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»In französischer Musik kann man wirklich fliegen«

Interview |

Kristina Mkhitaryan über Leïla, die Freiheit der Stimme & das Menschliche hinter der Ikone

Wenn ich Sie auf der Büh­ne se­he, wirkt al­les so or­ga­nisch. Sie schei­nen als Dar­stel­le­rin in sich zu ru­hen. Wie ist die­se Frei­heit auf der Sze­ne zu Ih­nen ge­kom­men?

Ich glau­be, es ist für uns Sän­ge­rin­nen und Sän­ger sehr wich­tig, je­ne Frei­heit auf der Büh­ne zu er­rei­chen, die bei Schau­spie­lern so selbst­ver­ständ­lich wirkt. Na­tür­lich braucht das Zeit. Aber so­bald man die ei­ge­ne Stim­me wirk­lich ver­steht, so­bald man weiß, wie die ei­ge­ne Tech­nik funk­tio­niert, kann man auf der Büh­ne viel ent­spann­ter sein und sich ei­ner Fi­gur viel stär­ker hin­ge­ben. Für mich ge­hö­ren Dar­stel­lung und Ge­sangs­tech­nik im­mer zu­sam­men. Das ist Oper, das ist Mu­sik­thea­ter! Wir sind ja kei­ne Fi­sche, die bloß den Mund auf- und zu­klap­pen. Ob ei­ne Rol­le groß ist oder klein: Ich möch­te je­den As­pekt ei­ner Fi­gur er­kun­den und dem Pu­bli­kum zei­gen. Und ge­nau dar­in steckt mei­ne gan­ze Ener­gie.

Sie ha­ben Leïla schon vor Wien ge­sun­gen. Was hat Sie ur­sprüng­lich da­zu be­wo­gen, zu die­ser Rol­le »ja« zu sa­gen?

Für mich ist Leïla stimm­lich ide­al und zu­gleich ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung – die­se Span­nung macht die Rol­le reiz­voll. Am meis­ten fas­zi­niert mich je­doch die Ver­wand­lung, die sie durch­macht, und die Art, wie Bizet die Stim­me dar­an teil­ha­ben lässt.
Am An­fang ist die Par­tie bei­na­he ko­lo­ra­tur­haft ge­schrie­ben: sehr hoch, sehr leicht, sehr fein. Dann wird sie nach und nach ly­ri­scher. Und ge­gen En­de schreibt Bizet be­reits auf Carmen hin, und die Stim­me braucht viel mehr dra­ma­ti­sche Kraft. Leïla wächst im Lauf der Oper. Am En­de ist sie so stolz und so stark. Sie ent­schei­det sich für die Lie­be, selbst im An­ge­sicht des To­des.

Ist al­so Leïlas mu­si­ka­li­sche Rei­se zu­gleich die Rei­se der Fi­gur?

Ja, ab­so­lut. Zu Be­ginn der Oper glaubt sie wirk­lich, dass sie in die­ser sehr mensch­li­chen Form der Lie­be nie­mals glück­lich wer­den kann – im Zu­sam­men­le­ben mit ei­nem Mann, in ei­ner Part­ner­schaft. Sie ent­schei­det sich für Gott. Sie ent­schei­det sich da­für, Pries­te­rin zu sein. Ich glau­be, das ist ei­ne sehr har­te Ent­schei­dung. Und doch schreibt Bizet die­se au­ßer­ge­wöhn­li­chen Du­et­te für Leïla und Nadir, und in ih­nen spürt man, wie sie ver­sucht, ihm zu wi­der­ste­hen, wäh­rend die Lie­be im­mer stär­ker wird. Das macht die­se gan­ze Ent­wick­lung so be­we­gend. Sie be­ginnt als jun­ge Frau, die sich ih­rem Glau­ben ver­pflich­tet hat, und wird zu je­man­dem, der die Kraft fin­det, sich zu ih­rer Lie­be zu be­ken­nen. Es ist so ro­man­tisch und so schön, dass es mich beim Sin­gen manch­mal fast zum Wei­nen bringt.

Ist es als Sän­ge­rin tat­säch­lich mög­lich, auf der Büh­ne zu wei­nen?

Ge­ne­rell den­ke ich, dass es un­se­re Auf­ga­be als Künst­ler ist, das Pu­bli­kum zum Wei­nen zu brin­gen, nicht uns selbst. Aber manch­mal pas­siert es eben doch. Und das ist dann kein Wei­nen im wört­li­chen Sinn. Es ist eher ein Mo­ment der Eks­ta­se, fast wie ein Wei­nen mit ei­nem Lä­cheln. Das ist für mich die Ma­gie des Thea­ters, und ich glau­be, vie­le Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, die die Oper wirk­lich lie­ben, le­ben für die­ses Ge­fühl auf der Büh­ne.

Man­che gro­ße In­ter­pre­tin­nen schei­nen auf der Büh­ne ei­nen ver­ti­ka­len Raum zu öff­nen, et­was, das grö­ßer ist als sie selbst. Wie wird man zu ei­nem Ge­fäß für so et­was? Ist es Kon­zen­tra­ti­on oder et­was an­de­res?

Ich glau­be, Sän­ge­rin­nen und Sän­ger kön­nen, wie Künst­ler über­haupt, oft sehr sen­si­ble, sehr em­pa­thi­sche Men­schen sein. Sie se­hen Leid, sie spü­ren den Schmerz, den so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit oder der Ver­lust ei­nes ge­lieb­ten Men­schen aus­lö­sen. Sie ver­ste­hen Lee­re, sie ver­ste­hen, wenn Men­schen kom­ple­xe Ge­füh­le ha­ben, und sie ha­ben den Im­puls zu hel­fen. Wenn man die­se Mensch­lich­keit in sich trägt, dann kann sie Teil der Kunst wer­den, und man soll­te sie mit auf die Büh­ne brin­gen. Das Groß­ar­ti­ge an der Mu­sik ist, dass sie ei­nen stän­dig da­zu auf­for­dert, nach neu­en Far­ben, neu­em Atem, neu­en Klän­gen zu su­chen, die ei­ne an­de­re Welt er­öff­nen kön­nen. Und es ist fas­zi­nie­rend, dass Bizet all das be­reits in sei­ner Par­ti­tur vor­aus­ge­dacht hat. Wir müs­sen nur zu­hö­ren, es füh­len und dann et­was von uns selbst in die Rol­le ge­ben. So fin­det un­se­re Em­pa­thie ei­nen Weg zum Pu­bli­kum.

Sie spre­chen oft mit gro­ßer Lie­be über das fran­zö­si­sche Re­per­toire. Was ist dar­an für Sie so be­son­ders?

Für mich ist Fran­zö­sisch die Spra­che der Lie­be. Der Klang die­ser Spra­che ist ein­fach voll­kom­men für Emo­ti­on. Die Spra­che selbst ist so weich. Tech­nisch er­mög­licht sie et­was sehr Ly­ri­sches, sehr Sen­si­bles, wäh­rend im Ita­lie­ni­schen die Vo­ka­le of­fe­ner sind und oft ei­nen kraft­vol­le­ren Ton ent­ste­hen las­sen. Im Fran­zö­si­schen hin­ge­gen kann man wirk­lich flie­gen. Am ers­ten Pro­ben­tag bat uns der Re­gis­seur, uns zu­sam­men­zu­set­zen und ge­mein­sam das Li­bret­to zu le­sen. Und in die­sem Mo­ment fiel mir plötz­lich auf, wie we­ni­ge Wor­te es in die­ser Oper ei­gent­lich gibt und dass das sei­nen gu­ten Grund hat. Es geht we­ni­ger um Wor­te als um Far­be, Ge­fühl und Atem. Das macht die fran­zö­si­sche Oper für mich so ein­zig­ar­tig.

»Das Großartige an der Musik ist, dass sie einen ständig dazu auffordert, nach neuen Farben, neuem Atem, neuen Klängen zu suchen, die eine andere Welt eröffnen können.«

Ein Mo­ment in den Pro­ben hat mich be­son­ders fas­zi­niert: Leïlas ers­te Arie. Sie gilt oft als au­ßer­ge­wöhn­lich schwie­rig.

Ja, das stimmt. Die­se Arie ist ganz auf Ko­lo­ra­tur­tech­nik an­ge­legt, und der Klang muss da­bei sehr sau­ber blei­ben. Ich bin ein ly­ri­scher So­pran, des­halb ist das nicht der na­tür­lichs­te Zu­gang für mei­ne Stim­me.
Al­les muss leicht, jung und sehr vir­tu­os klin­gen. Es ist ein we­nig wie Vio­let­tas ers­te gro­ße Sze­ne, »Sem­pre li­be­ra«, in La traviata: Sie liegt sehr hoch und ver­langt ech­te Bril­lanz. Die ei­gent­li­che Her­aus­for­de­rung be­steht für mich dar­in, die Stim­me dort ge­nau rich­tig zu plat­zie­ren, wäh­rend spä­ter in der Oper viel mehr ly­ri­sche Kraft ge­fragt ist, auch weil das Or­ches­ter vol­ler wird.

Das Schö­ne an den Per­len­fi­schern ist doch, dass Leïla und Nadir sich über die Stim­me des an­de­ren ver­lie­ben. Macht das ih­re Lie­bes­ge­schich­te auch in der Dar­stel­lung be­son­ders?

Ja, ich glau­be, dar­in liegt ei­ne Kost­bar­keit die­ser Oper. Die Fi­gu­ren ver­bin­den sich über ih­re Stim­men, über et­was In­ne­res, über den Klang ih­rer See­len. Es geht nicht nur dar­um, ein­an­der zu se­hen, son­dern auch dar­um, ein­an­der zu hö­ren. Das gibt ih­rer Lie­be ei­ne ganz ei­ge­ne Rein­heit. In die­ser Pro­duk­ti­on spü­re ich ei­ne sehr star­ke Ver­bin­dung zu mei­nen wun­der­ba­ren Kol­le­gen Juan Diego Flórez und Ludovic Tézier, und da­durch wird un­ser Spiel hof­fent­lich et­was sehr Re­a­les und Lei­den­schaft­li­ches ha­ben. Daniele Rustioni ist eben­falls ein au­ßer­ge­wöhn­li­cher Mu­si­ker, und ich bin sehr glück­lich, mit ih­nen al­len ar­bei­ten zu kön­nen. In die­ser Kon­stel­la­ti­on ist es al­so wirk­lich nicht schwie­rig, sich in ei­ne Stim­me zu ver­lie­ben.

In der Wie­ner Pro­duk­ti­on ist Leïla nicht nur ei­ne hei­li­ge Fi­gur, son­dern auch ei­ne Art Fa­shion-Iko­ne. Als Opern­sän­ge­rin wis­sen Sie, was es heißt, auf ein Po­dest ge­stellt zu wer­den. Wie bringt man in ei­ne sol­che Fi­gur den Men­schen zu­rück?

Ich glau­be, das ist heu­te ei­ne der wich­tigs­ten Fra­gen über­haupt. So vie­le jun­ge Men­schen ge­hen auf Ins­ta­gram oder You­Tube und su­chen nach ei­ner Iko­ne. Sie wol­len je­man­den imi­tie­ren, ei­nem Trend fol­gen, ei­nem Ge­sicht, ei­nem Stil. Aber ich glau­be, wir in den Küns­ten müs­sen ei­ne an­de­re Ge­schich­te er­zäh­len: Je­der Mensch ist an­ders, und je­der muss her­aus­fin­den, wer er oder sie wirk­lich ist. Das ist auch Leïlas Weg. Am En­de ver­steht sie, wer sie ist. Sie ist nicht nur ei­ne Iko­ne, nicht nur ei­ne Fa­shion-Di­va, nicht nur ein Bild, das für an­de­re ge­schaf­fen wur­de. Sie ist ei­ne Frau, die lie­ben und glück­lich sein will. Ich glau­be, das reicht weit über die Oper hin­aus. Die Men­schen soll­ten sich fra­gen, was sie wirk­lich lie­ben, statt ein­fach dem zu fol­gen, was an­de­re vor­ge­ben. Was will ich vom Le­ben? Es ist kurz. Am En­de geht es dar­um, her­aus­zu­fin­den, was man wirk­lich will und was man wirk­lich braucht.

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