»Ich habe auf Wien aus großem Respekt gewartet«
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Nach Stationen an der Scala, am Royal Opera House, an der Bayerischen Staatsoper, an der Opéra de Paris und an der Metropolitan Opera, wo er derzeit Erster Gastdirigent ist, gibt Daniele Rustioni nun sein Debüt an der Wiener Staatsoper mit Bizets Les Pêcheurs de perles. Im Gespräch erzählt er, warum er so lange damit gewartet hat, was diese Partitur so schwer fassbar macht und warum ihre eigentliche Herausforderung weniger in technischer Brillanz liegt als in Atmosphäre, Linie, Erinnerung und dem Verhältnis zwischen Orchester und Stimme.
Sie haben an vielen der großen Opernhäuser der Welt dirigiert. Warum haben Sie so lange gewartet, bis Sie Ihr Debüt an der Wiener Staatsoper geben?
Aus großem Respekt, wirklich. Ich sage das ganz offen. Ich bin oft als Zuhörer nach Wien gekommen, und vielleicht war genau das ein Teil des Problems: In meinem Kopf wurde dieses Haus zu einem Ziel. Ein Repertoiretheater wie dieses verlangt einem Dirigenten etwas sehr Spezifisches ab. Man muss wissen, wie man mit wenig Probenzeit arbeitet und trotzdem sofort ein sehr hohes Niveau erreicht. Früher in meiner Karriere hatte ich nicht das Gefühl, dafür bereit zu sein. Später, als ich diese Erfahrung gewonnen hatte, war ich zugleich stark mit meinen Jahren als Musikdirektor in Lyon beschäftigt, was viel Zeit verlangt, wenn man es richtig machen will, und mit meiner Arbeit als Erster Gastdirigent an der Bayerischen Staatsoper. In gewisser Weise hatte das also auch mit äußeren Umständen zu tun, zugleich aber damit, dass Wien für mich immer etwas ganz Besonderes gewesen ist: ein Haus mit einer außergewöhnlichen Geschichte und natürlich diesem fabelhaften Orchester und Chor. Selbst jetzt, mit all den Erfahrungen, die ich anderswo gemacht habe, fühlt es sich immer noch wie die ultimative Herausforderung an.
Warum schien Ihnen gerade Les Pêcheurs de perles das richtige Werk für dieses Debüt zu sein?
Da kam einiges zusammen. Ich habe eine lange Beziehung zur französischen Oper, durch Paris, Lyon und Aix-en-Provence, und mir liegen die Sprache und das Libretto sehr am Herzen. Dazu kam die außergewöhnliche Tatsache, dass Bizets Oper an der Wiener Staatsoper noch nie gespielt worden ist, und genau das machte das Unternehmen für mich besonders reizvoll. In gewisser Weise ist es ungewöhnlich, in Wien mit einer Neuinszenierung zu debütieren, ohne zuvor im Repertoire gewissermaßen erprobt worden zu sein. Aber vielleicht war genau das der Grund, warum es mich so gereizt hat. Ich wollte jedenfalls nicht kommen, nur um etwas zu beweisen. Ich wollte mit einem Stück kommen, das eine bestimmte Art des Hörens und eine besondere Sorgfalt im Musizieren verlangt.
Sie haben sich selbst einmal als »Sänger-Dirigent« bezeichnet. Was bedeutet das für Sie bei einem Werk wie diesem?
Es bedeutet nicht, Diener der Bühne zu sein. Es bedeutet, dass mir das Verhältnis zwischen Orchester und Stimme sehr wichtig ist. Für mich ist das Orchester nicht einfach dazu da, leiser zu begleiten, während die Sängerinnen und Sänger den Ausdruck übernehmen. Das Orchester kann mit derselben Intensität spielen wie die Stimme, aber sein Klang muss in Beziehung zu den Stimmen geformt werden, die man vor sich hat. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Les Pêcheurs de perles ist für den Dirigenten keine demonstrative Partitur im Sinn äußerer Virtuosität. Die Schwierigkeit ist nicht in erster Linie technischer Natur. Es geht um Atmosphäre, um Phrasierung, um Elastizität und darum, die richtige Farbe im Verhältnis zur Bühne und zu den Sängerinnen und Sängern zu finden. Manchmal verlangt gerade die einfachste Musik die größte Zuversicht und die größte Geduld.
Kann man das zum Beispiel an Nadirs berühmter Arie »Je crois entendre encore« hören?
Ganz deutlich. Das entscheidende Wort ist dort andante, wörtlich: gehend. Oft hört man solche Musik als etwas Schwebendes und nimmt sie deshalb zu langsam. Aber das kann gegen die Linie arbeiten. Wenn man eine Phrase beginnt, muss man bereits spüren, wohin sie geht, ihren ganzen langen Bogen. In dieser Arie hat die Melodie etwas Kreisendes, und wenn man die Taktstriche zu streng nimmt, wenn jeder Schlag zu deutlich markiert wird, beginnt man, die Linie in Stücke zu schneiden. Das geht gegen den Stil, gegen das Singen und gegen die Schönheit der Phrase. Man muss die Linie manchmal fast umschmeicheln und sogar die Eins im Takt ein wenig vermeiden, damit sich die Beweglichkeit der Musik natürlich entfalten kann.
Das Freundschaftsduett zwischen Zurga und Nadir ist ein weiterer berühmter Moment der Oper. Hören Sie schon dort, dass diese Freundschaft nicht mehr ganz intakt ist?
Ja, absolut. Ich teile diese Lesart. Nadir hat die Hauptlinie, nicht nur musikalisch, sondern auch akustisch, weil die obere Stimme das Ohr ganz natürlich anzieht. Zurgas Linie hat zunächst eher reaktiven Charakter. Im Mittelteil des Duetts wird die Musik aufgewühlter, und man spürt bereits, dass diese Leidenschaft ihre Freundschaft zerstören könnte. Die Antwort der beiden darauf ist, den Schwur zu erneuern, dass Leïla niemals zwischen sie treten darf. In diesem Sinn hallt das Versprechen, das sie dort ablegen, bis ganz ans Ende der Oper nach. Was mich an Zurga interessiert, ist, dass er nicht auf konventionelle Weise eifersüchtig ist. Er ist ein Machtmensch, eine Kontrollfigur. Er möchte von Nadir bewundert werden und später auch von Leïla. Er will im emotionalen Kosmos beider im Zentrum bleiben. Das macht ihn sehr viel komplexer als einen bloßen Rivalen.
Diese Oper scheint von dem heimgesucht zu werden, was schon einmal war: der Schwur zwischen den beiden Männern, die frühere Begegnung zwischen Nadir und Leïla, Kindheitserinnerungen, all das kehrt zurück. Hören Sie Erinnerung auch in der Partitur selbst?
Ja, sehr stark. Ich würde sogar, vielleicht provozierend, sagen, dass dies eine der Partituren des französischen Repertoires ist, die mich am stärksten an Schubert erinnern, in dem Sinn, dass sie mit Melancholie und Nostalgie auf Vergangenes zurückblickt. In dieser Musik liegt etwas wie milde Unschärfe, wie die Weichzeichnung eines filmischen Flashbacks. Während die Protagonisten singen, wird das Publikum in ihre innere Welt hineingezogen, in die Erinnerung als lebendige Kraft. Das ist eine der großen Stärken des Stücks. Im Kern ruht die Oper auf drei zentralen Figuren, und doch funktioniert sie, weil die Musik uns so tief in ihre Gedanken hineinzieht. Die atmosphärischen Einleitungen zu den Arien leisten dabei sehr viel. Sie bereiten nicht einfach nur eine Nummer vor, sondern einen seelischen Zustand.
»Die menschliche Stimme trägt etwas ungemein Tiefgreifendes in sich. Und in dieser Oper ist dieser Gedanke direkt in die Musik eingeschrieben.«
Diese Partitur ist voller Schönheit, Eleganz und Schwebezustände. Besteht die Gefahr, dass zu viel Schönheit der Dramatik einen Dämpfer versetzt?
Das ist eine sehr interessante Frage, aber ich glaube, Bizet ist klüger als diese Gefahr. Zunächst schafft der Chor immer einen Kontrast. Er bringt rhythmisches Funkeln, Energie, Bewegung, manchmal sogar Gewalt hinein. Dann gibt es die Ausbrüche von Wut und Konfrontation zwischen den Hauptfiguren. Und strukturell ist Bizet sehr prägnant. Diese lyrischen, nostalgischen Momente dauern nicht ewig an. Sie sind begrenzt. Man hört die Hauptidee, dann einen Mittelteil, dann kehrt das Material zurück, und damit ist die Nummer auch schon zu Ende. Das ist einer der Gründe, warum diese Oper auf der Bühne so gut funktioniert. Sie wird nie träge. Sie bleibt in Bewegung. Und es gibt hier weit mehr als nur schwebende Schönheit. Diese Oper enthält auch den Ozean, die Sonne, das Gefühl von Strand und Boot, später den Sturm, das Feuer, die Angst, sogar einen regelrechten Blutdurst im Chor. All das steckt ebenfalls in der Partitur. Ich würde Les Pêcheurs de perles deshalb niemals auf etwas bloß Kontemplatives reduzieren wollen. Darin entfaltet sich eine ganze Welt elementarer Kräfte.
Das Werk wird oft als »exotisch« beschrieben. Aber wie exotisch ist es musikalisch wirklich?
Am Ende bleibt es sehr französisch. Aber Bizet versucht durchaus ganz bewusst, eine andere Welt anzudeuten. Man hört das in der Orchestrierung, im Einsatz des Schlagwerks, in bestimmten harmonischen Wendungen, in den geheimnisvollen Farben, die er um Leïla legt, wenn sie auftritt. Schon ganz am Anfang setzt der Chor nicht so ein, wie man es erwarten würde. In der Harmonik liegt etwas Verstörendes, noch bevor man es analytisch benennen könnte. Und später reichen kleine Details, etwa ein paar Tupfer in den Flöten, aus, um die Atmosphäre zu verschieben und zu suggerieren, dass wir uns an einem anderen Ort befinden. Ja, die Partitur greift nach Exotik, aber immer gefiltert durch Bizets eigene Sprache. Das ist kein dokumentarischer Exotismus, sondern musikalische Imagination. Und genau deshalb wehre ich mich auch gegen die vorschnelle Behauptung, das Libretto sei einfach schwach. Es ist knapp, ja, aber gerade darin schafft es Raum. Es enthält Natur, Spektakel, die Liebesgeschichte, die Spannung zwischen Gemeinschaft und individuellem Begehren und eine Frau, auf die eine ganze Gesellschaft ihre Bedürfnisse und Fantasien projiziert. Es geschieht in diesem Stück sehr viel mehr, als man ihm oft zugesteht.
Eine der schönsten Ideen dieser Oper ist, dass Menschen sich über die Stimme verlieben. Glauben Sie, dass das im wirklichen Leben möglich ist?
Natürlich glaube ich das. Wir reagieren nicht nur auf Worte oder auf äußere Erscheinung, sondern auf Resonanz, Aura, Schwingung. Die menschliche Stimme trägt etwas ungemein Tiefgreifendes in sich. Und in dieser Oper ist dieser Gedanke direkt in die Musik eingeschrieben. Leïla wird an ihrer Stimme erkannt, an ihren Arabesken und Melismen, an der Art, wie sich ihre Linie bewegt. Sie ist fast eine Zauberin, eine mythische Figur, deren Gesang einen in den Bann schlägt. Ich glaube, Bizet hat das vollkommen verstanden. Meine heimliche Hoffnung für diese Produktion ist, dass auch das Publikum in genau diesen Momenten verzaubert wird, so wie die Figuren selbst.
Französisch wird oft die Sprache der Liebe genannt. Hören Sie das auch in der Musik?
Sie fragen einen Italiener, also muss ich vorsichtig sein. Auch Italienisch versteht etwas von Liebe. Aber ja, schon das gesprochene Französisch hat etwas, das das Herz auf eine ganz besondere Weise erreicht. Es trägt Poesie in sich. Die Geschmeidigkeit der Sprache verändert Phrasierung, Akzent und Farbe. Sie mildert die Kanten. Selbst wenn man im Französischen etwas Unbarmherziges sagt, scheint die Sprache es noch zu umschmeicheln. Das ist, glaube ich, einer der Gründe, warum die französische Oper in Liebesszenen so besonders sein kann. Das Italienische ist vielleicht offener leidenschaftlich, mit seinen helleren Vokalen und stärkeren Konsonanten. Aber das Französische hat eine andere Art der Verführung: Raffinement, Zärtlichkeit und Charme.