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Differenziertes Seelengemälde

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Jonas Kaufmann gastiert wieder als Otello

»Er ist ein Künst­ler, des­sen Lei­den­schaft, Ta­lent und En­ga­ge­ment das kul­tu­rel­le Le­ben be­rei­chert ha­ben. Sein Bei­trag zur Mu­sik wird un­aus­lösch­lich blei­ben, und sei­ne Auf­füh­run­gen wer­den das Pu­bli­kum welt­weit auch wei­ter­hin be­we­gen und in­spi­rie­ren.« Mit die­sen Wor­ten wür­dig­te der mitt­ler­wei­le ins Ma­nage­ment ge­wech­sel­te pol­ni­sche Ba­ri­ton Mariusz Kwiecień sei­nen be­rühm­ten Te­nor-Kol­le­gen Jonas Kaufmann an­läss­lich der kürz­lich er­folg­ten Ver­lei­hung der Eh­ren­dok­tor­wür­de durch die Mu­sik­aka­de­mie Krakau. Eine Ze­re­mo­nie, an die sich Kaufmann fast schon ge­wöhnt hat: Be­reits 2020 er­hielt er sei­nen ers­ten Eh­ren­dok­tor, da­mals vom Lon­do­ner Royal College of Music.

Wel­che un­ter den zahl­rei­chen Eh­run­gen, die er im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te er­hal­ten hat, Kaufmann wohl die wich­tigs­te ist? Viel­leicht die Ein­la­dung des deut­schen Bun­des­prä­si­den­ten Frank-Walter Steinmeier, ihn zu sei­nem vor­jäh­ri­gen Staats­be­such nach Ös­ter­reich an­läss­lich der Er­öff­nung der neu­en deut­schen Bot­schaft in Wien zu be­glei­ten. Im­mer­hin hat der 1969 in München ge­bo­re­ne Sän­ger mitt­ler­wei­le nicht nur sei­nen Wohn­sitz in Salzburg, son­dern er­hielt zu­sätz­lich zu sei­ner deut­schen auch die ös­ter­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft. Da er­gab es sich ge­ra­de­zu von selbst, dass der Welt­star zu die­sem An­lass Lie­der von Richard Strauss und Johann Strauß (den man be­kannt­lich in kri­ti­schen Aus­ga­ben »Strauss« schreibt) bei­steu­er­te. Selbst­re­dend mit sei­nem ös­ter­rei­chi­schen Be­glei­ter Helmut Deutsch, dem er seit sei­nem Münch­ner Ge­sangs­stu­di­um ver­traut, am Kla­vier.

Seit Sep­tem­ber 2024 am­tiert er zu­sätz­lich als In­ten­dant der Tiroler Festspiele Erl. Kaufmann hat da­für bis­her eine so klu­ge Hand be­wie­sen, dass er im­mer wie­der für noch grö­ße­re Auf­ga­ben ins Spiel ge­bracht wur­de. Ihn ficht das nicht an, wie man sei­nen zahl­rei­chen In­ter­views ent­neh­men kann.

Das Besondere an Kaufmanns Operngesang

Zu sei­nen kom­men­den Opern­plä­nen in der ak­tu­el­len Sai­son zäh­len etwa die Rol­le des Dick Johnson in Puccinis La fanciulla del West am Zürcher Opernhaus, Parsifal in Erl, Tannhäuser in München oder En­de Ok­to­ber und An­fang No­vem­ber die Par­tie des Otello in Verdis gleich­na­mi­ger Oper an der Staats­oper.

Wenn man sich wie die­ser »Te­no­ris­si­mo« im Lau­fe sei­ner mitt­ler­wei­le über drei­ßig­jäh­ri­gen Kar­rie­re – sein Büh­nen­de­büt fei­er­te Kaufmann 1993 als Caramello in ei­ner Auf­füh­rung der Johann Strauß-Ope­ret­te Eine Nacht in Venedig am Theater in Regensburg – der­art in­ten­siv mit dem Lied aus­ein­an­der­setzt, dann wirkt sich das auch in der Ge­stal­tung der Opern­rol­len aus. Selbst wenn man über hel­di­schen Glanz ver­fügt, wer­den die stimm­li­chen Mit­tel meist über­leg­ter, spar­sa­mer, mit mehr Sinn für die ver­schie­de­nen Va­leurs ein­ge­setzt. Zu­wei­len wer­den mit ei­nem sol­chen Zu­gang bis­her be­kann­te Hör­erfah­run­gen kon­ter­ka­riert. Man er­fährt in ei­ner sol­chen Les­art aber auch, wie viel kam­mer­mu­si­ka­li­sches Flair in der Oper ver­bor­gen sein kann.

Vor al­lem kommt eine sol­che He­ran­ge­hens­wei­se den in­ti­men ly­ri­schen Mo­men­ten ei­ner Opern­par­ti­tur zu­gu­te. Und das spielt in Verdis vor­letz­ter Oper kei­ne ge­rin­ge Rol­le. Schließ­lich ist ei­ner – wenn nicht der – Hö­he­punkt die­ses Vier­ak­ters das den ers­ten Akt be­schlie­ßen­de Lie­bes­du­ett von Otello und Desdemona. »Es zeigt de­ren höchst un­ter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten in ei­nem glück­li­chen Gleich­ge­wicht. Es bringt die Glück­se­lig­keit zum Aus­druck, der das jung­ver­hei­ra­te­te Paar ent­ge­gen­blickt«, be­schreibt es der Verdi-Bio­graf John Rosselli. Er sieht da­rin zu­dem Verdis Ant­wort auf das Du­ett von Tristan und Isolde im zwei­ten Auf­zug von Wagners Oper. Woll­te Verdi, wie der bri­ti­sche Au­tor in die­sem Zu­sam­men­hang mut­maßt, gar zei­gen, dass sich ein be­son­de­rer emo­tio­na­ler Zu­stand, wie er in die­sen bei­den Du­et­ten aus­ge­drückt ist, auch »in we­ni­ger als ei­nem Drit­tel der Zeit« mu­si­ka­lisch rea­li­sie­ren lässt? Im­mer­hin ein ori­gi­nel­ler, zum Nach­den­ken ein­la­den­der An­satz. Verdi hat sei­nen Vier­ak­ter üb­ri­gens aus­drück­lich als »Dram­ma li­ri­co« be­zeich­net.

Auf­schluss­reich ist in die­sem Zu­sam­men­hang auch, was dem kon­ge­nia­len Text­dich­ter Arrigo Boito für die Fi­gur des Otello vor­schweb­te: »Er ist das gro­ße Op­fer der Tra­gö­die, das gro­ße Op­fer ei­nes Jago. Wenn die Per­so­ni­fi­zie­rung ei­ner ab­strak­ten Idee im Theater nicht ein nüch­ter­ner, fal­scher, tö­rich­ter und ver­al­te­ter Kunst­griff wä­re, könn­te man be­haup­ten, Otello ist die Ei­fer­sucht und Jago sei der Neid.«

Aus die­ser Viel­falt an Per­spek­ti­ven und da­mit ent­spre­chend dif­fe­ren­ziert hat Jonas Kaufmann – man kann es in Kri­ti­ken nach­le­sen – im Ok­to­ber 2023 auch sei­nen ers­ten Wie­ner Otello ge­stal­tet. Mit da­bei Rachel Willis-Sørensen als Desdemona und Ludovic Tézier als Jago. Es di­ri­gier­te Alexander Soddy. Für die kom­men­de Otello-Se­rie wird Bertrand de Billy am Pult ste­hen. Nicole Car ist als Desdemona an­ge­setzt, Luca Salsi als Jago.

Slezak, nicht Karajan gab den Anstoß für »Otello« in Originalsprache

Sie spie­len in der bis­her 22-mal ge­zeig­ten In­sze­nie­rung von Adrian Noble. Die­se hat­te am 20. Ju­ni 2019 Pre­mie­re. Es war die elf­te Neu­pro­duk­ti­on die­ser Verdi-Oper, die bis­her 486-mal im Haus am Ring ge­zeigt wur­de.

Erst­mals war Otello, da­mals noch in der deut­schen Über­set­zung von Max Kalbeck, hier am 14. März 1888 zu hö­ren: mit Hermann Winkelmann als Otello, Antonie Schläger als Desdemona und Theodor Reichmann als Jago. Zum ers­ten Mal auf Ita­lie­nisch wur­de Verdis vor­letz­tes Mu­sik­thea­ter am Ring am 22. Ok­to­ber 1909 ge­ge­ben. Der Grund da­für war nicht, wie man mei­nen könn­te, der Wunsch ei­nes Di­rek­tors, ei­nes Di­ri­gen­ten oder Re­gis­seurs, son­dern ein Sän­ger: nie­mand Ge­rin­ge­rer als Leo Slezak. Er hat­te die Ti­tel­par­tie für ein En­ga­ge­ment in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten aus­schließ­lich im ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal ein­stu­diert, woll­te da­mit auch bei sei­nem Wie­ner Otello-De­büt prun­ken. So blieb nichts an­de­res üb­rig, als die ge­sam­te Vor­stel­lung auf Ita­lie­nisch zu ge­ben. Di­ri­gent die­ser denk­wür­di­gen Auf­füh­rung war Felix von Weingartner. Es war also nicht im­mer, wie ger­ne be­haup­tet, Herbert von Karajan, der durch­ge­setzt hat, dass an der Staats­oper die Opern je­weils in der Ori­gi­nal­spra­che prä­sen­tiert wer­den. Ein klei­nes, aber poin­tier­tes Stück Wie­ner Opern­ge­schich­te.

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