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Schimmernd & Schön

Ballett |

Gold, Be­we­gung und viel Raum für ei­ge­ne Bil­der: Christopher Wheeldon über die Ideen hin­ter »Within the Golden Hour«.

Sie ha­ben Within the Golden Hour als »ein Ge­dicht aus Be­we­gung, Licht und Mu­sik« be­schrie­ben. Was war die In­spi­ra­ti­on für die­ses Werk?

Für mich steht die Mu­sik im­mer an ers­ter Stel­le. Ich be­geg­ne­te vor ei­ni­gen Jah­ren der groß­ar­ti­gen Streich­mu­sik von Ezio Bosso, und schon im ers­ten Mo­ment wuss­te ich, dass da­rin ein Bal­lett dar­auf war­te­te, ge­schaf­fen zu wer­den. Die Mu­sik be­sitzt ei­ne schim­mern­de Qua­li­tät – rast­los, vor­wärts­drän­gend und zu­gleich zu­tiefst sinn­lich. Sie er­in­ner­te mich so­fort an die Ge­mäl­de des ös­ter­rei­chi­schen Künst­lers Gustav Klimt: an die ver­gol­de­ten Ober­flä­chen und da­ran, wie Fi­gu­ren aus ei­nem leuch­ten­den Feld aus Gold her­vor­zu­ge­hen schei­nen. Ob­wohl das Werk kei­nes­wegs ei­ne di­rek­te Dar­stel­lung von Klimts Kunst oder Le­ben ist, in­spi­rier­te mich de­ren Schön­heit zu je­ner vi­su­el­len Welt, aus der die ein­zel­nen Cho­reo­gra­fi­en ent­stan­den. 

Auch der Ti­tel ver­weist auf die­sen flüch­ti­gen Mo­ment des Ta­ges: die Stun­de kurz vor der Däm­me­rung, in der das Licht al­les in Gold ver­wan­delt. Ich woll­te, dass das Pu­bli­kum in die­se Stun­de ein­taucht und für die Dau­er des Stücks da­rin ver­weilt.

Gibt es ein zen­tra­les The­ma oder Mo­men­te ei­ner Ge­schich­te, die das Pu­bli­kum in die­sem »abs­trak­ten« Werk ent­de­cken kann?

Within the Golden Hour er­forscht Schön­heit in den Be­zie­hun­gen der Kör­per zu­ein­an­der im Raum, ge­prägt von den emo­ti­o­na­len Re­ak­ti­o­nen, die die Mu­sik in mir aus­löst. Ich be­gin­ne mit den lee­ren Sei­ten ei­nes Skiz­zen­buchs und ent­wick­le die Tän­ze wie ein­zel­ne Zeich­nun­gen: Ges­ten, Part­ner­fi­gu­ren, ei­ne be­stimm­te Li­nie ei­nes Arms. Un­wei­ger­lich ent­steht da­bei ei­ne Welt mit Fi­gu­ren, in der Be­zie­hun­gen spür­bar wer­den – Sehn­sucht, Tren­nung, Wie­der­kehr. Doch ge­ra­de die Schön­heit des abs­trak­ten Bal­letts liegt da­rin, dass selbst bei vor­han­de­nen The­men die Ge­schich­te der Vor­stel­lungs­kraft des Pu­bli­kums über­las­sen bleibt. Die­se Frei­heit lie­be ich. Zwei Men­schen kön­nen ne­ben­ei­nan­der­sit­zen und voll­kom­men un­ter­schied­li­che Bal­let­te er­le­ben: Die ei­nen ent­de­cken Ro­man­tik, an­de­re ein Ri­tu­al, wie­der an­de­re Ein­sam­keit. Für mich steckt all das in die­sem Werk, und an ei­nem gu­ten Abend se­he ich je­des Mal et­was Neu­es da­rin.

Wie hat die Kunst Gustav Klimts das Stück ge­nau be­ein­flusst?

Klimts »Gol­de­ne Pe­ri­o­de« – Der Kuss, Porträt der Adele Bloch-Bauer oder die gro­ßen Fries-Ge­mäl­de – gab mir so­fort ei­ne vi­su­el­le Spra­che, als ich be­gann, mit Ezios Mu­sik zu ar­bei­ten. Die Art, wie er sei­ne Lein­wän­de mit Gold über­zieht, so­dass Fi­gu­ren zu­gleich im Licht­feld ver­schwin­den und dar­aus her­vor­tre­ten; die Or­na­men­tik, die in­ei­nan­der ver­schlun­ge­nen Kör­per, das Ge­fühl von Um­ar­mung als et­was Spi­ri­tu­el­les und Sinn­li­ches – all das be­ein­fluss­te un­mit­tel­bar mei­ne Vor­stel­lung da­von, wie sich Tän­zer*in­nen im Raum be­we­gen. Das ur­sprüng­li­che Licht­de­sign taucht die Büh­ne in den­sel­ben war­men Bern­stein­ton, und die Kos­tü­me tra­gen die Gold- und Sand­far­ben di­rekt in die Kör­per der Tan­zen­den hi­nein. Be­son­ders deut­lich wird Klimts Ein­fluss in den Du­et­ten, in de­nen sich die Part­ner um­ei­nan­der­win­den und ent­fal­ten – in For­men, die an die ver­schlun­ge­nen Lie­ben­den sei­ner Ge­mäl­de er­in­nern kön­nen. Klimts Welt gab mir die Frei­heit, et­was kom­pro­miss­los Schö­nes, Sinn­li­ches und Gold­schim­mern­des zu schaf­fen – Qua­li­tä­ten, die im zeit­ge­nös­si­schen Bal­lett nicht im­mer als mo­dern gel­ten.

Kön­nen Sie Ein­bli­cke in die cho­reo­gra­fi­sche Struk­tur ge­ben?

Es gibt drei Du­et­te, die als An­ker­punk­te des Stücks fun­gie­ren. Sie bil­den das emo­ti­o­na­le Zen­trum je­ner Welt, die Ezios Mu­sik und mei­ne Cho­reo­gra­fie ent­ste­hen las­sen, und je­des be­sitzt ei­ne ei­ge­ne At­mo­sphä­re. Ei­nes ist in­nig und in­tim, bei­na­he pri­vat. Ein an­de­res trägt ei­ne wil­de­re, spie­le­ri­sche­re Ener­gie in sich. Das drit­te ist der zen­tra­le Pas de deux – je­ner Mo­ment, in dem das Bal­lett halt­macht und nach in­nen blickt. Um die­se Du­et­te he­rum ver­bin­den Grup­pen­sze­nen die ein­zel­nen Tei­le mit­ei­nan­der: ei­ne Er­öff­nung mit dem ge­sam­ten En­sem­ble, die die Stim­mung setzt und das Pu­bli­kum in die gol­de­ne Welt hi­nein­führt, so­wie ein fest­li­ches Fi­na­le, das al­le wie­der zu­sam­men­führt.

Wie in­spi­rier­te Ezio Bossos Mu­sik Ih­ren Schaf­fens­pro­zess?

Ezios Mu­sik ist wie ge­schaf­fen für Tanz: rhyth­misch und an­trei­bend an der Ober­flä­che, zu­gleich sinn­lich und mys­tisch in ih­rer Tie­fe. Sie gab mir al­les, was ich brauch­te, um die Spra­che und At­mo­sphä­re die­ses Wer­kes zu ent­de­cken. Die Strei­cher be­sit­zen ei­nen ech­ten Atem – lan­ge, sin­gen­de Li­ni­en über pul­sie­ren­der Ener­gie –, und das schenk­te den Tän­zer*in­nen ei­ne Ar­chi­tek­tur, in die sie sich hi­nein­ge­ben konn­ten. Viel­leicht kommt Within the Golden Hour von all mei­nen abs­trak­ten Ein­ak­tern ei­nem er­zäh­len­den Werk am nächs­ten, ob­wohl es kei­ne Hand­lung im klas­si­schen Sinn gibt. Die Tän­zer*in­nen tre­ten aus ei­nem gol­de­nen Leuch­ten her­vor und ver­mit­teln Ge­mein­schaft, ge­sell­schaft­li­chen Tanz, viel­leicht so­gar et­was Spi­ri­tu­el­les. 

Im Kern möch­te die­ses Bal­lett je­doch ein­fach schön sein und das Pu­bli­kum da­zu ein­la­den, je­des Be­dürf­nis nach Er­klä­rung los­zu­las­sen – sich hin­zu­ge­ben und in die­se gol­de­ne Welt ein­zu­tau­chen. Ezio ist lei­der nicht mehr un­ter uns, und je­de Wie­der­auf­nah­me die­ses Wer­kes fühlt sich wie ei­ne Mög­lich­keit an, ihn und sein au­ßer­ge­wöhn­li­ches mu­si­ka­li­sches Uni­ver­sum zu eh­ren.

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