Die Bühne ist wie ein Spiegel
Ballett |
Nach einem gelungenen Auftakt zu Saisonbeginn startet im April die zweite Serie von Elena Tschernischovas zeitloser Choreografie des romantischen Balletts Giselle zur Musik Adolphe Adams, das von Ballettdirektorin Alessandra Ferri, ihrem einstigen Tanzpartner Julio Bocca und den Ballettmeister*innen des Wiener Staatsballetts exquisit einstudiert wurde. Die Ersten Solotänzer*innen Madison Young und Victor Caixeta geben ihre Debüts in den Hauptrollen.
Die Partie des betrogenen Bauernmädchens Giselle, das bestürzt über die enttäuschte Liebe den Verstand verliert und stirbt sowie als geisterhafte Wili wiedererscheint, ist eine der begehrtesten des klassischen Repertoires, bietet diese doch ein reiches Spektrum an darstellerischer und stilistischer Entwicklung innerhalb der beiden Akte. Nicht minder komplex ist die männliche Hauptrolle des Herzogs Albrecht, der ein doppeltes Spiel spielt, indem er – bereits mit der adligen Bathilde verlobt – Giselle seine Liebe gesteht, jedoch von seinem Gegenspieler, dem Wildhüter Hilarion, entlarvt wird. Bis zuletzt vermag er Giselles Tanz nicht zu widerstehen. Madison Young und Victor Caixeta haben bereits beide die Hauptpartien verkörpert – interpretieren diese jedoch erstmals mit dem Wiener Staatsballett. Ihre Zugänge sind durchaus ähnlich, wie sie im Gespräch mit Iris Frey erzählten.
»Unser gemeinsames Ziel ist es, das Publikum wirklich zu berühren - nicht nur technisch zu überzeugen, sondern mit Ausdruck, Stil und künstlerischer Tiefe.«
Madison, du hast bereits während deines ersten Engagements in der Wiener Compagnie in Giselle getanzt, damals unter anderem Moyna, eine Wili. Während deiner Zeit beim Bayerischen Staatsballett in München erfolgte dann dein Debüt in der Titelrolle in der Version von Peter Wright (nach Jean Coralli, Jules Perrot und Marius Petipa). Wie ist deine Beziehung zu diesem Ballett?
MY: Giselle hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, weil dies meine erste große Hauptrolle in meiner ersten Saison in München war – direkt nach dem Lockdown aufgrund der Covid-19-Pandemie. Ich war nicht in Bestform und hatte nur zwei Wochen Zeit für die Einstudierung. Das war extrem herausfordernd – normalerweise probt man monatelang für so eine große Rolle. Ich habe diese daher auf eine sehr besondere Weise entdeckt, weil ich keine Zeit hatte, alles genau festzulegen, und musste mich auf meine Intuition verlassen. Im Nachhinein war das aber auch eine besondere Freiheit – mein Debüt war sehr spontan und ehrlich.
Wie erfährst du nun die Vorbereitung auf dein Wiener Debüt?
MY: Ich freue mich, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, die Rolle der Giselle noch einmal in Ruhe neu zu erarbeiten, ihren Kern, ihre Seele zu ergründen – mit dem Ziel, eine Balance zu finden zwischen Intuition und bewusster Gestaltung. Die Rolle ist aber nicht nur individuell anspruchsvoll, es geht auch sehr stark um die Partnerarbeit, wofür wir diesmal genügend Zeit haben. Ich habe das Gefühl, dass die Giselle unter den richtigen Bedingungen nun so tanzen kann, wie ich sie mir immer vorgestellt habe.
Victor, wann hast du zum ersten Mal die Rolle des Herzogs Albrecht getanzt und wie sind deine Erfahrungen damit?
VC: Zum ersten Mal habe ich diese Rolle 2019 interpretiert und zuletzt 2022 während meines Engagements bei Het Nationale Ballet in Amsterdam in der Fassung von Rachel Beaujean. Ich mag diese Rolle sehr, weil sie so viele Interpretationsmöglichkeiten bietet. Sie verändert sich je nach Partner, Coaching und auch der eigenen Stimmung. So habe ich sie beim zweiten Mal ganz anders getanzt – leidenschaftlicher und aktiver. Ich bin sehr emotional in meiner Arbeit und möchte mein Herz auf die Bühne bringen. Generell liebe ich Ballette, die Raum für Interpretation lassen, in denen ich eine Geschichte erzählen und meine eigene Farbe einbringen kann.
Wie sieht eure Partnerarbeit aus? Ihr habt an der Wiener Staatsoper im Oktober 2025 bereits gemeinsam in der Premiere von Alexei Ratmanskys Kallirhoe getanzt. Kanntet ihr euch bereits vor eurem Engagement an dieses Haus?
MY: Ja, wir haben schon vor der Zeit in Wien bei einzelnen Projekten zusammengearbeitet. Das hat uns sehr geholfen, weil wir uns bereits vertrauen und direkt intensiv an die Arbeit herangehen konnten. Wir haben beide bereits Giselle getanzt und müssen uns etwa keine Sorgen um die Hebefiguren machen, sondern können uns ganz auf die Geschichte und unsere gemeinsame Interpretation dieser konzentrieren. Zudem sind wir beide sehr leidenschaftlich und passen in dieser Hinsicht gut zusammen.
VC: Man teilt im Probenprozess viele Emotionen, daher ist die Chemie mit dem Partner entscheidend, ebenso wie ehrlich und immer mit vollem Einsatz zu arbeiten.
MY: Jeder hat sein eigenes Leben, seine Höhen und Tiefen. Aber wichtig ist, dass man sich gegenseitig unterstützt und immer wieder zusammenfindet, und das erreichen Victor und ich letztlich immer.
Ihr erarbeitet dieses Ballett nun unter anderem mit Ballettdirektorin Alessandra Ferri, deren Paraderolle die Giselle war. Inwiefern bereichert euch dieses Coaching?
VC: Speziell in der jetzigen Phase unserer Karriere ist es besonders wertvoll, mit jemandem wie Alessandra Ferri und auch Marcelo Gomes (Anm.: Leitender Ballettmeister) zu arbeiten, die dieses Stück so oft getanzt haben und so viel Erfahrung sowie eine andere Perspektive einbringen. Jetzt geht es für uns weniger um das Erlernen oder Reproduzieren der Schritte, sondern darum, das Ballett zu verfeinern und uns künstlerisch weiterzuentwickeln.
Welches Ziel verfolgt ihr letztendlich bei einer Vorstellung?
VC: Authentizität. Man kann nichts verstecken – die Bühne ist wie ein Spiegel. Jetzt geht es vor allem darum, unsere eigene Interpretation zu finden sowie unsere Wünsche und Visionen über dieses Ballett miteinander zu verbinden.