Unbeschreiblich nah am Leben
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Wie dürftig einem die beschreibende Sprache doch manchmal vorkommt. Wie schnell man an die Grenzen kommt, wenn man etwa das Besondere, Einzigartige, Bewegende eines musikalischen Erlebnisses beschreiben will. Wie wenig dann Worte abbilden können, was in einem Raum zwischen Künstlerinnen und Publikum stattfindet. Kein Wunder, dass die Musikkritik seit jeher mit diesem Phänomen rang. Da mag eine Symphonie »bombastisch« sein, ein Liederabend »packend«, eine Sonate »bewegend«. Wie aber bringt man auf den Punkt, worin der Zauber wirklich lag? Warum eine Sternstunde stattfand? Warum man nach der Arie schlucken musste?
Wenn etwa Asmik Grigorian als Manon Lescaut auf der Bühne steht und die große Sola, perduta, abbandonata-Arie singt: Wie will man die Nuance des Blickes beschreiben, mit dem sie den glitzernden Schmuck abschätzig, aber doch prüfend betrachtet? Den Film kommentieren, der vor ihrem inneren Auge abläuft? Da offenbart sich etwas, das man eben nur miterleben kann, um der Fülle des Moments gerecht zu werden. Eine ganze Biografie wird gebündelt und kenntlich gemacht: Was Manon Lescaut war und ist, was sie hoffte, sein könnte oder niemals sein wollte – das erspürt man. Und zwar nicht nur durch die Musik. Auch nicht durch das Spiel. Sondern durch diese besondere, einzigartige Mischung, die von der Sängerin mit atemberaubender szenischer Präsenz gebracht wird. Oder ebenso ihre Tatjana in Eugen Onegin: Man kann viel Zeit damit verbringen, die von Grigorian so plastisch geformte Wandlung der Figur nachzufühlen. Was mit einer vereinsamten, buchverlorenen Tatjana beginnt, endet bei einer überaus kontrollierten Fürstin, die in der Öffentlichkeit ihr Gesicht zu wahren weiß, deren Seelennöte aber dennoch immer greifbar sind.
Man spürt die durchwachten Nächte der Tatjana, man spürt die Zweifel, die Überzeugung, das Schwanken, Lieben, Leiden. Eine Biografie in drei Stunden, komprimiert und wirkungsmächtig. Und wieder: Man muss diese Tatjana freilich erleben, denn in Worte fassen kann man es nicht. Wie auch die Beschreibung von Grigorians vokalen Mitteln und deren Einsatz an natürliche Sprachgrenzen stößt. Immer wieder wird in solchen Situationen daher auf das Hilfsmittel der Gebrauchspoesie zurückgegriffen. So probierte es ein Guardian-Kritiker in der Beschreibung ihres Gesangs einst etwa so: »Ihr vollmundigster, von Samt umhüllter Stimmstahl glänzt mit der nötigen Schärfe, um all das zu durchschlagen, was ein Rachmaninow-Klavierpart mit Vollgas zu bieten hat.« Immerhin eine gute Annäherung an ein Phänomen!
Aber spulen wir kurz zurück. Wie anders hätte der Weg des Bühnentiers Grigorian – und sie ist eine jener Persönlichkeiten, die wahrhaftig diesen Titel tragen darf – beginnen können als auf der Bühne? Nämlich schon als Baby noch im Bauch ihrer Mutter. Einer Sängerin, übrigens. Dazugehörig auch ein Sängervater, dazugehörig ein Aufwachsen in Theaterkreisen. So etwas kann prägen, vor allem aber auch: inspirieren. Nun sind bedeutende Karrieren, haben sie erst einmal eine große Höhe erreicht, leicht und geradlinig erzählbar und klingen daher oftmals einfacher, als manches war.
Auch bei Grigorian gab es Fragen, Unsicherheiten, Zweifel. Später wird sie in ihrem schimmernden, ehrlichen und auch ironischen Abend A Diva is born von den Schwierigkeiten als junge Sängerin, von den Krisen und der Selbstfindung erzählen. Auch damit geht sie nämlich so unverblümt ehrlich um wie mit vielem in ihrem Leben. Sie erwähnt aber auch, dass sie Menschen hatte, die ihr Richtiges rieten. So erzählte sie einst, dass Florian Boesch, mit dem sie nun erneut auf der Bühne steht, vor 15 Jahren einer ihrer großen Unterstützer gewesen war. »2011 bin ich bei einem Wozzeck das erste und bisher einzige Mal mit Florian gemeinsam auf einer Bühne gestanden. Aber dieses eine Mal war so wichtig für mich als Künstlerin! Ich hatte damals gewaltige Selbstzweifel, ich wusste nicht, ob ich gut genug war, ob ich auf dem richtigen Weg war, ob ich nicht überhaupt mit dem Singen aufhören sollte. Florian hat mir darüber hinweggeholfen, mir das Gefühl gegeben, unbedingt weitersingen zu müssen.«
»Es ist immer, immer auch eine Therapie. Und ich glaube, dass das für mich einer der Lieblingsaspekte an meiner Arbeit ist: dass ich in einem einzigen Leben so viele andere Schicksale durchqueren darf!«
Die Ehrlichkeit, die sie antreibt, bringt wiederum mit sich, dass sie nichts vorgibt, kein »Als-ob« bietet. »Immer bin ich Asmik und gleichzeitig die Sängerin Asmik Grigorian. Diese beiden gehören einfach zusammen, haben sich gemeinsam entwickelt und sind miteinander verbunden. Niemals habe ich versucht, mich dadurch zu schützen, dass ich etwas vorspiele. Ich bin immer ich. Das ist etwas, das vielleicht besonders ist und das die intensive Beziehung, die mich mit meinem Publikum verbindet, ausmacht. Denn die Zuhörerinnen und Zuhörer verstehen und schätzen diese Ehrlichkeit. Keine Masken! Ich denke, es ist mutiger, sich zu zeigen, wie man ist«, führte sie anlässlich der Staatsopern-Premiere von Don Carlo aus.
»Ich bin immer ich« bezieht sich aber auch auf ihre Rollengestaltung, nämlich, dass sie immer die Rolle ist, oder umgekehrt: die Rolle immer sie ist. Was man sieht, ist stets die Sängerin selbst, die einen Aspekt ihrer Persönlichkeit zeigt.
Das klingt nicht nur ehrlich, sondern bringt einen auch gleich auf die Fährte einer therapeutischen Spieltheorie. Ja, ist es denn auch Therapie, wenn man diverse, meist tragische Lebensgeschichten durchläuft, durchleidet, durchsingt? Wie aus der Pistole geschossen die Antwort: »Natürlich! Es ist immer, immer auch eine Therapie. Und ich glaube, dass das für mich einer der Lieblingsaspekte an meiner Arbeit ist: dass ich in einem einzigen Leben so viele andere Schicksale durchqueren darf!«
Nun ist es eine Sache, das Publikum in den Bann zu ziehen. Eine andere ist es, bei allem Aufgehen in einer Rolle selbst berührt zu sein, wie sie es auf der Bühne zu sein scheint. Aber ist sie es denn wirklich? Oder ist alles, was sie zeigt, großes Theater, kunstvolles Schauspielvermögen, das jedoch nicht ins Innerste vordringt? »Ich muss emotional gepackt sein«, stellt sie klar. »Doch kann man nicht immer von derselben Geschichte berührt werden. Also entspringen meine Gefühle nicht zwingend aus der Geschichte des Abends. Wenn ich zum hundertsten Mal die Cio-Cio-San in Puccinis Madama Butterfly singe, wird das einhundertste Eintauchen in diese Geschichte nicht dasselbe sein wie beim ersten Mal. Deshalb muss ich jedes Mal meinen ganz persönlichen Schmerz finden, damit ich einen entsprechenden vermitteln kann.«
Das Vermitteln ist freilich ihre besondere Kunst. Schon bei der Probenarbeit ist es spannend, der Sängerin bei der Erforschung der Rolle zuzuschauen. Spontan begreift sie szenische Situationen, um diese sogleich mit Spiel auszufüllen. Plötzlich sitzt sie da, die Beine angezogen, auf der Couch, am Boden. Stürmt eine Treppe hinauf. Schaut versonnen. Und bringt durch kleine Gesten große Geschichten. Wo kommt das alles her? Zum Beispiel die bewegte Mimik, die viel zu erzählen weiß. Ist sie vor dem Spiegel eingelernt? Blickt sie, wie der Protagonist in Heinrich Bölls Jahrhundertroman Ansichten eines Clowns, als Training stundenlang ihr eigenes Antlitz an? Nichts von alldem! »Ich glaube, das ist die Magie des echten Gefühls«, meint Grigorian. »Wenn man etwas fühlt, dann entsteht der Ausdruck, und man muss nicht darüber nachdenken. Es ist wie beim Weinen: Da fragt sich ja auch keiner, was er für einen Gesichtsausdruck hat. Ist das Gefühl echt, ist auch die Mimik echt.«
Was bei ihr freilich noch dazukommt, sind zwei Dinge: Erfahrung und Einfühlungsvermögen. Diese helfen der Sängerin, eine Bühnenfigur mit deren Innenwelt zu erspüren und sich zu eigen zu machen. »Neben der Lebenserfahrung – und ich habe wirklich viel gesammelt – ist es sicher auch eine Frage der Empathie. Ich versetze mich sehr schnell in die Lage anderer Personen. Wenn ich verstehe, in welcher Situation sich jemand befindet, erfühle ich ihn oder sie sofort. Es kostet mich also nicht viel Mühe, die Emotionen eines anderen nachzuempfinden, auch wenn es nicht meine eigene Geschichte ist.«
Etwas über 40-mal stand die Sopranistin, die zuletzt bei den Salzburger Festspielen als Carmen für Furore sorgte, bisher auf der Staatsopernbühne. Man hörte sie als Elisabetta in Don Carlo, als bereits genannte Tatjana, Cio-Cio-San und Manon Lescaut, als Turandot, Jenůfa und Nedda, als Konzertsängerin und auch bei der heurigen Saisoneröffnung im Burggarten. Mit der Premiere von Eine florentinische Tragödie und Herzog Blaubarts Burg nimmt sie nun zwei weitere Stücke in ihr Staatsopernrepertoire auf. Die Blaubart’sche Judith hat sie zwar schon gesungen, doch liegt das lange zurück, die Erinnerung ist verblasst. Und auch wenn es kein Neuland ist, so ist es doch neues Terrain, da sich »mein Körper, aber auch die Umstände geändert haben.«
Spräche man nun davon, dass Grigorian bei den Proben durch höchste Konzentration, Intensität und penible Auseinandersetzung glänzt, dann wäre das im besten Falle ein Gemeinplatz. Denn gerade das gehört ja zum Selbstverständnis im Theater, dass die Sache ernst genommen und dass heftig gearbeitet wird und man dem präsentierten Werk auf den Grund gehen will. Mit aller Kraft, mit aller Hingabe. Und doch. Grigorians Probenarbeit muss an dieser Stelle erwähnt werden, einfach, weil sie die (selbst-)erforschende Arbeit auf ein eigenes Niveau bringt. Gerade noch sprach sie in einer Pause mit dem musikalischen Assistenten des Dirigenten über seine farbenfrohen Schuhe, schon ist sie auf 300 Prozent und fokussiert mit aller Energie auf die ihr anvertraute Bühnenfigur. Versenkung, Durchdringung, Hingabe – schon wieder sind die Worte nicht ausreichend belastbar, um das Engagement Grigorians wirklich zu umfassen. Und bei aller Erschöpfung nach einer Probe weiß sie doch, aus der intensiven Erarbeitung Kräfte zu mobilisieren. Das reine Rollenlernen, erzählt sie, ist der anstrengendste Teil. Sitzt die Partie erst einmal und geht es ans szenische Feilen, so setzt die echte Kreativität ein, die viel Energie zurückgibt.
»Ich glaube, dass der Sinn des Lebens auf der Erde darin besteht: dass wir alle allein hierherkommen und wir alle allein wieder gehen. Und der Versuch, einander irgendwie zu verstehen, miteinander verbunden zu sein - das ist das Schöne am Lernen in dieser Welt.«
Teil ihrer Kreativität ist es auch, dass sie einzelne, handelsübliche Interviewfragen aus dem Besonderen ins Grundsätzliche zu drehen weiß. So beantwortet sie die Frage nach der Einsamkeit der von ihr gespielten Judith mit einer allgemeinen Auseinandersetzung mit dem Thema. »Ich glaube«, sagt sie, »dass der Sinn des Lebens auf der Erde darin besteht: dass wir alle allein hierherkommen und wir alle allein wieder gehen. Und der Versuch, einander irgendwie zu verstehen, miteinander verbunden zu sein – das ist das Schöne am Lernen in dieser Welt.« Gehen wir auch darum gerne ins Theater? Um Beziehungen zu suchen? »Ich glaube schon. Ich glaube, es geht darum, dass wir nach Verbindung suchen, mit anderen, aber auch mit uns selbst. Durch die Gefühle und Erfahrungen anderer Menschen fühlen wir uns oft weniger einsam und sind verbundener mit ihnen, aber auch mit uns selbst.«
Ein letztes Mal das Thema Rollengestaltung, das »Ich bin immer ich«, das Nichtspielen, sondern Einfachsein. Bleibt nach einer Vorstellung das Theater im Theater? All die Salomes, Judiths, Carmens, Tatjanas – kann sie sich von ihnen lösen? Nein, denn sie spielt ja keine Rolle, sondern ist sie. »Da ich immer ich selbst bin, löse ich mich nie richtig von einer Partie oder versetze mich in sie hinein. Sondern sie alle leben in mir weiter. So«, fügt sie lachend hinzu, »wie die Ehefrauen von Blaubart«.