Erinnerungen an einen Theaterbegeisterten
Interview |
Günther Schneider-Siemssen und Herbert Von Karajan bei der Arbeit
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war er nicht nur der weltweit meistbeschäftigte Bühnenbildner, sondern zugleich in vielem ein Wegbereiter für spätere Kolleginnen und Kollegen. Zudem ein überaus gesuchter künstlerischer Partner namhafter Dirigenten und Regisseure. Allein für die Wiener Staatsoper schuf er an die 40 Bühnenbilder – jenes der Fledermaus ist übrigens nach wie vor zu erleben. Die Rede ist natürlich von Günther Schneider-Siemssen – dem „Schneisi“, wie man ihn hierzulande gerne liebevoll titulierte. Am 7. Juni hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass bringen wir ein Gespräch mit seinem jüngsten Sohn, dem Komponisten und Pianisten Philipp Mazar.
Manchmal gibt es ganz bestimmte Erlebnisse, die einen dazu bewegen, einen Beruf zu ergreifen, bei anderen ergibt es sich hingegen peu à peu, dass sie ihre wahre Bestimmung erkennen. Wie war es bei Ihrem Vater?
Philipp Mazar: Der ursprüngliche Wunschberuf meines Vaters war eigentlich Dirigent. Allerdings hat wohl ein frühkindlicher Theaterbesuch die Weichen gestellt: Konkret ging es um die offene Verwandlung des Froschkönigs in den Prinzen. Mein Vater dürfte ungemein fasziniert davon gewesen sein, dass so etwas überhaupt technisch umsetzbar war, und hat sich von da an immer intensiver mit Ideen zu Bühnengestaltungen beschäftigt. Jedenfalls erkannte Clemens Krauss später anhand einiger Entwürfe das entsprechende Talent und riet meinem Vater, anstelle einer Dirigentenkarriere lieber die Laufbahn eines Bühnenbildners zu ergreifen.
Was er dann auch tat.
Der erste Schritt war ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Ein Studium, das ihn intensiv prägte. Nicht umsonst gestaltete er während seines ganzen Lebens seine Entwürfe niemals nur als bloße Vorlagen für Theaterwerkstätten, sondern schuf echte Kunstwerke, Malereien, die auch für sich stehen könnten. Dazu kamen noch seine von ihm entwickelten Projektionsmalereien auf Glasplatten, die bereits die gesamte Lichtregie einer Aufführung in sich trugen.
Bühnenbildentwurf von Die Frau ohne Schatten
Und der zweite Schritt?
Nach Engagements an diversen Kleinbühnen in Bayern waren vor allem zwei Stationen für meinen Vater sehr wichtig: Bremen, wo er pro Jahr an die 15 bis 20 Bühnenbilder zu schaffen hatte, und das Salzburger Marionettentheater, dem er bis Ende der 1990er-Jahre treu blieb. Mein Vater war ein echter Workaholiker, der auch im Urlaub oder beim laufenden Fernseher immer an seinen Entwürfen feilte, unentwegt aus jeder Situation und aus jeder Umgebung seine Inspirationen bezog. Im Laufe seines Lebens ist auf diese Weise ein unfassbares Œuvre von über 2500 Exponaten, Bühnenbildentwürfen und Zeichnungen entstanden.
Die zahlreichen Bühnenbilder galten aber nicht nur Opernaufführungen?
Nein, bei ihm war stets alles dabei: Theater, Oper, Ballett, Musical, Film. Aber sein Herzensgebiet war und blieb immer die Oper.
Und wo kam die Verbindung zu Karajan zustande?
Das war hier an der Wiener Staatsoper. Karajan war Direktor des Hauses und auf der Suche nach einem Bühnenbildner. Nach ein, zwei Treffen wussten beide Seiten: Das wird eine dauerhafte Zusammenarbeit. Die Feuertaufe war eine Pelléas et Mélisande-Produktion 1962, die durch einen hausinternen Streik gefährdet war, da die Kulissen nicht rechtzeitig fertig geworden wären. Also schwenkte mein Vater auf eine Bühnenbildgestaltung um, die – passend zu diesem impressionistischen Werk – hauptsächlich von Lichtstimmungen und Projektionen bestimmt war. Aus der Not heraus entstand dadurch eine ganz spezielle Inszenierung, die Karajan begeisterte.
Bühnenbildentwurf von Pelléas et Mélisande
Der Schritt zu den Salzburger Festspielen war dadurch vorprogrammiert?
Nicht nur das. Mein Vater war auch Mitbegründer der Osterfestspiele. Eigentlich stammte die Idee zu diesen Festspielen sogar von ihm, Karajan hat sie dann euphorisch aufgegriffen und umgesetzt.
Karajan und Ihr Vater haben sich aber auch privat gut verstanden.
Er war sogar Trauzeuge meines Vaters. Und auch wenn man es Karajan nicht zugetraut hätte, er hatte so viel Humor, dass er meinem Vater einmal insgeheim eine Kolossalstatue aus einer Aida-Produktion der Salzburger Festspiele vor unser Haus stellen ließ. Als mein Vater dann spätnachts ankam, stieß er in der Dunkelheit mit dem Kopf dagegen. Als er endlich das Licht eingeschaltet hatte, erkannte er den Eindringling – den Riesenpharao vom Festspielhaus. Neben Karajan war dann vor allem Otto Schenk ein langjähriger künstlerischer Wegbegleiter, mit dem er vielleicht noch intensiver und häufiger zusammengearbeitet hat als mit Karajan. Von der Met bis zur Wiener Staatsoper. Überhaupt war mein Vater an allen Opernzentren zu Hause, sogar in Kapstadt und Buenos Aires.
Die Kolossalstatue aus der Aida-Produktion vor dem Haus in Seeham
Ein Spitzname Ihres Vaters war auch: Der Herr der Ringe.
Er hat für zahlreiche Werke mehrfach Bühnenbilder geschaffen, aber nichts übertraf Wagners Ring des Nibelungen. Viele Bühnenbildner sind stolz darauf, wenn sie überhaupt einmal die Tetralogie machen dürfen. Mein Vater hat insgesamt siebenmal für alle vier Teile Bühnenbilder geschaffen – und zur Hälfte noch ein achtes Mal für das Wagner-Festival in Wels, das er dann aber aus gesundheitlichen Gründen nicht vollenden konnte. So gesehen passt dieser Spitzname ganz gut. (lacht)