Die Stille am Ende
NEST |
Wenn Olivia Warburton von Anne Frank spricht, geht es nicht zuerst um eine historische Ikone, sondern um einen Menschen: ein waches, neugieriges Mädchen, das schreibt, streitet, hofft, liest, liebt und unter unvorstellbaren Bedingungen erwachsen wird. In David Böschs Inszenierung von Grigori Frids Das Tagebuch der Anne Frank steht Warburton allein auf der Bühne. Um sie herum entfaltet sich eine Welt aus Musik, Raum, Video, Zeichnung und Erinnerung. Ein Gespräch über Annes Stimme, die sichtbare Innenwelt einer Graphic Opera und jene Stille, die am Ende manchmal mehr sagt als Applaus.
Sie haben Anne Frank bereits viele Male in Hamburg gesungen. Gibt es einen bestimmten Moment des Abends, in dem Sie die Verbindung zum Publikum besonders stark spüren?
Das ist schwer zu beantworten, weil der ganze Abend für mich eine Reise ist. Als wir 2023 mit den Proben begonnen haben, habe ich die Tagebücher noch einmal auf Englisch gelesen und mir außerdem beim Spazierengehen die Hörbuchfassung mit Helena Bonham Carter angehört. Dabei ist mir sehr stark bewusst geworden: Natürlich kennen wir alle das tragische Ende dieser Geschichte. Aber wir sprechen oft weniger darüber, wer Anne war, bevor sie ins Versteck gehen musste.
Genau diese Anne wollte ich in die Produktion einbringen: ihre Positivität, ihre Hoffnung, ihr Leuchten. Sie war frech, lebendig, wissbegierig, ein ganz normales zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen. Das Publikum soll ihre Entwicklung miterleben können: von diesem jungen Menschen zu jemandem, der unter unvorstellbaren Bedingungen erwachsen werden muss.
Die Oper basiert auf 21 Tagebucheinträgen, die Grigori Frid vertont hat. Wie ist die Produktion mit Annes Text umgegangen?
Frid hat 21 sehr starke Episoden aus dem Tagebuch ausgewählt. Während der Proben hatten wir aber das Gefühl, dass es noch andere Einträge gibt, die wir lieben und unbedingt einbeziehen wollten. David Bösch bat alle im Raum, ihre liebsten Passagen aus dem Tagebuch zu schicken. Die Produktion folgt also Frids musikalischer Struktur, wird aber durch zusätzliche Tagebucheinträge ergänzt, die helfen, ein umfassenderes Bild von Anne, ihrer Familie und dem Leben im Versteck entstehen zu lassen.
Deshalb würde ich den Abend als eine besondere Reise von Anfang bis Ende beschreiben. Es geht nicht nur darum, historische Ereignisse zu illustrieren. Es geht darum, einem Menschen zu begegnen.
Die Produktion trägt die Bezeichnung Graphic Opera. Was bedeutet das für Sie als einzige Sängerin auf der Bühne?
Das Bühnenbild, das Video, die Requisiten, die ganze Ausstattung sind unglaublich. Sie lassen den Raum und die verschiedenen Situationen wirklich lebendig werden. Die Bühne ist fast wie ein Pop-up-Buch, das sich immer wieder in eine neue Welt verwandelt: die Silhouette von Amsterdam, dann plötzlich Annes Zimmer. Dadurch hat das Publikum das Gefühl, mit ihr in diesem Raum zu sein. Für mich als Darstellerin ist diese visuelle Welt ganz klar ein Partner.
Natürlich habe ich keine andere Sängerin, keinen anderen Sänger, mit dem ich direkt spiele. Aber ich habe das Orchester, den Raum, die Projektionen, die Zeichnungen, die Objekte. Patrick Bannwart und Falko Herold haben etwas geschaffen, das Annes Innenwelt sichtbar werden lässt.
Wie würden Sie Frids Musik einem Publikum beschreiben, das ihr zum ersten Mal begegnet?
Sie ist reich an Dissonanzen, hat etwas Expressionistisches, und sie steht immer im Dienst des Dramas. Ganz praktisch gesprochen war es ein schwieriges Stück zu lernen. Rhythmisch ist es sehr anspruchsvoll, und weil es eine Mono-Oper ist, gibt es für mich eigentlich keine Pause. Aber die Musik unterstützt genau die Reise, über die wir gesprochen haben. Am Anfang sind die Stücke oft kürzer, fragmentarischer, fast wie kleine Momente oder Blitze. Gegen Ende wird die Musik gesteigerter und dramatischer. Die letzten Episoden fühlen sich beinahe wie große dramatische Arien an. Die musikalische Entwicklung spiegelt Annes Entwicklung.
Sie haben Anne als zugleich gewöhnlich und außergewöhnlich beschrieben. Ist das auch eine Coming-of-Age-Geschichte?
Ja, absolut. Diese Jahre im Leben eines jungen Menschen sind unglaublich prägend und empfindlich. Es verändert sich so viel. Anne ist in vieler Hinsicht ein ganz normales Mädchen, aber sie ist zugleich außergewöhnlich. Wir erleben nicht nur, wie sie sich von einem Mädchen zu einer jungen Frau entwickelt, sondern auch, wie sie als Schriftstellerin hervortritt. Das bewegt mich jedes Mal, auch nach so vielen Vorstellungen: den Unterschied zwischen dem ersten Tagebucheintrag, der noch sehr einfach geschrieben ist, und den späteren Passagen zu sehen, in denen sie so poetisch über die Natur, den blauen Himmel, die Schönheit Amsterdams und über Hoffnung schreibt.
Nach allem, was sie erlebt hat, gibt es in ihr immer noch diese Hoffnung. Ihre Reife ist unglaublich. Gleichzeitig sehen wir auch ihre freche Seite. Sie will alles entdecken. Sie liest viel, sie erschleicht sich Bücher, die sie eigentlich nicht lesen soll, sie entdeckt langsam ihre Gefühle für Peter. All das ist wichtig, weil es sie als ganzen Menschen zeigt.
Worauf freuen Sie sich, wenn Sie diese Produktion nach Wien bringen?
Der Raum in Wien wird anders sein als in Hamburg, und darauf freue ich mich. Das Orchester wird im Graben spielen, was die Balance zwischen Stimme und Orchester verändern wird. Vielleicht entsteht dadurch noch stärker das Gefühl, dass Anne ganz allein auf der Bühne ist. Wenn wir die Produktion in Wien spielen, werde ich die Rolle ungefähr eineinhalb Jahre nicht gesungen haben. In dieser Zeit habe ich weitergelebt, neue Erfahrungen gemacht und mich als Sängerin und Darstellerin weiterentwickelt.
Es wird spannend sein, zu sehen, was das mit der Rolle macht. Weil ich sie so oft gesungen habe, fühlt sich die Rückkehr ein bisschen so an, als würde man einen alten Mantel wieder anziehen. Oder vielleicht besser: als würde ich wieder in Annes Schuhe schlüpfen.
Warum muss diese Geschichte jungen Menschen auch heute erzählt werden?
Wir lesen über diese Ereignisse in der Schule, wir haben Geschichtsunterricht, wir lesen das Buch. Aber ins Theater zu kommen und diese Geschichte unmittelbar vor sich verkörpert zu sehen, ist eine sehr kraftvolle Art des Lernens. Ich habe das bei Schulvorstellungen oft erlebt. Das kann eine herausfordernde Altersgruppe sein, vielleicht von zwölf oder dreizehn bis achtzehn. Bevor die Vorstellung beginnt, spürt man eine bestimmte Energie im Raum: Manchmal wissen sie noch nicht, ob sie zuhören, sich konzentrieren, diese Geschichte wirklich an sich heranlassen wollen.
Aber am Ende herrscht vollkommene Stille. Diese Stille erzählt etwas. Sie zeigt, wie stark Theater und Kunst sein können, um Geschichten zu erzählen, Geschichte wachzuhalten und Menschen zu erreichen.