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»Nadir lebt unter der Macht der Erinnerung«

Interview |

KS Juan Diego Flórez be­geg­net in Bizets Les Pêcheurs de perles ei­ner Fi­gur von gro­ßer Zart­heit: Nadir ist kein Held der gro­ßen Ges­te, son­dern ein Mensch der Er­in­ne­rung, der Sehn­sucht und der in­ne­ren Span­nung. Flórez er­zählt von der fra­gi­len Schön­heit die­ser Par­tie, von der be­son­de­ren In­ti­mi­tät des fran­zö­si­schen Re­per­toires und von ei­ner Rol­le, de­ren Wir­kung ge­ra­de aus ih­rer Ver­letz­lich­keit ent­steht.

Wenn Sie Nadir ein­mal nicht mit sei­ner be­rühm­ten Arie vor­stel­len dürf­ten: Wer ist die­ser Mann?

Er ist ein Mensch, der un­ter der Macht der Er­in­ne­rung lebt. Er trägt ei­ne Lie­be in sich, die nie ganz ver­schwun­den ist, und ge­nau das macht ihn zu­gleich poe­tisch und ver­letz­lich. Nadir ist ro­man­tisch und von gro­ßer Sen­si­bi­li­tät. Mich fas­zi­nie­ren vor al­lem sei­ne Ver­letz­lich­keit und sei­ne Ent­schlos­sen­heit. Er ist kein Mann, der sich durch Kraft oder Au­to­ri­tät be­haup­tet. Er wird von ei­nem Ver­lan­gen be­wegt, das sich fast nicht kon­trol­lie­ren lässt. Das macht ihn sehr mensch­lich. Er ist de­li­kat, aber nicht schwach. Im Ge­gen­teil: Er ist au­ßer­or­dent­lich kühn, und ge­ra­de das be­rührt mich.

Bizets fran­zö­si­sche Schreib­wei­se ver­langt Li­nie, Far­be, mez­za voce und ei­ne fast kon­trol­lier­te In­ti­mi­tät. Wo liegt für Sie die ei­gent­li­che Her­aus­for­de­rung der Par­tie, ge­ra­de auch in »Je crois en­ten­dre en­core«?

Die Par­tie ver­langt Ele­ganz und Atem­kon­trol­le. Man muss end­lo­se Bö­gen sin­gen kön­nen, et­wa in der Arie oder im Du­ett mit Leïla. In vie­lem ist das Bel­can­to. Zu­gleich braucht Nadir No­bles­se im Aus­druck, Far­ben­reich­tum und ei­ne sehr in­ti­me Art des Sin­gens. Ge­ra­de in der fran­zö­si­schen Oper darf Schön­heit nie Selbst­zweck wer­den. Die ei­gent­li­che Her­aus­for­de­rung von »Je crois en­ten­dre en­core« liegt dar­in, al­les na­tür­lich und schwe­bend klin­gen zu las­sen. Das er­reicht man nur über den Atem: Die Li­nie muss rein blei­ben, der Klang schwe­ben, und die Emo­ti­on muss le­ben­dig sein, oh­ne sen­ti­men­tal zu wer­den. Bei die­ser Arie kann je­des Zu­viel die Ma­gie zer­stö­ren.

»Au fond du tem­ple saint« ge­hört zu den be­rühm­tes­ten Freund­schafts­du­et­ten der Opern­li­te­ra­tur. Wie er­le­ben Sie die­sen Mo­ment mu­si­ka­lisch?

An der Ober­flä­che ist es ein Mo­ment gro­ßer Schön­heit, von Freund­schaft und Er­in­ne­rung. Aber mu­si­ka­lisch liegt dar­in be­reits et­was Fra­gi­les, als könn­te das Gleich­ge­wicht je­den Au­gen­blick kip­pen. Ge­nau dar­aus be­zieht das Du­ett sei­ne Wir­kung: Es ist er­ha­ben, aber nicht si­cher. Nadir weiß, dass er sei­nem Ver­spre­chen nicht treu ge­blie­ben ist, und zu­gleich liebt er Zur­ga.

Nadir ist nicht nur ein Lie­ben­der, son­dern auch ein Freund. Wie se­hen Sie sei­ne Be­zie­hung zu Zur­ga?

Die­se Be­zie­hung ist für das gan­ze Dra­ma ent­schei­dend. Wä­re Zur­ga nur ein Ri­va­le, wä­re die Ge­schich­te viel ein­fa­cher. Aber er ist ein Freund, je­mand, mit dem Nadir ei­ne ge­mein­sa­me Ver­gan­gen­heit, ei­nen Schwur, ein ech­tes Band teilt. Des­halb ist der Kon­flikt so schmerz­haft. Nadir wird nicht nur von der Lie­be zer­ris­sen, son­dern auch von der Lo­ya­li­tät. Am En­de bricht er die­se Lo­ya­li­tät, wäh­rend Zur­ga ihr bis zu­letzt treu bleibt. Ich wür­de des­halb sa­gen: Nadir ist nicht ein­fach je­mand, der ei­nen al­ten Schwur ver­rät, son­dern je­mand, der viel­leicht zu spät be­greift, dass man­che Ge­füh­le sich nicht für im­mer zum Schwei­gen brin­gen las­sen.

Nadir er­kennt Leïla nicht zu­erst am Ge­sicht, son­dern an ih­rer Stim­me. Ist das ei­ner der Schlüs­sel zu die­sem Werk?

Ja, ganz un­be­dingt. Für uns Sän­ger ist das be­son­ders schön. In die­ser Oper spielt die Sing­stim­me selbst ei­ne Rol­le in der Hand­lung. Nadir er­kennt Leïla an ih­rer Stim­me, und spä­ter, vor dem Du­ett, er­kennt auch sie ihn an sei­ner Stim­me. Das ist sehr un­ge­wöhn­lich und ei­ne der poe­tischs­ten Ideen des gan­zen Werks. Es gibt in die­ser Oper ei­ne be­son­de­re Nä­he von Er­in­ne­rung, Be­geh­ren und Klang, stär­ker viel­leicht als von al­lem, was man se­hen oder fest­hal­ten kann.

»Ich mag die Melancholie mancher Rollen, und Nadir ist eine davon. Er lebt aus Erinnerung, Zärtlichkeit und innerem Konflikt.«

Bizet war noch sehr jung, als er Les Pêcheurs de perles schrieb. Was über­rascht Sie an die­sem frü­hen Werk am meis­ten?

Was mich am meis­ten über­rascht, ist sein In­stinkt für At­mo­sphä­re und Cha­rak­ter. Er war sehr jung und wuss­te doch schon, wie man ei­ne ei­ge­ne Welt er­schafft. Da ist be­reits ei­ne sinn­li­che Kraft, und da sind die­se un­ver­wech­sel­ba­ren, star­ken Me­lo­dien. Den spä­te­ren Meis­ter hört man schon im Du­ett zwi­schen Zur­ga und Nadir, im Du­ett zwi­schen Nadir und Leïla, na­tür­lich in Nadirs Arie, in Leïlas Ari­en und auch in man­chen macht­vol­len Chor­sze­nen.

Sie sind seit Lan­gem eng mit dem fran­zö­si­schen Re­per­toire ver­bun­den. Was zieht Sie an die­ser Mu­sik be­son­ders an?

Mich zie­hen ih­re Ele­ganz und ih­re emo­tio­na­le Raf­fi­nes­se an. In die­sem Re­per­toire liegt oft ei­ne Me­lan­cho­lie, die mich tief be­wegt. Die fran­zö­si­sche Spra­che ist wun­der­schön zu sin­gen, sie be­stimmt schon die Form der Me­lo­die und so­gar die Dy­na­mik. Es ist nicht leicht, auf Fran­zö­sisch zu sin­gen, aber wenn man die Spra­che wirk­lich be­herrscht, be­rei­tet sie gro­ße Freu­de.

Was in­ter­es­siert Sie per­sön­lich an ei­ner Fi­gur wie Nadir und wor­auf freu­en Sie sich im Hin­blick auf Wien am meis­ten?

Ich mag die Me­lan­cho­lie man­cher Rol­len, und Nadir ist ei­ne da­von. Er lebt aus Er­in­ne­rung, Zärt­lich­keit und in­ne­rem Kon­flikt. Sol­che Fi­gu­ren ver­lan­gen vom Sän­ger ei­ne an­de­re Art von Wahr­heit: Man muss sie von in­nen her­aus of­fen­ba­ren, und ge­ra­de das kann sehr er­fül­lend sein. In Wien freue ich mich vor al­lem dar­auf, ihn neu zu ent­de­cken. Je­des Mal, wenn man zu ei­ner Rol­le zu­rück­kehrt, bringt man mehr Le­ben, mehr Er­fah­rung, mehr Ideen mit. Die Par­tie ver­än­dert sich mit ei­nem selbst. Mich in­ter­es­siert nicht, et­was zu wie­der­ho­len, das ich schon ein­mal ge­macht ha­be, son­dern zu se­hen, wel­che neu­en Far­ben, wel­che neu­en Emo­tio­nen und wel­che neu­en vo­ka­len Lö­sun­gen jetzt ent­ste­hen kön­nen. Das ist ei­ne der gro­ßen Freu­den un­se­res Be­rufs.

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