Schimmernd & Schön
Ballett |
Sie haben Within the Golden Hour als »ein Gedicht aus Bewegung, Licht und Musik« beschrieben. Was war die Inspiration für dieses Werk?
Für mich steht die Musik immer an erster Stelle. Ich begegnete vor einigen Jahren der großartigen Streichmusik von Ezio Bosso, und schon im ersten Moment wusste ich, dass darin ein Ballett darauf wartete, geschaffen zu werden. Die Musik besitzt eine schimmernde Qualität – rastlos, vorwärtsdrängend und zugleich zutiefst sinnlich. Sie erinnerte mich sofort an die Gemälde des österreichischen Künstlers Gustav Klimt: an die vergoldeten Oberflächen und daran, wie Figuren aus einem leuchtenden Feld aus Gold hervorzugehen scheinen. Obwohl das Werk keineswegs eine direkte Darstellung von Klimts Kunst oder Leben ist, inspirierte mich deren Schönheit zu jener visuellen Welt, aus der die einzelnen Choreografien entstanden.
Auch der Titel verweist auf diesen flüchtigen Moment des Tages: die Stunde kurz vor der Dämmerung, in der das Licht alles in Gold verwandelt. Ich wollte, dass das Publikum in diese Stunde eintaucht und für die Dauer des Stücks darin verweilt.
Gibt es ein zentrales Thema oder Momente einer Geschichte, die das Publikum in diesem »abstrakten« Werk entdecken kann?
Within the Golden Hour erforscht Schönheit in den Beziehungen der Körper zueinander im Raum, geprägt von den emotionalen Reaktionen, die die Musik in mir auslöst. Ich beginne mit den leeren Seiten eines Skizzenbuchs und entwickle die Tänze wie einzelne Zeichnungen: Gesten, Partnerfiguren, eine bestimmte Linie eines Arms. Unweigerlich entsteht dabei eine Welt mit Figuren, in der Beziehungen spürbar werden – Sehnsucht, Trennung, Wiederkehr. Doch gerade die Schönheit des abstrakten Balletts liegt darin, dass selbst bei vorhandenen Themen die Geschichte der Vorstellungskraft des Publikums überlassen bleibt. Diese Freiheit liebe ich. Zwei Menschen können nebeneinandersitzen und vollkommen unterschiedliche Ballette erleben: Die einen entdecken Romantik, andere ein Ritual, wieder andere Einsamkeit. Für mich steckt all das in diesem Werk, und an einem guten Abend sehe ich jedes Mal etwas Neues darin.
Wie hat die Kunst Gustav Klimts das Stück genau beeinflusst?
Klimts »Goldene Periode« – Der Kuss, Porträt der Adele Bloch-Bauer oder die großen Fries-Gemälde – gab mir sofort eine visuelle Sprache, als ich begann, mit Ezios Musik zu arbeiten. Die Art, wie er seine Leinwände mit Gold überzieht, sodass Figuren zugleich im Lichtfeld verschwinden und daraus hervortreten; die Ornamentik, die ineinander verschlungenen Körper, das Gefühl von Umarmung als etwas Spirituelles und Sinnliches – all das beeinflusste unmittelbar meine Vorstellung davon, wie sich Tänzer*innen im Raum bewegen. Das ursprüngliche Lichtdesign taucht die Bühne in denselben warmen Bernsteinton, und die Kostüme tragen die Gold- und Sandfarben direkt in die Körper der Tanzenden hinein. Besonders deutlich wird Klimts Einfluss in den Duetten, in denen sich die Partner umeinanderwinden und entfalten – in Formen, die an die verschlungenen Liebenden seiner Gemälde erinnern können. Klimts Welt gab mir die Freiheit, etwas kompromisslos Schönes, Sinnliches und Goldschimmerndes zu schaffen – Qualitäten, die im zeitgenössischen Ballett nicht immer als modern gelten.
Können Sie Einblicke in die choreografische Struktur geben?
Es gibt drei Duette, die als Ankerpunkte des Stücks fungieren. Sie bilden das emotionale Zentrum jener Welt, die Ezios Musik und meine Choreografie entstehen lassen, und jedes besitzt eine eigene Atmosphäre. Eines ist innig und intim, beinahe privat. Ein anderes trägt eine wildere, spielerischere Energie in sich. Das dritte ist der zentrale Pas de deux – jener Moment, in dem das Ballett haltmacht und nach innen blickt. Um diese Duette herum verbinden Gruppenszenen die einzelnen Teile miteinander: eine Eröffnung mit dem gesamten Ensemble, die die Stimmung setzt und das Publikum in die goldene Welt hineinführt, sowie ein festliches Finale, das alle wieder zusammenführt.
Wie inspirierte Ezio Bossos Musik Ihren Schaffensprozess?
Ezios Musik ist wie geschaffen für Tanz: rhythmisch und antreibend an der Oberfläche, zugleich sinnlich und mystisch in ihrer Tiefe. Sie gab mir alles, was ich brauchte, um die Sprache und Atmosphäre dieses Werkes zu entdecken. Die Streicher besitzen einen echten Atem – lange, singende Linien über pulsierender Energie –, und das schenkte den Tänzer*innen eine Architektur, in die sie sich hineingeben konnten. Vielleicht kommt Within the Golden Hour von all meinen abstrakten Einaktern einem erzählenden Werk am nächsten, obwohl es keine Handlung im klassischen Sinn gibt. Die Tänzer*innen treten aus einem goldenen Leuchten hervor und vermitteln Gemeinschaft, gesellschaftlichen Tanz, vielleicht sogar etwas Spirituelles.
Im Kern möchte dieses Ballett jedoch einfach schön sein und das Publikum dazu einladen, jedes Bedürfnis nach Erklärung loszulassen – sich hinzugeben und in diese goldene Welt einzutauchen. Ezio ist leider nicht mehr unter uns, und jede Wiederaufnahme dieses Werkes fühlt sich wie eine Möglichkeit an, ihn und sein außergewöhnliches musikalisches Universum zu ehren.