisch wird oder zur Hanswurstiade, werden die Leute böse. Oder schämen sich sogar, weil sie gelacht haben. Diese körperliche Unverschämtheit, die schon die Nazis bekämpft haben, das ist genau das, was ich interessant finde. Das bedeutet auch, das Publikum ärgern, das Publikum verrückt machen, das Publikum verwirren – aber das sind keine aggressiven Vorgänge, das sind unterhaltsame Vorgänge. Und die wirken auch im Kopf. Es gibt eine Stelle bei Nietzsche im Zarathustra: »Seit es Menschen gibt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: das allein, meine Brüder, ist unsre Erbsünde.« Das kann ich nur unterschreiben. Ich möchte nicht, dass die Leute schuldbewusst aus dem Theater gehen und das Gefühl haben, dass sie dumm sind. Ich will, dass die Leute aus dem Theater gehen und sich fragen: Was war denn das jetzt? Was war denn hier los? Den Stücken, die ich entwickelt habe, wurde manchmal Sinnlosigkeit vorgeworfen. Ich finde, die Sinnlosigkeit ist, wo das Leben eigentlich erst anfängt.
Vielleicht könnten deine Bühnenvorgänge eher als Sinnproduktion beschrieben werden. Du hast diese Technik einmal mit einer Bühnenszene beschrieben: Wenn ein Darsteller ganz neutral und unscheinbar dasteht, sein Gegenüber aber spielt, sich wie wahnsinnig vor ihm zu fürchten, dann beginnt eine Kette von Bedeutungen, die nichts mit dem zu tun hat, was der erste Darsteller vielleicht zeigen sollte oder wollte. Der Sinn von dem, was er tut, ergibt sich neu aus der Reaktion seines Umfelds, das heißt: Wenn sich der zweite Darsteller so verhält, als wäre an dem ersten irgendetwas unheimlich, dann werden das irgendwann auch alle anderen finden: andere Darsteller, das Publikum. Für mich hat das immer bedeutet: Seid euch eurer Realität nicht zu sicher. Eigentlich ist das gesellschaftskritisches Theater.
Ich beabsichtige das nicht. Aber ich denke, dass das Theater, das den Skandal mit vermeintlich eindringlichen Mitteln sucht – literweise Blut und Sex auf der Bühne, wie unbeholfen auch immer – einfach nicht mehr möglich ist. Ich glaube, dass das Provokante – wenn überhaupt – nur die Form sein kann. Dass du etwas machst, bei dem die Leute sagen: Das gibt’s doch nicht. Ich rechne darauf nicht, ich arbeite ja nicht auf einen Skandal hin. Aber ich merke, dass Leute wirklich aggressiv werden durch das, was ich mache.
Was wir oft in deinen Arbeiten sehen, was auch in der Arbeit am Barbiere eine Rolle gespielt hat, ist der klassische Clown-Konflikt: Die Schwierigkeit, ein Hindernis zu überwinden, die Tücke des Objekts. Darin liegt eine Tragik, die wir von großen Komikern kennen, auf die du öfter referierst. Du hast Charlie Rivel genannt, die Marx Brothers ...
... Grock, Charlie Chaplin, Buster Keaton, Stan Laurel und Oliver Hardy ... Oder auch diese unglaublichen komischen Stummfilme aus der Zeit der Oktoberrevolution. Und Max Linder, der elegante Komiker, von dem sich Anteile bei Chaplin wiederfinden ...
Das heißt, wie bei diesen Künstlern geht es bei deiner Komik auch immer um die tragische Grundlage, die Fallhöhe?
Komik ist immer vieldimensional, hat viele Gründe, und die dahinterliegende Tragik gehört dazu. Und ich glaube, um die Verwirrung durch die Komik zuzulassen und in ihre Tiefe vorzudringen, braucht es auch keine großen intellektuellen Leistungen. Leistung ist überhaupt ein furchtbares Wort in diesem Zusammenhang. Es braucht dafür vielleicht eine geistige Energie – die aber jedem zugänglich ist. Jeder ist in der Lage, eine geistige Schwingung zu haben, nur wird den Leuten im Theater so oft vermittelt, dass sie alle dumm sind. Und dass sie einen Intellektuellen brauchen, der ihnen sagt, was Phase ist. Dabei ist das Theater genau der Ort, an dem sich Leute gegenübertreten, die sich zeigen, dass sie auf derselben Ebene sind. Ich kehre das Verhältnis auch manchmal gerne um und zeige mit meinem Ensemble die Bühne als den Ort, wo wirklich alle völlig bescheuert sind. Ich habe oft zu meinen Darstellern gesagt: Richtigen Schwachsinn zu spielen ist eine hohe geistige Leistung. Und jemand, der in unseren Augen schwachsinnig ist, kann übrigens häufig Dinge sagen, die kein anderer sagen kann. Die vermeintlich Schwachsinnigen sind letztlich die von Gott Geküssten.
Noch eine Frage zu deinen Räumen: Du hast die Bühnenräume zu all deinen Inszenierungen selbst gestaltet. Es sind fast immer abstrakte Räume, die manchmal an die Orte erinnern, die uns in Träumen begegnen. Wie findest du deine Bühnenräume?
Assoziativ. Bei Pfusch an der Volksbühne hat mich der technische Leiter auf dem Flur gefragt, was wir eigentlich für eine Bühne machen. Dann habe ich überlegt: Eine große Röhre, die man rollen kann. Ein Schwimmbecken, mit Wasser drin. Mit einem Sprungbrett, das irgendwann abbrechen kann. Und vorne an der Rampe elf Klaviere, die nicht mehr so richtig funktionieren. Auf der Bauprobe haben wir dann entschieden, dass in dem Schwimmbecken kein Wasser ist, sondern ein Trampolin. Und so ist das entstanden. Manche Bühnenbilder habe ich am Computer simuliert. Bei Ohne Titel No. 1, das bei den Wiener Festwochen gelaufen ist, hat mir ein Zufall in die Hände gespielt.
Ich hatte das Sofa selber modelliert, aber dann den Werkstätten irgendwelche Maße angegeben, die mir richtig erschienen. Als es dann fertig war, war es riesenhaft überdimensioniert. Die hatten mir das gezeigt, mich erst noch beruhigt, ich solle nicht ausrasten. Ich habe es gesehen und gewusst: Das ist es. Das ist fantastisch. Zufällig hatten dann alle Darsteller genau nebeneinander darauf Platz. Solche Sachen sind öfter passiert. Irgendwelche Fehleinschätzungen, die dann zum Ergebnis geführt haben.
Hast du irgendwann gedacht, Der Barbier von Sevilla muss bunt sein, sich bewegen, transparent sein?
Nein. Ich habe gedacht: Ich würde gerne mal so ein Bühnenbild machen. Das Stück muss dann in den Raum passen. Das ist auch ein Teil der Befragung des Werkes.