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Schonungslos ehrlich

Interview |

Was macht ei­ne Rol­le mit dem ei­ge­nen Le­ben? Patricia Nolz über Octavian, Selbst­er­kennt­nis und ih­re Lust, im­mer noch tie­fer zu gra­ben

Nur sechs Jah­re ist es her, dass die Mez­zo­so­pra­nis­tin Patricia Nolz, da­mals noch als Mit­glied des neu ge­grün­de­ten Opern­stu­di­os, in der klei­nen Rol­le der Kate Pinkerton in Madama Butterfly an der Staatsoper de­bü­tier­te. Heu­te ar­bei­tet sie mit den Größ­ten der Opern­welt zu­sam­men, singt füh­ren­de Rol­len und ist ein Pu­bli­kums­lieb­ling. Doch wie hat die stei­le Kar­ri­e­re ihr Le­ben ver­än­dert? Was lernt sie über Men­schen, wenn sie ei­nen 17-jäh­ri­gen Bur­schen spielt? Und was tun ge­gen Schlaf­lo­sig­keit vor wich­ti­gen Auf­trit­ten?

Sie wa­ren Mit­glied des Opern­stu­di­os, des En­sem­bles und sind nun frei­be­ruf­li­che Sän­ge­rin. In wel­chem Sta­di­um der Kar­ri­e­re ist der Druck grö­ßer? Als An­fän­ge­rin, wenn man die ers­ten Schrit­te macht, oder als be­reits be­kann­ter Na­me?

Das ist ei­ne span­nen­de Fra­ge! Denn ei­gent­lich nimmt der Druck mit dem An­stei­gen der Kar­ri­e­re ja zu. Ab ei­ner ge­wis­sen Grö­ße der Rol­len kann man ein­fach nicht mehr un­ter dem Ra­dar flie­gen, auch wenn es ei­nem viel­leicht an ei­nem Abend nicht ide­al geht. Auf der an­de­ren Sei­te: Als frei­be­ruf­li­che Sän­ge­rin kann ich mir mei­nen Ka­len­der ein­tei­len, wie ich will. Ich durf­te mich als Mit­glied des Opern­stu­di­os und des En­sem­bles der Staatsoper auch in Hin­blick auf für mich ide­a­le Ru­he­zei­ten sehr gut ken­nen­ler­nen und nüt­ze heu­te die­ses Wis­sen. Dass ich mei­nen Rhyth­mus le­ben kann, nimmt mir viel Druck. Und ich ha­be als selbst­stän­di­ge Sän­ge­rin die Chan­ce, mir mei­ne Pro­jek­te voll­kom­men ei­gen­stän­dig aus­zu­su­chen. Das ist ei­ne gro­ße Frei­heit, die ich ge­nie­ße.

Das The­ma Rhyth­mus, Druck und Stress ist heu­te ein ganz all­ge­mei­nes. In ei­ner im­mer schnel­le­ren und ei­ne Dau­er­ver­füg­bar­keit for­dern­den Welt ist das Haus­hal­ten mit den Kräf­ten ins Hin­ter­tref­fen ge­ra­ten. Wie sieht es bei Ih­nen mit Ru­he­pau­sen aus?

Nach gro­ßen De­büts ha­be ich das Be­dürf­nis, mir ein paar Ta­ge Ru­he zu gön­nen. Da­mit ist kein Aus­ru­hen auf Lor­bee­ren ge­meint, son­dern ein­fach ein Run­ter­kom­men, ein Ver­ar­bei­ten. Ich bin kei­ne Freun­din da­von, wenn es über wei­te Stre­cken im High-Stress und auf 180 durch­rennt. Klar, ich kann auch so funk­ti­o­nie­ren. Aber auf Dau­er macht es bei mir künst­le­risch et­was ka­putt – und auch in der Le­bens­freu­de. Das pro­fes­si­o­nel­le Sin­gen hat zwar zwei­fel­los vie­le Kom­po­nen­ten des Leis­tungs­sports, aber den­noch bin ich kei­ne Leis­tungs­sport­le­rin. Es geht nicht um Best­zei­ten, son­dern es geht um Mu­sik, um Kunst, und da gibt es tief­grei­fen­de phi­lo­so­phi­sche Kom­po­nen­ten, die schnell ver­lo­ren ge­hen, wenn man die Sa­che ein­fach nur durch­zieht. Mich wür­de es trau­rig ma­chen, wenn es ir­gend­wann nur noch ums Ab­lie­fern gin­ge und nicht um die Kunst. Denn da­für sind die Mu­sik, die ich sin­gen darf, die Men­schen, mit de­nen ich ar­bei­ten darf, und die Büh­nen, auf de­nen ich sin­gen darf, ein­fach zu groß­ar­tig. Ich möch­te nie ver­ges­sen, was für ein Ge­schenk die­ser Be­ruf und das ver­rück­te Le­ben, das ich ha­be, sind.

Die­ses ver­rück­te Le­ben in der Opern­welt, ist das wirk­lich so ei­ne an­de­re Welt?

Das schwankt sehr stark. Wenn ich in ei­nem in­ten­si­ven Pro­jekt ste­cke, dann dreht sich tat­säch­lich sehr viel um: Auf­ste­hen, Yoga, Me­di­ta­ti­on, Ein­sin­gen, Pro­ben, Üben, Schla­fen. Ei­ne recht stren­ge Rou­ti­ne, die sich in ei­ner klei­nen Bla­se ab­spielt. Wenn ich dann aber frei ha­be, ver­su­che ich, vie­les von dem, was au­ßen vor blieb, nach­zu­ho­len, al­le mei­ne Freun­de zu tref­fen und ein »nor­ma­les« Le­ben zu le­ben. Es ist oft ein sehr star­kes Ent­we­der-oder. In­so­fern ist das Le­ben als Sän­ge­rin wirk­lich an­ders, auch weil es ei­gent­lich fast im­mer um die Stim­me geht.

Geht es in die­sen frei­en Wo­chen beim Tref­fen mit Freun­den um die Oper? Oder ha­ben Sie dann ein Le­ben au­ßer­halb?

Ich ha­be na­tür­lich Freun­de und Freun­din­nen, die eben­falls sin­gen. Dann schüt­tet man ei­nan­der schnell das Herz aus, denn das Ge­gen­über ver­steht ei­nen. Der größ­te Teil mei­nes en­gen Krei­ses, der seit vie­len Jah­ren kon­stant ist, sind aber Nicht­sän­ger, und da geht es dann um ganz an­de­re Din­ge. Vie­le ha­ben zum Bei­spiel ge­ra­de klei­ne Kin­der, und dann lie­be ich es, Nach­mit­ta­ge am Spiel­platz zu sein und mich da­rü­ber zu freu­en, dass je­mand seit ges­tern krab­belt. Da bin ich al­so ganz an ei­nem an­de­ren, »ech­ten« Le­ben dran – und das emp­fin­de ich als sehr schön!

Auf­ste­hen, Yoga, Sin­gen … Sie spra­chen von stren­gen Rou­ti­nen. Hel­fen Ih­nen die­se durchs Sän­ge­rin­nen­le­ben?

Ja, auf je­den Fall. In der hei­ßen Pha­se ei­ner Pro­duk­ti­on ist die Rou­ti­ne sehr prä­zi­se: Was ich früh­stü­cke, wann ich Yoga ma­che, wie ich mich ein­sin­ge. Das hat nichts mit Neu­ro­sen oder Aber­glau­ben zu tun, son­dern ist ein­fach das sich im­mer wei­ter ver­än­dern­de Er­geb­nis ei­nes Lern­pro­zes­ses über mich selbst. Es tut mir gut und hilft mir. Wenn ich zum Bei­spiel in der Früh Yoga ma­che und me­di­tie­re, sind Kör­per, Geist und See­le gut auf­ge­wärmt und ver­bun­den, der Tag be­ginnt ganz an­ders und ganz kon­kret wird das Ein­sin­gen kür­zer und ein­fa­cher.

Das Neu­ro­ti­sche, spielt das ei­ne Rol­le? Zum Bei­spiel: Lei­den Sie an Schlaf­lo­sig­keit, wenn Sie wis­sen, dass Sie am nächs­ten Tag ei­ne gro­ße Par­tie sin­gen? Oder sind Sie da un­emp­find­lich?

(lacht) Also, im Ide­al­fall wür­de ich ger­ne im­mer elf Stun­den schla­fen … Die von Ih­nen an­ge­spro­che­ne Er­fah­rung mit Schlaf­pro­ble­men ha­be ich sehr früh ge­macht, näm­lich im Opern­stu­dio. Ich war als Zerlina in der Don Giovanni-Neu­pro­duk­ti­on be­setzt, das war mei­ne ers­te Staats­opern-Pre­mi­e­re mit ei­ner grö­ße­ren Rol­le. Es war groß­ar­tig, aber auch ei­ne un­ge­mein ner­ven­auf­rei­ben­de Zeit, ob­wohl al­les gut lief. Ich war als jun­ge Sän­ge­rin vor je­der Pro­be ein­fach ster­bens­ner­vös. Es war noch al­les so neu … Als es Rich­tung End­pro­ben ging, konn­te ich plötz­lich ein­fach nicht mehr schla­fen. Vie­le ken­nen das: Man schaut um drei Uhr mor­gens auf die Uhr und denkt sich: Selbst wenn ich jetzt so­fort ein­schla­fe, ha­be ich nur noch vier Stun­den. Und dann geht erst recht gar nichts mehr. Ich war also ir­gend­wann nerv­lich to­tal fer­tig, über­dreht, ver­zwei­felt und hat­te tat­säch­lich nur noch zwei oder drei Stun­den Schlaf pro Nacht. Es war die Höl­le. Aber ich ha­be ein­fach wei­ter­ge­macht – was bleibt ei­nem an­de­res üb­rig – und ir­gend­wann wur­de es wie­der bes­ser. Das klingt nach kei­ner sehr dee­pen Ge­schich­te, aber ich ha­be da­durch in­ten­siv ge­lernt, dass selbst, wenn ich nicht mehr schla­fe und hoch­ner­vös bin, sprich, die Um­stän­de denk­bar un­güns­tig wer­den, ich noch sin­gen und spie­len und vor al­lem: mich auf mich ver­las­sen kann. Wenn es seit­her wie­der­kommt, den­ke ich mir im­mer: Weißt du was? Auch wenn ich jetzt nicht schla­fe, ist es nicht so schlimm. Es wird trotz­dem al­les gut. Und dann kommt der Schlaf ganz von al­lein.

Was kann Sie noch über­ra­schen? Ha­ben Sie das Ge­fühl, sich selbst und die Welt ver­stan­den zu ha­ben? Im Sin­ne von: Ich weiß, wie Patricia Nolz und die Opern­welt ti­cken?

Ich kann den Wert der Er­fah­run­gen, die ich in der Pra­xis und vor al­lem auch bei Grenz­gän­gen be­reits ge­macht ha­be, nicht hoch ge­nug an­set­zen. Wie ge­he ich mit stres­si­gen Si­tu­a­ti­o­nen um? Wie re­a­giert mei­ne Stim­me? Wie fühlt sich der »Au­to­pi­lot« an? Das ha­be ich im Lau­fe der Jah­re ler­nen dür­fen und den­ke manch­mal, dass ich in­zwi­schen wirk­lich aus­rei­chend Er­fah­run­gen ge­sam­melt ha­ben müss­te, um mich in je­der La­ge zu ken­nen. Doch gleich­zei­tig: Je län­ger ich den Be­ruf ma­che, des­to mehr re­a­li­sie­re ich, wie we­nig ich ei­gent­lich ver­ste­he und weiß. Das ist al­ler­dings nicht nur beim Opern­ge­sang so, son­dern in al­len Le­bens­be­rei­chen. Mit dem Wis­sen steigt be­kannt­lich auch die Er­kennt­nis des Nicht­wis­sens. Da­zu kommt, dass sich mei­ne Stim­me lau­fend wei­ter­ent­wi­ckelt und ich da­durch im­mer neue We­ge ge­hen muss. Was ein paar Jah­re lang rich­tig war, stimmt plötz­lich nicht mehr. Wa­rum? Weil die Stim­me, ge­nau wie ich, ein Le­be­we­sen ist, das nie still­steht.

Im Sep­tem­ber sin­gen Sie an der Staats­oper in Mozarts La clemenza di Tito den Annio. Das ist ei­ne Fi­gur, die im­mer wie­der ein we­nig im Schat­ten von Sesto & Co. ge­se­hen wird.

Clemenza ist ein Stück, in dem es mit gro­ßer Tie­fe um zen­tra­le Fra­gen geht. Ver­rat, Gü­te, Groß­zü­gig­keit, Lie­be, Freund­schaft, Ver­trau­en, das gan­ze Pa­ket. Die Aus­ei­nan­der­set­zung mit die­sen The­men be­rührt mich im­mer wie­der aufs Neue, weil es so sehr mit un­ser al­ler Le­ben zu tun hat. Was mir an Annio ge­fällt, ist, dass er kein zy­ni­scher Cha­rak­ter ist, son­dern et­was Pu­res hat, ho­he mo­ra­li­sche Wer­te. Er be­sitzt ei­nen in­ne­ren Kom­pass, und die oft ge­hör­ten, aber sel­ten wirk­lich ge­leb­ten Schlag­wor­te wie Lo­ya­li­tät, Hand­schlag­qua­li­tät und Nach­sicht – die ver­wirk­licht er. Mir be­geg­net das im All­tag, auch in Be­zug auf mich selbst, zu sel­ten. Vie­le von uns nei­gen doch in fast al­lem zu ei­nem sar­kas­ti­schen Un­ter­ton.

Im Sin­ne ei­ner iro­ni­schen Dis­tan­zie­rung und dem Be­fund, dass die Welt an sich schlecht ist.

Und das gibt es bei Annio so nicht. Er ist be­müht, zu ver­söh­nen und den ge­mein­sa­men Nen­ner zu fin­den. So ge­se­hen ei­ne tol­le Fi­gur, der mei­ner Mei­nung nach in der Wahr­neh­mung oft Un­recht ge­tan wird. Er ist eben nicht fad, son­dern viel mehr als das. Und ich wer­de ver­su­chen, das her­aus­zu­brin­gen und mich da­mit zu ver­bin­den.

Sie de­bü­tier­ten vor Kur­zem in Berlin un­ter Christian Thielemann mit ei­nem hoch­ge­lob­ten Rosenkavalier-Octavian. Wenn man ei­ne so rei­che und psy­cho­lo­gisch klu­ge Par­tie ge­stal­tet – wirkt die Fi­gur auf ei­nen zu­rück? Im Sinn von: Ah, da ent­de­cke ich et­was Neu­es an mir, das ich nicht kann­te.

Auf je­den Fall! Ganz be­son­ders beim Octavian. Es ist ja so: Zu­erst glaub­te ich, dass ich die­je­ni­ge sei, die die Par­tie ge­stal­tet. Doch dann spür­te ich mehr denn je, dass ich nicht al­lein am Ru­der bin, son­dern die Rol­le an sich auch ei­ne Ei­gen­ener­gie ent­wi­ckelt, die et­was mit mir macht, die mich ver­än­dert. Ge­nau hier setz­te ein Er­fah­rungs­pro­zess ein, bei dem ich un­end­lich viel über mich selbst ler­nen durf­te. Vor al­lem, wenn man mit ei­ner so groß­ar­ti­gen Be­set­zung – Christian Thielemann, Julia Kleiter, Peter Rose – auf der Büh­ne steht. Ich ha­be ge­spürt, dass ich die Din­ge, die ich sin­ge, tat­säch­lich in die­sen Mo­men­ten le­be und die Ge­füh­le wie von selbst kom­men. Ja, ich muss­te mich auf der Büh­ne im­mer wie­der zu­rück­hal­ten, dass mir nicht die Trä­nen kom­men oder dass mir kein spon­ta­nes, lau­tes La­chen pas­siert. Die Emo­ti­o­nen, also Octavians Emo­ti­o­nen, wa­ren ein­fach die gan­ze Zeit da! Das war für mich ein kras­ser Pro­zess, bei dem ich nichts er­zwin­gen muss­te.

Aber was macht das mit ei­nem, wenn man so sehr ei­ne an­de­re Per­son wird? Octavian ist ein jun­ger Mann, Patricia Nolz ei­ne jun­ge Frau. Fin­den Sie es nicht ei­gen­ar­tig, wenn Sie sich plötz­lich fra­gen: Wer ge­nau sagt das jetzt? Mei­ne Rol­le oder ich?

Also, ich bin ja dann doch noch die Patricia. Denn ei­gent­lich schlüp­fe ich nicht in ei­ne Rol­le, son­dern fin­de in mir As­pek­te der Büh­nen­fi­gur. Und dann be­ginnt die Wech­sel­wir­kung mit dem, was in der Rol­le und der Mu­sik schon an sich drin­steckt. Aus ir­gend­ei­nem Grund gab es beim Octavian sehr, sehr vie­le As­pek­te und Emo­ti­o­nen, die ich in mir ge­fun­den ha­be. Sei es aus ver­gan­ge­nen Be­zie­hun­gen, aus mei­nem Le­ben, mei­nen Er­fah­run­gen, mei­ner Em­pa­thie. Es gibt viel Ver­wandt­schaft, und so muss­te ich nicht tief gra­ben, um Octavians Ge­fühls­welt zu er­spü­ren. Aber na­tür­lich: Am En­de des Ta­ges ist es dann doch nicht mein Le­ben, nicht das Le­ben, das ich als Patricia füh­re. Die Emo­ti­o­nen aber, auf die ich zu­grei­fe, sind mei­ne.

Und nach der Pro­be, der Auf­füh­rung? Blieb die Rol­le im The­a­ter?

Da­durch, dass ich in die Rol­le so tief ein­ge­stie­gen bin, blieb mir manch­mal auch im pri­va­ten Le­ben die, nen­nen wir sie mal, »Octavian-Ener­gie« er­hal­ten. Ich ha­be es teil­wei­se am Wo­chen­en­de, wenn pro­ben­frei war, nicht ein­mal ge­schafft, mir ein Kleid oder ei­nen Rock an­zu­zie­hen. Das hät­te sich ir­gend­wie falsch an­ge­fühlt.

Zu sehr Mariandl!

Ge­nau! Und das, ob­wohl ich mich bei Ho­sen­rol­len ei­gent­lich gar nicht so ak­tiv be­mü­he, bur­schi­kos rü­ber­zu­kom­men. In die­sem Fall gab es aber ei­ne Über­nah­me, et­was hat sich so mit mir ver­bun­den, dass ich es im All­tag teil­wei­se ein biss­chen ab­schüt­teln muss­te.

Auch emo­ti­o­nal?

Ge­ra­de emo­ti­o­nal! Plötz­lich merk­te ich: Okay, ich bin jetzt ge­ra­de tief in ei­ner Emo­ti­on drin­nen, die mit mei­nem Le­ben als Patricia nichts zu tun hat. Das war schon sehr span­nend, zu er­le­ben, wie das in den All­tag zu­rück­wirkt.

Sie ha­ben die Welt aus den Au­gen ei­nes 17-Jährigen ken­nen­ge­lernt. Ver­ste­hen Sie die Be­zie­hun­gen Ih­rer Ju­gend nun bes­ser? Im Sin­ne von: Ah, so seht ihr jun­gen Män­ner das Le­ben!

(lacht) Ja, das ist wirk­lich so! Aber es geht noch wei­ter: Ich ha­be mich durch die Dar­stel­lung ei­nes so jun­gen Men­schen mit mei­ner ei­ge­nen Teen­ager­zeit ver­söhnt. Als Er­wach­se­ne ei­nen Ju­gend­li­chen zu spie­len, ver­än­dert den Blick auf man­ches. Ich hat­te auf der Büh­ne im­mer wie­der ei­ne dop­pel­te Per­spek­ti­ve: Als Patricia be­wun­der­te ich die Weis­heit und den Weit­blick der Marschallin, wäh­rend ich Julia Kleiter zu­hör­te, gleich­zei­tig dach­te ich als Octavian, der die End­lich­keit noch nicht be­grei­fen kann: What the hell is she talking about??

In sei­nem be­kann­ten ers­ten Orpheus-Sonett be­schreibt Rilke, wie der künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zess sich schier un­er­war­tet, je­den­falls mit ei­ner er­staun­li­chen In­ten­si­tät, sei­nen Weg bahnt. Es scheint nicht der be­wuss­te Mensch zu sein, der der Ur­he­ber ist, son­dern die Kunst sucht sich ih­ren Weg des Aus­drucks. Kommt Ih­nen das be­kannt vor?

Ja, das gibt es tat­säch­lich. Dass mich et­was packt und aus mir zu strö­men scheint, von dem ich gar nicht wuss­te, dass es in mir drin­nen ist. So­wohl stimm­lich als auch emo­ti­o­nal und mu­si­ka­lisch. Es gibt Mo­men­te, in de­nen ich mich nur noch als Ve­hi­kel füh­le und mich für et­was, das sich ent­fal­ten will, zur Ver­fü­gung stel­le. Viel­leicht spin­ne ich mir das jetzt nur im Rück­blick zu­sam­men, aber wenn ich so in mich rein­spü­re, dann ha­be ich das Ge­fühl, dass ich mei­nen Be­ruf viel­leicht in ei­ner Ah­nung ei­ner Sehn­sucht nach sol­chen Mo­men­ten er­grif­fen ha­be. In die­sem Sin­ne geht mir das So­nett schon sehr na­he.

Das wä­re ein schö­nes Schluss­wort, aber ei­ne Fra­ge noch: Wenn Sie in sich Din­ge ent­de­cken, die Sie nicht kann­ten – macht Ih­nen das nicht auch Kopf­zer­bre­chen? Viel­leicht will man nicht im­mer wis­sen, was al­les in ei­nem steckt?

Doch, ich bin im­mer auf der Ex­trem­sei­te von ei­nem Ich-will-al­les-Wis­sen. Selbst wenn ich et­was er­fah­re, das mich ver­stört. Ge­ra­de dar­um ma­che ich seit sehr, sehr vie­len Jah­ren auf un­ter­schied­lichs­te Ar­ten in­ne­re Ar­beit – mit­hil­fe von Men­schen, von de­nen ich auf al­len Ebe­nen über mich wei­ter­ler­nen und mich tie­fer er­ken­nen darf. Ja, die­ses Wis­sen-Wol­len und Spü­ren-Wol­len ist ei­ne Lei­den­schaft wie das Sin­gen. Ich gra­be ger­ne im­mer noch eins tie­fer. Und ich will im­mer bis zur Wur­zel ver­ste­hen, wa­rum ich so und nicht an­ders bin und wa­rum mich zum Bei­spiel et­was auf­regt oder be­schäf­tigt. Wo kommt das her? Den Punkt, dass ich sa­ge: Dan­ke, mei­ne Neu­gier­de ist be­frie­digt, hat­te ich noch nie.

Dann ist The­a­ter zwei­fel­los ein per­fek­ter Be­ruf.

Ab­so­lut. Weil ich da man­ches auch auf merk­wür­di­ge Art ge­schützt aus­le­ben kann. Und ich glau­be, dass mei­ne bei­den Lei­den­schaf­ten, die­ses Sich-selbst-auf-tiefs­te-Art-Er­fah­ren und das Sin­gen-und-Dar­stel­len-Wol­len, Hand in Hand ge­hen. Ich hof­fe je­den­falls, dass mei­ne scho­nungs­lo­se Ehr­lich­keit mir selbst ge­gen­über auch auf der Büh­ne et­was rü­ber­brin­gen kann.

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