»In französischer Musik kann man wirklich fliegen«
Interview |
Wenn ich Sie auf der Bühne sehe, wirkt alles so organisch. Sie scheinen als Darstellerin in sich zu ruhen. Wie ist diese Freiheit auf der Szene zu Ihnen gekommen?
Ich glaube, es ist für uns Sängerinnen und Sänger sehr wichtig, jene Freiheit auf der Bühne zu erreichen, die bei Schauspielern so selbstverständlich wirkt. Natürlich braucht das Zeit. Aber sobald man die eigene Stimme wirklich versteht, sobald man weiß, wie die eigene Technik funktioniert, kann man auf der Bühne viel entspannter sein und sich einer Figur viel stärker hingeben. Für mich gehören Darstellung und Gesangstechnik immer zusammen. Das ist Oper, das ist Musiktheater! Wir sind ja keine Fische, die bloß den Mund auf- und zuklappen. Ob eine Rolle groß ist oder klein: Ich möchte jeden Aspekt einer Figur erkunden und dem Publikum zeigen. Und genau darin steckt meine ganze Energie.
Sie haben Leïla schon vor Wien gesungen. Was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, zu dieser Rolle »ja« zu sagen?
Für mich ist Leïla stimmlich ideal und zugleich eine echte Herausforderung – diese Spannung macht die Rolle reizvoll. Am meisten fasziniert mich jedoch die Verwandlung, die sie durchmacht, und die Art, wie Bizet die Stimme daran teilhaben lässt.
Am Anfang ist die Partie beinahe koloraturhaft geschrieben: sehr hoch, sehr leicht, sehr fein. Dann wird sie nach und nach lyrischer. Und gegen Ende schreibt Bizet bereits auf Carmen hin, und die Stimme braucht viel mehr dramatische Kraft. Leïla wächst im Lauf der Oper. Am Ende ist sie so stolz und so stark. Sie entscheidet sich für die Liebe, selbst im Angesicht des Todes.
Ist also Leïlas musikalische Reise zugleich die Reise der Figur?
Ja, absolut. Zu Beginn der Oper glaubt sie wirklich, dass sie in dieser sehr menschlichen Form der Liebe niemals glücklich werden kann – im Zusammenleben mit einem Mann, in einer Partnerschaft. Sie entscheidet sich für Gott. Sie entscheidet sich dafür, Priesterin zu sein. Ich glaube, das ist eine sehr harte Entscheidung. Und doch schreibt Bizet diese außergewöhnlichen Duette für Leïla und Nadir, und in ihnen spürt man, wie sie versucht, ihm zu widerstehen, während die Liebe immer stärker wird. Das macht diese ganze Entwicklung so bewegend. Sie beginnt als junge Frau, die sich ihrem Glauben verpflichtet hat, und wird zu jemandem, der die Kraft findet, sich zu ihrer Liebe zu bekennen. Es ist so romantisch und so schön, dass es mich beim Singen manchmal fast zum Weinen bringt.
Ist es als Sängerin tatsächlich möglich, auf der Bühne zu weinen?
Generell denke ich, dass es unsere Aufgabe als Künstler ist, das Publikum zum Weinen zu bringen, nicht uns selbst. Aber manchmal passiert es eben doch. Und das ist dann kein Weinen im wörtlichen Sinn. Es ist eher ein Moment der Ekstase, fast wie ein Weinen mit einem Lächeln. Das ist für mich die Magie des Theaters, und ich glaube, viele Sängerinnen und Sänger, die die Oper wirklich lieben, leben für dieses Gefühl auf der Bühne.
Manche große Interpretinnen scheinen auf der Bühne einen vertikalen Raum zu öffnen, etwas, das größer ist als sie selbst. Wie wird man zu einem Gefäß für so etwas? Ist es Konzentration oder etwas anderes?
Ich glaube, Sängerinnen und Sänger können, wie Künstler überhaupt, oft sehr sensible, sehr empathische Menschen sein. Sie sehen Leid, sie spüren den Schmerz, den soziale Ungerechtigkeit oder der Verlust eines geliebten Menschen auslösen. Sie verstehen Leere, sie verstehen, wenn Menschen komplexe Gefühle haben, und sie haben den Impuls zu helfen. Wenn man diese Menschlichkeit in sich trägt, dann kann sie Teil der Kunst werden, und man sollte sie mit auf die Bühne bringen. Das Großartige an der Musik ist, dass sie einen ständig dazu auffordert, nach neuen Farben, neuem Atem, neuen Klängen zu suchen, die eine andere Welt eröffnen können. Und es ist faszinierend, dass Bizet all das bereits in seiner Partitur vorausgedacht hat. Wir müssen nur zuhören, es fühlen und dann etwas von uns selbst in die Rolle geben. So findet unsere Empathie einen Weg zum Publikum.
Sie sprechen oft mit großer Liebe über das französische Repertoire. Was ist daran für Sie so besonders?
Für mich ist Französisch die Sprache der Liebe. Der Klang dieser Sprache ist einfach vollkommen für Emotion. Die Sprache selbst ist so weich. Technisch ermöglicht sie etwas sehr Lyrisches, sehr Sensibles, während im Italienischen die Vokale offener sind und oft einen kraftvolleren Ton entstehen lassen. Im Französischen hingegen kann man wirklich fliegen. Am ersten Probentag bat uns der Regisseur, uns zusammenzusetzen und gemeinsam das Libretto zu lesen. Und in diesem Moment fiel mir plötzlich auf, wie wenige Worte es in dieser Oper eigentlich gibt und dass das seinen guten Grund hat. Es geht weniger um Worte als um Farbe, Gefühl und Atem. Das macht die französische Oper für mich so einzigartig.
»Das Großartige an der Musik ist, dass sie einen ständig dazu auffordert, nach neuen Farben, neuem Atem, neuen Klängen zu suchen, die eine andere Welt eröffnen können.«
Ein Moment in den Proben hat mich besonders fasziniert: Leïlas erste Arie. Sie gilt oft als außergewöhnlich schwierig.
Ja, das stimmt. Diese Arie ist ganz auf Koloraturtechnik angelegt, und der Klang muss dabei sehr sauber bleiben. Ich bin ein lyrischer Sopran, deshalb ist das nicht der natürlichste Zugang für meine Stimme.
Alles muss leicht, jung und sehr virtuos klingen. Es ist ein wenig wie Violettas erste große Szene, »Sempre libera«, in La traviata: Sie liegt sehr hoch und verlangt echte Brillanz. Die eigentliche Herausforderung besteht für mich darin, die Stimme dort genau richtig zu platzieren, während später in der Oper viel mehr lyrische Kraft gefragt ist, auch weil das Orchester voller wird.
Das Schöne an den Perlenfischern ist doch, dass Leïla und Nadir sich über die Stimme des anderen verlieben. Macht das ihre Liebesgeschichte auch in der Darstellung besonders?
Ja, ich glaube, darin liegt eine Kostbarkeit dieser Oper. Die Figuren verbinden sich über ihre Stimmen, über etwas Inneres, über den Klang ihrer Seelen. Es geht nicht nur darum, einander zu sehen, sondern auch darum, einander zu hören. Das gibt ihrer Liebe eine ganz eigene Reinheit. In dieser Produktion spüre ich eine sehr starke Verbindung zu meinen wunderbaren Kollegen Juan Diego Flórez und Ludovic Tézier, und dadurch wird unser Spiel hoffentlich etwas sehr Reales und Leidenschaftliches haben. Daniele Rustioni ist ebenfalls ein außergewöhnlicher Musiker, und ich bin sehr glücklich, mit ihnen allen arbeiten zu können. In dieser Konstellation ist es also wirklich nicht schwierig, sich in eine Stimme zu verlieben.
In der Wiener Produktion ist Leïla nicht nur eine heilige Figur, sondern auch eine Art Fashion-Ikone. Als Opernsängerin wissen Sie, was es heißt, auf ein Podest gestellt zu werden. Wie bringt man in eine solche Figur den Menschen zurück?
Ich glaube, das ist heute eine der wichtigsten Fragen überhaupt. So viele junge Menschen gehen auf Instagram oder YouTube und suchen nach einer Ikone. Sie wollen jemanden imitieren, einem Trend folgen, einem Gesicht, einem Stil. Aber ich glaube, wir in den Künsten müssen eine andere Geschichte erzählen: Jeder Mensch ist anders, und jeder muss herausfinden, wer er oder sie wirklich ist. Das ist auch Leïlas Weg. Am Ende versteht sie, wer sie ist. Sie ist nicht nur eine Ikone, nicht nur eine Fashion-Diva, nicht nur ein Bild, das für andere geschaffen wurde. Sie ist eine Frau, die lieben und glücklich sein will. Ich glaube, das reicht weit über die Oper hinaus. Die Menschen sollten sich fragen, was sie wirklich lieben, statt einfach dem zu folgen, was andere vorgeben. Was will ich vom Leben? Es ist kurz. Am Ende geht es darum, herauszufinden, was man wirklich will und was man wirklich braucht.