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Einer, der begeistert

Interview |

Alain Altinoglu dirigiert die erste Premiere der Saison

Pro­ben­pau­se. Ums Kla­vier ei­ne klei­ne, fröh­lich-fach­sim­peln­de Grup­pe. Als das Ge­spräch Gabriel Faurés Requiem streift, spielt der an­we­sen­de Di­ri­gent aus dem Stand die letz­ten Ak­kor­de des Werks. Dann er­zählt er über Karlheinz Stockhausens Stimmung. Und über ein De­tail der Wie­ner Figaro-Auf­füh­rungs­tra­di­ti­on. Es ist wie Sur­fen durch die Mu­sik­ge­schich­te, und über­all spürt man nicht nur sei­ne gro­ße Kennt­nis, son­dern auch ei­nen ste­ten Wis­sens­durst. Das ist er eben, der Di­ri­gent Alain Altinoglu, ein mu­si­ka­li­scher Lei­ter, wie ihn sich je­des Opern­haus wünscht. 

Er ist bei den sze­ni­schen Pro­ben da­bei, ent­fal­tet höchs­te Sou­ve­rä­ni­tät bei al­ler­größ­ter Herz­lich­keit. Er zi­tiert die Fach­li­te­ra­tur, oh­ne aka­de­misch zu wer­den. Er kennt den in­ter­na­ti­o­na­len Be­trieb, aber kei­ne Star­al­lü­ren. Wäh­rend Kopf und Herz voll sind mit Mu­sik von Zemlinsky und Bartók, ver­liert er nicht den Über­blick, nicht die Kon­trol­le. Er kann be­geis­tern, be­ru­hi­gen, mit­rei­ßen, ver­füh­ren. Als Mu­sik­di­rek­tor der Oper in Brüssel ist er eben­so ge­schätzt wie als Leh­rer, na­tür­lich auch als Kon­zert­di­ri­gent und als Gast an der Metropolitan Opera, der Mailänder Scala, in Paris, Salzburg, Bayreuth, Berlin, London. 

Auch in Wien ist er seit Län­ge­rem prä­sent: 2011 de­bü­tier­te er im Haus am Ring, lei­te­te Aben­de im Musikverein und im Konzerthaus und kehrt nun an­läss­lich der ers­ten Pre­mi­e­re der Spiel­zeit an die Wiener Staatsoper zu­rück.

Der Ma­ler Ernst Ludwig Kirchner hat ein­mal ge­sagt, mit sei­nen Zeich­nun­gen sei er per Du, mit sei­nen Ge­mäl­den per Sie. Wenn wir an die Kom­po­nis­ten Alexander Zemlinsky und Béla Bartók den­ken: Sind das Kom­po­nis­ten, mit de­nen wir ei­gent­lich per Du oder per Sie sind?

Wir wis­sen, dass Alexander Zemlinsky nach sei­nem Tod in der Mu­sik­welt für ei­ne lan­ge Zeit sehr we­nig be­kannt war. Erst ab den 1970er-Jah­ren be­gann man, ihn all­mäh­lich wie­der­zu­ent­de­cken. Das war ei­ne trau­ri­ge Lü­cke, und auch heu­te ist er noch bei Wei­tem nicht so be­kannt, wie es sei­ne Mu­sik ver­dien­te.

 In­so­fern wür­de ich sa­gen: Vie­le sind lei­der noch nicht ver­traut ge­nug mit ihm, um Alexander sa­gen zu dür­fen. Bei Bartók ist das an­ders. Er ge­hört viel stär­ker zum mu­si­ka­li­schen Ka­non, ge­ra­de auch für Pi­a­nis­tin­nen und Pi­a­nis­ten, die mit sei­nen Wer­ken schon sehr früh in Be­rüh­rung kom­men und oft­mals mit ih­nen auf­wach­sen.

Aber wa­rum ist das bei Zemlinsky so? Wo­ran liegt es, dass man ihn we­ni­ger re­zi­pier­te als zum Bei­spiel sei­nen Kol­le­gen Gustav Mahler?

Sol­che Fra­gen sind im­mer schwie­rig zu be­ant­wor­ten, weil es oft­mals ei­ne Mi­schung aus meh­re­ren Din­gen ist. Neh­men wir zum Bei­spiel Johann Sebastian Bach. Er war lan­ge ver­schwun­den, bis Felix Mendelssohn Bartholdy ihn wie­der­ent­deckt hat. Manch­mal braucht es al­so sol­che Per­so­nen und Epo­chen, die ei­nen wie­der in das Licht der Be­kannt­heit zu­rück­brin­gen. Bei Zemlinsky ist das lei­der noch nicht aus­rei­chend pas­siert. 

Ich ha­be noch ei­nen mög­li­chen Grund: Er war zu sei­nen Leb­zei­ten als Di­ri­gent un­ge­mein be­kannt und ge­fragt – viel­leicht hat sein Ruhm als Di­ri­gent je­nen des Kom­po­nis­ten ein we­nig in den Schat­ten ge­rückt? Kri­ti­ker sei­ner Mu­sik – und na­tür­lich ge­hö­re ich nicht zu ih­nen – mei­nen mit­un­ter, dass es nicht ein­fach ist, sei­nen Per­so­nal­stil schnell zu um­rei­ßen.

Ge­meint ist, dass man ihn nach we­ni­gen ge­hör­ten Tak­ten nicht iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen meint?

Ganz klar: Wenn man Bartók hört oder Mozart, Mendelssohn oder Mahler, dann er­kennt man de­ren Mu­sik so­fort. Aber viel­leicht er­ken­nen wir sie ja nur, weil wir sie so oft ge­hört ha­ben und sie uns so ver­traut ist? Viel­leicht hat je­mand, der Zemlinsky nicht er­kennt, zu we­nig sei­ner Mu­sik ge­hört? Denn wenn man sich mit sei­ner Klang­welt und sei­nen Wer­ken be­schäf­tigt, dann ist er in Se­kun­den eben­so klar er­kenn­bar wie Mahler oder Mozart.

Und aus die­ser We­nig-Kennt­nis ent­sprin­gen dann auch Be­schrei­bun­gen wie: Die florentinische Tragödie hat et­was von Elektra oder Salome?

Ge­nau, und es ist eben das Pro­blem, dass man sagt: Er »hat et­was von« die­sem oder je­nem. Statt dass man auf das Spe­zi­fi­sche von Zemlinsky ein­geht. Et­wa: Es gibt fast im­mer ei­ne Du­a­li­tät bei ihm, ein Zwi­schen-zwei-Wel­ten-Ste­hen. Licht und Schat­ten, Cha­os und Har­mo­nie. Oder sei­ne har­mo­ni­schen Be­son­der­hei­ten: Manch­mal sehr to­nal, dann wie­der ori­en­tiert er sich am Ganz­ton­sys­tem. Er baut auf klei­nen Zel­len auf, auch rhyth­misch. Er ver­wen­det Leit­mo­ti­vik. Und so wei­ter. Das al­les er­gibt ein sehr per­sön­li­ches mu­si­ka­li­sches Netz, das Zemlinsky un­ver­kenn­bar macht. 

Man muss aber auch be­ach­ten, dass es drei Pha­sen in sei­nem Schaf­fen gab: An­fangs eher tra­di­ti­o­nell, aus der Brahms-Schule kom­mend, dann, ich wür­de sa­gen, ab der Lyrischen Symphonie, wur­de er in der To­na­li­tät ex­tre­mer, da­zu kam, dass er in Prag Leoš Janáček er­lebt und das ei­nen Ein­druck auf ihn ge­macht hat. Und schließ­lich spann­te er den Bo­gen to­nal so­gar noch wei­ter … Wenn man die spä­ten Stü­cke kennt und dann et­wa zum Zwerg zu­rück­geht, merkt man sei­ne gro­ße Ent­wick­lung.

Weil wir eben über »hat et­was von« spra­chen: Der Kom­po­nist Zoltán Kodály mein­te, ei­ne der gro­ßen Ei­gen­schaf­ten von Béla Bartók sei, dass er nie­man­den imi­tiert ha­be. Und den­noch kann man Debussy, Liszt und an­de­re als Ein­fluss­ge­ber nicht ver­leug­nen.

Na­tür­lich, bei den frü­hen Wer­ken von Bartók spürt man un­ter an­de­rem den Ein­fluss von Brahms, auch von Richard Strauss, dann ent­deck­te er Claude Debussy und et­li­che an­de­re. Bis Bartók schließ­lich zu sei­nem Per­so­nal­stil fand, bei dem auch die Zu­sam­men­ar­beit mit Zoltán Kodály ei­ne gro­ße Rol­le spiel­te – man den­ke an die ge­mein­sa­me Volks­mu­sik­for­schung! Auch die­se floss ja in sein Werk ein. Bartók war nicht nur ein Samm­ler ori­gi­na­ler Volks­mu­sik, sie hat auch ih­re Spu­ren in sei­nem kom­po­si­to­ri­schen Werk hin­ter­las­sen. 

Aber oft­mals – wie im Fal­le von Herzog Blaubarts Burg – nicht ori­gi­nal, son­dern kom­po­si­to­risch trans­for­miert. Ich bin Ar­me­ni­er und in mei­ner Hei­mat gab es den be­kann­ten und sehr wich­ti­gen Kom­po­nis­ten Komitas, der auch Volks­mu­sik sam­mel­te – aber sie blieb in sei­nen Wer­ken Volks­mu­sik. Bartók aber mach­te et­was ganz Neu­es aus ihr. Sie war für ihn ei­ne Mög­lich­keit, mu­si­ka­lisch neue We­ge zu ge­hen.

Die neu­en We­ge der Mu­sik wa­ren ja das gro­ße The­ma die­ser Jah­re.

Die Fra­ge, die al­le be­schäf­tig­te, war: Wie geht man mit der To­na­li­tät um? Es gab vie­le Ant­wor­ten. Arnold Schönberg ent­wi­ckel­te sei­ne Zwölf­ton­tech­nik, an­de­re blie­ben ihr na­he, wie Richard Strauss oder auch Erich Wolfgang Korngold. Ei­ne un­glaub­lich span­nen­de Zeit!

Wie wich­tig ist es für den Di­ri­gen­ten, im Ge­samt­ge­we­be der Bartók-Oper ein­zel­ne De­tails wie – die­ses Mo­tiv stammt ei­gent­lich aus der Volks­mu­sik – zu ken­nen?

Ich ha­be schon in frü­hen Jah­ren am Kla­vier Wer­ke von Bartók ge­spielt. Als ich spä­ter aber mit un­ga­ri­schen Di­ri­gen­ten und Coa­ches ar­bei­te­te, be­griff ich, wie falsch ich die­se Mu­sik bis da­hin in­ter­pre­tiert hat­te. Denn es gibt grund­le­gen­de Din­ge, die man ein­fach wis­sen muss und an de­nen man sich ent­spre­chend zu ori­en­tie­ren hat. Zum Bei­spiel: dass Bartóks Mu­sik ab ei­nem ge­wis­sen Punkt sei­nes Schaf­fens sehr eng mit der un­ga­ri­schen Spra­che ver­wo­ben ist. 

Das hat weit­rei­chen­de Fol­gen, al­lein schon, was die Be­to­nung an­geht. Im Un­ga­ri­schen wird die ers­te Sil­be be­tont, al­so: TA-ta, TA-ta. Das ist auch mu­si­ka­lisch zu be­ach­ten. Oft­mals wür­de man, aus der west­eu­ro­pä­i­schen Tra­di­ti­on kom­mend, mu­si­ka­lisch so agie­ren: Ta-TA, Ta-TA. Aber das ist eben falsch. Man kann das üb­ri­gens über­prü­fen, wenn man Auf­nah­men he­ran­zieht, auf de­nen Bartók selbst als Pi­a­nist zu er­le­ben ist. Sol­che Din­ge muss man na­tür­lich un­be­dingt wis­sen, wenn man sei­ne Wer­ke spielt.

»Es ist wie bei Pelléas et Mélisande von Debussy. Als das Werk erstmals erklang, fragten sich viele: Was ist das? Eine Oper? Wo bleiben die bekannten Formen? So ähnlich ist es mit Blaubart. Aber ganz zweifelsfrei wollte Bartók eine Oper schreiben, und es ist ja auch eine Oper geworden.«

Von der Form her ist Herzog Blaubarts Burg ei­ne teils un­ge­wöhn­li­che Oper. Zum Bei­spiel: Wir ha­ben ein gro­ßes Or­ches­ter, aber nur ei­ne Sän­ge­rin und ei­nen Sän­ger. Man­ches fin­det in Bah­nen ab­seits der Tra­di­ti­on statt, man­che Kom­men­ta­to­ren spre­chen ger­ne von »sym­pho­nisch«.

Es ist wie bei Pelléas et Mélisande von Debussy. Als das Werk erst­mals er­klang, frag­ten sich vie­le: Was ist das? Ei­ne Oper? Wo blei­ben die be­kann­ten For­men? So ähn­lich ist es mit Blaubart. Aber ganz zwei­fels­frei woll­te Bartók ei­ne Oper schrei­ben, und es ist ja auch ei­ne Oper ge­wor­den. Ei­ne, die teils neue We­ge geht, die sym­bo­lis­tisch und nicht re­a­lis­tisch ist, die me­ta­pho­risch ar­bei­tet, die Fra­gen auf­wirft und Bil­der an­bie­tet, die vie­le Be­deu­tun­gen ha­ben kön­nen. 

Die Trä­nen, die Fol­ter­kam­mer, der Schmuck – das al­les deckt vie­le Ebe­nen ab. Und wir ha­ben ein En­de, das nicht klar ab­schlie­ßend, son­dern of­fen ist. Es scheint, als ob Bartók drei Punk­te ge­macht hät­te. Wer weiß, was kommt?

Der Kri­ti­ker Julius Korngold schrieb nach der Wie­ner Erst­auf­füh­rung der Florentinischen Tragödie, dass das Werk nur aus Ein­zel­hei­ten be­steht. Ist das ei­ne He­raus­for­de­rung für den Di­ri­gen­ten? Ei­ne Ein­heit zu fin­den?

Na ja, das war ein­fach ei­ne sehr per­sön­li­che Ein­schät­zung von Julius Korngold. Man darf grund­sätz­lich aber nicht ver­ges­sen, dass er der Va­ter des Kom­po­nis­ten Erich Wolfgang Korngold war, und die­ser lern­te bei Zemlinsky. Es gab al­so ein sehr gro­ßes Ver­trau­en in Zemlinskys Fä­hig­keit. Die He­raus­for­de­rung bei die­ser Oper se­he ich ge­ne­rell we­ni­ger in den vie­len De­tails als – und das ist ja bei vie­len Wer­ken die­ser Zeit so – in der Ba­lan­ce.

Zwi­schen dem groß be­setz­ten Or­ches­ter und den Ge­sangs­stim­men?

Vie­le den­ken, dass man Opern die­ser Zeit, al­so auch Salome oder Elektra, ein­fach nur ge­mäß der Par­ti­tur auf­zu­füh­ren braucht. Man spielt, was der Kom­po­nist no­tiert hat, und fer­tig. So ist es aber nicht. Denn wenn man die­se Wer­ke mit ih­rem mas­si­ven Blech ein­fach nur den No­ten ent­spre­chend wie­der­gibt, ist das Or­ches­ter viel zu laut, und man hört die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger nicht.

 Da­zu gibt es ei­ne An­ek­do­te: Der sehr jun­ge Georg Solti di­ri­gier­te in An­we­sen­heit des grei­sen Richard Strauss ei­ne Büh­nen­or­ches­ter­pro­be von Elektra. Er­schöpft und stolz frag­te Solti am En­de den Kom­po­nis­ten: »Maestro, was mei­nen Sie?« Und die­ser ant­wor­te­te: »Oh, das war ganz wun­der­bar! Nur ha­be ich nicht ei­nen Sän­ger ge­hört …« Was al­so tun? 

Man muss den Job ei­nes gu­ten Ka­pell­meis­ters ma­chen und die Laut­stär­ke re­du­zie­ren. Wo For­tis­si­mo steht, muss man Pi­a­no spie­len, wo For­te steht, fast schon Pi­a­nis­si­mo. Aber mit der emo­ti­o­na­len In­ten­si­tät des For­te. Zemlinsky, der ein gro­ßer Di­ri­gent war, er­kann­te das selbst, nach­dem er sei­ne Oper ge­lei­tet hat­te, und brach­te zahl­rei­che Laut­stär­ken­kor­rek­tu­ren in sei­ner Florentinischen Tragödie an. Man darf ja nicht ver­ges­sen, dass in die­ser Oper sehr viel Kon­ver­sa­ti­on statt­fin­det, und die­se ist in punc­to Über­tönt­wer­den be­son­ders hei­kel.

»Bei Zemlinsky, selbst bei dieser Oper schwingt etwas von einem Walzer mit, den man spüren muss. Bei Bartók aber muss es ganz anders klingen. Es braucht eine Schärfe, Direktheit und Rauheit in der Interpretation, die oftmals vernachlässigt wird.«

Wie ge­nau no­tier­te Zemlinsky in sei­ner Par­ti­tur sei­ne Vor­stel­lun­gen?

Durch­aus sehr ge­nau. Mit­un­ter gab er an: Die­se Stel­le muss auf Eins ge­schla­gen wer­den und nicht auf Drei. Oder er schrieb: »Ru­hig, oh­ne Tem­po­än­de­rung.« Er hat­te – wahr­schein­lich auch durch schlech­te Di­ri­gen­ten, die ihn frus­triert hat­ten – sehr ge­naue Vor­stel­lun­gen, wie er et­was ha­ben will.

Gibt es be­son­de­re, je­weils werk­spe­zi­fi­sche He­raus­for­de­run­gen für den Di­ri­gen­ten?

Die ers­te He­raus­for­de­rung ist ganz na­he­lie­gend: Man muss die rich­ti­gen, aber sehr un­ter­schied­li­chen Far­ben für den je­wei­li­gen Kom­po­nis­ten fin­den. Wir spra­chen schon da­von: Ob­gleich die Wer­ke zeit­lich sehr na­he bei­ein­an­der lie­gen, han­delt es sich doch um ganz ver­schie­de­ne Wel­ten. Zemlinsky muss et­was Wie­ne­ri­sches ha­ben, wo­bei ei­nem das Staats­opern­or­ches­ter hier ei­ne gro­ße Hil­fe ist: Denn es ver­fügt über Schat­tie­run­gen und Nu­an­cen, die man sonst nir­gends zu hö­ren be­kommt. 

Bei Zemlinsky, selbst bei die­ser Oper, schwingt et­was von ei­nem Wal­zer mit, den man spü­ren soll. Bei Bartók aber muss es ganz an­ders klin­gen. Es braucht ei­ne Schär­fe, Di­rekt­heit und Rau­heit in der In­ter­pre­ta­ti­on, die oft­mals ver­nach­läs­sigt wird. Über die zwei­te gro­ße He­raus­for­de­rung – über Laut­stär­ken und das Gleich­ge­wicht zwi­schen Büh­ne und Or­ches­ter­gra­ben – spra­chen wir be­reits. Das be­trifft bei­de, wo­bei Bartók mit Wel­len­be­we­gun­gen ar­bei­tet, Zemlinsky ei­nem hin­ge­gen das Ge­fühl ei­nes ewi­gen Kli­max ver­mit­telt. Noch mehr, noch hö­her! Aber das geht na­tür­lich nicht, man muss al­so ein sinn­vol­les Sys­tem der Stei­ge­run­gen und Ent­span­nun­gen fin­den.

Wie kon­kret cha­rak­te­ri­sie­ren die bei­den Kom­po­nis­ten ih­re Fi­gu­ren mu­si­ka­lisch?

Bei der Florentinischen Tragödie sind den Fi­gu­ren sehr klar ein­zel­ne Mo­ti­ve zu­ge­ord­net. Gleich als Al­ler­ers­tes hört man zu Be­ginn das Mo­tiv des Guido Bardi, un­mit­tel­bar ge­folgt von je­nem von Bianca. Es hat ein biss­chen was von ei­ner mu­si­ka­li­schen Ka­ri­ka­tur, weil wir uns – wie im Rosenkavalier – vor­stel­len kön­nen, was als Vor­ge­schich­te hin­ter dem ge­schlos­se­nen Vor­hang pas­siert. Oscar Wilde, auf des­sen Text die Oper ba­siert, hat­te ur­sprüng­lich ja ei­ne ent­spre­chen­de, heu­te ver­lo­re­ne ers­te Sze­ne ver­fasst. Dann kommt Simone da­zu, der mu­si­ka­lisch sehr dun­kel ge­zeich­net ist. Die­se drei Per­so­nen­mo­ti­ve je­den­falls hö­ren wir in der ge­sam­ten Oper im­mer wie­der. 

Am En­de aber pas­siert et­was sehr Ver­blüf­fen­des: Wir er­le­ben bei den be­rühm­ten letz­ten Wor­ten von Bianca und Simone – »Wa­rum hast du mir nicht ge­sagt, dass du so stark?« / »Wa­rum hast du mir nicht ge­sagt, dass du so schön!« – ei­nen at­mo­sphä­ri­schen Um­schwung. Es ist wie ei­ne Il­lu­mi­na­ti­on, ein Glanz. Die bei­den se­hen ein­an­der wie bei ei­ner plötz­li­chen Er­schei­nung.

Ein mehr ly­ri­scher als lei­den­schaft­li­cher Mo­ment.

Su­per­ly­risch. Wie ge­sagt, wie ein Licht, das plötz­lich durch­bricht. Auch Bartók ar­bei­tet mit Mo­ti­ven, ganz zen­tral ist das Blut­mo­tiv, ein Or­na­ment mit ei­ner nach un­ten ge­rich­te­ten klei­nen Se­kund, das wir im­mer wie­der hö­ren. Es gibt auch ei­nes für Judith und ei­nes für Blaubart, wo­bei ih­res deut­lich hel­ler und lich­ter ge­hal­ten ist. Am En­de der Oper aber pas­siert in ei­nem klei­nen Du­ett et­was ganz Be­son­de­res: Die bei­den be­gin­nen, sich mu­si­ka­lisch auf­ein­an­der zu­zu­be­we­gen. Das Werk mag dun­kel sein, aber man kann in der Auf­ein­an­der­zu­be­we­gung et­was Ver­bin­den­des he­raus­hö­ren.

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