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Erinnerungen an einen Theaterbegeisterten

Interview |

Am 7. Juni hätte der Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ein Gespräch mit seinem jüngsten Sohn, dem Komponisten…

In der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts war er nicht nur der welt­weit meist­be­schäf­tig­te Büh­nen­bild­ner, son­dern zu­gleich in vie­lem ein Weg­be­rei­ter für spä­te­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen. Zu­dem ein über­aus ge­such­ter künst­le­ri­scher Part­ner nam­haf­ter Di­ri­gen­ten und Re­gis­seu­re. Al­lein für die Wie­ner Staats­oper schuf er an die 40 Büh­nen­bil­der – je­nes der Fle­der­maus ist üb­ri­gens nach wie vor zu er­le­ben. Die Re­de ist na­tür­lich von Günther Schneider-Siemssen – dem „Schnei­si“, wie man ihn hier­zu­lan­de ger­ne lie­be­voll ti­tu­lier­te. Am 7. Ju­ni hät­te er sei­nen 100. Ge­burts­tag ge­fei­ert. Aus die­sem An­lass brin­gen wir ein Ge­spräch mit sei­nem jüngs­ten Sohn, dem Kom­po­nis­ten und Pia­nis­ten Philipp Mazar.

Manch­mal gibt es ganz be­stimm­te Er­leb­nis­se, die ei­nen da­zu be­we­gen, ei­nen Be­ruf zu er­grei­fen, bei an­de­ren er­gibt es sich hin­ge­gen peu à peu, dass sie ih­re wah­re Be­stim­mung er­ken­nen. Wie war es bei Ih­rem Va­ter?

Philipp Mazar: Der ur­sprüng­li­che Wunsch­be­ruf mei­nes Va­ters war ei­gent­lich Di­ri­gent. Al­ler­dings hat wohl ein früh­kind­li­cher Thea­ter­be­such die Wei­chen ge­stellt: Kon­kret ging es um die of­fe­ne Ver­wand­lung des Frosch­kö­nigs in den Prin­zen. Mein Va­ter dürf­te un­ge­mein fas­zi­niert da­von ge­we­sen sein, dass so et­was über­haupt tech­nisch um­setz­bar war, und hat sich von da an im­mer in­ten­si­ver mit Ide­en zu Büh­nen­ge­stal­tun­gen be­schäf­tigt. Je­den­falls er­kann­te Clemens Krauss spä­ter an­hand ei­ni­ger Ent­wür­fe das ent­spre­chen­de Ta­lent und riet mei­nem Va­ter, an­stel­le ei­ner Di­ri­gen­ten­kar­rie­re lie­ber die Lauf­bahn ei­nes Büh­nen­bild­ners zu er­grei­fen.

Was er dann auch tat.

Der ers­te Schritt war ein Stu­di­um an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Mün­chen. Ein Stu­di­um, das ihn in­ten­siv präg­te. Nicht um­sonst ge­stal­te­te er wäh­rend sei­nes gan­zen Le­bens sei­ne Ent­wür­fe nie­mals nur als blo­ße Vor­la­gen für Thea­ter­werk­stät­ten, son­dern schuf ech­te Kunst­wer­ke, Ma­le­rei­en, die auch für sich ste­hen könn­ten. Da­zu ka­men noch sei­ne von ihm ent­wi­ckel­ten Pro­jek­ti­ons­ma­le­rei­en auf Glas­plat­ten, die be­reits die ge­sam­te Licht­re­gie ei­ner Auf­füh­rung in sich tru­gen.

Und der zwei­te Schritt?

Nach En­ga­ge­ments an di­ver­sen Klein­büh­nen in Bay­ern wa­ren vor al­lem zwei Sta­tio­nen für mei­nen Va­ter sehr wich­tig: Bre­men, wo er pro Jahr an die 15 bis 20 Büh­nen­bil­der zu schaf­fen hat­te, und das Salz­bur­ger Ma­rio­net­ten­thea­ter, dem er bis En­de der 1990er-Jah­re treu blieb. Mein Va­ter war ein ech­ter Work­a­ho­li­ker, der auch im Ur­laub oder beim lau­fen­den Fern­se­her im­mer an sei­nen Ent­wür­fen feil­te, un­ent­wegt aus je­der Si­tua­ti­on und aus je­der Um­ge­bung sei­ne In­spi­ra­tio­nen be­zog. Im Lau­fe sei­nes Le­bens ist auf die­se Wei­se ein un­fass­ba­res Œu­vre von über 2500 Ex­po­na­ten, Büh­nen­bild­ent­wür­fen und Zeich­nun­gen ent­stan­den.

Die zahl­rei­chen Büh­nen­bil­der gal­ten aber nicht nur Opern­auf­füh­run­gen?

Nein, bei ihm war stets al­les da­bei: Thea­ter, Oper, Bal­lett, Mu­si­cal, Film. Aber sein Her­zens­ge­biet war und blieb im­mer die Oper.

Und wo kam die Ver­bin­dung zu Ka­ra­jan zu­stan­de?

Das war hier an der Wie­ner Staats­oper. Ka­ra­jan war Di­rek­tor des Hau­ses und auf der Su­che nach ei­nem Büh­nen­bild­ner. Nach ein, zwei Tref­fen wuss­ten bei­de Sei­ten: Das wird ei­ne dau­er­haf­te Zu­sam­men­ar­beit. Die Feu­er­tau­fe war ei­ne Pelléas et Mélisande-Pro­duk­ti­on 1962, die durch ei­nen haus­in­ter­nen Streik ge­fähr­det war, da die Ku­lis­sen nicht recht­zei­tig fer­tig ge­wor­den wä­ren. Al­so schwenk­te mein Va­ter auf ei­ne Büh­nen­bild­ge­stal­tung um, die – pas­send zu die­sem im­pres­sio­nis­ti­schen Werk – haupt­säch­lich von Licht­stim­mun­gen und Pro­jek­tio­nen be­stimmt war. Aus der Not her­aus ent­stand da­durch ei­ne ganz spe­zi­el­le In­sze­nie­rung, die Ka­ra­jan be­geis­ter­te.

Der Schritt zu den Salz­bur­ger Fest­spie­len war da­durch vor­pro­gram­miert?

Nicht nur das. Mein Va­ter war auch Mit­be­grün­der der Os­ter­fest­spie­le. Ei­gent­lich stamm­te die Idee zu die­sen Fest­spie­len so­gar von ihm, Ka­ra­jan hat sie dann eu­pho­risch auf­ge­grif­fen und um­ge­setzt.

Ka­ra­jan und Ihr Va­ter ha­ben sich aber auch pri­vat gut ver­stan­den.

Er war so­gar Trau­zeu­ge mei­nes Va­ters. Und auch wenn man es Ka­ra­jan nicht zu­ge­traut hät­te, er hat­te so viel Hu­mor, dass er mei­nem Va­ter ein­mal ins­ge­heim ei­ne Ko­los­sal­sta­tue aus ei­ner Aida-Pro­duk­ti­on der Salz­bur­ger Fest­spie­le vor un­ser Haus stel­len ließ. Als mein Va­ter dann spät­nachts an­kam, stieß er in der Dun­kel­heit mit dem Kopf da­ge­gen. Als er end­lich das Licht ein­ge­schal­tet hat­te, er­kann­te er den Ein­dring­ling – den Rie­sen­pha­rao vom Fest­spiel­haus. Ne­ben Ka­ra­jan war dann vor al­lem Otto Schenk ein lang­jäh­ri­ger künst­le­ri­scher Weg­be­glei­ter, mit dem er viel­leicht noch in­ten­si­ver und häu­fi­ger zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat als mit Ka­ra­jan. Von der Met bis zur Wie­ner Staats­oper. Über­haupt war mein Va­ter an al­len Opern­zen­tren zu Hau­se, so­gar in Kap­stadt und Buenos Aires.

Ein Spitz­na­me Ih­res Va­ters war auch: Der Herr der Rin­ge.

Er hat für zahl­rei­che Wer­ke mehr­fach Büh­nen­bil­der ge­schaf­fen, aber nichts über­traf Wag­ners Ring des Ni­be­lun­gen. Vie­le Büh­nen­bild­ner sind stolz dar­auf, wenn sie über­haupt ein­mal die Te­tra­lo­gie ma­chen dür­fen. Mein Va­ter hat ins­ge­samt sie­ben­mal für al­le vier Tei­le Büh­nen­bil­der ge­schaf­fen – und zur Hälf­te noch ein ach­tes Mal für das Wagner-Festival in Wels, das er dann aber aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den nicht voll­en­den konn­te. So ge­se­hen passt die­ser Spitz­na­me ganz gut. (lacht)

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