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Luxus, Macht und Mode bei Bizets »Perlenfischern«

Interview |

Ersan Mondtag spricht über Konsum als Religion, Mode als Macht und warum Schönheit auf der Bühne immer politisch ist.

Für sei­ne Wie­ner Deu­tung von Les Pê­cheurs de per­les ver­legt Ersan Mondtag Bizets Oper in die glo­ba­le Lu­xus­in­dus­trie. Das In­ter­view führt zu Tex­til­ar­beit und Kon­sum­tem­peln, zu Fan­ta­sie als po­li­ti­scher Kraft und zu ei­ner Schön­heit, die auf der Büh­ne nie harm­los bleibt.

Die Idee, Les Pê­cheurs de per­les nicht als exo­ti­schen Stoff zu le­sen, son­dern als Ge­gen­warts­mo­dell für glo­ba­le Lu­xus­pro­duk­tion, wirkt ver­blüf­fend. Wie kam es da­zu?

Ersan Mondtag: Wir fan­den das ei­gent­lich sehr na­he­lie­gend. In den Per­len­fi­schern geht es zu­nächst um die Aus­beu­tung der Na­tur. Die his­to­ri­sche Per­len­fi­sche­rei war ein bra­chia­ler Vor­gang, bei dem Men­schen für den Lu­xus an­de­rer Leib und Le­ben ris­kier­ten. Wenn man die­sen Stoff ins Heu­te zie­hen will, braucht man ein Feld, in dem die­se Ge­fähr­dung und die­se Aus­beu­tungs­lo­gik noch re­al sind. Die Fär­be­rei ist in die­ser Hin­sicht sehr ähn­lich: to­xi­sche Pro­zes­se, pre­kä­re Ar­beit, ge­fähr­li­che Be­din­gun­gen. Ge­ra­de des­halb ha­ben wir uns ent­schie­den, die Per­le durch Tex­til zu er­set­zen.

Sie ma­chen in die­ser Pro­duk­tion nicht nur die In­sze­nie­rung, son­dern auch Büh­ne und Kos­tü­me. Was war zu­erst da: die Fär­be­rei oder die Shop­ping Mall als Kon­sum­tem­pel?

Eigent­lich zu­erst die Stadt mit der Fär­be­rei. Di­rekt da­nach kam die Über­le­gung, die Shop­ping Mall als ei­ne Art ein­ge­fro­re­ne Me­ta­pher für den Tem­pel zu neh­men, ge­wis­ser­ma­ßen in Mar­mor ge­gos­sen. Es soll­te kein na­tu­ra­lis­ti­sches Ein­kaufs­zen­trum wer­den, son­dern ei­ne über­höh­te Form, in der Kon­sum und Sa­kra­li­sie­rung in­ein­an­der kip­pen. Spä­ter ha­ben wir ge­merkt, dass die­ser Tem­pel in sei­ner rei­nen Form zu er­starrt wä­re. Al­so ha­ben wir die Ar­beits­welt auch in die­sen zwei­ten Be­reich hin­ein­ge­zo­gen: Die­sel­ben Men­schen, die zu­vor in der Fär­be­rei ar­bei­ten, tau­chen spä­ter als Be­diens­te­te in der Mall wie­der auf. Ge­ra­de nicht als Kun­den, das war wich­tig.

In die­ser Bild­welt tau­chen auch Schau­fens­ter­pup­pen auf, die mit den­sel­ben Stof­fen be­klei­det sind, die zu­vor als Ar­beits­klei­dung in der Fär­be­rei zu se­hen wa­ren. Was in­ter­es­siert Sie an die­ser Um­keh­rung?

Mich in­ter­es­siert dar­an der Zy­nis­mus. Es gibt in der Mo­de im­mer wie­der die Ten­denz, Ar­beits­welt, Ar­mut oder ver­meint­lich ein­fa­che Klei­dung äs­the­tisch zu adeln und in Lu­xus zu über­füh­ren. Man nimmt Stof­fe oder An­mu­tun­gen, die ei­gent­lich mit Ar­beit, Här­te und Aus­beu­tung zu tun ha­ben, und stellt sie dann als raf­fi­nier­te Ges­te in ei­nen Lu­xus­kon­text. Dass et­was, das ein­mal funk­tio­nal und pre­kär war, plötz­lich als ver­edel­te Wa­re wie­der­kehrt: ge­nau dar­in steckt für mich ei­ne gro­ße Per­ver­si­on.

»Mo­de ist nicht nur Äs­the­tik, son­dern auch Ge­sell­schafts­ana­ly­se.«

Ihre Ar­bei­ten sind vi­su­ell oft au­ßer­or­dent­lich opu­lent. Wie brin­gen Sie die­se äs­the­ti­sche Fül­le mit ei­nem so kla­ren ge­sell­schaft­li­chen Zu­griff zu­sam­men?

Ich wür­de gar nicht sa­gen, dass ich den Reich­tum des Bil­des an sich kri­ti­sie­re. Für mich sind das zwei ver­schie­de­ne Din­ge. Die ei­gent­li­che Fra­ge ist doch: Wo­für lohnt es sich, Res­sour­cen aus­zu­ge­ben? Und ich fin­de, für Kunst lohnt es sich. Thea­ter ist kei­ne fal­sche Ver­schwen­dung. Da wer­den Bil­der er­zeugt, Vor­gän­ge zu­ge­spitzt und über­höht, Men­schen ver­sam­meln sich an ei­nem be­stimm­ten Ort für ei­ne be­stimm­te Zeit. Man muss da wie­der selbst­be­wuss­ter wer­den. Kunst ist nicht das, was man im­mer als Ers­tes mo­ra­lisch recht­fer­ti­gen muss. Sie ist ein ei­ge­ner Wert.

Ge­ra­de weil Kunst ein Ort der Ver­dich­tung ist, darf sie auch Reich­tum her­vor­brin­gen. Und ich fin­de tat­säch­lich, dass es po­li­tisch ist, Res­sour­cen am Thea­ter aus­zu­ge­ben. Kunst und Thea­ter sind kein über­flüs­si­ger Lu­xus. Sie schaf­fen Öf­fent­lich­keit, Be­geg­nung, Aus­tausch und ei­ne Form ge­mein­sa­mer Er­fah­rung, die an­ders kaum her­zu­stel­len ist.

In Ih­rer In­sze­nie­rung wer­den aus Brah­ma und Shi­va Pra­da und Gu­cci. Geht es Ih­nen da­bei eher um Po­le­mik ge­gen Mar­ken­fe­ti­sche oder um die Vor­stel­lung, dass Kon­sum heu­te Re­li­gi­on er­setzt hat?

Es geht dar­um, dass wir in Eu­ro­pa je­den­falls kei­ne Göt­ter mehr im al­ten Sinn ha­ben. Na­tür­lich gibt es Men­schen, die re­li­gi­ös sind. Aber die re­li­giö­se In­fra­struk­tur, die das Le­ben wirk­lich ord­net, ist weit­ge­hend ver­schwun­den. Die Men­schen glau­ben nicht mehr dar­an, dass das ei­gent­li­che Le­ben nach dem Tod erst be­ginnt. Al­so müs­sen sie sich im Le­ben selbst ver­wirk­li­chen. Und dann stellt sich die Fra­ge: Wo­für lebt man? Wo­für lohnt es sich zu le­ben?

Ich glau­be schon, dass Mo­de, Schön­heit und Kunst in die­ser Sinn­su­che ei­ne Funk­ti­on ha­ben. Gu­te Mo­de kann Aus­druck von In­di­vi­dua­li­tät sein. Sie kann ei­ne Form ge­ben, wie man sich selbst in der Welt ver­or­tet.

Wenn Sie Schön­heit, Kunst und Mo­de so stark ge­gen ei­ne rein uti­li­ta­ris­ti­sche Vor­stel­lung vom Le­ben ver­tei­di­gen, dann ver­tei­di­gen Sie auch die Frei­heit, an­ders zu den­ken. Hängt dar­an für Sie die Fan­ta­sie, dass un­se­re Ge­gen­wart nicht das En­de al­ler Mög­lich­kei­ten ist?

Ja, ge­nau. De­mo­kra­tie ist ei­ne Idee. Viel­leicht gibt es bes­se­re Ideen. Man muss sich die Frei­heit neh­men, das über­haupt den­ken zu dür­fen. Nicht im Sinn von: weg mit der De­mo­kra­tie. Son­dern im Sinn von: Wa­rum soll­ten wir so tun, als sei die Ent­wick­lung des po­li­ti­schen Den­kens ab­ge­schlos­sen?

Wir müs­sen die Frei­heit zu­rück­ge­win­nen, auch an­de­re Op­tio­nen den­ken zu dür­fen. Viel­leicht gibt es bes­se­re Mo­del­le, viel­leicht nicht. Ich weiß es nicht. Aber es könn­te ja wel­che ge­ben. Der Mensch ist doch kre­a­tiv. Fan­ta­sie ist nicht De­ko­ra­ti­on. Sie ist ei­ne Be­din­gung da­für, dass man sich nicht mit dem Ge­ge­be­nen ab­fin­det.

Wenn wir auf­hö­ren, uns an­de­re For­men vor­zu­stel­len, im Äs­the­ti­schen wie im Po­li­ti­schen, dann ver­wal­ten wir nur noch das, was oh­ne­hin schon da ist.

In Bizets Oper gibt es aber nicht nur Pro­duk­ti­ons­ge­walt und Wa­ren­ket­ten, son­dern auch Nacht, Fer­ne, Ster­ne, Be­geh­ren, fast ei­ne Poe­sie des Un­er­reich­ba­ren. Ge­ra­de die­se poe­ti­sche Ebe­ne wird in Ih­rer Les­art von Fi­gu­ren ge­tra­gen, die zu­gleich klar auf der Sei­te der Pri­vi­le­gier­ten ste­hen: Na­dir tritt als Ver­tre­ter ei­ner Lu­xus­mar­ke auf, Leïla als Fa­shi­on-Iko­ne, Zur­ga als Un­ter­neh­mer der Fär­be­rei und spä­te­rer Ma­na­ger der Shop­ping Mall. Reizt Sie ge­ra­de die­ser Wi­der­spruch?

Sehr. Sonst wä­re das ja kei­ne Oper. Mich in­ter­es­siert nie bloß die Il­lus­tra­ti­on ei­nes Ge­dan­kens. Mich in­ter­es­siert, dass ei­ne Welt ent­steht, in der auch Schön­heit, Sehn­sucht und Fan­ta­sie ei­nen Platz ha­ben. Ge­ra­de wenn man über Aus­beu­tung, Zwang und Ge­walt spricht, darf man das Poe­ti­sche nicht ein­fach aus­trei­ben. Es ist oft ge­nau die­se Schön­heit, die uns über­haupt erst in ei­ne Wahr­neh­mung hin­ein­zieht.

Mich in­ter­es­siert al­so ge­nau die­ser Wi­der­spruch: dass die poe­ti­sche Auf­la­dung hier von Fi­gu­ren ge­tra­gen wird, die in die­sem Sys­tem eben nicht un­schul­dig sind. Da­durch wird das Dra­ma nicht schwä­cher, son­dern stär­ker.

Sie ha­ben im Kon­zept von ei­ner Art Schwei­ge­ge­lüb­de ge­spro­chen, ei­ner un­sicht­ba­ren Ver­ab­re­dung über die Ver­bin­dung zwi­schen Wa­re, Preis und Ar­beits­be­din­gun­gen. Wie ver­ste­hen Sie die­ses Mo­tiv?

Mich in­ter­es­siert dar­an, dass es kein of­fi­zi­el­les Ge­setz ist und trotz­dem von al­len be­folgt wird. Es ist wie ein stil­les Ein­ver­ständ­nis zwi­schen den Pro­duk­ti­ons­or­ten und den Kon­sum­or­ten, zwi­schen de­nen, die her­stel­len müs­sen, und de­nen, die kau­fen wol­len, oh­ne zu viel wis­sen zu müs­sen. Al­le pro­fi­tie­ren da­von, dass die Aus­beu­tung nicht sicht­bar wird.

In­so­fern ist das für mich tat­säch­lich ei­ne mo­der­ne Form des Ge­lüb­des. In Bizets Oper gibt es Schwü­re, Ver­bo­te, re­li­giö­se Bin­dun­gen. In un­se­rer Ge­gen­wart gibt es statt­des­sen oft un­sicht­ba­re so­zia­le Ver­ab­re­dun­gen. Nie­mand spricht sie aus, aber sie struk­tu­rie­ren trotz­dem al­les.

In der Oper selbst gibt es vie­le al­te Bin­dun­gen: den Freund­schafts­schwur zwi­schen Zur­ga und Na­dir, Leïlas Ge­lüb­de, da­zu die Ge­schich­te mit der Ket­te. Spielt die­ses Mo­tiv der Er­in­ne­rung für Sie ei­ne Rol­le?

Ja, un­be­dingt. Mich in­ter­es­siert an die­ser Oper sehr, dass sie nicht nur aus Ge­gen­wart be­steht. Ei­gent­lich tritt stän­dig et­was Ver­gan­ge­nes in die Ge­gen­wart hin­ein. Die Fi­gu­ren tra­gen al­te Schwü­re, al­te Bil­der, al­te Ver­let­zun­gen mit sich he­rum. Sie han­deln nicht frei aus dem Mo­ment, son­dern in ei­nem Feld von frü­he­ren Ver­spre­chen und Er­in­ne­run­gen. Des­halb ist das Stück für mich auch kein blo­ßes Ei­fer­suchts­dra­ma. Es ist ei­ne Oper dar­über, dass die Ver­gan­gen­heit nicht ver­geht.

»Ich glau­be, oh­ne Fan­ta­sie wä­re al­les un­er­träg­lich platt. Mich in­ter­es­siert nicht, The­sen auf die Büh­ne zu stel­len, son­dern Wel­ten.«

Die Wa­ren­welt, in die Sie das Stück ver­le­gen, ist nicht nur Ge­gen­wart, son­dern von al­ten My­then und Er­zäh­lun­gen durch­zo­gen?

Ge­nau. Mo­der­ne Sys­te­me funk­tio­nie­ren ja nicht oh­ne My­then. Sie er­zäh­len sich nur an­ders. Es gibt Mar­ken­my­then, Auf­stiegs­er­zäh­lun­gen, Life­style-Sa­gas, Er­folgs­ge­schich­ten, Iko­nen. Auch die Ge­gen­wart pro­du­ziert ih­re Le­gen­den.

Der Ko­lo­nia­lis­mus von Bizets Oper ist aus heu­ti­ger Sicht schwer­lich zu über­se­hen. Wie sind Sie da­mit um­ge­gan­gen?

Die Oper hät­te man so, wie sie da steht, heu­te nicht ein­fach un­ge­bro­chen auf­füh­ren kön­nen. Da ist al­les zu­sam­men­ge­mischt: re­li­giö­se Zei­chen, ko­lo­nia­le Vor­stel­lun­gen, ein dif­fu­ser Exo­tis­mus. Aus heu­ti­ger Sicht ist das in Vie­lem ei­ne An­ma­ßung. Aber na­tür­lich muss man das Werk zu­gleich im Kon­text sei­ner Zeit se­hen.

Für mich war klar: Es wä­re viel zu scha­de, die Mu­sik we­gen die­ser Pro­ble­me nicht mehr zu spie­len. Al­so muss man ei­nen Weg fin­den, das Werk sze­nisch um­zu­schrei­ben, oh­ne es zu ver­ra­ten. Ich wür­de da­her sa­gen: Auf den zwei­ten Blick bin ich werk­treu. Ich tau­sche die Sym­bo­le aus, Na­tur wird Ar­beit, Tem­pel wird Kon­sum­tem­pel, aber in­ner­halb des­sen blei­ben die Fi­gu­ren­kon­stel­la­tio­nen und Be­zie­hun­gen be­ste­hen.

Zum Schluss noch ein­mal zu­rück zu dem, was die­se Welt trotz al­lem zu­sam­men­hält: Schön­heit, Fan­ta­sie, Kunst. Ist das viel­leicht der ei­gent­li­che Kern Ih­rer Ar­beit?

Ich glau­be, oh­ne Fan­ta­sie wä­re al­les un­er­träg­lich platt. Mich in­ter­es­siert nicht, The­sen auf die Büh­ne zu stel­len, son­dern Wel­ten. Und in die­sen Wel­ten darf es Här­te ge­ben, aber eben auch Schön­heit, Ver­füh­rung, Nacht, Fer­ne, Glanz. Ge­ra­de da­durch wer­den sie wahr­nehm­bar. Viel­leicht ist das tat­säch­lich der Kern: dass Kunst ei­nen Raum schafft, in dem Wi­der­sprü­che nicht ge­glät­tet wer­den, son­dern leuch­ten.

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