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Schweine & Menschen

Interview |

Der Regisseur Damiano Michieletto über die Oper Animal Farm.

OL Animal Farm wird mit­un­ter als Fa­bel für Kin­der ge­se­hen. Ist sie das?

DM Animal Farm kann auch eine Fa­bel für Kin­der sein, und es gibt ja einen ent­spre­chen­den Zei­chen­trick­film. Denn na­tür­lich kann man die Ge­schich­te so er­zäh­len: Es war ein­mal ein Bau­ern­hof, auf dem Tie­re leb­ten, die da­von träum­ten, sich von ihrem Herrn zu be­frei­en. Sie or­ga­ni­sier­ten sich und so wei­ter und so fort. Aber Animal Farm ist nicht nur das! Selbst­ver­ständ­lich ist die Fa­bel eine Al­le­go­rie, und der Ver­fas­ser hat sehr kla­re und prä­zi­se Par­al­le­len zu einer his­to­ri­schen Si­tua­ti­on in der So­wjet­uni­on und zu Per­so­nen wie Stalin und Trotzki ge­zo­gen. Animal Farm ist ein so­zia­les und po­li­ti­sches Gleich­nis. Mir ge­fällt, dass die Ge­schich­te Äsops Fa­beln ähnelt, in de­nen durch die Tie­re stets eine mo­ra­li­sche, po­li­ti­sche oder so­zia­le Bot­schaft ver­mit­telt wird. Und so ist Animal Farm eine Ge­schich­te, die durch die Tie­re über De­mo­kra­tie, Po­li­tik, Ge­walt, Schi­ka­nen, Un­ge­rech­tig­kei­ten, To­ta­li­ta­ris­mus, Re­vo­lu­ti­on spricht, das heißt über The­men, die Teil der Mensch­heit sind und die auch un­se­re heu­ti­ge Si­tua­ti­on be­tref­fen. Ich je­den­falls woll­te im­mer ver­mei­den, dass es nur ein Mär­chen für Kin­der wird. Ich woll­te, dass die Tie­re Sinn­bil­der sind, auch dra­ma­ti­sche und be­un­ru­hi­gen­de. Denn es geht um Le­ben und Tod. Es geht um Leid und um einen Wunsch nach Glück.

OL Orwell schrieb seine Er­zäh­lung in einer be­stimm­ten Zeit, einer spe­zi­fi­schen Si­tua­ti­on, er the­ma­ti­sier­te, wie von Ihnen an­ge­spro­chen, den Kom­mu­nis­mus. Ist Ihrer Mei­nung nach die Hand­lung von Animal Farm zeit­los und all­ge­mein­gül­tig? Im­mer ak­tu­ell, auch heu­te?

DM Ge­nau das ist die Wir­kungs­kraft von Animal Farm! Näm­lich die Tat­sa­che, dass die Ge­schich­te – wie bei al­len Klas­si­kern – über die ge­schicht­li­chen Ver­hält­nis­se der Ent­ste­hungs­zeit hin­aus­reicht. Orwell mach­te kon­kre­te An­spie­lun­gen auf die So­wjet­uni­on, aber er er­zählt auch von Me­cha­nis­men, die ge­sell­schaft­li­chen Pro­zes­sen zu­grun­de lie­gen. So mein­te er, dass die wich­tigs­te Pas­sa­ge die­je­ni­ge sei, in der es den Schwei­nen zu recht­fer­ti­gen ge­lingt, wa­rum ge­ra­de sie die Milch be­kom­men müs­sen. Die Milch: Das ist in Animal Farm das Wert­volls­te, et­was, das al­le ger­ne hät­ten. Die Schwei­ne, die ge­ra­de erst die Macht er­grif­fen ha­ben, über­zeu­gen die an­de­ren durch eine Lü­ge und durch die Ver­brei­tung von Schre­cken. Sie sa­gen et­wa: Wir müs­sen Milch trin­ken, weil wir eine gro­ße Ver­ant­wor­tung tra­gen! Und ihr müsst für uns sor­gen, weil sonst Mr. Jones zu­rück­keh­ren könn­te. Al­so: Dro­hung, Angst. Wenn du nicht die­ses tust, kann je­nes pas­sie­ren. Die­ses Re­gie­ren durch die Ver­brei­tung von Schre­cken ist ein Me­cha­nis­mus, der in un­se­rer Ge­sell­schaft häu­fig zu fin­den ist. Auch zur Recht­fer­ti­gung von Un­ge­rech­tig­kei­ten. Man sieht al­so, wie die Ge­schich­te über die his­to­ri­sche Zeit, in der sie ge­schrie­ben wur­de, hin­aus­reicht.

OL Wie viel Rea­lis­mus braucht die­se Ge­schich­te, wie viel ver­trägt die Fa­bel?

DM Fa­beln müs­sen nicht rea­lis­tisch sein. In Animal Farm kom­men Schwei­ne vor, die spre­chen kön­nen und die sich mit Zie­gen, Hüh­nern und Kü­hen zu­sam­men­tun, um zu re­vol­tie­ren. Die Fan­ta­sie ge­stat­tet es einem, frei­er zu er­zäh­len – ge­ra­de, weil man weiß, dass es sich um Fik­ti­on han­delt. Es ist die Kraft der Mas­ke: Wenn eine Schau­spie­le­rin eine sol­che auf­setzt, wird die­se ihre Per­sön­lich­keit nicht aus­lö­schen, son­dern sie macht sie ex­plo­siv, uni­ver­sell, sie lässt sie über die Spra­che, die sie ge­ra­de spricht, hin­aus­wach­sen. Al­so: Eine Ge­schich­te mit Tier­mas­ken zu er­zäh­len, be­flü­gelt die Fan­ta­sie. Für mich ist das in­te­res­sant, weil ich da­durch die Frei­heit ge­win­ne, Kon­ven­tio­nen hin­ter mir zu las­sen und mich von einem Rea­lis­mus zu ver­ab­schie­den.

OL Was aber sieht man auf der Büh­ne? Men­schen oder Tie­re?

DM Auf der Büh­ne sieht man Tie­re, die am En­de zu Men­schen wer­den. Dies war auch die Me­ta­pher von Orwell: Animal Farm en­det mit einer kur­zen Be­mer­kung, die be­sagt, dass man am Schluss kei­nen Un­ter­schied mehr zwi­schen Schwei­nen und Men­schen er­kennt. Die Schwei­ne, die einen Auf­stand ma­chen und sich so weit wie mög­lich von dem, was der Mensch dar­stellt, un­ter­schei­den woll­ten, neh­men am En­de al­le sei­ne Merk­ma­le und Ei­gen­schaf­ten an. So, als ob sie wie­der von vor­ne an­fan­gen wür­den. Sie wer­den zu je­nem Feind, den sie am An­fang be­sie­gen woll­ten.

OL Damiano Michieletto als Re­gis­seur: Wie wür­de er die Welt ver­än­dern?

DM Das weiß ich wirk­lich nicht ... Wie ich die Welt ver­än­dern wür­de? Po­li­tisch ... Ich weiß es nicht. Ich glau­be nicht, dass ich et­was ver­än­dern kann. Ich ha­be kei­ne po­li­ti­sche Macht. Ich den­ke, das Wich­tigs­te, das ich als Re­gis­seur mit mei­nem Team tun kann, ist zu ver­su­chen, et­was Auf­re­gen­des für das Pu­bli­kum zu schaf­fen. Das ist eine Mög­lich­keit, et­was zu ver­än­dern. Nicht die Welt. Aber Emo­tio­nen zu schen­ken und et­was da­für zu tun, dass die Men­schen ins Thea­ter ge­hen und dass die Büh­ne zu einem Ort des Le­bens wird. Auch in einer Welt, die zu­neh­mend von Tech­no­lo­gie be­stimmt und durch Tech­no­lo­gie ge­fil­tert wird. Ich kann ver­su­chen, die Büh­ne zu et­was zu ma­chen, das auch ris­kant ist, zu et­was, das un­be­quem und über­ra­schend ist.

OL Und wie po­li­tisch ist das Thea­ter? Nicht nur Ih­res, son­dern als In­sti­tu­ti­on ganz all­ge­mein?

DM Nun ja, das Thea­ter ist in dem Sin­ne po­li­tisch, als es die Po­lis be­trifft, die Bür­ger­schaft, die Ge­mein­schaft. Schon durch die Tat­sa­che, dass man an einem Er­eig­nis teil­nimmt. Wenn ich nun an die Zu­kunft der Oper den­ke, glau­be ich, dass ge­sell­schaft­li­che und po­li­ti­sche The­men am in­te­res­san­tes­ten sind. Ge­ra­de die Oper hat die Mög­lich­keit – auch für die Viel­zahl von Per­so­nen, die an einer Auf­füh­rung mit­wir­ken –, ein Spie­gel der Ge­sell­schaft zu sein, und sie kann einen kri­ti­schen Blick auf die Ge­sell­schaft wer­fen. Mein Traum ist, dass es uns wie am En­de des 16. Jahr­hun­derts, als man die Oper er­fand, ge­lingt, eine Spra­che zu fin­den, die Wort und Mu­sik ide­al ver­eint. Und mir wür­de es ge­fal­len, wenn wir zu einem ge­sell­schaft­lich wie po­li­tisch fo­kus­sier­te­ren Blick fän­den – wie im an­ti­ken Grie­chen­land. Schließ­lich be­geis­tern mich Ge­schich­ten, die die Welt, in der wir le­ben, be­tref­fen.

OL Gibt es für Sie den ein­drucks­volls­ten Mo­ment der Oper?

DM In Animal Farm gibt es einen Mo­ment, der mir an­fangs Kopf­zer­bre­chen be­rei­tet hat: Eine Sze­ne, die der Kom­po­nist Raskatov ein­ge­fügt hat und die nicht Teil von Orwells Ge­schich­te ist. Raskatov hat eine Fi­gur na­mens Pigetta er­fun­den, eine Sän­ge­rin, der von Squealer – einem Schwein, das an Napoleons Sei­te steht (auf Deutsch wur­de der Na­me als »Schwatzwutz« über­setzt) – der Hof ge­macht wird. Die­se Sze­ne ist ein Zi­tat. Es ist, als wür­den wir in die Oper ge­hen und dort die­se Sän­ge­rin er­le­ben, der von einem Ver­eh­rer Blu­men ge­schenkt wer­den. Sie denkt, dass sie die Blu­men auf­grund ihrer Schön­heit, auf­grund ihrer Be­rühmt­heit be­kommt. Der Ver­eh­rer aber sagt: Nein, dies sind die Blu­men für dein Grab. Raskatov hat die­ses Zi­tat, das von einer tat­säch­lich exis­tie­ren­den Per­son aus der So­wjet­uni­on stammt, für die Oper ver­wen­det. Es gibt al­so eine Ver­bin­dung zwi­schen die­ser Sze­ne und der Ge­schich­te der So­wjet­uni­on, die ich auf sur­rea­le, aber auch dra­ma­ti­sche Wei­se ge­deu­tet ha­be. Dar­aus ist eine der em­ble­ma­tischs­ten Sze­nen der Oper ge­wor­den.

OL Zu­letzt: Kön­nen Sie aus Ihrer Sicht Raskatovs Mu­sik be­schrei­ben?

DM Mir ge­fällt un­ge­mein, dass Raskatov ein Kom­po­nist ist, der den Dia­log mit dem Pu­bli­kum sucht und nicht auf Dis­tanz geht. Er stellt sich den Zu­hö­re­rin­nen und Zu­hö­rern. Und sagt: Ich möch­te eine Mu­sik schrei­ben, die eine di­rek­te, po­pu­lä­re, un­mit­tel­ba­re Ver­bin­dung zum Pu­bli­kum hat. Wei­ters ver­spü­re ich in sei­ner mu­si­ka­li­schen Welt das Echo von Schostakowitsch. Raskatov ver­mischt Gen­res, spielt mit stimm­li­chen Ex­tre­men. Mit an­de­ren Wor­ten: Er ge­fällt mir, weil er sei­ne Spra­che nicht auf eine Or­ches­ter­übung oder eine Tech­nik­übung re­du­ziert, son­dern die Ge­schich­te vor sich sieht. Er selbst hat ja auch viel am Li­bret­to ge­ar­bei­tet, um es bes­ser ans Thea­ter an­zu­pas­sen. Und er hat ein gro­ßes thea­tra­les Ge­spür. Sei­ne Mu­sik, die Art und Wei­se, in der er Fi­gu­ren er­schafft, ist sehr thea­ter­be­zo­gen. Ab­ge­se­hen da­von war es sehr ein­fach, mit sei­ner Mu­sik zu ar­bei­ten, weil sie zahl­lo­se Mög­lich­kei­ten an­bie­tet, um Fi­gu­ren und eine Welt zu er­schaf­fen. Sei­ne Mu­sik ist sehr reich­hal­tig, mit­rei­ßend. Und das ist mei­ner Mei­nung nach für das Pu­bli­kum sehr, sehr schön!

Das vollständige Interview finden Sie im Programmheft der Produktion.

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