Grenzenlos begehrend
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Exzesse
Eine Hand ruht auf dem Oberschenkel eines Kindes – sie weiß, sie darf das nicht. Sie ruht trotzdem dort. Herodes rutscht im Blut eines Toten aus – er hat den Mord nicht anbefohlen, weshalb dann also ein Toter? Große Flügel rauschen ominös im Inneren des Palastes – ein Phantasma? Ein Omen des Todes? Zuletzt der abgeschlagene Kopf auf einem Silbertablett – das tote Fleisch, das Salome dennoch küsst.
In Salome ist alles grausam. Die Dekadenz quillt zwischen allen Zeilen hervor: Wein, rot wie Blut, füllt die Becher der Reichen; plumpe, von Saft triefende Früchte liegen massenweise auf den Tischen, bereit, dass jemand seine Zähne in das Fleisch versenkt; Juwelen und Gold schmücken die Dekolletés der Frauen. Unfreiwillig denkt man an die so eindringlichen ersten Worte Tannhäusers im Venusberg: »Zu viel! Zu viel! Oh, dass ich nun erwachte.«
Auch dort ist der Exzess grausam: Venus, die schönste aller Göttinnen, geboren aus den in die Wogen des Meeres geschleuderten Genitalien Uranos, des Titanenvaters. So schön, dass sie keine Schmach dulden muss: eine Zurückweisung bedeutet Krieg. Fleischliche Lust ist ihre Domäne. Der italienische Regisseur Romeo Castellucci inszenierte einst den Venusberg als Fleischberg aus pinkem Silikon, unter dem sich nackte Körper wie zu krankhaft-eitrigen Geschwüren wanden. Kein Wunder, dass Tannhäuser da nur weg wollte.
Doch in Salome trügt der Schein. Unter dem Schleier von Hedonismus, Perversität und Narzissmus verbirgt sich der Wunsch nach Freiheit, ein Auflehnen gegen eine gesellschaftliche Struktur, die Individualität unterdrückte und sich hinter die Scheinheiligkeit ihrer Prüderie zurückzog. Oscar Wildes Dramen stehen stets im Zeichen einer Zweideutigkeit, die sich einerseits die Züge der viktorianisch-aristokratischen Gesellschaft aneignete, um sie dann gnadenlos zynisch zu verspotten. Wilde war ein Künstler, dessen Leben und Identität untrennbar mit seinem Werk verwoben waren, der einen Teil seiner selbst in seinen Texten verwirklichte und sein Leben als Ästhet gleichsam einer gewissen Künstlichkeit unterordnete: »Life imitates Art far more than Art imitates Life«, hielt er in dem Essay The Decay of Living fest – ein Leben nach den Regeln der Kunst, nicht der Realität.
Salome-Mythos im Wandel der Zeit
Als Oscar Wilde 1893 sein französisches Drama Salomé publiziert, greift er damit einen Stoff auf, der bis auf das frühe Christentum zurückreicht und seit Jahrhunderten in immer wieder neuen Anwandlungen Popularität genoss. Bereits die Evangelien nach Markus und Matthäus berichten von der gefährlichen Salome, die Herodes mithilfe ihrer körperlichen Reize täuscht und damit die Enthauptung Johannes des Täufers provoziert. Im Mittelalter und in den darauffolgenden Jahrhunderten zirkuliert das Salome-Bild in immer wieder variierenden Versionen: Mal steht die eigentliche Enthauptung Jochanaans im Vordergrund, mal Salome im verführerischen Tanz; mal ist Herodias die treibende Kraft hinter der Enthauptung, die ihre Tochter dafür als Werkzeug instrumentalisiert, dann wiederum ist Salome alleinige Täterin (manchmal werden auch beide Figuren zusammengeführt). Immer erscheint Salome als »dämonisches Weib«, wenngleich sie im Laufe der Jahrhunderte viele verschiedene Gesichter besaß: Eva oder Judith, Cleopatra, Dalila, auch Fabelwesen wie Nixen und Undine sind nur einige der Frauen, die das Leid teilen, auf ihre sexuelle Anziehungskraft reduziert und als gefährliche Verführerinnen denunziert zu werden.
Für die Renaissance des Salome-Mythos im 19. Jahrhundert ist zunächst vor allem das Versepos Atta Troll (1843) von Heinrich Heine ausschlaggebend: Hier erscheint Herodias als Teil des »Wilden Heers« erstmals mit dem abgetrennten Haupt des Jochanaan, das sie küssen möchte. Parallel festigte sich das Bild der »dämonischen Frau« im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Typus der femme fatale, in der ihre erotische Anziehungskraft zugleich mit Grausamkeit und Gefühllosigkeit assoziiert wurde. Auch in der Operngeschichte erlebt die femme fatale ihre Blüte im 19. und frühen 20. Jahrhundert: Carmen ist vermutlich das berühmteste Beispiel, aber auch Lulu, Dalila oder Manon Lescaut können unter diesem Typus subsumiert werden.
Daneben entwickelt sich ein weiterer Frauentypus, der dem der femme fatale sowohl gegenübersteht als auch gleicht: die femme fragile. Während Letzterer eher passive, schwache oder schüchterne Züge zugeschrieben werden, sehen sich beide Frauentypen gleichermaßen unter dem männlichen Blick des Fin de siècle konstruiert und sexualisiert.
Nicht zuletzt aufgrund seiner Begeisterung für den französischsprachigen Symbolismus, an den er mit Salomé eindeutig anknüpft, weist Wildes Salome hier starke Parallelen zu Maurice Maeterlincks Mélisande auf.
Gegen die Ordnung
Neben dem kulturgeschichtlichen Blick auf den Salome-Mythos lohnt sich auch ein genauerer Blick auf das Gesamtwerk Wildes, innerhalb dessen Salomé vermeintlich ein Unikat bildet. Stofflich setzt es sich sowohl von seinen Gesellschaftskomödien wie auch seiner Gothic Novel Das Bildnis des Dorian Gray ab. Doch während Salomé mit Ersteren nicht zuletzt den zynisch-sarkastischen Tonfall teilt (vor allem in der Figur der Herodias), scheint sie in vielen Punkten aus demselben Geist wie Dorian Gray geboren. Hier wie dort reiht sich alles unter der Prämisse der Ästhetik ein: Schönheit und Begehren werden zur obersten Maxime, Narzissmus und Eitelkeit prägen beide Titelfiguren. Das Bild als Abbild des Selbst in seiner zugleich begehrenswertesten und hässlichsten Form nimmt in beiden Dramen einen höheren Stellenwert ein. B
lasphemisches Begehren ist der Antrieb beider Erzählungen: Dorian Gray begehrt, was niemandem erlaubt sein kann: ewiges Leben – ewige Schönheit. Salomes Begehren richtet sich auf etwas ebenfalls Unmögliches – einen Heiligen. Beide bekommen, was sie wollen, und bezahlen dafür mit ihrem Leben. Und in beiden Fällen ist das verbotene Verlangen selbst die Antriebskraft der Werke – Kraft der Anziehung und Kraft der Revolte. Beide Figuren lehnen sich, in ihrer Verweigerung, sich der Norm ihrer Gesellschaft unterzuordnen, unmissverständlich und heftig gegen sie auf. In beiden erschafft Wilde ein fantastisches Abbild einer künstlerischen und geistigen Freiheit, die sich kompromisslos gegen Anpassung verweigert.
Der Kreis zwischen Künstler, Figur und Abbild schließt sich in den Salome-Bildern von Gustave Moreau und dem Roman À rebours von Joris-Karl Huysmans, beide wichtige Inspirationsquellen für Wilde. In Huysmans’ Roman ist es die Hauptfigur Jean des Esseintes, die auf Moreaus Bilder Bezug nimmt und über dessen Salome empfindet, sie sei die »sinnbildliche Gottheit unzerstörbarer Wollust, die Göttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier, ungeheuer, gefühllos, unempfindlich […]«. Hier wird die gefährliche, die hässliche Salome im Bild unsterblich gemacht.
Blicke & Begehren
Dass Salome vor allem eine Tragödie des Begehrens ist, leuchtet ein. Jeder begehrt etwas und tut dies mit einer perversen Exzessivität: Herodes begehrt die Frau seines Bruders, also ermordet er diesen, um sie zu ehelichen. Herodias begehrt Reichtum, Männer und das Schweigen des Jochanaan und instrumentalisiert ihre Tochter, um diese Begehren zu erfüllen. Herodes begehrt Salome, Salome begehrt Jochanaan, Narraboth begehrt Salome und selbst der Page begehrt, dass Narraboth Salome nicht mehr ansehe.
Das Begehren hängt in diesem Sinn vor allem mit dem Blick zusammen. Für Regisseur Cyril Teste greift die Oper hier zwei zentrale Mythen der griechischen Antike auf, in denen der verbotene Blick den Wendepunkt markiert: Orpheus und Medusa. Im Moment des Blicks verliert Orpheus seine Eurydike vollends und der Betrachter der Medusa sein Leben. Beide Blicke sind verhängnisvoll, beide Blicke sind tödlich.
In der Quantenmechanik ist der Anblick der Moment, in dem sich ein Ding festigt: Ein Gegenstand kann in jedem Moment in einem von zwei unterschiedlichen Zuständen existieren, doch im Moment der Aufnahme, im Moment des Anblicks, wird er auf einen dieser Zustände festgelegt. Materie konstruiert sich in dem Moment, in dem sie von dem Auge – von unserem Willen – determiniert wird. »Real« ist nur, wenn und was gesehen wird. Das Bild der Salome manifestiert sich gleichfalls in jenem Moment, in dem sie betrachtet und begehrt wird. Mal ist sie Jungfrau, mal unschuldiges Kind, mal Täterin, mal Verführerin.
Die Kamera wird in der Inszenierung von Teste zu jenem determinierenden Blick. Sie ist der anonyme Betrachter – das Individuum, die Masse –, die das Begehren nach Salomes Körper fokussiert und die Blicke des Zuschauers lenkt. Die Kamera wird zur Gefahr und zur Waffe: Durch sie entsteht jenes Abbild Salomes, das dem des Dorian Gray gleicht: das Schöne, das Hässliche, das Gefährliche, das Verführerische. Unter ihr konstruiert sich Salome zur femme fatale, zum Objekt des Betrachters. Die Kamera zeigt unseren eigenen pervertierten Blick auf Salome, unser Verlangen, ihr nahe zu sein, sie zu berühren. Gleichzeitig nimmt Salome durch die Kamera einiges dieser Kraft der Determinierung an sich zurück: Sie lenkt bewusst die Blicke, sie entscheidet, was gezeigt wird, wie sie gesehen werden will, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Hier sehen wir die Hand des Herodes, wie sie in Salomes Schoß die ihre sucht – die Kamera wird Zeuge solcher pervertierten Vorgänge und macht sie dadurch nach außen hin sichtbar.
Grenzenlose Freiheit
Die Figur Salome ist ein Produkt der Fantasie. Immer wieder werden im Laufe ihrer Kulturgeschichte vor allem Ängste auf sie projiziert: Angst vor Macht- und Kontrollverlust, Angst vor einer neuen Moderne, Angst vor dem unberechenbaren Unterbewusstsein.
Salome ist vor allem in ihrem Exzess, in der Grenzenlosigkeit des Imaginierten und Imaginierbaren so verstörend. Und gerade darin liegt ihre Stärke: Salome wird zum Inbegriff einer unendlichen Fantasie, einer unendlichen Freiheit des Geistes. Hier gibt es keine Regeln, keine Grenzen. Salome begehrt – und sie bekommt, was sie begehrt, um jeden Preis. Alles, was man will, alles, was man denken kann, gibt es hier zu haben. Das ist gefährlich, aber auch vielversprechend. Kann so eine neue Utopie entstehen?