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Ein scharfer Blick auf die soziale Realität

Interview |

Regisseur Simon Stone im Gespräch zur Wiederaufnahme von »Wozzeck«

Wenn man sich auf­macht, ein Büh­nen­werk zu er­ar­bei­ten, er­ge­ben sich mit­un­ter bald mehr Fra­gen als Ant­wor­ten. Wie lau­tet die we­sent­lichs­te Fra­ge, die Sie sich beim Wozzeck stel­len oder ge­stellt ha­ben?

Da sich die Dra­ma­tur­gie die­ser Oper, die dra­ma­tur­gi­sche Ak­ti­on so klar und kon­se­quent zeigt, geht es eher dar­um, ei­nen Weg zu fin­den, je­ne Welt zu um­rei­ßen und zu de­fi­nie­ren, die Wozzecks Le­ben be­dingt. Durch Büch­ners ex­tre­me Spar­sam­keit hin­sicht­lich der Re­gie­an­wei­sun­gen – die auch Alban Berg kaum er­gänz­te – ist die The­ma­tik grund­sätz­lich uni­ver­sell ge­hal­ten. Aus die­sem Grund fän­de ich es auch scha­de, wenn man die Hand­lung in der vor­ge­schla­ge­nen, rein mi­li­tä­ri­schen Um­ge­bung be­lie­ße. Es wä­re viel zu ein­schrän­kend und ver­engt ge­dacht, all die hier ge­schil­der­ten Re­pres­sio­nen, Bru­ta­li­tä­ten, Miss­bräu­che und Sa­dis­men in die Gren­zen ei­nes ver­gan­ge­nen, rein sol­da­ti­schen Bio­tops ein­zu­zwän­gen. Die fa­ta­len Kon­se­quen­zen, die ent­ste­hen, wenn ein­zel­ne Per­so­nen Macht über an­de­re ge­win­nen und die­se de­mü­ti­gen, sind all­ge­gen­wär­tig und auf je­de Ge­sell­schaft über­trag­bar. Es gilt stets: Wenn Men­schen zu Tie­ren er­nied­rigt wer­den, darf man sich nicht wun­dern, wenn die­se dann auf ata­vis­ti­sche, vor­zi­vi­li­sa­to­ri­sche Re­ak­ti­ons­mus­ter zu­rück­fal­len. 

Es reicht ja oft schon, wenn Är­me­re und Schwä­che­re ver­ges­sen oder als nicht re­le­vant an­ge­se­hen wer­den, um Mons­ter zu kre­ie­ren. Nicht um­sonst sagt Wozzeck im Ge­spräch mit dem Haupt­mann in der ers­ten Sze­ne, dass er ein ganz an­de­res, mo­ra­lisch in­te­gres Le­ben füh­ren wür­de, wenn er nicht arm wä­re. Lei­der hat sich an der Ak­tua­li­tät die­ses Wer­kes seit Büch­ner re­spek­ti­ve Berg nichts ver­än­dert, da die Kluft zwi­schen arm und reich trotz al­ler po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen und Be­mü­hun­gen bis heu­te nicht ge­schlos­sen wer­den konn­te. Im Ge­gen­teil, in den letz­ten Jah­ren hat sie sich er­neut ver­grö­ßert.

Die Ak­tua­li­tät wird bei Ih­nen durch die kon­kre­te Ver­or­tung im Wien der Ge­gen­wart zu­sätz­lich un­ter­stri­chen.

Mir ist im­mer wich­tig, Zu­schau­e­rin­nen und Zu­schau­ern die je­wei­li­ge Ge­schich­te in der ih­nen be­kann­ten, ei­ge­nen Welt zu prä­sen­tie­ren. Im vor­lie­gen­den Fall ha­ben so­wohl Büch­ner als auch Berg schon von vorn­her­ein viel dar­an ge­setzt, ei­ne ak­tu­el­le Rea­li­tät ab­zu­bil­den. Es wä­re in mei­nen Au­gen al­so falsch, die zeit­lo­se Gül­tig­keit des Wer­kes da­durch zu ver­un­kla­ren, dass man sie in ei­ner Ver­gan­gen­heit be­lässt, die uns fremd und nur be­dingt er­fahr­bar ist.

 

 

Han­delt es sich beim Wozzeck um ein Lehr­stück, ein So­zi­al­stück oder geht es um Mit­leid, nicht zu­letzt um Mit­leid mit der Fi­gur des Wozzeck?

Ich wür­de eher von ei­ner Do­ku­men­ta­ti­on spre­chen – Büch­ner be­nutz­te ja be­kannt­lich rea­le Vor­komm­nis­se, die er dann in die­sem Werk ver­ar­bei­te­te. Es wird dem Pu­bli­kum ganz sach­lich vor­ge­führt, was pas­sie­ren kann, wenn man Op­fer be­lei­digt und er­nied­rigt, wel­che psy­chi­schen Me­cha­nis­men dann in Kraft tre­ten.

Ver­steht sich die­se Do­ku­men­ta­ti­on bei Ih­nen im­mer als ob­jek­ti­ve Er­zäh­lung oder zei­gen Sie die Ge­schich­te aus der Per­spek­ti­ve der han­deln­den Cha­rak­te­re?

Es trifft bei­des zu. Wir schil­dern ei­ner­seits die Sicht von au­ßen, das Le­ben des Un­der­dogs Wozzeck, sei­ne Be­zie­hun­gen zu den an­de­ren Men­schen, sei­ne Um­ge­bung, sei­ne Welt und zei­gen da­durch, dass man so je­man­den je­der­zeit in der U-Bahn tref­fen könn­te, beim Würs­tel­stand, auf der Stra­ße. Wozzeck geht nach dem Mord an Ma­rie wie­der ins Wirts­haus zu Mar­gret, als ob nichts pas­siert wä­re. Wir al­le ken­nen aus den Me­di­en Be­rich­te von Men­schen, die je­man­den tö­ten und die Lei­che dann zum Bei­spiel wo­chen­lang in ei­ner Woh­nung lie­gen las­sen. Sol­che ab­son­der­li­chen Per­so­nen gibt es, und wer weiß, ob man nicht ge­ra­de an so je­man­dem zu­fäl­lig vor­bei­ge­gan­gen oder ne­ben so je­man­dem ge­ses­sen ist.

Die­sen Aspekt auf­zu­zei­gen ist uns sehr wich­tig. An­de­rer­seits – auf­set­zend auf das Ex­pres­sio­nis­ti­sche der Mu­sik Bergs, die das In­nen­le­ben und die psy­chi­schen Zu­stän­de Wozzecks wi­der­spie­gelt – wech­seln wir im­mer wie­der die Per­spek­ti­ve und wer­den Teil der Hal­lu­zi­na­tio­nen des Ti­tel­hel­den. Und so ver­an­schau­li­chen wir, was Wozzeck zu­sätz­lich zu den äu­ße­ren und be­dingt durch die­se äu­ße­ren Um­stän­de im In­ne­ren zu schaf­fen macht.

In­wie­weit sind der Haupt­mann und der Dok­tor fest­ste­hen­de Ty­pen, in­wie­weit sind sie zu­fäl­li­ge Per­so­nen, die lei­der zu viel Macht be­sit­zen und die­se miss­brau­chen?

Viel­leicht woll­ten Büch­ner und Berg auch et­was über bös­wil­li­ge Be­am­te und pro­fes­so­ra­le Me­di­zi­ner sa­gen. Zu­gleich zeich­nen sie aber ge­ra­de die­se bei­den Cha­rak­te­re auf ge­wis­se Wei­se idio­syn­kra­tisch. Es ist nicht wie bei Brecht, bei dem ei­ne Fi­gur ei­ne be­stimm­te Funk­ti­on er­füllt, sie sind viel­mehr äu­ßerst merk­wür­dig, Per­so­nen, die man eben­falls un­ter Um­stän­den aus dem ei­ge­nen Le­ben als Son­der­lin­ge zu ken­nen meint.

Aber kei­ne Ka­ri­ka­tu­ren?

Auf kei­nen Fall – Ka­ri­ka­tu­ren sind les­bar, zeich­nen sich durch als be­kannt vor­aus­ge­setz­te, über­trie­ben dar­ge­stell­te Ei­gen­tüm­lich­kei­ten aus. Aber der Haupt­mann und der Dok­tor sind voll­kom­men un­greif­bar und un­ty­pisch, von den ge­gen­sätz­lichs­ten, un­er­war­tet zu­ta­ge tre­ten­den Emo­tio­nen und Ei­gen­hei­ten be­stimmt.

Das heu­te lei­der nach wie vor sehr ak­tu­el­le The­ma Fe­mi­zid spielt durch den Mord an Ma­rie in Wozzeck ei­ne zen­tra­le Rol­le.

Dies­be­züg­lich wird ein sehr bren­nen­der The­men­kom­plex an­ge­spro­chen: Wie oft be­mü­hen An­wäl­te so­gar heu­te noch das un­er­träg­li­che Ar­gu­ment, dass ein durch Ei­fer­sucht er­folg­ter Mord an ei­ner Frau zu­min­dest ver­steh­bar, wenn nicht so­gar zum Teil ent­schuld­bar sei, da sie ja den Part­ner zu­nächst be­tro­gen hät­te. Dass je­mand im ein­und­zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert so et­was über­haupt zu for­mu­lie­ren wagt, sagt viel über be­stimm­te Denk­wei­sen, über an­geb­lich be­lei­dig­ten Stolz, ver­lo­re­ne Eh­re, ver­un­si­cher­te Iden­ti­tä­ten und ähn­li­chen Un­sinn aus, die wir ei­gent­lich als längst über­holt ad ac­ta ge­legt zu ha­ben glau­ben. Wozzeck ist zwei­fel­los ein viel­fa­ches Op­fer. Aber – und das ist wich­tig – der Mord an Ma­rie macht ihn zum Tä­ter, und die­se Tat ist nicht ab­leit­bar aus sei­ner Op­fer­rol­le! Denn es gibt ge­nü­gend Men­schen in ähn­li­chen Si­tua­tio­nen, die trotz­dem nicht ge­walt­tä­tig wer­den.

Ei­ne wich­ti­ge Lek­ti­on, die uns durch Büch­ner und Berg noch ein­mal ein­dring­lich vor­ge­führt wird. Da­von ab­ge­se­hen: Seit wann ist Be­trug ei­ne Tat, auf die ein To­des­ur­teil steht? Wenn dem so wä­re, müss­te bei uns wohl die Hälf­te der Be­völ­ke­rung ster­ben. Na­tür­lich be­han­delt Ma­rie Wozzeck nicht gut, na­tür­lich hin­ter­geht sie ihn mit dem Tam­bour­ma­jor. Aber an­ders als der Mord durch Wozzeck ist ih­re Po­si­ti­on sehr wohl nach­zu­voll­zie­hen: Sie lebt mit ei­nem Mann zu­sam­men, der völ­lig durch­dreht, un­ent­wegt wir­res Zeug denkt und spricht. Von ihm ab­hän­gig hockt sie tag­aus, tag­ein al­lein mit ei­nem Kind zu Hau­se, dem Wozzeck kaum Be­ach­tung schenkt. Die­sem per­spek­tiv­lo­sen Ge­fühl des Ein­ge­sperrt­seins hofft sie zu ent­flie­hen, und der Tam­bour­ma­jor scheint sich da­für als gang­ba­rer Weg an­zu­bie­ten. Ist es Ma­rie zu ver­den­ken, dass sie frei und ei­gen­be­stimmt sein will?

Wozzeck miss­deu­tet al­so sein Ver­hält­nis zu Ma­rie als ge­gen­sei­ti­ge Lie­bes­be­zie­hung.

Dass man sich Zeit lässt und auf ei­nen Part­ner, ei­ne Part­ne­rin, auf den wah­ren Ein­zi­gen war­tet, den man wirk­lich liebt, ist ein Pri­vi­leg der be­hü­te­ten ge­sell­schaft­li­chen Schich­ten. Na­tür­lich gibt es auch im Pre­ka­ri­at ech­te Lie­bes­be­zie­hun­gen. Aber wenn man nicht weiß, wie man am En­de des Mo­nats die Hei­zung, die Mie­te be­zah­len soll, ob man ge­nug Geld hat, dem Kind das Not­wen­digs­te zu ge­ben, dann nimmt man schnell den Erst­bes­ten, der ei­nem ge­wis­se Si­cher­hei­ten bie­ten kann, und ver­lässt ihn lei­der auch dann nicht so­fort, wenn Ge­walt ins Spiel kommt.

Ab wann hat Wozzeck zum ers­ten Mal den Ge­dan­ken, Ma­rie zu tö­ten – denn von ei­ner Af­fekt­tat wol­len und kön­nen wir be­wusst nicht aus­ge­hen?

Ich glau­be, dass in sei­nem Un­ter­be­wusst­sein schon sehr früh, wahr­schein­lich von An­fang an, die­se Op­ti­on exis­tiert. Er ist stets be­ses­sen vom Ge­dan­ken an den Tod, an Sterb­lich­keit und Ver­nich­tung, er spricht von Blut, noch ehe er Ma­rie mit dem Mes­ser ge­gen­über­tritt. Wozzeck be­merkt of­fen­bar nicht, wie sehr es in ihm ar­bei­tet, dass er die gan­ze Zeit und na­he­zu von je­dem Men­schen her­un­ter­ge­macht und aus­ge­spot­tet wird. Wir ha­ben kei­nen Otel­lo vor uns, der erst durch die Ma­chen­schaf­ten ei­nes Ja­go aus der Spur ge­bracht wird, es gibt bei Wozzeck kei­nen Wen­de­punkt, kei­ne Ent­wick­lung. 

Er ist von An­fang an ge­knech­tet und see­lisch ver­krüp­pelt. Die Ent­la­dung pas­siert ein­fach in dem Mo­ment, in dem ihm sein Zu­stand gänz­lich be­wusst wird. Die­ser Mo­ment ist da­her rein zu­fäl­lig und hät­te Mo­na­te frü­her oder spä­ter ge­nau­so pas­sie­ren kön­nen. Aber noch ein­mal: Das ist kei­ner­lei Ent­schul­di­gung für sei­ne Tat. Des­we­gen ist es so wich­tig, wie wir die Kin­der er­zie­hen, wel­ches Bild wir ih­nen von der Be­zie­hung zwi­schen zwei Men­schen ver­mit­teln – und vor­le­ben.

Nach dem Tod von Ma­rie und Wozzeck bleibt das Kind der bei­den als Wai­se zu­rück. Ist hier schon ein tra­gi­scher Grund­stein für den zu­künf­ti­gen, neu­en Wozzeck ge­legt?

Nun, man kann es so le­sen, dass das Kind am En­de der Oper tat­säch­lich schon von den an­de­ren ge­quält wird und die De­mü­ti­gun­gen schon in die­sen frü­hen Jah­ren be­gin­nen. Was wir auf je­den Fall ler­nen kön­nen: Wäh­rend wir Er­wach­se­nen mit un­se­ren Schwie­rig­kei­ten be­schäf­tigt sind, ver­ges­sen wir oft die Kin­der und mer­ken nicht, dass wir sie in un­se­re Pro­ble­me hin­ein­rei­ßen. An­de­rer­seits: Das Kind ist jung, und die Hoff­nung stirbt be­kannt­lich zu­letzt. Wirk­lich be­denk­lich wä­re es, wenn es schon an die­ser Stel­le be­gän­ne, mehr oder we­ni­ger sub­ti­le Ag­gres­sio­nen zu ent­wi­ckeln. Aber da­von ist kei­ne Re­de. Sein „Hopp-hopp“ ist eher ein Zei­chen der Un­schuld.

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