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»These stories are about real people«

Interview |

Jonathan Tetelman über die Kunst, Entscheidungen zu treffen

Hin­ter Jonathan Tetelman stei­gen die Ber­ge auf. Er sitzt auf der Son­nen­ter­ras­se ei­nes Ho­tels in Luzern, wo er zwi­schen Pro­ben und Vor­stel­lun­gen Sta­ti­on ge­macht hat.

Noch be­vor das Ge­spräch be­ginnt, ver­schwin­det er kurz aus dem Bild: Sei­ne klei­ne Toch­ter ist ge­stürzt. Ein paar be­ru­hi­gen­de Wor­te, ein kur­zer Blick aus der Ka­me­ra, dann setzt er sich wie­der an den Tisch. »Sorry about that«, sagt er lä­chelnd. Erst jetzt be­ginnt das Ge­spräch.

In we­ni­gen Wo­chen kehrt Tetelman als Mario Cavaradossi an die Wiener Staatsoper zu­rück. Kaum ist von der Wie­ner Tosca die Re­de, spricht er nicht über sei­ne Rol­le, son­dern über die In­sze­nie­rung. Dass die Wiener Staatsoper Margarethe Wallmanns Tosca bis heu­te im Re­per­toire hält, freut ihn sicht­lich. Nicht aus Ehr­furcht vor ei­ner gro­ßen Tra­di­ti­on, son­dern weil die­se In­sze­nie­rung den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern et­was ge­be, das für ihn den Kern des Mu­sik­thea­ters aus­macht: Raum für die Fi­gu­ren. Puccinis Opern, sagt Tetelman, er­zähl­ten nicht von Opern­hel­den, son­dern von Men­schen.

»These stories are about real people.«

Die­ser Satz fällt gleich zu Be­ginn. Zu­nächst scheint er sich nur auf Puccinis Opern zu be­zie­hen, doch je län­ger Tetelman er­zählt, des­to deut­li­cher wird, dass er weit über Puccini hi­naus­reicht. Auf die Fra­ge, was ihn an der Zu­sam­men­ar­beit mit Re­gis­seu­rin­nen und Re­gis­seu­ren be­son­ders fas­zi­niert, spricht Tetelman we­der über Re­gie­hand­schrif­ten noch über äs­the­ti­sche Kon­zep­te. Fi­gu­ren ent­ste­hen für ihn nicht al­lein aus der Par­ti­tur, son­dern im Pro­ben­pro­zess, in der ge­mein­sa­men Su­che nach Sub­tex­ten, Be­zie­hun­gen und Be­weg­grün­den. Ge­sang und Schau­spiel las­sen sich für ihn nicht von­ein­an­der tren­nen: »If those things aren’t working together, then for me it doesn’t function.«

Oh­ne zu zö­gern, be­ant­wor­tet Jonathan Tetelman die Fra­gen nach Tosca, nach Re­gie und nach sei­nem Ver­ständ­nis von Mu­sik­thea­ter. Man merkt, dass hier ein Künst­ler spricht, der un­zäh­li­ge In­ter­views ge­ge­ben hat und sei­ne Ge­dan­ken klar zu for­mu­lie­ren weiß. Erst bei der Fra­ge, wor­an er selbst er­kennt, dass ei­ne Auf­füh­rung ge­lun­gen war, ver­än­dert sich et­was. Tetelman nimmt sich Zeit. Dann sagt er: »I feel like I’m kind of going through a crisis now.«

Ei­ne klei­ne Kri­se. Tetelman spricht we­der über sei­ne Stim­me noch über den Druck ei­ner in­ter­na­ti­o­na­len Kar­ri­e­re. Er spricht über sei­nen ei­ge­nen Maß­stab. Lan­ge ha­be er ge­glaubt, sagt er, ei­ne Vor­stel­lung sei dann ge­lun­gen, wenn sie sich für ihn selbst rich­tig an­ge­fühlt ha­be. In­zwi­schen be­ob­ach­te er et­was an­de­res: »I don’t want what I think is my best. I just want to be myself.«

Tetelman be­schreibt die­se Ent­wick­lung nicht als plötz­li­che Ein­sicht, son­dern eher wie ei­ne Be­ob­ach­tung, die sich über vie­le Vor­stel­lun­gen hin­weg ein­ge­stellt hat. Die Aben­de, an de­nen er sich selbst für be­son­ders gut hielt, sei­en nicht im­mer je­ne ge­we­sen, die das Pu­bli­kum am stärks­ten be­rühr­ten. Um­ge­kehrt ha­be er er­lebt, dass ge­ra­de Vor­stel­lun­gen, an de­nen er selbst zwei­fel­te, beim Pu­bli­kum ei­ne be­son­de­re Re­so­nanz aus­lös­ten.

»I’m giving a gift.«

»The audience knows when you’re in the moment better than you know when you’re in the moment.«

Wer den ei­ge­nen Maß­stab in­fra­ge stellt, muss ir­gend­wann ent­schei­den, wor­an er sich statt­des­sen ori­en­tiert.

 Auch Jonathan Tetelman hat da­rauf kei­ne ein­fa­che Ant­wort. Fragt man ihn nach den ver­schie­de­nen Ka­te­go­ri­en des Te­nor­fachs, ge­rät er zu­nächst gar nicht in ei­ne Dis­kus­si­on über ly­ri­sche, Spin­to- oder dra­ma­ti­sche Stim­men. Viel wich­ti­ger er­scheint ihm ein an­de­rer Ge­dan­ke. Ganz gleich, in wel­chem Fach sich ei­ne Stim­me be­wegt, sagt er, müs­se sie ih­re ly­ri­sche Qua­li­tät be­wah­ren. Erst wenn die­ser Ge­dan­ke aus­ge­spro­chen ist, ver­lie­ren auch die Ka­te­go­ri­en für ihn an Be­deu­tung: »It’s more important to be doing the thing than talking about what you’re doing.«

Wer so denkt, für den stellt sich fast zwangs­läu­fig die nächs­te Fra­ge: Wer ent­schei­det ei­gent­lich, wann ein Sän­ger be­reit ist für die nächs­te Par­tie? Leh­rer, Agen­ten, In­ten­dan­ten? Tetelman zö­gert nicht. Am En­de kön­ne die­se Ent­schei­dung nie­mand au­ßer dem Sän­ger selbst tref­fen. Da­bei ge­he es we­ni­ger um Mut als um Ver­ant­wor­tung. Oder, wie Daniel Barenboim es ein­mal for­mu­liert ha­be: »Don’t let your ambitions cloud your judgment.«

Dass sich die­se Hal­tung längst nicht mehr nur auf Rol­len­ent­schei­dun­gen be­zieht, zeigt sich we­nig spä­ter. Auf die Fra­ge nach den größ­ten Ri­si­ken sei­ner Kar­ri­e­re spricht Tetelman we­der über schwie­ri­ge Par­ti­en noch über stimm­li­che Gren­zen. Er spricht über Zeit. »The biggest risk is wasting time.« Frü­her ha­be er na­he­zu je­de Er­fah­rung ge­sucht. Heu­te fra­ge er sich ge­nau­er, wel­chen Pro­jek­ten er Wo­chen oder Mo­na­te sei­nes Le­bens wid­men möch­te. »I have a family. I have a wife.«

Mit den Jah­ren, so Jonathan Tetelman an an­de­rer Stel­le des Ge­sprächs, hät­ten sich vie­le sei­ner Maß­stä­be ver­än­dert. Um­so span­nen­der ist die Ge­gen­fra­ge: Was ist ge­blie­ben? Was hat sich trotz in­ter­na­ti­o­na­ler Kar­ri­e­re, wach­sen­der Be­kannt­heit und im­mer grö­ße­rer Büh­nen nicht ver­än­dert? Tetelman lacht.

»Let me get my wife.«

We­nig spä­ter sitzt sei­ne Frau ne­ben ihm auf der Ter­ras­se. Sie über­legt kurz. Dann spricht sie we­der über Tetelmans Stim­me noch über des­sen Er­folg. Son­dern über Freund­lich­keit. Über Be­schei­den­heit. Da­rü­ber, dass ihr Mann selbst je­nen Men­schen mit Of­fen­heit be­geg­ne, von de­nen er wis­se, dass sie ihm nicht im­mer wohl­ge­son­nen sei­en.

Tetelman hört schwei­gend zu. Er er­gänzt nichts, lässt die Be­schrei­bung ein­fach ste­hen. Zum ers­ten Mal in die­sem In­ter­view ent­steht das Por­trät nicht aus sei­nen ei­ge­nen Wor­ten, son­dern aus dem Blick ei­nes Men­schen, der ihn seit Jah­ren be­glei­tet.

Fast bei­läu­fig kommt das Ge­spräch noch ein­mal auf sei­ne Rol­len zu­rück. Jonathan Tetelman er­zählt von Mario Cavaradossi, den er im Herbst an der Wiener Staatsoper wie­der sin­gen wird. Er be­wun­de­re ihn, sagt er, weil er ein gu­ter Mensch sei. Weil er lie­be, Hal­tung zei­ge und be­reit sei, für sei­ne Über­zeu­gun­gen ein­zu­ste­hen.

Um­so über­ra­schen­der ist, dass Tetelman un­mit­tel­bar da­nach vom Herzog von Mantua, dem Ver­füh­rer aus Verdis Rigoletto, spricht – ei­ner Fi­gur, die kaum wei­ter von Cavaradossi ent­fernt sein könn­te. Er lie­be es, die­sen Mann zu spie­len, ge­ra­de weil er ihn mo­ra­lisch zu­tiefst ab­leh­ne. Es ma­che ihm Freu­de, sich für ei­nen Abend in ei­ne Fi­gur hi­nein­zu­den­ken, de­ren Welt­bild ihm völ­lig fremd sei. »You have to embrace their good qualities and their bad qualities to the same extent. That’s what makes a full, complete artist.«

Am En­de des Ge­sprächs be­kommt ein Satz, der gleich zu Be­ginn ge­fal­len ist, noch ein­mal ei­ne an­de­re Be­deu­tung. Schon zu Be­ginn hat­te Tetelman über Puccini ge­sagt: »These stories are about real people.« Nun spricht er über Hel­den und Schur­ken auf die­sel­be Wei­se: als Men­schen.

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