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Wahr empfunden

Interview |

Alexander Soddy. Das ist ein Na­me, der bei Kri­ti­kern, im Pu­bli­kum, bei Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­kern, Kol­le­gen und Mit­ar­bei­tern ein Auf­leuch­ten im Blick aus­löst. Denn Soddy ver­eint das Hand­werk des Ka­pell­meis­ters mit der Kom­pe­tenz des gro­ßen In­ter­pre­ten und strahlt zu­dem ganz un­auf­ge­regt ei­ne Be­geis­te­rung für Mu­sik in je­der Form aus. In­ter­na­tio­nal ge­fragt, ist er auch in Wien ein klin­gen­der Na­me, der im Haus am Ring re­gel­mä­ßig be­geis­tert. Nun wird er hier erst­mals den Ro­sen­ka­va­lier di­ri­gie­ren.

Mit­un­ter, wenn man über Wer­ke wie Ro­sen­ka­va­lier oder Ari­ad­ne auf Na­xos spricht, stellt sich die Fra­ge: Text oder Mu­sik? Nicht als Ge­gen­satz, son­dern im Sinn von: Bei­des ist un­glaub­lich ge­ni­al, Hugo von Hof­manns­thal und Richard Strauss wa­ren kon­ge­ni­al, aber be­rührt ei­ne Ebe­ne so­gar noch mehr? Wä­re das bei Ih­nen die Mu­sik?

Für mich passt das Wort »oder« in die­sem Zu­sam­men­hang nicht. Ge­ra­de durch den herr­li­chen Text ist die Mu­sik noch be­rüh­ren­der, der Dich­ter Hof­manns­thal zeigt ein un­be­schreib­lich sub­ti­les, nu­an­cier­tes Ver­ständ­nis der mensch­li­chen Psy­che – und das be­kommt durch die Mu­sik von Strauss ei­ne ge­ra­de­zu ewi­ge Di­men­si­on. Die bei­den ha­ben ein­an­der ein­fach so per­fekt er­gänzt! Es ist ein al­ter Satz, der auch dies­mal gilt: Das Gan­ze ist mehr als die Sum­me sei­ner Tei­le. Ich je­den­falls kann für mich Text und Mu­sik nicht tren­nen. Neh­men wir nur das Schluss­ter­zett, das al­len in den Oh­ren bleibt – es ist ei­nes der schöns­ten Mu­sik­stü­cke, die je ge­schrie­ben wur­den. Gleich­zei­tig grün­det es in den tiefs­ten emo­tio­na­len und mensch­li­chen Mo­men­ten. Was da see­lisch pas­siert, ist un­be­schreib­lich.

Blei­ben wir doch gleich beim Schluss­ter­zett. Wie ge­hen Sie als Di­ri­gent mit ihm um? Al­lein beim Zu­hö­ren steigt die Herz­fre­quenz, der emo­tio­na­le Schmelz­punkt ist nach we­ni­gen Tak­ten er­reicht. Sie als Di­ri­gent dür­fen aber nicht zer­flie­ßen.

Lei­der nicht – aber ei­ne span­nen­de Fra­ge! Als ich vor meh­re­ren Jah­ren mei­nen ers­ten Ro­sen­ka­va­lier di­ri­gier­te, hat mich die Emo­tio­na­li­tät des Fi­na­les bei­na­he über­wäl­tigt. Ich muss­te erst ler­nen, mich in ei­nem sol­chen Mo­ment zu be­herr­schen. Man darf ja nicht ver­ges­sen, dass man be­reits als jun­ger Mu­si­ker von die­sen Au­gen­bli­cken, die­sen ab­so­lu­ten Hö­he­punk­ten der Mu­sik, die ei­nem fast den Atem rau­ben, träumt. Hier kommt die Er­fah­rung ins Spiel, näm­lich, dass man sich auch die emo­tio­na­len Kräf­te gut ein­tei­len und sie be­herr­schen kön­nen muss. Denn wer sich von der Mu­sik völ­lig mit­rei­ßen lässt, läuft Ge­fahr, wie Sie es for­mu­lie­ren, zu zer­flie­ßen. Für Aus­füh­ren­de ist das je­doch kei­ne Op­ti­on.

Wir ha­ben die­ses Bild des äl­te­ren, di­ri­gie­ren­den Richard Strauss im Kopf, der fast phleg­ma­tisch, qua­si mit der Hand in der Ho­sen­ta­sche, das­teht. Für uns heu­te wirkt er er­staun­lich un­be­tei­ligt. Das gin­ge als Vor­bild der Selbst­be­herr­schung zu weit?

Als jun­ger Di­ri­gent will man stark mo­ti­vie­ren, viel zei­gen, de­mons­trie­ren, man ist vol­ler Ener­gie – und das ist ganz nor­mal und gut so. Dann merkt man im Lau­fe der Jah­re, dass man zwar nicht we­ni­ger en­thu­si­as­tisch, aber viel­leicht öko­no­mi­scher wird. Mit­un­ter pas­siert im Or­ches­ter und auf der Büh­ne so viel gleich­zei­tig, dass ei­ne ge­wis­se Zu­rück­hal­tung und auch Ef­fi­zi­enz not­wen­dig sind. Nicht nur, was die Be­we­gungs­spra­che an­be­langt, son­dern auch in Be­zug auf den Aus­druck. Wird ein Di­ri­gent ge­ra­de­zu hy­per­ak­tiv und über­emo­tio­nal, kann er sich viel­leicht nicht mehr aus­rei­chend klar aus­drü­cken. Al­so muss man Ru­he im Kopf be­wah­ren – und die­se auch ver­mit­teln. Das be­deu­tet na­tür­lich nicht, dass man nicht auch Emo­tio­nen, Freu­de und Be­geis­te­rung zei­gen soll und muss. Aber den­noch hat ein Di­ri­gent ei­nen Weg zu wei­sen und den Über­blick zu be­hal­ten.

Ge­ra­de die­se Freu­de und Be­geis­te­rung konn­te man et­wa vor ei­ni­gen Wo­chen im Mu­sik­ver­ein er­le­ben, als Sie ein Kon­zert der Wie­ner Sym­pho­ni­ker di­ri­gier­ten. Es war Ih­nen ein un­glaub­li­ches Glück ins Ge­sicht ge­schrie­ben. Emp­fin­den Sie das auch so – oder ist es für Sie ei­ne Sa­che der Mo­ti­va­ti­on?

Als mu­si­ka­li­scher Lei­ter muss man au­then­tisch sein und darf sich nicht ver­stel­len. Das ist zwar in al­len Füh­rungs­po­si­tio­nen we­sent­lich, be­son­ders aber am Di­ri­gen­ten­pult. Denn die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker ha­ben ein sehr fei­nes Ge­spür und rie­chen es so­fort, wenn es an Ehr­lich­keit man­gelt. Es geht al­so um die ech­te Re­ak­ti­on, die wah­re Emp­fin­dung. Und nur die­ser Wahr­heit kann dann auch Au­to­ri­tät ent­sprin­gen. Mit an­de­ren Wor­ten: Nur, wenn ich an et­was glau­be und das auch dar­stel­le, kann ich über­zeu­gen und mit­rei­ßen. Denn schließ­lich darf man nicht ver­ges­sen, dass man bei ei­nem Or­ches­ter hun­dert Men­schen vor sich hat. Na­tür­lich kön­nen nicht al­le hun­dert mit al­lem, was man sagt, so­fort ein­ver­stan­den sein. Nicht je­des Tem­po, nicht je­de Dy­na­mik wird von al­len per se als rich­tig emp­fun­den. Und jetzt kommt die Wahr­heit ins Spiel: Nur, wenn ich über­zeu­gend, au­then­tisch, wahr­haf­tig an et­was glau­be, wer­den mir al­le fol­gen und mei­nen Weg tei­len. Die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker wol­len wis­sen, was ich hin­ter den No­ten ent­de­cke, ich muss al­so kom­mu­ni­zie­ren, was in mei­nem Her­zen, in mei­nem Kopf pas­siert, was mich be­wegt und war­um. Die Freu­de, die Sie ge­se­hen ha­ben, war ei­ne ech­te Freu­de. An der Mu­sik, aber auch dar­über, dass ich wun­der­ba­re Wer­ke mit die­sem Or­ches­ter spie­len darf. Ich emp­fin­de sie – und ich zei­ge sie.

An der Staats­oper di­ri­gier­ten Sie un­ter an­de­rem mehr­fach auch Elek­tra von Strauss. Das wa­ren Aben­de, die in­zwi­schen fast Le­gen­den­sta­tus er­reicht ha­ben. All je­ne, die da­bei wa­ren, schwär­men von der Trans­pa­renz, Ge­schlos­sen­heit und Aus­drucks­kraft des Klan­ges. Wie er­zeu­gen Sie ei­nen sol­chen?

Ich wür­de erst ein­mal sa­gen, dass es am Or­ches­ter liegt. Und da­bei han­delt es sich nicht um ei­ne fal­sche Be­schei­den­heit mei­ner­seits, son­dern: Um den von Ih­nen be­schrie­be­nen Klang zu er­rei­chen, braucht es ei­ne gro­ße Qua­li­tät der Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker. Und ein sol­ches Opern­or­ches­ter wie hier gibt es mei­ner Mei­nung nach nir­gends sonst auf der Welt. Die Mu­si­ker ha­ben die Fä­hig­keit, auch un­ter tech­nisch un­glaub­lich her­aus­for­dern­den Be­din­gun­gen im­mer noch mit Schön­klang und fein dif­fe­ren­zier­ter Dy­na­mik zu spie­len. Wir al­le wis­sen, dass ja ge­ra­de das lei­se Spie­len hand­werk­lich schwie­ri­ger um­zu­set­zen ist als ei­ne kom­ple­xe Pas­sa­ge ein­fach laut und schnell her­un­ter­zu­bre­chen. Was ich, auf­bau­end auf die­se Or­ches­ter­qua­li­tät, als Di­ri­gent zu­al­ler­erst brau­che, ist ei­ne sehr kla­re Vor­stel­lung des Klan­ges, den ich er­rei­chen will. Wenn ich die­se ganz ge­nau in mir tra­ge, drückt sich das durch mei­nen Kör­per, durch mei­ne Ges­tik deut­lich aus. Wie aber kommt man zu ei­ner so kon­kre­ten und ge­nau­en Klang­vor­stel­lung? In­dem man die Par­ti­tur wirk­lich voll­stän­dig im Kopf hat. Erst, wenn man je­des Piz­zi­ca­to kennt, je­de Dy­na­mik, je­den In­stru­men­ta­l­ein­satz, formt sich je­ne Kom­pe­tenz, die es braucht. Ein zwei­ter As­pekt ist die Er­fah­rung. Man lernt mit der Zeit, wie viel man an die­ser oder je­ner Stel­le zei­gen muss, was es braucht – und was es nicht braucht. Durch die­se Klar­heit ver­mit­telt man Si­cher­heit, und wenn ein Klang­kör­per die­se spürt, kann er sich auf an­de­res als die rein tech­ni­sche Ebe­ne kon­zen­trie­ren.

Keh­ren wir zum Ro­sen­ka­va­lier zu­rück. Wenn man Jah­re mit die­ser Oper lebt, ver­steht man die Fi­gu­ren bes­ser und bes­ser. Man­che be­rich­ten, dass sie an­fangs dem sehr jun­gen Octa­vi­an zu­ge­neigt wa­ren und spä­ter der rei­fe­ren und klü­ge­ren Mar­schal­lin. Wo ste­hen Sie ge­ra­de?

Ge­ra­de, weil Hof­manns­thal die Cha­rak­te­re so ein­zig­ar­tig ent­wor­fen hat, sind sie letzt­lich zeit­los und uni­ver­sel­le Re­prä­sen­tan­ten des Mensch­li­chen. Sie zei­gen Ele­men­te, die wir al­le in uns tra­gen. Es geht hier viel­leicht mehr um Ge­ne­ra­tio­nen als um ein­zel­ne, kon­kre­te Men­schen. Octa­vi­an und So­phie sind ei­ne Ge­ne­ra­ti­on, die Mar­schal­lin ist ei­ne an­de­re. Aber viel­leicht wird aus Octa­vi­an ein­mal ein Feld­mar­schall, aus So­phie ei­ne Mar­schal­lin. Ich ha­be zu­dem das Ge­fühl, dass so­wohl Strauss als auch Hof­manns­thal ein nu­an­cier­tes Ver­hält­nis zu al­len Per­so­nen hat­ten, dass sie al­so die Frau­en eben­so dar­stel­len konn­ten wie die Män­ner. Das war zur Ent­ste­hungs­zeit zwei­fel­los sehr mo­dern! Na­tür­lich ver­stand ich als jun­ger Mann Octa­vi­an sehr gut, aber ich glau­be, ich war gleich­zei­tig im­mer schon ein we­nig von der Mar­schal­lin be­ein­druckt. Aber das ist ja kein Wun­der: Sie zählt zu den wirk­lich be­son­de­ren Cha­rak­te­ren der ge­sam­ten Opern­ge­schich­te.

Das Gan­ze nennt sich im Un­ter­ti­tel ei­ne Ko­mö­die. Wie schmeckt man die Mi­schung aus der Rüh­rung, die die­se Oper zwei­fel­los evo­ziert, und dem kna­ckig Ko­mö­di­an­ti­schen rich­tig ab? Ge­ra­de das Der­be for­der­te Strauss ja im­mer wie­der ein.

Ich glau­be, dass es ge­ra­de um die Mi­schung aus bei­den Wel­ten geht. Die Ko­mö­die ist wich­tig, um die be­rüh­ren­den Mo­men­te durch ei­ne Kon­trast­wir­kung noch bes­ser zur Gel­tung zu brin­gen. Zu schwer darf der Ro­sen­ka­va­lier nicht wer­den, wenn man das Sen­ti­men­ta­le zu dick auf­trägt, ist das Werk nicht mehr im Lot. Und schließ­lich ist manch­mal ge­ra­de in ernst­en Mo­men­ten der Hu­mor die letz­te Zu­flucht. Die­ses »Ja, ja« der Mar­schal­lin ganz am En­de, das drückt für mich sum­ma sum­ma­rum das ge­sam­te Werk aus. Es braucht ei­ne ge­wis­se Leich­tig­keit, man soll nicht über den Schnee des ver­gan­ge­nen Jah­res wei­nen. Wie heißt es? »Mit leich­tem Herz und leich­ten Hän­den, hal­ten und neh­men, hal­ten und las­sen.« Das bringt es auf den Punkt. Wir ha­ben das Sehn­süch­ti­ge, das Wol­len-und-nicht-Be­kom­men, das Schmach­ten, aber es braucht auch ei­ne Leich­tig­keit. Und ge­ra­de des­halb ist der Ro­sen­ka­va­lier so per­fekt: weil eben bei­des vor­kommt.

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