Gefühlskraftwerk
Interview |
»Niemals habe ich versucht, etwas vorzuspielen. Ich bin immer ich. Das ist etwas, das vielleicht besonders ist und das die intensive Beziehung ausmacht, die mich mit meinem Publikum verbindet.« Also sprach Asmik Grigorian, die große Interpretin, Gestalterin und Bezwingerin komplexer Menschenbilder. Seit Jahren schon versetzt die Sopranistin die Opernwelt in Faszination, indem sie macht, was Theater im Innersten fordert: Absolutheit, Ehrlichkeit, Ungekünseltheit und Emotionalität zu zeigen und zu leben. Das klingt einfach, ist jedoch nichts weniger als eine radikale Einstellung, die dem Bühnendasein seinen eigentlichen Sinn verleiht. Wenn sie als Manon, Turandot, Tatjana, Jenůfa, Cio-Cio-San die Bühne betritt, erlebt man Menschen in ihrer Größe und Angst, in ihrer Einsamkeit und Wahrheit. Musik und Schauspiel, Sprache und Bühnenwirksamkeit potenzieren sich dabei und sorgen für eine Kernfusion der schöpferischen Kräfte.
Fangen wir mit einer allgemeinen Frage an. Lady Gaga ließ sich ein bekanntes Zitat von Rainer Maria Rilke – es geht um die Unbedingtheit des Wunsches, der Kunst zu folgen – als Tattoo stechen. Was wäre Ihr Tattoo-Zitat?
Hm, darüber muss ich nachdenken, weil ich kein Zitat-Lebensmotto habe. Vielleicht so: Oft werde ich von Menschen gefragt, warum ich diese oder jene Rolle gewählt habe oder welche Botschaft ich mit einer Produktion vermitteln will. Da denke ich mir immer, dass die Antwort eigentlich lautet: »Mein Gesang ist kein Statement, sondern ein Bekenntnis.«
Gleich noch einmal Rilke: Er merkte einmal an, dass Kunst sogar wahrer und erfüllender sei als die Liebe. Können Sie diesem Befund zustimmen?
Was wir gemeinhin als Kunst bezeichnen, ist eine sehr abstrakte Sache. Wissen Sie, jemanden zu lieben, ist auch Kunst. Die Natur ist Kunst. Auf eine bestimmte Weise zu leben, kann Kunst sein. Für mich ist Kunst also nicht nur Musik, Malerei, Theater und so weiter, nicht nur Gemälde, Opern. Sondern: Das größte und interessanteste Kunstwerk ist unser Leben an sich. In gewisser Weise empfinde ich demnach wirklich jede einzelne Person als Künstlerin oder als Künstler, denn wir alle erschaffen jeden einzelnen Tag unseres Lebens. Wenn man das so sieht, dann: ja, natürlich, dann kann man sagen, dass Kunst erfüllender und größer ist, denn die Liebe ist nur ein Teil unseres Lebens.
Die Liebe bringt uns direkt zu Eugen Onegin. Sie singen die Tatjana nicht nur in Wien, sondern gestalteten die Partie gerade auch in New York an der Metropolitan Opera. Koppeln Sie bewusst Auftrittsserien?
Ich versuche tatsächlich, einzelne Rollen so zu platzieren, dass die Auftritte nicht zu weit voneinander entfernt liegen. Denn wenn ich eine Partie einstudiere – und ich singe viele –, dann sind seit dem letzten Mal vielleicht etliche Jahre vergangen. Es lohnt sich also durchaus, sie im Zuge einer Neueinstudierung gleich mehrfach und nicht nur in einer Serie zu singen.
Wenn dann eine Tatjana auf dem Plan steht und Sie die Rolle mehrfach darstellen: Spüren Sie die emotionalen Auswirkungen der Opernfigur? Sind Sie mehr Tatjana, wenn Sie oft Tatjana singen? Werden Sie melancholischer?
Jede Rolle ist, und das erwähne ich immer wieder, ein Teil von mir. Ich muss mich also nicht verändern, um Tatjana zu werden, sondern bin es ohnehin schon. Andererseits hat natürlich jede der Partien einen Einfluss auf mein Leben. Ich lerne etwas von ihr für mein Dasein. Es ist also so: Nicht nur ich bringe etwas in die Rolle hinein, sondern sie beeinflusst mich in einem bestimmten Maße. Es wäre für mich unmöglich, eine Künstlerin zu sein und die Rollen so zu leben, wie ich es tue, ohne auch von ihnen berührt zu werden.
Sie sagten: lernen. Was lernen Sie von Tatjana?
Da brauche ich einen Moment, denn ich denke über diese Dinge gar nicht so viel nach … Also: Vielleicht geht es weniger um das Lernen an sich als um das Aufgehen in einer Bühnenfigur. Sie ist ich und ich bin sie. Ich werde einfach zu dieser Figur, die man auf der Bühne erlebt. Das hat natürlich auch mit der Oper zu tun, denn Tschaikowskis Eugen Onegin ist ein so fantastisch geschriebenes Werk. Die Charaktere sind so perfekt getroffen, dazu die Emotionalitäten, der Text und die Musik, vieles ist so allgemeingültig – man muss keine besondere Person sein, um Tatjana zu sein. Ich denke, jede einzelne Frau hat eine Tatjana in sich.
Jede einzelne Frau oder auch jeder einzelne Mann?
Ich glaube durchaus an Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Und ich denke, in dieser Oper können wir diese Unterschiede sehr genau sehen. Eine Frau zu sein bedeutet, eine andere Art zu denken, eine andere Art von Vokabelsystem und eine andere Art zu empfinden zu haben. Natürlich teilen wir Menschen alle die gleichen Gefühle. Aber trotzdem denke ich, dass wir auch verschieden sind. Männer und Frauen sind für mich unterschiedliche Planeten.
Am Ende von Eugen Onegin fühle ich immer wieder ein bisschen eine Enttäuschung, weil sich Tatjana gegen Onegin entscheidet. Das widerspricht dann doch dem landläufigen Bild einer großen, endlosen Liebe. Diese Vernunft.
Wir dürfen da die Epochen nicht aus den Augen verlieren. Natürlich leben wir heute in einer anderen Zeit, einer Zeit, in der Scheidungen viel einfacher umsetzbar sind als bei der Entstehung der Oper. Es ist aber nicht nur das. Tatjana liebte Eugen Onegin, doch er hat sie verletzt, sehr stark verletzt. Danach ist es ihr gelungen, die Geschichte hinter sich zu bringen. Daher denke ich ganz ehrlich, dass die wahre Liebe in dieser Oper jene zwischen Fürst Gremin und Tatjana ist: Das ist die wirklich große Beziehung. Tatjana bekommt von ihm, was sie von Onegin niemals bekommen hat und wahrscheinlich niemals bekommen würde. Davon abgesehen: Man muss ehrlich sein und loyal und treu zu seinen Entscheidungen stehen. Daher kann ich Tatjana sehr gut verstehen. Eine Trauer darüber, dass das Glück so nahe gewesen wäre, ist natürlich da: dass es eben nicht passiert ist. Aber: Ließen sich die beiden jetzt miteinander auf etwas ein – wer weiß, ob es nicht in einer weiteren Katastrophe enden würde?
Aber sie liebt ihn doch irgendwie noch, oder?
Aber ist das eine wirklich echte Liebe? Ich glaube nicht. Ich denke, sie liebt ihn in der Erinnerung. Eine Erinnerung der Jugend. Sie kennt ihn ja gar nicht wirklich, das war damals eine Teenager-Liebe. Blicken wir zurück: Wie hat sie sich denn in Onegin verliebt? Sie hat sich letztlich in ein Bild verschaut, das sie entworfen hat. Tatjana hätte sich zu diesem Zeitpunkt fast in jeden x-beliebigen Menschen verliebt. Ich sehe ihre Liebe zu Onegin eher so, dass sie sich – und darin sind wir Frauen gut – die Illusion eines Menschen erschaffen und ihm Eigenschaften zugeschrieben hat, die er niemals hatte und nie haben wird. Onegin war ein Charakter ihrer Träume, den sie in Büchern gefunden hat. Das ist ja bereits am Anfang ganz klar ersichtlich, und in dem Moment, in dem er kalt auf ihren Brief Bezug nimmt, erkennt sie, wie es um diese Illusion steht und wer dieser Mensch im wirklichen Leben ist. Da bricht die rosa Brille zum ersten Mal.
Schenkt es ihr eine Art Zufriedenheit, wenn Onegin ihr am Ende seine Liebe gesteht?
Nein. Zumindest aus meiner Perspektive und aus meinen Lebenserfahrungen kann ich sagen, dass sie in diesem Moment keine Befriedigung fühlt. Wäre das früher, im zweiten Akt während ihres Namenstagsfests, passiert, wäre es vielleicht etwas anderes. Aber Jahre später – nein. Tatjana ist glücklich verheiratet und sie hat ein schönes Leben. Ich hatte solche Situationen, dass Menschen nach Jahren kamen und einem plötzlich sagen, dass sie einen lieben – doch da ist nichts mehr. Keine Emotionen, außer vielleicht ein Gefühl von Mitleid oder fallweise das Bedauern, dass es vielleicht hätte gut werden können. Aber es ist eben nicht passiert. Man leidet nicht mehr darunter, weil die Geschichte beendet ist. Also: Für Tatjana ist sie beendet, wohingegen es für Onegin etwas Neues zu sein scheint.
War dieses Trauma der Begegnung mit Onegin wichtig für Tatjana?
Ich denke nicht. Es ändert nichts mehr in ihrem Leben.
Letzte Frage. Vor Kurzem haben wir uns in der Staatsoper beim Publikum erkundigt, wonach die Menschen in der Oper suchen. Und das Ergebnis war für 78 % ein sinnliches Erlebnis. Es geht also nicht um eine moralische Anleitung oder um eine intellektuelle Auseinandersetzung. Teilen Sie diese Sicht?
Absolut! Ich dachte schon immer, dass Kunst mehr mit Gefühl als mit Intellekt zu tun hat. Wenn man nach einer Aufführung ein Buch lesen muss, um zu verstehen, worum es ging, dann ist das nicht mein Weg. Aus meiner Perspektive ist Kunst unbedingt etwas, das man einfach fühlen muss.