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Schweine an die Macht!

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Zur Wiederaufnahme von »Animal Farm«

Im Ju­ni kehrt Ale­xan­der Ras­ka­tovs düs­te­re Ad­ap­ti­on des Ro­mans von Ge­or­ge Or­well an die Wie­ner Staats­oper zu­rück. Ein Stück über Macht­gier und Po­pu­lis­mus, To­ta­li­ta­ris­mus und Ge­walt, Re­vo­lu­ti­on und Hoff­nung.

Drei Tech-Milliardäre, zwei Autokraten und ein Staatsbesuch

4. Mai 2026: Staats­be­such des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Do­nald Trump in Pe­king. Am Platz des Himm­li­schen Frie­dens, an dem 1989 die De­mo­kra­tie­be­we­gung des chi­ne­si­schen Volks durch die kom­mu­nis­ti­sche Re­gie­rung ge­walt­sam nie­der­ge­schla­gen wur­de, fin­det an die­sem Mai­fei­er­tag eine ge­lun­ge­ne In­sze­nie­rung statt: Ju­beln­de Kin­der hüp­fen Fähn­chen schwin­gend – chi­ne­si­sche und ame­ri­ka­ni­sche selbst­ver­ständ­lich – auf und ab und be­grü­ßen den Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Dann folgt eine Mi­li­tär­pa­ra­de: prä­zi­se cho­reo­gra­fiert, per­fekt aus­ge­führt – eine De­mons­tra­ti­on chi­ne­si­scher Ef­fi­zi­enz, Dis­zi­plin und mi­li­tä­ri­scher Stär­ke. Man will den Gast be­ein­dru­cken, ihm aber auch schmei­cheln: Eine gro­ße Büh­ne, eine gu­te Show, viel Pu­bli­kum – ge­nau so mag es Trump.

Bei den Ver­hand­lun­gen sit­zen dann die­je­ni­gen Män­ner mit am Tisch, die in der heu­ti­gen Zeit die Ge­schi­cke der Welt be­stim­men: Elon Musk, Apple-Chef Tim Cook und Jen­sen Huang, Chef des Chip­her­stel­lers NVIDIA. Als Haupt­pro­fi­teu­re des li­be­ra­len, ka­pi­ta­lis­ti­schen Wes­tens sind sie vor al­lem für ei­nes dort: Ver­bes­se­rung der Han­dels­be­zie­hun­gen mit dem Ziel der ei­ge­nen Ge­winn­ma­xi­mie­rung. Auf der Agen­da ste­hen nicht Ge­sprä­che über die fort­dau­ern­den Ag­gres­sio­nen Russ­lands ge­gen die Be­völ­ke­rung in der Ukrai­ne oder Be­ra­tun­gen über die Be­kämp­fung ei­ner Kli­ma­kri­se, die ge­ra­de von füh­ren­den Markt­wirt­schaf­ten wie Chi­na und den USA vor­an­ge­trie­ben wird, oder Über­le­gun­gen zur Ent­dy­na­mi­sie­rung ei­ner Ar­muts­spi­ra­le, in die im­mer mehr Men­schen durch den Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus ver­fal­len. Statt­des­sen wird um Zoll­erhö­hun­gen und -sen­kun­gen ge­feilscht, neue Ab­satz­märk­te wer­den er­kämpft, Han­dels­bar­rie­ren neu ver­han­delt. 

Beim The­ma Iran-Krieg geht es Trump vor al­lem um die Frei­set­zung des Öls, das wei­ter­hin in den Tan­kern in der Stra­ße von Hor­mus fest­sitzt und das er so drin­gend be­nö­tigt, um die wach­sen­den Pro­test­stim­men im ei­ge­nen Land zu be­sänf­ti­gen – wenn die Kri­se plötz­lich den ei­ge­nen Geld­beu­tel er­reicht, kann man ja mal Ein­spruch er­he­ben. Kein Wort wird ge­wech­selt über die fort­wäh­ren­de Un­ter­drü­ckung von Frau­en­rech­ten, die trotz der »Wo­man, Life, Free­dom«-Be­we­gung, 2022 durch den ge­walt­sa­men Tod von Mah­sa Ami­ni aus­ge­löst, kei­ne si­gni­fi­kan­ten Ver­bes­se­run­gen er­fah­ren ha­ben. Und wie selbst­ver­ständ­lich wird dort an der gro­ßen Ta­fel die Welt­herr­schaft ver­han­delt, die zwei­fels­oh­ne in Zu­kunft von der im Be­reich KI füh­ren­den Na­ti­on be­stimmt wird und wor­in zur­zeit Chi­na und die USA die mit Ab­stand füh­ren­den Streit­mäch­te sind. Viel­leicht lag Jen­sen Huang also gar nicht so falsch, als er den Gip­fel als »ei­nen der be­deu­tends­ten der Mensch­heit« be­zeich­ne­te. Nur hat dies eben nichts mit Hu­ma­ni­tät zu tun.

»Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher«

Bli­cken wir von un­se­rem klei­nen Fleck­chen Er­de nach links und nach rechts, so scheint es po­li­tisch ei­gent­lich kaum noch ei­nen Un­ter­schied zu ge­ben. Der Ka­pi­ta­lis­mus hat Ein­zug in al­le Win­kel der Er­de er­hal­ten, und die Klep­to­ma­nie der Welt­füh­rer ver­schlingt je­den Ver­such ei­ner po­li­ti­schen Grenz­zie­hung zwi­schen dem li­be­ra­lis­tisch ge­sinn­ten Wes­ten und dem so­zia­lis­tisch ge­sinn­ten Os­ten. Trumps an­dau­ern­der Flirt mit den füh­ren­den Au­to­kra­ten der Welt – Pu­tin und Xi – be­weist, dass man sich in ei­nem Land, das noch bis vor nicht all­zu lan­ger Zeit ei­nen er­bit­ter­ten ideo­lo­gi­schen so­wie mi­li­tä­ri­schen Kampf ge­gen den Kom­mu­nis­mus führ­te, heu­te pro­blem­los in ei­ner Li­nie mit je­nen »feind­li­chen« Na­tio­nen zei­gen kann, oh­ne da­mit auf wirk­lich nen­nens­wer­ten Wi­der­stand zu sto­ßen. An die Stel­le ei­ner Wer­te­ge­mein­schaft, die auf der Wah­rung von Men­schen­wür­de und -rech­ten, auf ethi­schem Han­deln, in­ter­na­tio­na­ler Zu­sam­men­ar­beit und ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt ba­siert, tritt ei­ne »me first«-Kul­tur, bei der es aus­schließ­lich um per­sön­li­che Be­rei­che­rung geht. Das sind die neu­en Wer­te, die den ehe­ma­li­gen Os­ten und Wes­ten heu­te ver­bin­den. Der Ei­ser­ne Vor­hang ver­läuft nicht mehr ver­ti­kal, wie er es zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges tat, son­dern ho­ri­zon­tal zwi­schen Tä­tern und Op­fern, je­nen, die aus­beu­ten, und je­nen, die aus­ge­beu­tet wer­den.

 

Das ist ei­gent­lich nichts Neu­es. Dass Macht­gier – jen­seits po­li­ti­scher Ideo­lo­gien – ver­bin­det, ist ge­ra­de das, was Or­well in sei­ner 1945 er­schie­ne­nen Fa­bel auf­zu­zei­gen ver­mag: Die Tie­re der Ma­nor Farm sind ih­re Un­ter­drü­ckung durch den Bau­ern Jo­nes leid. Der al­te Eber Old Ma­jor er­zählt den Farm­tie­ren bei ei­ner nächt­li­chen Ver­samm­lung von sei­nem Traum: Ge­mein­sam wür­den sie ge­gen die Aus­beu­tungs­herr­schaft der Men­schen re­vol­tie­ren und ein selbst­be­stimm­tes Le­ben füh­ren, bei dem al­le Tie­re gleich­wer­tig sind. Ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter – Old Ma­jor ist be­reits ver­stor­ben – kommt es un­er­war­tet zur Re­vo­lu­ti­on, und die Tie­re ver­trei­ben Jo­nes vom Hof. Zu­nächst scheint al­les bes­ser zu wer­den: Al­le tra­gen zur Ge­mein­schaft bei, was sie kön­nen, Es­sen wird ge­recht auf­ge­teilt, nichts wird ver­kauft, Han­del ist ver­pönt. Doch nach und nach über­neh­men die Schwei­ne die Füh­rung und un­ter­drü­cken die an­de­ren Tie­re. Sie ord­nen mehr Ar­beit an, ent­eig­nen die Hen­nen, de­ren Ei­er sie zum Ver­kauf kon­fis­zie­ren, ra­tio­nie­ren das Es­sen der an­de­ren und be­rei­chern sich da­für selbst. Die po­li­ti­sche Op­po­si­ti­on in Form des Schweins Snow­ball wird mit ro­her Ge­walt vom Hof ver­jagt und als Ver­rä­ter de­nun­ziert, der in der Zeit der Re­vo­lu­ti­on mit den Men­schen zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hät­te. Das Pro­pa­gan­da­schwein Squea­ler (was so viel wie »quiet­schen/kreis­chen«, aber auch »ver­pet­zen« be­deu­tet) über­zeugt die Tie­re den­noch, dass es ih­nen stets bes­ser geht als zu­vor un­ter den Men­schen, und recht­fer­tigt da­mit die Vor­herr­schaft der Schwei­ne. Die Um­kehr der ei­gent­lich re­vo­lu­tio­nä­ren Idee kon­zen­triert sich letzt­lich in der Ver­än­de­rung des obers­ten Ge­set­zes der Tie­re durch die Schwei­ne: Aus »Al­le Tie­re sind gleich« wird zum Schluss »Al­le Tie­re sind gleich, aber man­che Tie­re sind glei­cher«.

Orwells »Animal Farm«

Ge­fähr­lich be­un­ru­hi­gend er­klingt die­ses letz­te Ge­bot in ei­ner Zeit, in der nach jah­re­lan­gem Krieg so­eben ein gan­zes Sys­tem be­siegt wur­de, das ge­nau auf solch ei­ner Ideo­lo­gie ba­sier­te, dass man­che Men­schen bes­ser sei­en als an­de­re. Ob­wohl Or­wells Fa­bel we­ni­ger eine Kri­tik am Na­tio­nal­so­zia­lis­mus im All­ge­mei­nen dar­stellt, da­für aber an dem aus­beu­te­ri­schen Ka­pi­ta­lis­mus als sol­chem, für den die Men­schen ste­hen, und dem ter­ro­ri­sie­ren­den Sta­li­nis­mus, für den die neue Schwei­ne­herr­schaft steht, sind Or­wells ei­ge­ne an­ti­fa­schis­ti­schen und an­ti-im­pe­ria­lis­ti­schen Wur­zeln ein zen­tra­ler As­pekt sei­ner Bio­gra­fie und sei­nes künst­le­ri­schen Schaf­fens: 1936 reist der in Bri­tisch-In­di­en ge­bo­re­ne Schrift­stel­ler nach Spa­ni­en, um im dor­ti­gen Bür­ger­krieg an der Sei­te der Re­pu­bli­ka­ner ge­gen die fa­schis­ti­schen Put­schis­ten Fran­cos zu kämp­fen. Er schließt sich der POUM-Mi­liz an, die Teil der mar­xis­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei bil­de­te und vor al­lem an­ti-sta­li­nis­ti­sche Kom­mu­nis­ten zum ge­mein­sa­men Zweck ver­ein­te. Die Idee für Animal Farm war zu die­sem Zeit­punkt schon ge­bo­ren: Ziel war es, ein Werk zu ver­fas­sen, das vor al­lem im Wes­ten ein rea­les Bild des­sen ver­mit­teln soll­te, was tat­säch­lich in der UdSSR un­ter Sta­lin statt­fand – von neu­en Aus­beu­tun­gen, Ge­walt­ex­zes­sen, De­por­ta­tio­nen bis hin zum Mas­sen­ster­ben in den Gu­lags – und vor dem man im Wes­ten lan­ge die Au­gen ver­schloss.

Or­wells Ro­man en­det da­mit, dass die Schwei­ne, die nun doch mit den Men­schen ko­ope­rie­ren, beim Kar­ten­spiel mit ei­nem der um­lie­gen­den Bau­ern von den an­de­ren Tie­ren be­ob­ach­tet wer­den, die Schwein und Mensch nun nicht mehr von­ein­an­der un­ter­schei­den kön­nen. Un­ter Sta­lin wan­del­te sich der kom­mu­nis­ti­sche Traum Marx’, die Klas­sen­ge­sell­schaft ab­zu­schaf­fen und ein gleich­wer­ti­ges, ge­recht ver­teil­tes Le­ben für al­le zu er­mög­li­chen, zu ei­nem neu­en aus­beu­te­ri­schen Sys­tem, das sich von je­nem des Ka­pi­ta­lis­mus, von dem sich die Tie­re vormals zu be­frei­en ver­sucht hat­ten, nicht mehr un­ter­schei­den ließ. In sei­nem Vor­wort zur ukrai­ni­schen Aus­ga­be be­schreibt Or­well, dass die­ser Schluss­mo­ment auf die Kon­fe­renz von Te­he­ran an­spie­len soll­te, bei der erst­mals die drei al­li­ier­ten Su­per­mäch­te (USA, Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich und UdSSR), ver­tre­ten durch Roo­se­velt, Chur­chill und Sta­lin, zu­sam­men­ka­men, um eine ge­mein­sa­me Kriegs­stra­te­gie ge­gen das fa­schis­ti­sche Na­zi-Deutsch­land aus­zu­ar­bei­ten.

Wo bleibt die Hoffnung?

Die Macht­me­cha­nis­men, die Or­well in sei­ner Fa­bel be­schreibt – von Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen, Pro­pa­gan­da und Angst­ma­che als po­li­ti­sche Druck­mit­tel bis hin zur Li­qui­da­ti­on der po­li­ti­schen Op­po­si­ti­on, ex­tre­men Per­so­nen­kul­ten und Macht­kon­so­li­die­rung durch ei­ni­ge we­ni­ge (rei­che!) Män­ner – ver­brei­ten sich heu­te auf er­neut be­un­ru­hi­gen­de Art und Wei­se. Nar­ziss­mus und Gier schei­nen un­se­re Welt zu be­stim­men, sei­en es Au­to­kra­ten, die un­recht­mä­ßi­ge Ter­ri­to­ri­al­krie­ge füh­ren (in der Ukrai­ne eben­so wie Chi­nas Be­stre­bun­gen um die An­ne­xi­on Tai­wans), Prä­si­den­ten, die ih­re Geld­gier of­fen der Welt prä­sen­tie­ren und da­für ge­fei­ert wer­den, oder stink­rei­che Un­ter­neh­men, die von uns nichts als Geld wol­len und an die wir be­reit­wil­lig un­se­re See­len (sa­gen wir: Da­ten) ver­kau­fen.

Manch­mal scheint es schwie­rig, Hoff­nung zu fin­den. Aber viel­leicht ist das schon wie­der viel zu weh­lei­dig. Schließ­lich le­ben wir hier im Wes­ten viel eher im Über­fluss als in Not, und trotz al­lem, was mo­men­tan ge­bro­chen scheint, muss man ein­se­hen, dass wir hier ge­wis­ser­ma­ßen auf der Hö­he des Wohl­stands le­ben.

In sei­nen No­ti­zen in Deutsch­land (1934) be­schreibt Max Hork­hei­mer die Klas­sen­ge­sell­schaft in Form ei­nes Wol­ken­krat­zers: Oben die Trust­ma­gna­ten, Ma­na­ger, freie Be­ru­fe so­wie An­ge­stell­te, Mi­li­tärs, Aka­de­mi­ker, dann das Pro­le­ta­ri­at, dar­un­ter die Ar­men und Kran­ken; dann aber erst das wirk­li­che Elend: die Mas­sen­ar­mut in den ehe­ma­li­gen Ko­lo­ni­en, die sich oft bis heu­te nicht von ih­rer Aus­beu­tung er­holt ha­ben, und dar­un­ter dann das Tier­lei­den. Ich den­ke, wir wis­sen, wo wir hin­ge­hö­ren.

Su­chen wir al­so den Fun­ken Hoff­nung dort, wo auch Or­well ihn plat­zier­te: in dem Traum von ei­ner bes­se­ren Welt, für die wir durch­aus die Kraft ha­ben zu kämp­fen, wenn wir wol­len.

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