Performation ist alles
Interview |
Du hast einmal gesagt, Così fan tutte wäre unter den drei Mozart-Da-Ponte-Opern die am schwierigsten zu inszenierende. Warum?
Le nozze di Figaro folgt zum Beispiel einem Mechanismus. Es ist wie ein Karussell: Man springt hinauf, und dann geht es die ganze Zeit nur noch darum, Probleme zu lösen. Auftritte, Abgänge, Verstecke und so weiter. Wenn man diesen Mechanismus – das komische Prinzip, das das Herz von Le nozze di Figaro darstellt – nicht respektiert, fällt man vom Karussell. Es ist letztlich wie ein Tanztheater, man muss der Struktur folgen. Die Erzählstruktur von Così fan tutte ist anders. Eigentlich ist alles sehr klar und einfach. Es geht um Kollisionen, die sich zwischen einer Gruppe unterschiedlicher Menschen ergeben. Aber das Aneinanderfügen dieser Konstellationen ist wie ein filigranes Puzzle, das nur in sehr präziser Arbeit zusammengesetzt werden kann. Così fan tutte lebt – mehr als Le nozze di Figaro und mehr als Don Giovanni – von der konkreten Darstellung auf der Bühne. Denn das Werk ist letztlich viel abstrakter, als es zuerst scheint: Wenn man zum zweiten Akt kommt, hat sich die Erzählung praktisch aufgelöst. Aber gerade in diesem zweiten Akt, in dieser Auflösung, gibt es außergewöhnliche Momente menschlicher Interaktion, die völlig ungeschützt und schmerzhaft und schön sind. Und deshalb ist Così fan tutte ein solches Meisterwerk – und so schwierig zu inszenieren.
Du hast die Disposition von Così fan tutte oft als die eines »Experiments« bezeichnet, manchmal hast du das Stück auch ein »Laboratorium« genannt. Despina spielt zwar eine bedeutsame Rolle, aber derjenige, der das Experiment letztlich betreibt, ist Don Alfonso. Eine Grundfrage für jede Auseinandersetzung mit dem Werk ist: Warum macht er das? Was treibt ihn in deiner Version der Geschichte an?
Ich denke, dieser Frage muss man sich im größeren Zusammenhang widmen: Was ist Don Alfonsos Status, was ist sein Verhältnis zu den jüngeren Männern? Das Stück entwickelt sich im Lauf des Abends immer weiter in Richtung einer emotionalen Abstraktion – man muss vorher ein ganz bestimmtes Setting für das Experiment etabliert haben. Ich habe Produktionen von Così fan tutte gesehen, die sich gar nicht mit der Frage beschäftigt haben, wer Don Alfonso eigentlich ist. Für mich war das eine sehr wichtige Frage. Darum habe ich auch lange über den Rahmen nachgedacht, in den ich ihn stellen könnte: Was wäre ein Setting, in dem man damit spielen kann, was echte Emotion und was gespielte Emotion ist; was das Annehmen einer Rolle, eines Kostüms oder einer Haltung zur Liebe bedeutet? In was für einem Raum kann man die Emotion auf Kommando starten und wieder stoppen, in sie eintreten, aus ihr aussteigen und sie auch noch kommentieren? Was wäre das für eine Welt? Irgendwann wurde mir klar: Es ist der Probenraum.
Deine Überlegungen haben dich also in die Theaterwelt geführt.
Ich habe begonnen, mir Don Alfonso als Regisseur und Theaterintendanten vorzustellen. Er arbeitet mit vier jungen Sängerinnen und Sängern, die eine mehr oder weniger obskure Oper einstudieren, und Despina ist die Inspizientin. Die vier jungen Leute bilden zwei Liebespaare. Wir spielen mit der Idee, dass Don Alfonso eine Art Method-Regisseur aus der Hölle ist [Method Acting: Schauspieltechnik auf der Grundlage von Einfühlung und kalkulierter Reproduktion von Emotionen nach Konstantin Stanislawski und Lee Strasberg, Anm.]. Er benutzt nun den Rahmen von Probe und Spiel, um seinen Standpunkt zu belegen: dass Frauen prinzipiell untreu sind. Das zu betonen, ist wichtig, man kann der immanenten Misogynie des Stücks nicht entgehen.
Warum ist es für Don Alfonso in deiner Lesart so wichtig, seinen Standpunkt zu beweisen?
Um diese Frage zu beantworten, muss man ihn psychologisieren. Ich arbeite seine Biografie mit unserem Don-Alfonso-Interpreten Chris Maltman aus, der ein sehr intelligenter Sänger ist. In unserer Geschichte ist Don Alfonso einmal ein berühmter Regisseur gewesen, aber jetzt arbeitet er in einem kleinen Theater in der Provinz.
Er bekommt also vielleicht nicht mehr die Liebe, die er gewohnt war.
Er hat vielleicht zwanzig Beziehungen hinter sich, Ehefrauen und Freundinnen, vielleicht hat er auch Kinder. Entscheidend ist, wodurch er definiert ist: die Unfähigkeit, den Unterschied zwischen Theater und Realität zu sehen. Sein manipulativer Charakter. Sein emotionaler Sadomasochismus und seine Besessenheit mit der Rache, die er an der Welt für seine eigene emotionale Impotenz nehmen will. Don Alfonso ist ein unangenehmer Charakter. Wir müssen also einen Weg finden, dass wir nicht im 21. Jahrhundert einfach sagen: Es ist so, wie er es sagt. Das kann nicht das Stück sein.
Die Originalgeschichte ist so konstruiert, dass die scuola degli amanti eine Schule für Männer ist. Die Frauen sind in gewisser Weise der Unterrichtsgegenstand. Wie stärkst du die Position der Frauen in deiner Inszenierung?
Das ist eine essenzielle Frage. Ich denke, es hilft sehr, dass wir Fiordiligi und Dorabella in unserer Produktion schon ganz am Anfang auf der Bühne haben. Das heißt, dass die Frauen hören, was Don Alfonso über sie sagt, und darauf reagieren können. Sie werden entsprechend einen ganz anderen Weg durch das Stück nehmen. Grundsätzlich finde ich es erstaunlich, wie viel man in diesem Stück mit ein wenig Humor und Selbstreflexion erreichen kann, was den Blick der Frauen auf ihre eigenen Positionen betrifft.
Così fan tutte hat eine lange Bearbeitungstradition: Schon einige Jahre nach der Uraufführung begannen die Theater, Änderungen am Text und an der Geschichte vorzunehmen, bis hin zu Versionen, die Da Pontes Text vollständig ersetzten. Aber auch weniger radikale Adaptionen legten oft Wert darauf, dass die Frauen von der Intrige – der Wette – erfahren und entweder mitspielen oder sich rächen. Durchschauen Dorabella und Fiordiligi in deiner Version, was gespielt wird? Oder stellt sich die Frage angesichts der Theatersituation, die du etablierst, ganz anders?
Die Grundannahme führt zu einem ungewöhnlichen Verlauf. In unserer Version werden sich die vier jungen Leute bewusst entscheiden, an einem Theaterexperiment teilzunehmen. Wir werden also vier Menschen sehen, die in alles eingeweiht sind, aber spielen, dass sie nicht wissen, was gespielt wird. Und dabei Charaktere darstellen, die ebenfalls keine Ahnung haben. Dadurch können wir eine Situation schaffen, die zum Kern des Tacheles führt, um das es in dem ganzen Stück geht: Kann man Emotionen »faken«? Kann ich dich überzeugen, dass ich dich liebe – durch die Art, wie ich mich ausdrücke? Und was geschieht, wenn es im Verlauf eines künstlichen, erfundenen Spiels plötzlich zu einer Offenbarung kommt?
Shakespeares Cymbeline wird manchmal als Quelle einiger Topoi in Così fan tutte genannt, die sich wiederum auch in Boccaccios Decamerone finden. Als wir zum ersten Mal über Così fan tutte gesprochen haben, war dir aber ein anderes Werk Shakespeares wichtig: The Tempest – Der Sturm.
In The Tempest versucht Prospero, die Handlung zu kontrollieren. Die Insel, die er beherrscht, hat viel mit einem Theater gemeinsam. Man könnte sagen, dass er versucht, die ganze Geschichte von The Tempest zu inszenieren: Ariel und Caliban, seine Tochter, die Liebesgeschichte, der Sturm: Der ganze Mechanismus von The Tempest ist eine Theatermetapher. Don Alfonso ist nicht Prospero, aber er ist von seiner Fähigkeit überzeugt, alles zu kontrollieren und die vier jungen Leute wie Schachfiguren durch sein Spiel hindurchzudirigieren und zu manipulieren. Der Unterschied ist, dass Prospero entscheidet, sein Spiel zu beenden. Don Alfonso trifft diese Entscheidung nicht. Das Experiment gerät außer Kontrolle. Das macht ihn zu einer Art gescheitertem Prospero.
Sprechen wir über das Verkleiden. Es ist ein unheimlich wichtiges Thema in Così fan tutte – die ganze Geschichte basiert darauf, und jede Inszenierung muss Entscheidungen über die Funktion und Funktionsweise der Verkleidung treffen, die das Ergebnis drastisch beeinflussen. Die Geschichte des Verkleidens ist uralt und faszinierend, im Theater wie in der Mythologie. Masken wurden mit Verführung und Erotik, aber auch mit Verrat und Missbrauch in Verbindung gebracht.
Hier zeigt sich diese außergewöhnliche Reflexion aus der Mythologie, dem Märchen, der Literatur und dem Theater. Einer der verbreitetsten Topoi in allen Formen des Geschichtenerzählens ist die Idee, sich zu verkleiden: Jupiter, Merkur, Pluto. Aber was bedeutet das? Tatsächlich ist das Verkleiden omnipräsent: Schon durch die Kleidung, die wir tragen, verkleiden wir uns. Wir verstecken uns. Wir versuchen, uns durch unsere Körper und unsere Kleidung so in Szene zu setzen, wie wir gesehen werden wollen. Unser Leben ist performativ. Und das spiegelt sich natürlich auch im Theater wider. Shakespeare war besessen von Verkleidungen. Don Giovanni und Le nozze di Figaro haben prominente und wichtige Episoden, in denen Verkleidungen verwendet werden. In Così fan tutte ist die Verkleidung aber das Fleisch, sie ist das Hauptgericht. Hier ist die Verkleidung die absolute theatralische Metapher für das Liebesexperiment, um das es geht: Die wesentliche Frage, die gestellt wird, ist die nach der emotionalen Verkleidung. Emotionen werden mit anderen Emotionen getarnt, künstlich erzeugte, erfundene Emotionen werden real und erzeugen neue Emotionen – und am Ende wird niemand mehr sagen können, welche dieser Emotionen authentisch sind. Oder die Frage ist sogar obsolet. Überhaupt ist die Verkleidung etwas ganz Ursprüngliches in der Kunst des Theatermachens. Sie ist die Grundlage des Theaterspiels.
Und ist sie nicht auch für die Erotik des Theaters von zentraler Bedeutung? In Così fan tutte haben die »albanischen« Kostüme der Männer traditionell etwas Lächerliches an sich – auf die Gefahr hin, die Frauen, die auf diese Maskerade hereinfallen, lächerlich zu machen. Aber wenn wir diesen Topos auf seine Ursprünge in der antiken Literatur zurückführen, hat jede Szenerie, in der sich jemand als jemand anderes – oder etwas anderes – ausgibt, etwas wesentlich Erotisches an sich. Oft mit einem dunklen Beigeschmack.
Alles, was mit Kostümen zu tun hat, die den Körper verdecken, ist erotisch. In Figaro und Don Giovanni ist die Erotik oder der Eros eine grundlegende Kraft. In der Cherubino-Ankleideszene, in der Trioszene von Don Giovanni, im Finale von Le nozze di Figaro mit Susanna und der Gräfin im Garten mit den Männern. Der Eros leitet das ganze Spiel. Ich habe das schon oft angesprochen: Die beiden zentralen Kräfte im Theater sind Eros und Thanatos. Und die Spannung zwischen Erotik und Sterblichkeit und Tod ist der grundlegende Tango in der darstellenden Kunst.
Denkst du, dass der Schlusschor in irgendeiner Weise Gültigkeit für die vier haben kann? »Glücklich ist der Mensch, der alles von der guten Seite betrachtet und sich in den Wechselfällen des Lebens von der Vernunft leiten lässt« – nach allem, was sie durchgemacht haben?
Vielleicht nicht in dem Moment, in dem sie es singen. Vielleicht am nächsten Tag. Die Idee unserer Produktion ist, dass die vier sehr jung sind, wir haben sie uns etwa 18-jährig vorgestellt. Das ist sehr wichtig, denn sie haben jetzt eine wichtige Erfahrung gemacht und werden ihre Schlüsse daraus ziehen. Ich denke nicht, dass sie so traumatisiert sind, dass sie nie wieder lieben können. Sie haben etwas gelernt – das macht man im Leben. Für unsere Produktion ist es entscheidend, dass die vier sich Don Alfonsos Experiment nicht einfach so gefallen lassen, sondern sich gegen ihn wenden. Was bedeutet, dass sich auch sein Plan, dieses grausame, manipulative, misogyne, misanthropische Spiel, gegen ihn wendet. Ich sehe ihn nicht triumphieren. Er wird bitter, einsam und impotent enden. Was die vier jungen Leute betrifft: Ich würde es nicht für ausgemacht halten, dass sie am nächsten Tag noch zusammen sind. Aber ich denke, dass es besonders wichtig ist, dass wir hier ein Fragezeichen stehen lassen. Ein Fragezeichen gegenüber diesem Labyrinth der Liebe. Das ist das Ende der Oper: ein Liebeslabyrinth.
Das Gespräch führte Nikolaus Stenitzer