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Die Kerze in der Straßenlaterne

»Orfeo« wird mit Rolando Villazón wiederaufgenommen

2022 kam Monteverdis Orfeo erst­mals an der Wiener Staatsoper zur Auf­füh­rung. Nun wird im Ok­to­ber und No­vem­ber mit Rolando Villazón eine Künst­ler­per­sön­lich­keit die Ti­tel­par­tie ver­kör­pern, die in ih­rer Viel­sei­tig­keit, ih­rer an­ste­cken­den Lei­den­schaft­lich­keit für Mu­sik und Mu­sik­the­a­ter und ih­rer sprü­hen­den Kre­a­ti­vi­tät seit bald ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert die in­ter­na­ti­o­na­le Opern­welt be­rei­chert.

Wann ha­ben Sie die Orfeo-Ge­schich­te der grie­chi­schen My­tho­lo­gie ken­nen­ge­lernt?

Wenn mich mein Ge­dächt­nis nicht im Stich lässt (und das tut es ganz be­stimmt), bin ich dem Na­men Orfeo zum ers­ten Mal in Miguel de Unamunos Ro­man Nebel (Niebla) be­geg­net. Orfeo heißt dort Augustos Hund, der den Selbst­ge­sprä­chen sei­nes Herrn lauscht und zu­letzt eine Grab­re­de auf ihn hält. Auch vom My­thos selbst er­fuhr ich zum ers­ten Mal durch die Li­te­ra­tur, als ich Ovids Metamorphosen las.

War­um schläft Charon ein, als er Orfeo sin­gen und mu­si­zie­ren hört? Ist Charon un­mu­si­ka­lisch?

Ent­we­der weiß Orfeo, dass es sich bei die­ser Gott­heit, der er zum ers­ten Mal be­geg­net, nicht um eine be­son­ders gro­ße Gott­heit han­delt, und setzt da­her sei­ne Kräf­te ein, um sie in Schlaf zu wie­gen. Oder er ist na­iv und glaubt tat­säch­lich, ei­nem mäch­ti­gen Gott ge­gen­über­zu­ste­hen, und ver­traut auf sei­ne künst­le­ri­schen und mu­si­ka­li­schen Fä­hig­kei­ten, um ihn zu ver­füh­ren und zu über­zeu­gen. In bei­den Fäl­len ist das Er­geb­nis das­sel­be. Ich per­sön­lich ha­be nichts da­ge­gen, wenn je­mand im Pu­bli­kum ein­schläft. Es gibt ak­ti­ve und pas­si­ve Zu­hö­rer. Mu­sik kann Men­schen in ei­nen ru­hi­gen und er­fül­len­den Schlaf füh­ren. Und der Schla­fen­de emp­fängt wei­ter­hin den Strom der Kunst.

Was ist »mu­si­ka­lisch sein«?

Über die Gren­zen der Ma­the­ma­tik und der Land­kar­ten der Mu­sik hi­naus­zu­ge­hen: über das No­ten­sys­tem, die No­ten, die Ton­lei­tern und Har­mo­ni­en, die Klän­ge der ver­schie­de­nen In­stru­men­te und ih­re Kom­bi­na­ti­o­nen usw., um in ihr In­ners­tes vor­zu­drin­gen und die un­greif­ba­re Spra­che, aus der sie be­steht, ein­fach zu spü­ren – wirk­lich nur zu spü­ren.

War­um blickt Orfeo zu­rück, ob Euridice ihm folgt? Weil er schwach ist, weil er dumm ist?

Nicht aus Schwä­che – denn wä­re er schwach ge­we­sen, hät­te er sich nie­mals in die Un­ter­welt ge­wagt. Und als Narr hät­te er sich wie­de­rum nicht um­ge­dreht. Ein Don Quijote de la Mancha wä­re ans Ta­ges­licht zu­rück­ge­kehrt, oh­ne auch nur den ge­rings­ten Zwei­fel zu ha­ben (Don Quijote sah Dulcinea nie, er muss­te ja nicht). Orpheus dreht sich um, weil er nicht nur gött­lich, son­dern auch mensch­lich ist. Das ist ei­ner der Grün­de, war­um sein My­thos spä­ter ei­nen sol­chen Ein­fluss auf das Chris­ten­tum aus­üb­te. Der Zwei­fel, die Angst – all die­se zu­tiefst mensch­li­chen Ge­füh­le – brin­gen ihn da­zu, sich um­zu­dre­hen.

Hät­ten Sie auch zu­rück­ge­blickt, ob Euridice Ih­nen folgt?

Zählt es als Zu­rück­schau­en, wenn ich beim Sin­gen ei­nen klei­nen Spie­gel vor mir ha­be? Schau­en wir mal ins Klein­ge­druck­te von Plutos Ver­trag.

War­um ist Pluto nicht ge­nau­so be­geis­tert von Orfeos Kunst wie Proserpina? War­um muss er über­re­det wer­den, Euridice zie­hen zu las­sen?

War­um soll­te er die­sen Frem­den kom­men und die Re­geln sei­nes Herr­schafts­be­reichs ver­än­dern las­sen? Pluto tut ge­nau das, was von ihm er­war­tet wird. Proserpina, die sich an ih­re ei­ge­ne Ent­füh­rung er­in­nert, ist na­tür­lich be­rührt von der Lie­be des Apollo-Soh­nes, der es wagt, die hei­li­gen, über­lie­fer­ten Re­geln zu ver­än­dern, um sei­ne Ge­lieb­te zu ret­ten. In mei­nem ei­ge­nen klei­nen Kos­mos stimmt Pluto Proserpinas Bit­te zu, weil er sich an die Nach­richt vom Zorn sei­nes Nef­fen Vulkan er­in­nert, als der Baron von Münchhausen in des­sen Ge­biet ein­drang und Venus ver­führ­te. Wer weiß, wo­zu die­ser Orfeo mit sei­nen mu­si­ka­li­schen Kräf­ten fä­hig wä­re, wenn er be­schlös­se, in der Un­ter­welt zu blei­ben …

War­um stellt Pluto die­se Be­din­gung? War­um lässt er Euridice nicht ein­fach zie­hen?

Er hofft, dass der mensch­li­che Zwei­fel die Ober­hand ge­winnt und dass Orfeo, weil er sei­nen Teil der Ab­ma­chung nicht ein­hält, ver­sto­ßen wird, Euridice da­her bleibt und sich da­durch an der be­ste­hen­den Ord­nung letzt­lich nichts än­dert.

Wird Orfeo nach sei­nem Tod im To­ten­reich Mu­si­ker und Sän­ger blei­ben?

So­wohl Vergil als auch Ovid er­zäh­len von den Frau­en, die Orpheus zer­stückel­ten und sei­nen Kopf und sei­ne Ly­ra in den Fluss war­fen. Bei­de be­rich­ten, dass der Kopf wei­ter­hin sei­ne Lie­be zu Eurydike be­sang. Ovid ver­eint die bei­den Lie­ben­den dann in der Un­ter­welt wie­der. Es gibt kei­ne Nach­richt da­rü­ber, ob Orpheus dort wei­ter­hin singt und mu­si­ziert. Ich ver­mu­te: ja. Ein­mal Mu­si­ker, im­mer Mu­si­ker. Ach, und Monteverdi lässt na­tür­lich Apollo und Orfeo ge­mein­sam sin­gend in den Him­mel auf­stei­gen. Die Mu­sik setzt sich durch.

Wann ha­ben Sie in Ih­rem Le­ben er­fah­ren, dass Mu­sik Wun­der be­wir­ken kann?

Ich bin mir nicht si­cher, ob Mu­sik Wun­der be­wir­ken kann. Aber sie be­schreibt wort­los un­se­re in­ne­re Welt – mit ih­ren fried­li­chen Mee­ren, ih­ren glü­hen­den Feu­ern, ih­ren Stür­men und Re­gen­fäl­len, ih­ren ein­la­den­den Wäl­dern, ih­ren Wel­ten und Un­ter­wel­ten, ih­ren To­den, Schlan­gen, Sor­gen, Kämp­fen, ih­rem Mut und ih­ren Ängs­ten. All das ha­be ich schon sehr früh in mei­ner Kind­heit emp­fun­den, als ich in der Mu­sik und der Li­te­ra­tur Trost und ei­nen Ort zum Ent­flie­hen fand.

Seit wann lie­ben Sie die Mu­sik Monteverdis? Wann ha­ben Sie sei­ne Mu­sik ken­nen­ge­lernt?

Emmanuelle Haïm lud mich ein, den Testo in Monteverdis Il Combattimento di Tancredi e Clorinda so­wie Ma­dri­ga­le von Monteverdi zu sin­gen und auf­zu­neh­men. Seit­dem ist er ei­ner der Kom­po­nis­ten, die ich am meis­ten lie­be und de­ren Mu­sik ich auch am häu­figs­ten ge­sun­gen ha­be.

Wenn Sie die Mög­lich­keit hät­ten, Monteverdi ei­ne Fra­ge zu stel­len, wie wür­de die­se lau­ten?

Stört es Sie, wenn ein Te­nor die Rol­le des Nerone in Ih­rer L’incoronazione di Poppea singt? Das ist die ein­zi­ge Rol­le aus sei­nen drei be­rühm­ten Opern, die ich bis­her nicht in­ter­pre­tie­ren konn­te.

Wo ha­ben Sie Monteverdis Orfeo erst­mals ge­sun­gen?

Mit L’Arpeggiata und Christina Pluhar beim Musikfest Bremen – vor zehn Jah­ren. Es war ei­ne so wun­der­ba­re, be­we­gen­de und un­ver­gess­li­che Er­fah­rung.

Was ist das Ein­zig­ar­ti­ge an Monteverdis Mu­sik?

Wie Harnoncourt sagt, er­reicht kein an­de­rer Kom­po­nist ein der­art voll­kom­me­nes, er­ha­be­nes Gleich­ge­wicht zwi­schen Mu­sik und Dra­ma wie Monteverdi und Mozart. Das Be­son­de­re an Monteverdi ist, wie mo­dern er bis heu­te klingt, wie the­a­tra­lisch, wie freu­dig die freu­di­gen Mo­men­te sind, wie schmerz­lich und tief die trau­ri­gen Mo­men­te wir­ken und wie un­glaub­lich über­zeu­gend das Gan­ze dra­ma­tisch ge­stal­tet ist. Wir tau­chen voll­stän­dig in sei­ne Welt ein und schwin­gen mit ihr – so­wohl als Aus­füh­ren­de als auch als Zu­hö­ren­de.

Wel­che Stel­le be­ein­druckt Sie in Monteverdis Orfeo am meis­ten?

Ich lie­be es, wie er den ers­ten Akt ge­stal­tet hat: mit ei­ner der groß­ar­tigs­ten Ou­ver­tü­ren der Mu­sik­ge­schich­te, ge­folgt von der pas­to­ra­len At­mo­sphä­re, der Freu­de, der Lie­be, dem groß­ar­ti­gen Auf­tritt des Bo­ten, dem schmerz­er­füll­ten Heu­len der Hir­ten, der tie­fen Kla­ge und Ent­schlos­sen­heit des Orfeo und dem groß­ar­ti­gen Chor­schluss. Na­tür­lich lie­be ich auch die lan­ge Arie, und be­son­ders ge­fällt mir der gro­ße Mo­no­log am An­fang des fünf­ten Ak­tes.

In den Opern­par­ti­tu­ren Monteverdis sind die Vor­ga­ben an den In­ter­pre­ten recht spär­lich. Fühlt man sich da­durch frei­er als bei spä­te­ren Kom­po­nis­ten?

Ich lie­be es, Al­te Mu­sik zu sin­gen, das spie­le­ri­sche Ta­lent der Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker zu er­le­ben und mich von ih­ren spon­ta­nen Ein­ge­bun­gen und Ent­de­ckun­gen in­spi­rie­ren zu las­sen. In­zwi­schen ha­be ich den Orfeo mit fünf ver­schie­de­nen En­sem­bles ge­sun­gen – und je­des Mal war es ein neu­er Orfeo, mit un­ter­schied­li­chen mu­si­ka­li­schen Um­set­zun­gen durch die mu­si­ka­li­schen Lei­ter. Ich freue mich da­her ganz be­son­ders da­rauf, die­se für mich »neue« Ver­si­on nun mit dem Concentus Musicus zu er­ar­bei­ten.

Ist Orfeo nach all den pri­va­ten Schick­sals­schlä­gen am En­de ein noch bes­se­rer Künst­ler als am Be­ginn?

Es hängt da­von ab, was er aus den Wun­den und Kämp­fen macht – da­raus, dass er in den Ab­grund der Ver­zweif­lung ge­blickt und wie­der zu­rück­ge­fun­den hat. Ist der jun­ge, un­be­sieg­te Krie­ger – schnell, im­pul­siv und mu­tig –, der sich wie ein wun­der­vol­ler Wolf in sei­nen nächs­ten Kampf stürzt, bes­ser oder schlech­ter als der Er­fah­re­ne, der sei­ne Wun­den und Er­fah­run­gen, sei­ne Tri­um­phe und Nie­der­la­gen hin­ter sich hat und ei­nem wei­te­ren Kampf wie ein wach­sa­mer Lö­we ent­ge­gen­geht? Ich glau­be, sie be­fin­den sich ein­fach in un­ter­schied­li­chen Pha­sen ih­rer Grö­ße.

Was ist In­ter­pre­ta­ti­on?

Das Werk des Kom­po­nis­ten ist wie ei­ne pracht­vol­le Stra­ßen­la­ter­ne. Der In­ter­pret ist die ein­zig­ar­ti­ge und un­wie­der­hol­ba­re Ker­ze, die in­mit­ten ih­rer glä­ser­nen Tü­ren steht. Die Flam­me die­ser Ker­ze ist das Ta­lent des In­ter­pre­ten. Die In­ter­pre­ta­ti­on ist das Licht, die Wär­me und die Schat­ten, die aus der La­ter­ne her­vor­ge­hen.

Wo sind die Gren­zen der In­ter­pre­ta­ti­on?

Die­se wer­den von sti­lis­ti­schen Schu­len, sub­jek­ti­ven Mei­nun­gen, Ex­per­ten und Mu­sik­wis­sen­schaft­lern fest­ge­legt. Ein In­ter­pret, der über ge­nü­gend Kennt­nis des Wer­kes, ge­nü­gend Res­pekt und Lie­be ihm ge­gen­über, aus­rei­chend In­tu­i­ti­on und die nö­ti­gen Mit­tel ver­fügt, es zum Aus­druck zu brin­gen, soll­te in sei­ner bzw. ih­rer In­ter­pre­ta­ti­on kei­ne Gren­zen ha­ben.

 

Was ist Ge­nie?

Mozart.

Was macht Monteverdi zum Ge­nie?

Sein Na­me be­ginnt mit der­sel­ben Sil­be wie Mozarts Na­me. Da­rü­ber hi­naus er­fand Monteverdi mit L’Orfeo die Oper – nur zwei Jah­re nach­dem Cervantes mit sei­nem Quijote den mo­der­nen Ro­man be­grün­det hat­te. Sei­ne Mu­sik hat, eben­so wie die Li­te­ra­tur von Cervantes, vier Jahr­hun­der­te durch­reist und da­bei ei­nen Herz­schlag be­wahrt, der mit dem Herz­schlag der Mensch­heit und dem sich stän­dig wan­deln­den Zeit­geist bis in un­se­re Ge­gen­wart in Re­so­nanz steht – oh­ne da­bei ih­re Kraft zu ver­lie­ren, uns zu be­we­gen und zu er­freu­en.

Wann darf ein Künst­ler zu­frie­den sein?

Wenn die Fu­ri­en sei­nen Kör­per zer­stückelt ha­ben und sein Kopf mit sei­ner Lei­er wei­ter­singt.

Was ist der Sinn von Mu­sik?

Sie hat kei­nen Sinn. Was ist der Sinn des Le­bens? Es hat kei­nen – man muss das Le­ben ein­fach le­ben. Was ist der Sinn der Kunst? Kei­ner. Sie ist ein­fach da für die­je­ni­gen, die sich auf sie ein­las­sen wol­len, um das Le­ben le­bens­wert zu ma­chen.

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