zum Inhalt springen zur Navigation springen

Oper & Katharsis

Mit »Carmen« gibt Henrik Nánási sein De­büt an der Wiener Staatsoper. Im In­ter­view spricht er über Klang, Lei­den­schaft und sei­nen Weg ans Pult.

Er di­ri­giert: An der New Yor­ker Met, an der Mai­län­der Scala, am Royal Opera House, Covent Garden in London, an den gro­ßen Opern­häu­sern in Berlin, Budapest, München, Paris, Chicago, Madrid und Dresden. Und an vie­len an­de­ren Or­ten des in­ter­na­ti­o­na­len Mu­sik­be­triebs. Nun de­bü­tiert er mit Georges Bizets Carmen auch an der Wiener Staatsoper und stellt sich so dem Pu­bli­kum die­ses Hau­ses vor. Was den in Ungarn ge­bo­re­nen Henrik Nánási mit Wien ver­bin­det, wie es um eine un­ga­ri­sche Di­ri­gen­ten­schu­le steht und wa­rum man an Wer­ken wie Carmen im­mer wie­der ver­bren­nen kann, da­rü­ber er­zähl­t er im In­ter­view. Und wa­rum ge­ra­de die Wiener Staatsoper für sein pri­va­tes Le­ben die al­ler­größ­te Be­deu­tung hat: Auch da­von sprach der Di­ri­gent.

Blickt man auf Ih­re Kar­ri­e­re, so sieht man ei­nen sehr ge­rad­li­ni­gen und kla­ren Ver­lauf. In zü­gi­gen Schrit­ten ha­ben Sie es auf die größ­ten in­ter­na­ti­o­na­len Büh­nen ge­schafft. Im Rück­blick: Fühl­te sich die­se Ent­wick­lung für Sie gut an? War sie so ge­plant?

Es hat sich auf je­den Fall gut an­ge­fühlt. Wo­bei das meis­te kei­ne Sa­che der Pla­nung war, son­dern sich fast von al­lei­ne er­ge­ben hat. Da mei­ne gro­ße Lie­be die Oper ist, war es für mich von An­fang an klar, an ei­nem ent­spre­chen­den Haus zu wir­ken. Der Weg hat sich dann lo­gisch ge­fügt: Ich ge­he an ein klei­ne­res Haus, dort kor­re­pe­tie­re ich, ar­bei­te mit Sän­ge­rin­nen und Sän­gern und kann mir so ein Re­per­toire er­wer­ben. Es kam das Di­ri­gie­ren da­zu und es er­gab sich der klas­si­sche Weg: Zu­erst ein klei­nes The­a­ter, dann ein grö­ße­res. Zu­erst Ka­pell­meis­ter und ir­gend­wann Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor an der Komischen Oper. Das war fan­tas­tisch, weil ich mir so mehr oder we­ni­ger das kom­plet­te Opern­re­per­toire er­ar­bei­ten konn­te – und das in die Tie­fe ge­hend. Ich konn­te auch ler­nen, wie man mit Sän­ge­rin­nen und Sän­gern ar­bei­tet, wie man sie führt, mit ih­nen at­met, auf sie ein­geht. Die­ses früh er­wor­be­ne Wis­sen war für mich aus­schlag­ge­bend. Im Grun­de war mei­ne Lauf­bahn ein ganz na­tür­li­cher Weg, über den ich nie viel nach­ge­dacht ha­be. Es hat sich al­les ge­fügt.

Ihr Re­per­toire um­fasst tat­säch­lich die ge­sam­te Brei­te der Opern­ge­schich­te. Das ist zwei­fel­los schwie­ri­ger, als sich auf ein klei­nes Seg­ment zu spe­zi­a­li­sie­ren. Wa­rum die­ser Zu­gang?

Weil mich das gro­ße Re­per­toire und die He­raus­for­de­rung rei­zen. Ich bin viel­leicht nicht ei­ner, der La traviata ein­hun­dert­mal hin­ter­ein­an­der di­ri­giert, lie­ber neh­me ich dann noch et­was da­zu, das ich noch nicht ken­ne. Das war schon in mei­ner Zeit als Kor­re­pe­ti­tor so. Wenn man mich nach ei­ner Tosca-Se­rie ge­fragt hat, ob ich als Nächs­tes lie­ber La Bohème oder Carmen ein­stu­die­ren will, wähl­te ich Carmen. Nicht nur, weil ich mu­si­ka­lisch et­was ganz an­de­res ler­nen woll­te, son­dern auch, weil ich auf die­se Wei­se gleich­zei­tig et­was Neu­es über mich er­fah­ren ha­be. Ich hat­te im­mer das Ge­fühl: Wenn man nur in eine Rich­tung schaut, dann bleibt man ste­hen.

Bizets Carmen, mit der Sie an der Wiener Staatsoper de­bü­tie­ren, ist eine un­ge­mein be­kann­te und viel ge­spiel­te Oper. Kann ei­nem die­se Po­pu­la­ri­tät im Weg ste­hen, weil man Schla­ger wie zum Bei­spiel die »Habanera« ein­fach zu gut kennt?

Im Grun­de ist es mir egal, wie be­kannt oder un­be­kannt eine Oper ist. Denn ich ver­su­che, beim Stu­di­um eine Par­ti­tur im­mer so auf­zu­schla­gen, als hät­te ich sie nie zu­vor ge­se­hen, als wür­de ich al­les ganz neu ent­de­cken. Man darf auch nie ver­ges­sen, was für ein Pri­vi­leg es ist, sol­che Meis­ter­stü­cke di­ri­gie­ren zu dür­fen. Und sei­en wir ehr­lich: Bei die­sen un­glaub­lich star­ken Wer­ken ist man doch je­des Mal zu hun­dert Pro­zent da­bei. Man ver­brennt sich an die­sen Stü­cken ge­ra­de­zu – und das durch­aus ger­ne. Im­mer und im­mer wie­der. Eine Carmen zu di­ri­gie­ren, ist ein­fach ein zu­tiefst ka­thar­ti­sches Er­leb­nis.

Vor Kur­zem hör­te ich wie­der ein­mal eine Auf­nah­me ei­ner Brahms-Symphonie un­ter Carlos Kleiber. Man er­lebt das Wun­der ei­nes Klangs, ei­ner ganz be­son­de­ren Sü­ße. Ich fra­ge jetzt nicht: Wie mach­te es Kleiber? Son­dern ganz all­ge­mein: Wie er­zeugt man als Di­ri­gent ei­nen Klang? Eine Fra­ge der Pro­ben­ar­beit?

Kleiber war ein­fach ein Ge­nie! Aber zu Ih­rer all­ge­mei­nen Fra­ge: Es ist sehr wich­tig, dass man eine ganz ge­naue Klang­vor­stel­lung im Kopf, im Her­zen und in den Sin­nen hat. Erst dann kann man et­was über­mit­teln. Je­de und je­der macht das na­tür­lich auf eine ei­ge­ne Wei­se – und ob das ge­lingt, müs­sen die an­de­ren be­ur­tei­len. Mei­ner Mei­nung nach soll man sich über die Art die­ser Ver­mitt­lung nicht zu sehr den Kopf zer­bre­chen, son­dern sich ganz in­ten­siv auf die Mu­sik ein­las­sen und ver­su­chen – das klingt jetzt ein biss­chen kit­schig –, mit der Mu­sik zu ver­schmel­zen. Eine ab­so­lu­te Vor­aus­set­zung ist, dass man sich ein we­nig in der Mu­sik ver­gisst, oh­ne da­bei die Kon­trol­le zu ver­lie­ren. Aber, das un­ter­strei­che ich noch ein­mal, ganz wich­tig ist die Ima­gi­na­ti­on: Man muss den Klang zu­vor in­ner­lich hö­ren, spü­ren, rie­chen – und viel­leicht so­gar se­hen!

Sie wa­ren mu­si­ka­li­scher As­sis­tent von Antonio Pappano in London. Was konn­ten Sie von ihm mit­neh­men? War er ein gu­ter Lehr­meis­ter?

Was zu sei­nen ganz gro­ßen Stär­ken zählt, ist die­se enor­me Lei­den­schaft für die Mu­sik. Er ist auch ein fan­tas­ti­scher Pi­a­nist und ar­bei­tet – das ist die gu­te al­te Schu­le – sehr ger­ne mit Sän­ge­rin­nen und Sän­gern di­rekt am Kla­vier. Et­was, das ich für enorm wich­tig er­ach­te. Da­zu kommt sei­ne ge­wal­ti­ge Re­per­toire­kennt­nis. Aber das Wich­tigs­te ist die­se an­ste­cken­de Pas­si­on, egal, um wel­ches Werk, um wel­che Mu­sik­rich­tung es sich han­delt.

Er­ar­bei­ten auch Sie Wer­ke, die Sie nicht oder noch nicht gut ken­nen, zu­nächst am Kla­vier?

Das ist und war stets mei­ne ers­te An­nä­he­rung, das Kla­vier ist ge­wis­ser­ma­ßen mei­ne ers­te Aus­drucks­form. Ich will die Mu­sik zu­nächst durch mei­ne Fin­ger, mit mei­nen Fin­gern spü­ren – so baue ich am schnells­ten eine Be­zie­hung zu ihr auf. Da­nach kommt na­tür­lich die wei­te­re Er­ar­bei­tung der Par­ti­tur, die nur zum Teil am Kla­vier, sehr oft ein­fach im Kopf, am Schreib­tisch statt­fin­det.

Hans Richter, Eugene Ormándy, George Szell, Fritz Reiner, István Kertész, Antal Doráti, Ferenc Fricsay, Sir Georg Solti, Sándor Végh, die Brü­der Adam und Ivan Fischer: Es gab und gibt eine gro­ße Zahl un­ga­ri­scher Di­ri­gen­ten. Gibt es auch so et­was wie eine bis heu­te rei­chen­de un­ga­ri­sche Di­ri­gen­ten­schu­le?

Al­so, ich wür­de von kei­ner ech­ten Di­ri­gen­ten­schu­le spre­chen. Es gibt seit ei­ni­ger Zeit ei­nen ty­pi­schen Aus­bil­dungs­weg in Ungarn, das ist die Zoltán-Kodály-Methode als »Grund­aus­bil­dung« plus das Kon­ser­va­to­ri­um als zwei­ten Schritt. Aber et­was wie eine spe­zi­el­le Schlag­tech­nik gibt es nicht.

Die Wiener Staatsoper spielt in Ih­rem Le­ben auch pri­vat eine ganz gro­ße Rol­le, Ge­rüch­ten zu­fol­ge ha­ben Sie hier Ih­re Frau ken­nen­ge­lernt. Und wo, wenn nicht am Steh­platz …

Ja, das ist tat­säch­lich so ge­we­sen. Wir ha­ben bei­de in Wien Mu­sik stu­diert, und da hat der Steh­platz­be­such in der Wiener Staatsoper na­tür­lich da­zu­ge­hört. Da­mals wa­ren die Plät­ze nicht num­me­riert, das be­deu­te­te: Man ist so schnell wie mög­lich hi­nauf­ge­lau­fen, um ei­nen gu­ten Platz zu er­gat­tern, und den hat man dann mit ei­nem Pull­over oder ei­nem Hals­tuch mar­kiert. Dass es da mit­un­ter zu er­bit­ter­ten Kämp­fen ge­kom­men ist, ist klar. Und ei­nen sol­chen ha­be ich da­mals mit ei­ner hüb­schen, jun­gen Frau aus­ge­foch­ten, bei­de zu­nächst auf Deutsch, bis wir beim Schimp­fen be­merkt ha­ben, dass un­se­re ge­mein­sa­me Mut­ter­spra­che Un­ga­risch ist – und so­mit das Gan­ze na­tür­lich in ei­nem La­chen en­de­te. Auch das ge­hört zu un­se­ren bei­den Bi­o­gra­fi­en, wie auch, dass wir – mei­ne Frau ist Kom­po­nis­tin – bei­de fach­lich dem Wie­ner Mu­sik­le­ben sehr viel zu ver­dan­ken ha­ben.

Blick­ten Sie da­mals schon sehn­suchts­voll Rich­tung Di­ri­gen­ten­pult?

Nein, ich ha­be ei­gent­lich als Kom­po­si­ti­ons­stu­dent be­gon­nen; das Di­ri­gie­ren kam et­was spä­ter.

Wo­bei ein ge­lern­tes Kom­po­nier­hand­werk ei­nem Di­ri­gen­ten nicht scha­det.

Es hilft mir enorm! Nicht nur, wenn es um Ein­bli­cke in ein Werk geht, son­dern vor al­lem auch, weil ich er­fah­ren durf­te, wie wich­tig ei­nem als Kom­po­nist das selbst ge­schaf­fe­ne Werk ist. Es ist wie ein Kind, das man schüt­zen und be­schüt­zen will. Wenn man sich das ver­ge­gen­wär­tigt und die­ses Ge­fühl ein­mal er­lebt hat, wird man bei den Wer­ken gro­ßer Meis­ter im­mer auch die­ser Lie­be nach­spü­ren. Man nä­hert sich dann ei­ner Kom­po­si­ti­on ganz an­ders, denn: Es ist das ge­lieb­te, ein­zig­ar­ti­ge Kind ei­nes Kom­po­nis­ten!

Sehr geehrte Besucherin,
sehr geehrter Besucher,

um Ihren Besuch auf unserer Website noch attraktiver zu gestalten, laden wir Sie ein, an deren Neugestaltung mitzuwirken. Wir bitten Sie dazu, eine kurze Umfrage auszufüllen. Diese ist selbstverständlich komplett anonym und Ihre Antworten werden ausschließlich zur Optimierung der Website verwendet.