Liebestränke & Winterstürme im Wonnemond
Interview |
Michael Spyres gehört weltweit zu den wichtigsten Sängerpersönlichkeiten. Sein gewaltiger Stimmumfang prädestiniert ihn von Haus aus für ein großes Repertoire, seine Musikalität, sein schönes Timbre, seine große Stimme, aber auch seine Intelligenz und Bildung lassen jede seiner Interpretationen zu Ereignissen werden. Zunächst machte er sich unter anderem im Barock- und Belcanto-Bereich, mit Mozart-Rollen und im französischen Fach international einen Namen, um dann in jüngster Zeit auch das Wagner-Fach zu erobern – 2024 begeisterte er beispielsweise als Lohengrin, im selben Jahr folgte das Debüt als Siegmund bei den Bayreuther Festspielen, und vor wenigen Wochen triumphierte er an der New Yorker Met als Tristan. An der Wiener Staatsoper stellte er sich 2019 als Don Ramiro in Rossinis La cenerentola vor und kehrte später als atemberaubender Palestrina, Florestan und Bacchus in Strauss’ Ariadne zurück. Im April/Mai/Juni ist er nun gefühlt nahezu jeden zweiten Abend im Haus am Ring zu erleben: zunächst mit einem Solokonzert, dann als Nemorino in Liebestrank, als Sänger in Rosenkavalier und schließlich als Siegmund in Walküre.
Ihre Stimmlage wird im Englischen gerne als BariTenor bezeichnet. Was bedeutet das genau?
Das bedeutet, dass meine Stimme sich ganz natürlich in der Überschneidung zwischen Bariton und Tenor bewegt. Ich habe als Bariton angefangen – mit einer dunklen, warmen tiefen Lage und guter Resonanz in den tiefen Tönen –, habe aber auch mühelos den Zugang zum Tenorbereich entwickelt, bis hin zu einem soliden hohen C und bei Bedarf sogar darüber hinaus. Es geht also nicht darum, das Fach zu wechseln; es ist eher so, als wäre man auf einem ganzen Spektrum zu Hause. Die meisten Stimmen sind ohne hin keine reinen Tenöre oder reinen Bässe – wir alle liegen irgendwo dazwischen –, die Klangfarben und Techniken beider Seiten müssen sich vermischen, um eine BariTenor-Technik zu schaffen. Ich habe gelernt und geübt, baritonale Schwere und Klangfarbe in Tenorrollen einzubringen. Umgekehrt habe ich gelernt, die Stimme mit einer leichteren, tenorähnlicheren Linie schweben zu lassen und zu umschmeicheln, wenn die Musik dies erfordert. Jahrzehntelanges Üben und Auftritte haben mir viel Flexibilität verliehen, aber das bedeutet auch, dass ich technisch sehr präzise sein muss, damit die Stimme bei keiner Rolle zu sehr in einen, sagen wir, »ungesunden« Gesang abdriftet.
Ist der Schritt ins Wagner-Fach auch eine logische Folge der Stimmlage BariTenor? Es gibt ja viele Wagner-Tenöre, die als Bariton angefangen haben.
Ja, für mich fühlt sich das logisch an und ist etwas, das ich mir schon in meinen Zwanzigern immer vorgestellt hatte. Die baritonale Klangfarbe und das Volumen, das ich schon immer in der mittleren und tiefen Stimmlage hatte, entwickelten sich zu jener heroischen Qualität, die viele Wagner-Rollen erfordern. Viele der großen Wagner-Tenöre kamen, wie Sie richtig sagen, tatsächlich aus dem Baritonbereich, und der Grund, warum sich dies im Klang eines »Wagner-Tenors« niederschlägt, liegt darin, dass Wagners Stimmführung auf der eher barocken Tenortechnik basierte. Diese barocke und frühheroisch-romantische Technik wird häufiger von heutigen Baritonen oder tieferen zweiten Tenören gesungen: Das tiefere Zentrum des Stimmkerns, über das Baritone verfügen, verschafft einem den natürlichen Vorteil eines geerdeten und dennoch klingenden Tons, der sich über ein Orchester hinweg trägt. Der Grund, warum Wagner auf diese Weise für die Stimme komponierte, liegt darin, dass er die reinste und natürlichste menschliche Stimme wollte – und wie ich bereits sagte, ist die häufigste Männerstimme ohnehin der BariTenor und nicht der reine Tenor oder der reine Bass. Für mich war der Übergang zu Wagner übrigens kein plötzlicher Sprung. Er ergab sich ganz natürlich aus meiner über 20-jährigen Erfahrung mit dem Barockgesang, französischer Grand opéra und anspruchsvolleren Belcanto-Rollen. Mit Anfang 40 fühlte sich meine Stimme bereit für diese größere Orchestrierung mit einer länger gehaltenen Gesangslinie, und Rollen wie Lohengrin und nun Siegmund liegen genau in jenem jugendlich-heroischen Bereich zwischen reinem Lyrik-Tenor und vollem Heldentenor.
In der Zwischenkriegszeit haben Wagner-Tenöre ihre Partien fast in einer Art Sprechgesang gegeben. Andererseits kennen wir die Sympathien Wagners für Bellini. Wie viel große Linie eignet den Wagner-Rollen? Inwieweit können Sie Ihre Belcanto-Erfahrung bei Wagner einsetzen? Und wo hört Wagner auf, belcantesk zu sein?
Wagner war vom Belcanto durchdrungen – er verehrte Bellini und dirigierte schon früh viele italienische Opern. Es gibt Essays, in denen er ausdrücklich die italienische Melodie als Vorbild nennt, und später lobte er Bellinis Melodien als »schöner als Träume«. Die »große Linie« ist somit absolut zentral für seine Musik. Der Sprechgesang der Zwischenkriegszeit war meines Erachtens eher eine Modeerscheinung, die oft von kräftigeren Stimmen oder theotralischen Trends geprägt war. Ich glaube, dieser Ansatz war eher eine Notwendigkeit, um Sänger zu finden, in Zeiten, in denen die meisten körperlich tauglichen Männer beim Militär waren. Zudem stand der historische Gesang nicht so sehr im Vordergrund, weil das Wissen um die Gesangskunst an den Rand gedrängt wurde, um stattdessen einen fast propagandistischen Sänger darzustellen, der in Statur und Stimme gleichsam mythisch wirkte. Aber ich glaube nicht, dass es das war, was Wagner wollte. Nicht umsonst schrieb er einmal wörtlich: »Heute hört man kaum noch einen wirklich schönen und vollendeten Triller; sehr selten einen perfekten Mordent; sehr selten eine abgerundete Koloratur, ein echtes, ungekünsteltes, die Seele berührendes Portamento, eine vollständige Angleichung des Stimmregisters und eine perfekte Beibehaltung der Intonation durch die wechselnden Nuancen der Lautstärkezunahme und -abnahme.« Klingt das nach dem Wagner-Gesang der letzten 100 Jahre?
Leider gab es im vergangenen Jahrhundert nur wenige Ausnahmen vom »Park-and-Bark«-Stil des Wagner-Gesangs, also des reinen Rampensingens, doch es gibt derzeit aktive Bestrebungen, einen vielseitigeren Wagner-Sänger hervorzubringen, der Wagners Wünsche tatsächlich respektiert. Wagner komponierte für Stimmen, die eine schöne, fließende Phrasierung aufrechterhalten können, und mein Belcanto-Hintergrund hilft mir enorm bei all den Herausforderungen, die Wagner einem stellt. Man kann dies auf die gesamte Rolle anwenden: Phrasen gestalten, Portamento geschmackvoll einsetzen, die Stimme über das Orchester gleiten lassen, anstatt dagegen anzukämpfen. Wagner hört dort auf, rein belcantistisch zu sein, wo das Drama mehr deklamatorische Kraft erfordert oder die Orchestrierung unglaublich dicht wird, man also echte Ausdauer und Durchschlagskraft braucht, um »drüberzukommen«. Aber selbst dann ist die Grundlage immer noch die Gesangslinie. Wagner selbst forderte jedenfalls eine gut projizierte, klare Diktion, die im Dienste des Gesangs steht. Er wollte niemals einen veristischen Stil des deklamatorischen Gesangs! Mit anderen Worten: Wenn man die Belcanto-Technik verliert, hält man sich nicht an Wagners Wünsche.
Liegt Bellini oder Donizetti den Wagner-Partien näher? Oder anders gefragt: Ist in Siegmund mehr Nemorino oder mehr Orombello bzw. Elvino zu finden? Sie haben viel Rossini gesungen – gibt es da überhaupt eine Verbindung zu Wagner?
Ich würde sagen, in Siegmund steckt mehr vom heroischen Bellini-Tenor – man denke an Orombello oder Pollione – als von der reinen Lyrik eines Nemorino. Siegmund hat diese schwebende, leidenschaftliche Linie und emotionale Direktheit, die sich näher an Bellinis langatmigen Melodien anfühlt. Donizetti kann dramatischer sein und verlangt eine wahre Beherrschung der Technik, aber Bellinis Reinheit der Linie, gemischt mit einer heroischen Tessitura à la Händel, ist es, was ich in Wagners Helden der frühen und mittleren Schaffensphase höre.
Rossini? Ja und ja – es gibt eine Verbindung in der Koloratur und dem Bedürfnis nach präziser Artikulation selbst in schwererer Musik, dazu die schiere Athletik der Stimme. Rossini schrieb die stimmlich anspruchsvollste Musik, die je komponiert wurde. Die Beherrschung von Rossinis Anforderungen half den Sängern enorm auf dem Weg in die Wagner-Ära. Viele Menschen verbinden Rossini fälschlicherweise nur mit seinen größten Hits wie Barbiere und Cenerentola, doch seine dramatischen Opern beeinflussten alle, die nach ihm kamen – ob sie es wollten oder nicht. Rossini schult einen darin, unter Druck agil und präzise zu sein, was dann später hilft, wenn Wagner einen mit diesen langen, exponierten Phrasen konfrontiert. Die Technik überträgt sich stärker, als man erwartet: Atemführung, Klarheit beim Einsetzen und die Fähigkeit, die Stimme auch bei großem Orchester flexibel zu halten. Es ist faszinierend, wie tief die frühen Wagner-Sänger in den Traditionen des Belcanto und der Klassik verwurzelt waren. Nehmen wir Ludwig Schnorr von Carolsfeld, den allerersten Tristan im Jahr 1865: Nur wenige Wochen nach dieser legendären Uraufführung probte er gerade für sein Debüt als Don Ottavio in Mozarts Don Giovanni, als er tragischerweise erkrankte und starb. Viele der Tenöre, die Wagner bewunderte oder mit denen er zusammenarbeitete, hatten einen ähnlichen Hintergrund: Sie sammelten erste Erfahrungen in Mozart-Rollen, den agilen Melodielinien von Rossini und Bellini sowie den großen, dramatischen Tenorpartien in Meyerbeers französischen Großen Opern.
Rossinis Otello mit seiner anspruchsvollen, heroischen Titelrolle, die für eine kraftvolle und zugleich flexible Stimme geschrieben war, schulte Sänger sowohl in stimmlicher Kraft als auch in expressiver Schönheit. Donizettis und Meyerbeers spektakuläre Werke trieben dies mit ihrem Umfang und ihrer Intensität noch weiter voran. Wagner selbst lernte enorm viel von all den Belcanto-Giganten, auch wenn er dies später herunterspielte. Heinrich Vogl, der 1870 bei der Münchner Uraufführung von Die Walküre die Rolle des Siegmund sang, war ein renommierter Don Ottavio, doch der prägende Siegmund war Albert Niemann, der diese Rolle 1876 beim ersten vollständigen Ring-Zyklus in Bayreuth sang. Niemann begann mit Meyerbeer und der französischen Grand opéra und studierte beim großen französischen Tenor Duprez (einem Giganten des Belcanto) und brachte diese heroische und zugleich lyrische Grundlage für Wagner mit. Diese wegweisenden Stimmen waren nicht von Anfang an »Wagner-Tenöre« im modernen Sinne des Heldentenors – sie besaßen die Beweglichkeit, das Legato und die dramatische Authentizität, die sie von Mozart, Rossini, Bellini und Meyerbeer gelernt hatten. Genau diese ältere Technik ermöglichte es ihnen, die lange, große Linie zu halten und dennoch menschlich und ausdrucksstark zu klingen, anstatt das Orchester einfach nur zu übertönen.
Verleiten Siegmunds Wälse-Rufe in der Walküre zu einem bewussten Längen-Wettbewerb?
Wenn man vielen Fans zuhört, kann es manchmal so wirken! Diese »Wälse! Wälse!«-Rufe sind legendär und liegen genau in jenem Passaggio-Bereich, in dem man echte Kraft und Klang braucht, ohne zu forcieren. Tenöre sind dafür bekannt, daraus eine Art Gesangs-Olympiade zu machen – wer hält den Ton länger oder macht ihn lauter –, aber ich glaube ehrlich gesagt, dass dies von Wagners Absichten ablenkt und zu einer Art Zirkusnummer wird, wenn man nur daran denkt, wie lange man die Töne halten muss. Für mich geht es nicht um Wettbewerb, sondern um das Erzählen einer Geschichte. Diese Rufe sind Siegmunds verzweifelte Anrufung seines Vaters –
sie müssen heroisch klingen, aber auch verletzlich und fast wild. Wenn es nur noch um Länge oder Lautstärke geht, verliert man das Drama und den menschlichen Kern dieses Moments.
Als Interpret muss man sich die Stimme für einen Abend einteilen, also nicht zu früh zu viel Pulver verschießen. Ist das beim Siegmund überhaupt möglich bzw. nötig? Der erste Aufzug ist doch der in jeder Hinsicht forderndere als der zweite, oder?
Ehrlich gesagt ist Wagner viel organischer als die meisten anderen Komponisten, wenn man einfach die Dynamik und die Absichten singt, die er geschrieben und klar notiert hat. Wagner hat seine Hausaufgaben gemacht, und die Aufgabe des Interpreten ist es, nach den Prinzipien des Belcanto zu singen. Siegmund kann schwierig erscheinen, wenn man noch keine französische Grand opéra oder lange und anspruchsvolle Rollen wie Tristan gesungen hat, aber ich muss sagen, dass Wagner sehr gut verstanden und studiert hat, wozu ein Sänger fähig ist. Das Problem ist, dass der erste Akt mit all der Erzählung, den großen Ausbrüchen und den emotionalen Extremen tatsächlich der exponierteste und unerbittlichste ist. Man muss sich das Tempo sorgfältig einteilen und darf nicht zulassen, dass die Emotionen des Dramas die Technik überlagern. Das Problem, das nur allzu oft auftritt, ist, dass Sänger in den längeren, eher dialogartigen Momenten bei Wagner dazu neigen, die Stütze zu vergessen, die sie beim Singen anwenden. Als Sänger müssen wir immer daran denken, das Orchester als Unterstützung zu nutzen und nicht als eine Energie misszuverstehen, gegen die man ankämpfen muss. Der zweite Akt ist im Vergleich zum ersten eigentlich recht kurz, und man ist bereits vom ersten Akt her aufgewärmt. Der Schlüssel liegt darin, bei den Proben klug vorzugehen und auf die Technik zu vertrauen, damit man nicht schon in den ersten zwanzig Minuten alles verbraucht. Wenn man die Rolle des Siegmund mit purer Kraft singt, rächt sich das später am Abend. Grundsätzlich müssen aber natürlich alle Wagner-Rollen organisch und klug gesungen werden.
Sie haben 2024 Ihren ersten Lohengrin gesungen. Siegmund ist nach Lohengrin ein nächster logischer Schritt. Worin unterscheiden sich die Herausforderungen zwischen den beiden Partien?
Bei Lohengrin geht es mehr um Reinheit, Noblesse und dieses schwebende, fast überirdische Legato mit sehr exponierten hohen Passagen und einer Art mystischer Zurückhaltung. Lohengrin bewegt sich zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, während Siegmund erdverbundener, leidenschaftlicher und menschlicher ist. Siegmund bewegt sich als Kämpfer, Liebhaber und Sohn in der Krise auf dem schmalen Grat zwischen Tier und Mensch.
Stimmlich liegt Siegmund deutlich tiefer und erfordert mehr baritonale Farbe und Ausdauer in der Mittelstimme, während Lohengrin eine gleichmäßigere Brillanz in den Höhen und eine insgesamt höhere Tessitura verlangt. Dramatisch wirkt Siegmund auf mich roher und unmittelbarer; Lohengrin ist ein Gralsritter, der immer mit einem Fuß außerhalb der menschlichen Welt steht, während Siegmund voll und ganz in deren Schlamm und Blut steckt.
Wäre nicht der Parsifal die am wenigsten schwierige Wagner-Partie? Trotzdem beginnt der Weg vieler Tenöre bei Lohengrin. Warum?
Ich habe Parsifal noch nicht gesungen, aber meine Kollegen, die diese Rolle bereits interpretieren durften, erzählten mir, dass sie sich in gewisser Weise leichter anfühlt, da sie über weite Strecken lyrischer und innerlicher ist und so komponiert wurde, dass die Stimme an manchen Stellen zur Ruhe kommen kann. Ich habe aber auch gehört, dass Parsifal aufgrund der enormen Länge der Oper, des gewaltigen emotionalen Spannungsbogens und des letzten Aktes, der echte stimmliche und geistige Reife erfordert, tatsächlich nicht unterschätzt werden darf, um glaubwürdig dargestellt zu werden.
Viele beginnen mit Lohengrin, weil er geradliniger heroisch ist, die Tessitura gut zu jüngeren dramatischen oder jugendlichen Heldentenorstimmen passt und es eine großartige »Visitenkarte«-Rolle ist. Sie bringt die klingenden hohen Töne und die edle Linienführung zur Geltung, ohne die gleiche philosophische Tiefe und anhaltende Stille wie Parsifal, die es viel schwerer machen kann, überzeugend zu bleiben, wenn man noch sehr jung ist. Das ist das scheinbare Paradoxon der Wagner-Figuren, denn man muss die jugendliche Beweglichkeit und die Beherrschung seines Instruments besitzen und gleichzeitig die Reife eines Weisen und erfahrenen Veteranen des Handwerks haben.
Wie viel Zeit benötigen Sie, um von Nemorino zu Siegmund zu switchen? Die Proben zur Walküre überschneiden sich diesmal ja mit den Aufführungen zu Elisir.
Nicht so viel, wie man vielleicht denken könnte, denn die technischen Grundlagen sind ähnlich – gutes Legato, Atemstütze, Textklarheit. Aber mental und dramatisch ist es ein großer Wechsel: von Nemorinos einfachem, sonnigem Charme zu Siegmunds grüblerischer Intensität.
Ich versuche, mir ein paar Tage Zeit zu nehmen, um mich darauf einzustellen: leichte technische Arbeit an den unterschiedlichen Klangfarben, dann tauche ich in die Figur und den Text ein. Die Überschneidung ist tatsächlich eine Herausforderung, aber so ist das Opernleben. Wenn die Technik stimmt, kommt es vor allem darauf an, wo man an einem bestimmten Tag seine Energie und Fantasie einsetzt. Glücklicherweise habe ich diese Art des Hin- und Herwechselns schon meine ganze Karriere lang gemacht, sodass es mir mittlerweile ganz natürlich von der Hand geht.
Sie singen in einem Monat an der Wiener Staatsoper Nemorino, Siegmund und den Sänger im Rosenkavalier. Welche dieser Partien ist am meisten prädestiniert, Lampenfieber zu erzeugen?
Ganz ehrlich? Wahrscheinlich der Sänger im Rosenkavalier. Die Rolle ist kurz, aber sehr exponiert – man kommt aus dem Nichts, muss dieses glanzvolle, pseudo-mozartische Paradestück mit perfektem Stil, Leichtigkeit und Charme vortragen, und dann ist man fertig. Man hat keine Zeit, sich einzuspielen oder dramatisch aufzubauen.
Nemorino liegt mir sehr am Herzen und fällt mir sehr leicht, und Siegmund ist eine Rolle, die mit ihrer Mischung aus wildem Kind und sensibler Romantik ebenfalls gut zu meiner natürlichen Persönlichkeit passt. Ich muss sagen, dass der Auftritt des Sängers im Rosenkavalier jeden noch so kleinen technischen oder stilistischen Fehler hervorhebt und jeder Takt ein Alles-oder-Nichts-Moment ist. Entweder man gewinnt das Publikum für sich oder hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Es ist ein bisschen wie eine Visitenkarte, die man vorlegt und dann sofort wieder verschwindet.
»Wenn die Technik stimmt, kommt es vor allem darauf an, wo man an einem bestimmten Tag seine Energie und Fantasie einsetzt.«
Machen Sie den Sänger, weil Sie zufällig gerade hier sind? Warum tut man sich diese kleine, aber doch sehr heikle Partie an?
Zum Teil liegt es daran, dass die Termine gut mit den anderen Wiener Aufführungen harmonierten, aber es macht mir auch wirklich Spaß. Es ist geradezu eine Perle von einer Rolle – kurz, aber sie erfordert echte Eleganz, Stil und einen Hauch von Humor. Sie ermöglicht es mir, in einem Strauss-Kontext mit der leichteren, eher Mozart’schen Seite meiner Stimme zu spielen.
Und es macht Spaß, in ein so perfektes Ensemblewerk an der Staatsoper einzusteigen. Manchmal kann ein fünfminütiger Auftritt genauso herausfordernd und befriedigend sein wie ein ganzer Akt, gerade weil man sich nirgendwo verstecken kann.
Strauss hatte eine große Vorliebe für Mozart. Wie mozartisch ist die Partie des Sängers nun wirklich? Oder handelt es sich nur um einen Schein-Mozart-Stil, so wie die Sprache eine Schein-Sprache des 18. Jahrhunderts darstellt?
Sie ist im Geiste mozartisch, mit der anmutigen Phrasierung und dem Bedürfnis nach klarer Koloratur mit Elan, aber sie wird durch Strauss’ spätromantische Brille gefiltert, sodass eine leicht ironische Ebene darüber liegt. Strauss ist kein reiner Mozart; es ist Strauss, der spielerisch den Stil des 18. Jahrhunderts imitiert, so wie es die ganze Oper mit ihrer Pseudo-Rokoko-Welt tut. Man muss es mit mozartischer Eleganz singen, aber mit etwas mehr Wärme und Schimmer im Ton. Wenn man zu sehr in die Parodie abgleitet, verliert es seine Schönheit; wenn man es singt, als wäre es Mitridate, verpasst man hingegen das von Strauss intendierte Augenzwinkern. Die Balance zwischen kunstvollem Gesang und geschmackvoller Parodie ist es, worin der ganze Spaß liegt.
Sie sind selbst künstlerischer Leiter der Ozarks Lyric Opera. Warum diese Zusatzaufgabe neben Ihrem Pensum als Sänger?
Weil es meine Heimat ist. Die Ozarks Lyric Opera befindet sich direkt in meiner Heimatregion in Missouri – in Springfield, wo ich aufgewachsen bin. Als künstlerischer Leiter kann ich der Gemeinschaft, die mich großgezogen und mir meine ersten echten Chancen auf der Bühne gegeben hat, etwas zurückgeben. Ich kann dabei helfen, etwas Sinnvolles aufzubauen: hochkarätige Opernproduktionen in die Region zu holen, junge Sänger aus den Ozarks zu fördern und Möglichkeiten zu schaffen, von denen ich mir gewünscht hätte, mehr davon gehabt zu haben, als ich die ersten Schritte in diesem anspruchsvollen Beruf tat. Es ist manchmal, ehrlich gesagt, recht anstrengend, diese Tätigkeit mit einem vollen Konzertkalender, meiner Rolle als Vater und als Ehemann unter einen Hut zu bringen – aber es hält mich auch auf dem Boden. Singen ist meine Leidenschaft, aber die Zukunft einer Operngesellschaft in meiner Heimatstadt zu gestalten, fühlt sich wie eine größere Berufung an. Dafür zu sorgen, dass diese Kunstform genau hier, wo ich herkomme, lebendig und zugänglich bleibt, ist eine echte Verantwortung, denn es lohnt sich ungemein, wenn jemand auch aus meiner Gegend durch die Musik eine lebensverändernde Erfahrung macht. Mein Ziel ist einfach: zu beweisen, dass man nicht in Wien oder New York leben muss, damit ernsthafte Oper Teil des eigenen Lebens sein kann.