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Mozart braucht keinen Verkehrspolizisten

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Über den Dirigenten Patrick Hahn, der an der Wiener Staatsoper debütiert

Am An­fang war’s die Block­flö­te. Die be­kam er in frü­hen Jah­ren als da­mals fast ob­li­ga­te mu­si­ka­li­sche Grund­aus­stat­tung mit auf den Weg. 

Es folg­ten: Ein Key­board, das ein Ver­wand­ter ab­ge­legt hat­te, so­wie der Volks­schul­chor. Mehr brauch­te es nicht, um in ihm et­was zu we­cken, das zwi­schen In­ter­es­se, Neu­gier­de und Fas­zi­na­ti­on schwank­te. Und nicht zu ver­ges­sen: Spaß. Der spiel­te die Haupt­rol­le. Spaß am Mu­si­zie­ren. Am Sin­gen. Und vor al­lem: an der Ge­mein­schaft. So fing’s an …

Was hier er­zählt wur­de, spiel­te sich vor rund 25 Jah­ren in der Stei­er­mark ab und war der Be­ginn der Lauf­bahn des Di­ri­gen­ten Patrick Hahn. Nein, kein mu­si­ka­li­sches El­tern­haus. Und nein, das ist kein Nach­teil, son­dern war für ihn ein Glücks­fall. Denn so ge­wann er die Frei­heit, sei­nen Weg selbst zu wäh­len, und konn­te sich über das Aus­blei­ben von gen­re­ty­pi­schen Be­leh­run­gen wie »Die­sen Wett­be­werb musst du ge­win­nen« oder »Üb’ mehr!« freu­en.

Was es nun aber brauch­te, wa­ren aus­rei­chend hell­hö­ri­ge Pä­da­go­gen, um sein Ta­lent zu för­dern. Auch die fand er (»Ich hat­te ein Rie­sen­glück, das ge­hört auch da­zu!«), beim be­sag­ten Volks­schul­chor, dann bei den Grazer Kapellknaben oder spä­ter an der Kunstuniversität in Graz.

Von An­fang an in­ter­es­siert ihn viel, sehr viel. Nicht nur Kla­vier, Oper, Sym­pho­nik, son­dern das ge­sam­te Feld der Mu­sik. 

»Mir war ei­ne Of­fen­heit al­lem ge­gen­über wich­tig, al­so auch Mu­si­cal, Ope­ret­te, Jazz, Kir­chen­mu­sik, ich ha­be Chö­re ge­lei­tet, Or­gel und Schlag­zeug ge­spielt. Es mach­te al­les Spaß und es hängt ja auch al­les ir­gend­wie zu­sam­men. Na­tür­lich kann man aus ei­ner Mu­si­cal­pro­duk­ti­on auch ir­gend­was für den Ring des Nibelungen mit­neh­men. Was das ist, lässt sich viel­leicht nicht ge­nau be­zif­fern, aber zwei­fel­los: et­was. Und wie soll man sonst her­aus­fin­den, was man be­son­ders ger­ne macht, wenn man nicht vie­les aus­pro­biert hat?« Den of­fe­nen Geist hat er sich üb­ri­gens be­wahrt, wie ei­ne CD mit Georg Kreisler-Lie­dern, die er ganz ne­ben­bei ein­ge­spielt hat, zeigt.

Zu der gro­ßen mu­si­ka­li­schen Ent­de­ckungs­rei­se ge­hör­te auch, dass Hahn im Al­ter von zwölf Jah­ren sei­ne ers­te klei­ne Oper kom­po­nier­te und sie auch gleich auf­füh­ren durf­te. Nicht nur ein be­glü­cken­der, stol­zer, son­dern na­he­lie­gen­der­wei­se auch ein prä­gen­der Mo­ment. »Als ich vor dem Or­ches­ter stand und die Vie­rer- und Drei­er­tak­te so schlug, wie es mir der Chor­lei­ter ge­zeigt hat­te, da war mir klar: In wel­cher Form auch im­mer, aber das muss mein Le­ben sein.«

Wir ha­ben al­so Schwung, Be­geis­te­rung, Ta­lent und vie­les an­de­re – wie sieht es aber mit der künst­le­ri­schen Ent­wick­lung aus? Wie bil­det man sich ei­ne trag­fä­hi­ge Mei­nung? Wo­her weiß man als jun­ger Or­ches­ter­lei­ter bei ei­ner In­ter­pre­ta­ti­on: Dies bin ich, dies ist ganz mei­ne Mei­nung? Und das in der Flut von Spotify- und YouTube-An­ge­bo­ten? Hahn: »Al­so grund­sätz­lich traue ich kei­nem, der be­haup­tet, er wür­de nie Auf­nah­men an­de­rer hö­ren. Das hal­te ich für un­re­a­lis­tisch oder so­gar ge­lo­gen. Schließ­lich ler­ne ich beim Hö­ren nicht nur: Das ge­fällt mir, son­dern auch: Das ge­fällt mir eben nicht. Und dann kann ich nach­den­ken: Wa­rum nicht? Auch die­ses Wis­sen bringt ei­nen wei­ter. Zen­tral ist aber, dass man nach dem Hö­ren die Auf­nah­me wie­der weg­legt und nicht an­fängt, et­was zu ko­pie­ren.«

»Es gibt Musik, die einfach gestrickt ist und auch so klingt. Mozart hingegen schafft es, mit ganz einfachen Mitteln eine unglaubliche Atmosphäre zu erzeugen«

Aber hat man das Ei­ge­ne ge­fun­den, wo­her weiß man, ob es »rich­tig« ist? Wel­ches Re­gel­sys­tem stimmt heu­te noch? 

Hat doch et­wa ein Nikolaus Harnoncourt vor ei­ni­gen Jahr­zehn­ten ei­ne Er­neu­e­rung der Auf­füh­rungs­pra­xis be­wirkt und das da­mals gän­gi­ge »wahr«-»falsch«-Ko­or­di­na­ten­sys­tem nach­hal­tig auf­ge­bro­chen. »Vie­les ist, sieht man von hand­werk­li­chen As­pek­ten ein­mal ab, oft­mals sehr sub­jek­tiv«, meint Hahn. »Und ge­ra­de die Ori­gi­nal­klang­be­we­gung zeig­te uns, wie sich ei­ne ganz an­de­re Sicht eta­blie­ren kann – und sich die­se wie­de­rum wan­delt.« Ge­ra­de da­rin liegt für ihn un­ter an­de­rem die Schön­heit der Kunst, dass näm­lich das Neu­be­trach­ten nie­mals en­det. »Denn wenn es an­ders wä­re, dann gä­be es ja ir­gend­wann die ein­zi­ge, rich­ti­ge Wie­der­ga­be. Und dann müss­te man ein Werk nie wie­der auf­neh­men, nie wie­der neu in­ter­pre­tie­ren.«

Kom­men wir nun zu Mozart, mit des­sen Nozze di Figaro Patrick Hahn an der Staatsoper de­bü­tie­ren wird. Lässt sich für den Di­ri­gen­ten Mozarts Mu­sik in zwei Sät­zen um­rei­ßen? Das Ein­zig­ar­ti­ge an ihr? Viel­leicht so: »Es gibt Mu­sik, die ein­fach ge­strickt ist und auch so klingt. Mozart hin­ge­gen schafft es, mit ganz ein­fa­chen Mit­teln ei­ne un­glaub­li­che At­mo­sphä­re zu er­zeu­gen. Es ist al­so die­se schein­ba­re Ein­fach­heit.«

Ein­fa­che Mit­tel – ein­fa­ches Di­ri­gat? Er wehrt ab. »Ich ha­be kürz­lich Wagners kom­plet­ten Ring di­ri­giert, und das ist im Ver­gleich zu Mozart, was et­wa rein Schlag­tech­ni­sches und das Fin­den der rich­ti­gen Tem­pi be­trifft, aus mei­ner Sicht viel ein­fa­cher. Frü­her mach­te ich als Di­ri­gent bei al­ler Mozart-Lie­be bis­serl ei­nen Bo­gen um ihn. Ich dach­te: Wenn ich zu viel schla­ge, stö­re ich. Schla­ge ich zu we­nig, be­kom­me ich nicht, was ich will. Ich muss­te erst ler­nen, was Mozart braucht. Näm­lich kei­nen Ver­kehrs­po­li­zis­ten, aber na­tür­lich auch kei­nen, der nur auf Au­to­pi­lot schal­tet, weil ›eh al­le das Stück so gut ken­nen‹.«

Und was braucht ein Or­ches­ter? Ein En­sem­ble? Was ist ein Di­ri­gent im Jahr 2026 ei­gent­lich? Die Zei­ten der stren­gen Über­göt­ter sind ja zwei­fel­los vor­bei. Ist ein Di­ri­gent heu­te mehr ein Glei­cher un­ter Glei­chen, der am Pult steht? »Letz­te­res funk­ti­o­niert lei­der nicht. Aus mensch­li­chen und künst­le­ri­schen Grün­den hat sich das Bild und Auf­tre­ten ei­nes Di­ri­gen­ten zwar glück­li­cher­wei­se ver­än­dert. Aber De­mo­kra­tie herrscht den­noch nicht. Ich kann nicht ein­hun­dert Leu­te nach ih­rer Mei­nung fra­gen und Best Friends funk­ti­o­niert auch nicht stän­dig. Aber ich wä­re dumm, wenn ich stur das be­son­de­re Kön­nen, die Mu­si­ka­li­tät, das Wis­sen und den Er­fah­rungs­schatz der Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker nicht an­näh­me. Auch wenn wir von kei­ner De­mo­kra­tie spre­chen, ist das, was wir ma­chen, im­mer ein Mit­ei­nan­der!«

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