»Manon« als Literaturballett
Ballett |
Rund fünfzig Jahre liegt die Uraufführung von Kenneth MacMillans abendfüllendem Handlungsballett Manon (1974) nun zurück – längst zählt es zu den kanonischen Werken des Literaturballetts. Zugleich markiert die Inszenierung einen Höhepunkt dieser Gattung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
MacMillan selbst, einer der zentralen Erneuerer des narrativen Balletts und bedeutendster Choreograf Schottlands, steht gemeinsam mit Frederick Ashton, John Cranko und John Neumeier für jene choreografische Generation, die das dramatische Handlungsballett nach einer Phase ästhetischer Umbrüche erneut etablierte und zugleich entscheidend weiterentwickelte. In ihren Arbeiten wird das Spannungsverhältnis zwischen literarischer Vorlage und Wesen des Tanzes in besonderer Weise deutlich und in eine eigenständige künstlerische Form überführt.
Charakteristisch für MacMillans eigenes choreografisches Œuvre ist die konsequent psychologische Anlage seiner Figuren. Diese erscheinen nicht als idealisierte Bühnenhelden – wie vor allem im Erzählballett des 19. Jahrhunderts –, sondern als ambivalente, innerlich zerrissene Subjekte, deren Handeln im Widerstreit zwischen individueller Begierde und gesellschaftlicher Normativität steht. Zentral sind dabei Themen wie die Suche nach intensiver – häufig auch leidenschaftlich physischer – Erfahrung sowie die existenzielle Isolation des Individuums. In Manon, basierend auf dem Roman Abbé Prévosts von 1731, bündeln sich diese Aspekte zu einem Tanzdrama von hoher emotionaler und dramaturgischer Dichte, das die Schnittstelle der literarischen Vorlage zwischen Abenteuerroman und empfindsamer Dramatik sichtbar macht.
Innerhalb von MacMillans Werk nimmt Manon eine paradigmatische Stellung ein – vergleichbare literarische Adaptionen finden sich etwa in Las Hermanas (1963) nach Federico García Lorcas La casa de Bernarda Alba, in Different Drummer (1984) nach Georg Büchners Woyzeck oder vor allem in seiner bis heute überaus erfolgreichen Romeo und Julia-Adaption (1965) nach William Shakespeare – als dem Literaturballett schlechthin. Jedes der Werke verdeutlicht, dass Arbeiten dieses Genres keine bloß szenische Nacherzählung literarischer Stoffe sind, die in künstlerische Leere führen würde, sondern einen ganzheitlichen intermedialen Transformationsprozess darstellen.
Das Literaturballett ist demnach als spezifische Form choreografischer Adaptation zu begreifen, in der ein sprachlich verfasstes Ausgangswerk in ein vorrangig nonverbales, körperbasiertes Zeichensystem übertragen wird. Die semantische Struktur des literarischen Textes wird nicht reproduziert, sondern in eine neue ästhetische Ordnung transformiert, die sich aus Bewegung, Musik, Raum und Licht konstituiert. Die Herausforderung, der sich jeder Choreograf und jede Choreografin stellen muss, besteht darin, narrative, psychologische und affektive Dimensionen ohne den Rückgriff auf Sprache erfahrbar zu machen – ein komplexes Unterfangen.
Die grundlegende Spannung zwischen literarischem Text und körperlicher Darstellung ist konstitutiv für das Literaturballett. Der »Text« des Tanzes existiert ausschließlich im Moment seiner Aufführung und ist untrennbar an den Körper der Interpret*innen gebunden. Jede Adaptation impliziert daher einen medialen und semiotischen Wechsel, der nicht auf Reproduktion, sondern auf Transformation abzielt.
Gerade in dieser Übertragung liegt aber die besondere ästhetische Qualität des Literaturballetts: Werke wie Kenneth MacMillans Manon eröffnen einen Zugang zu literarischen Stoffen, der nicht primär diskursiv, sondern sinnlich und affektiv vermittelt wird. Sie machen narrative Strukturen körperlich erfahrbar und entfalten ihre Wirkung in der unauflösbaren Verbindung von choreografischer Gestaltung und performativer Realisation – ein Spannungsfeld, das auch angesichts der aktuellen Dominanz abstrakter zeitgenössischer Werke im Tanz nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt hat.
Den vollständigen Text können Sie im Programmheft Manon lesen.