Ein Konzert der besonderen Art
Interview |
Warum wird man Sänger? Weil man sich über andere Interpreten ärgert und sich selbst sagt: »Die machen das nicht, wie es sein soll, also muss ich der Welt zeigen, wie es gehört«? Oder spürt man einen Drang, etwas künstlerisch mitteilen zu wollen? Oder ist es einfach die Freude am Musizieren?
Ich glaube nicht, dass jemand in diesem Beruf durchhält, nur weil er sich daran stört, wie andere singen. Es mag zwar den Funken geben: »Das möchte ich mal anders probieren«, doch dahinter verbirgt sich ein tieferer Antrieb – ein Drang zu kommunizieren, im Mittelpunkt eines Raumes zu stehen und etwas durch sich hindurchfließen zu lassen, das größer ist als das eigene Ego. Ich stamme aus einer Familie von Sängern und Künstlern – ehrlich gesagt singe ich schon, seit ich sprechen kann. Meine Schwester ist professionelle Broadway-Sängerin und Schauspielerin, und mein Bruder ist ein außergewöhnlicher Darsteller sowohl im Musiktheater als auch im klassischen Repertoire. Meine Frau ist eine hervorragende Opernsopranistin – eine der besten Crossover- und Musical-Sängerinnen, die ich je gekannt habe – und meine beiden Eltern waren mehr als fünfundvierzig Jahre lang Musikpädagogen. Sie haben uns gelehrt, wie tiefgreifend Musik Menschen verändern kann, und diese Lektion ist der Hauptgrund dafür, warum ich Sänger geworden bin. Wenn man auftritt, öffnet man ein Fenster zu einer anderen Welt. Wenn man sich erlaubt, in diesem Moment ganz und gar präsent zu sein, können sowohl man selbst als auch der Zuhörer ihre Sicht auf das Leben verändern – und dadurch die Realität selbst.
Ich habe diese Verwandlung unzählige Male im Unterricht und bei den Auftritten meiner Eltern miterlebt; sie haben das Leben von Zehntausenden berührt und anderen geholfen, durch Musik Freude, Sinn und Erneuerung zu finden. Die unbeschreibliche Freude, zu sehen, wie sich Leben vor deinen Augen verwandeln, wenn eine Darbietung von Aufrichtigkeit geprägt ist, ist es, was meine Liebe zu dieser Kunst beflügelt. Für mich sind die Freude am Musizieren und der Drang, Geschichten zu erzählen, untrennbar miteinander verbunden. Mich hat schon immer fasziniert, wie die menschliche Stimme eine einfache Melodie in eine ganze innere Welt verwandeln kann. Das heutige Programm spiegelt diese Faszination wider. Was mich am meisten interessiert, ist nicht zu beweisen, dass ich an einem einzigen Abend Beethoven, Wagner, Mahler, Strauss und Korngold singen kann, sondern nachzuzeichnen, wie eine emotionale Frage – wie singen wir für den Geliebten, der abwesend, verloren oder jenseits unserer Reichweite ist? – in ihrer Musik immer wieder in unterschiedlichen Gestalten auftaucht.
Wie viel oder was nimmt der Opernsänger Spyres von der Gattung Oper in einen Liederabend mit? Verstehen Sie zum Beispiel die einzelnen Werke, insbesondere die Zyklen dieses Konzertes, als eine Reihe von Mini-Opern?
Als Opernsänger kann ich nicht umhin, eine theatralische Vorstellungskraft in das Lied-Repertoire einzubringen. Damit meine ich nicht, den Liedern opernhafte »Effekte« aufzuzwingen, aber ich betrachte jeden Zyklus als eine Art komprimiertes Drama: Ich erkenne einen Protagonisten, eine Reise, einen Endzustand, der sich vom Ausgangspunkt unterscheidet. An die ferne Geliebte ist ein Miniatur-Monodrama über Trennung und inneren Trost; Mahlers Wanderer ist so lebhaft gezeichnet wie jeder Opernwanderer; Korngolds »Ich« in Unvergänglichkeit durchläuft die Trauer hin zu etwas wie trotziger Transzendenz, um dann letztlich die gesamte Reise doch zu akzeptieren und ihr sogar dankbar zu sein. Ja, in diesem Sinne betrachte ich diese Zyklen tatsächlich als »Mini-Opern«, wobei »meine Kamera« nicht das Geschehen auf der Bühne, sondern vielmehr das Innenleben aus nächster Nähe einfängt. Die Herausforderung besteht darin, die Intimität dieser Form zu wahren und gleichzeitig den langen Bogen – die »Handlung« der Seele – spürbar zu machen.
Und umgekehrt: Was können Sie von einem Liederabend inspiriert in einen Opernauftritt mitnehmen?
Die Arbeit mit Liedern hat mich gelehrt, auf kleine Gesten zu vertrauen, und das fließt direkt in meinen Operngesang ein. Im Liedgesang kann man sich nicht auf Kostüme, Inszenierung oder eine andere Figur verlassen, um zu erklären, was geschieht; alles muss im Klang, im Text und im Wechsel der Harmonien enthalten sein. Das erfordert eine feinere Beherrschung der Klangfarbe, der Textbetonung und der Stille.
Wenn ich mich nach der Auseinandersetzung mit dieser Literatur wieder der Oper zuwende, stelle ich fest, dass ich den großen Phrasen mehr Nuancen und den langen Szenen mehr Geduld entgegenbringe. Eine Zeile von Wagner oder Berlioz lässt sich mit derselben Sorgfalt gestalten, die man einer einzelnen Mahler-Strophe widmet, und ein orchestraler Nachklang auf der Bühne kann ebenso frei »sprechen« wie die Nachklänge in An die ferne Geliebte oder Morgen! Liederabende ermöglichen eine intime Reise, die vom Interpreten und Publikum gleichermaßen miterlebt und geteilt wird. Und jedes Mal, wenn ich einen Liederabend gebe, werde ich daran erinnert, mit derselben Verletzlichkeit und Ehrlichkeit zur Oper zurückzukehren.
Welche Idee, welcher Gedanke steht nun hinter der Programmzusammenstellung des Konzerts? Wir werden zum Beispiel ein Hochzeitsgeschenk (Strauss) neben einem »weltlichen Requiem« (An die ferne Geliebte) oder die Verarbeitung eines großen Liebesschmerzes (Mahler) hören.
Für mich besteht der Kerngedanke darin, einen durchgehenden emotionalen und musikalischen Bogen nachzuzeichnen, den Wien über mehr als ein Jahrhundert hinweg aufrechterhielt – von Beethovens erstem romantischen Lied bis hin zu Korngolds Abschied von dieser Welt. Adelaide ist der Prototyp – ein einzelnes, symphonisches Liebeslied – und An die ferne Geliebte verwandelt diesen Impuls in einen wahren »Liederring«, in dem die Sehnsucht zu einer durchgehenden dramatischen Form wird.
Alles, was folgt, ist in gewisser Weise eine Antwort auf diese Erfindung. Wagners Wesendonck-Lieder, Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen, Strauss’ Morgen! und schließlich Korngolds Unvergänglichkeit greifen alle jene grundlegende Geste auf, die Beethoven entdeckt hatte: die Stimme, die verstummt, während die Instrumente das Unaussprechliche an einen höheren Ort tragen. Aber alle interpretieren dies in ihrer eigenen Sprache und ihrem jeweiligen historischen Moment neu. Darum ist es passend, wenn ein Hochzeitsgeschenk von Strauss neben dem fast schon weltlichen Requiem An die ferne Geliebte und Mahlers Musik des Herzschmerzes steht – jedes Werk ist eine weitere Windung derselben »Wiener Spirale«, die sich um Liebe, Verlust, Sehnsucht, Akzeptanz und Verwandlung dreht.
Gehen wir vielleicht noch näher auf die einzelnen Stücke ein: Der berühmte Eduard Hanslick nannte Adelaide »das einzige Lied von Beethoven, dessen Verlust eine Lücke in dem Gemütsleben unserer Nation hinterlassen würde …« Was sagen Sie zu diesem Ausspruch? Beginnen Sie den Abend gerade darum mit diesem Stück?
Hanslicks Bemerkung zeugt davon, wie revolutionär Adelaide war: Hanslick erkannte, dass dieses eine Lied die Tür zu einer neuen Art subjektiver, symphonischer Liedkunst geöffnet hatte. Für mich ist Adelaide der Beweis dafür, dass Beethoven entdeckt hatte, wie weit eine Solostimme und eine Begleitung gehen können, um das Thema der Sehnsucht nach dem, was man nicht hat, zu verkörpern. Deshalb fühlt es sich richtig an, den Abend damit zu eröffnen. Bevor wir über Zyklen, Wiederkehren und Nachklänge sprechen können, beginnen wir mit der Urszene: eine Sängerin, eine überfließende Melodielinie, eine Geliebte, deren Name zu einer Art Beschwörungsformel wird. Alles, was wir später hören – von der zirkulären Struktur von An die ferne Geliebte bis hin zu den orchestralen Verwandlungen bei Wagner, Mahler, Strauss und Korngold – erwächst aus der einzigartigen musikalischen Geste von Adelaide.
An die ferne Geliebte gilt als erster Liederzyklus überhaupt. Zugleich hat der Widmungsträger, Fürst Lobkowitz, damals seiner eben verstorbenen Frau nachgetrauert. Ist dieser Zyklus vom Wesen her schon in der Welt der Romantik beheimatet?
Definitiv. Das gesamte Konzept des Werks dreht sich um die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: Die Geliebte ist weit weg, vielleicht räumlich, vielleicht zeitlich, vielleicht in einem eher metaphysischen Sinne, und die einzige Brücke dorthin ist eine Kette von Liedern. Gleichzeitig ist es nach wie vor ein Werk des Übergangs. Die Sprache und die Klangtexturen knüpfen an die Klarheit der Klassik an, doch die Idee, einzelne Lieder zu einem zusammenhängenden »Ring der Gefühle« zu verbinden, ist neu und weist deutlich auf Schubert, Schumann, Mahler hin – und auch darüber hinaus. In diesem Sinne steht dieser Zyklus genau dort, wo er auch im heutigen Programm steht: an der Schwelle zwischen klassischer Ordnung und romantischer Subjektivität.
Die Wesendonck-Lieder und die Lieder eines fahrenden Gesellen verarbeiten beide eine Liebe, die keine (dauerhafte) Erfüllung fand. Worin unterscheidet sich für Sie – nicht stilistisch natürlich – die jeweilige Auseinandersetzung der beiden Komponisten mit diesem Thema?
Sowohl die Wesendonck-Lieder als auch die Lieder eines fahrenden Gesellen handeln zwar von unerfüllbarer Liebe, doch herrschen in ihnen ganz unterschiedliche emotionale Stimmungen. Wagners Lieder sind wie Studien über ungestilltes Verlangen; die Atmosphäre ist schwül, parfümiert, fast fieberhaft, als würde die ganze Welt in einem endlosen Tristan-Akkord der Ekstase aufgehen und den Zuhörer mit einem Gefühl des Staunens zurücklassen. Mahler hingegen ist brutal konkret: Wir haben Hochzeiten, Felder, Messer im Herzen, staubige Straßen. Die Atmosphäre ist die eines Mannes, der durch reale Landschaften wandert, während seine Gedanken immer wieder in Alpträume und Erinnerungen abgleiten. Wo Wagner die Konturen der Realität durch Harmonie verschwimmen lässt, kehrt Mahler immer wieder zu einer volkstümlichen Klarheit zurück, um sie dann zu zerschmettern. Beide Zyklen handeln von unerfüllter Liebe, doch der eine träumt sie in Zeitlupe, während der andere durch die Realität unerwiderter Liebe taumelt.
Strauss hat in seinen Opern menschliche Schwärmereien – denken wir nur an den Komponisten in der Ariadne – gerne belächelt. Nun sind seine Lieder op. 27 selbst sehr schwärmerisch. Soll man als Interpret milde auf diese Stimmung blicken oder sich in den Zustand des Schwärmenden versetzen?
Strauss ist komplex und unverhohlen zwiespältig. In seinen Opern kann er die Verliebtheit mit großer Ironie betrachten – man denke nur an die schwülstigen Tiraden des von Ihnen genannten Komponisten oder an Octavians jugendliche Unbeständigkeit –, und doch wirken in op. 27, insbesondere in Morgen!, die Begeisterung und Ausstrahlung vollkommen aufrichtig. Als Interpret muss man meiner Meinung nach beiden Möglichkeiten Raum geben. Man muss sich ganz auf die Ekstase einlassen, als wäre sie in diesem Moment vollkommen real – sonst bricht die Musik zusammen –, aber man kann auch ein winziges Bewusstsein für Strauss’ Menschenkenntnis in die Phrasierung einfließen lassen. Nicht, um sich darüber lustig zu machen, sondern um ihr Tiefe zu verleihen: Wir erleben die Freude eines Menschen, der versteht, wie zerbrechlich Freude ist; schließlich kann Freude nur dann voll und ganz erfahren werden, wenn man sich des gegenteiligen Gefühls der Verzweiflung bewusst ist.
Soll der abschließende Korngold-Zyklus so etwas wie eine Conclusio oder sogar Apotheose darstellen?
Richtig: Apotheose und Abschied. Indem er in Unvergänglichkeit I und Unvergänglichkeit II zum selben Text und zur selben Musik zurückkehrt, vollzieht Korngold den deutlichsten Akt zyklischer Wiederkehr seit Beethovens An die ferne Geliebte: Er greift nicht nur ein Thema wieder auf, sondern inszeniert ein ganzes Lied neu, allerdings in einem anderen Zusammenhang. Am Ende dieses Programms wirkt diese Geste wie das Schließen eines sehr langen Kreises. Beethoven sendet seine Lieder an eine ferne Geliebte und endet damit, dass das Klavier leise an den Anfang zurückerinnert; Korngold lässt im Wien am Rande der Katastrophe ein und dasselbe Lied erneut erklingen, verwandelt und strahlend, und lässt das Orchester in die Stille hinausglühen. Zwischen diesen beiden Akten der Rückkehr hat eine ganze Tradition gesprochen – und verstummt dann. Deshalb ist dieser Zyklus für mich nicht nur das Ende des Abends, sondern die Apotheose der ganzen Geschichte, die das Programm zu erzählen versucht.