Die Aura, die Realitäten ändert
Interview |
Gerne wird in diversen Opernfachkreisen darüber geklagt, dass die eindeutig zuordenbaren, sogenannten typischen Stimmen seltener geworden sind und viele der heutigen Sängerinnen und Sänger, bei aller technischen Versiertheit, eine gewisse vokale Uniformität an den Tag legen. Im selben Atemzug werden dann aber genauso gerne zahlreiche wohltuende »Ausnahmen« aufgezählt, um gleichsam der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass es doch noch eine Zukunft des Metiers gäbe.
Wie dem auch immer sein möge, es gibt sie natürlich nach wie vor: Jene Interpretinnen und Interpreten, derentwillen man in Aufführungen geht, deren Stimmen man schon nach den ersten Tönen mit Freude wiedererkennt und die ob der Einmaligkeit des Timbres und des Ausdrucks dauerhaft ins kunstliebende Herz geschlossen wurden. Zum Beispiel KS Tomasz Konieczny. Seine mächtige, lange Stimme, die er dynamisch freilich äußerst fein zu skalieren vermag bzw. atmosphärisch nuancenreich aufzuladen versteht, die durchdachten wie durchlebten Rollengestaltungen sowie die unverkennbare vokale Handschrift und das charismatische szenische Agieren machten ihn weltweit zu einem Publikumsliebling par excellence. Selbstverständlich auch an der Wiener Staatsoper, die den polnischen Bassbariton vor bald 20 Jahren ins Herz geschlossen hat und der er daher als regelmäßig wiederkehrender Gast verbunden bleibt. Dementsprechend war er hier mit einem beträchtlichen Teil seines Repertoires wiederholt zu erleben. Auffälligerweise aber noch nie mit dem Holländer. Doch diese Lücke wird nun im April, mit der Wiederaufnahme der seit mehreren Jahren nicht mehr gezeigten Produktion von Christine Mielitz, endlich geschlossen. Anlässlich dieses Wiener Rollendebüts sprach KS Tomasz Konieczny mit Andreas Láng über die Liebesfähigkeit des Holländers, die Möglichkeit jedes Menschen, grundlegende Gegebenheiten zu ändern, und die beiden großen vokalen Klippen der Titelpartie.
Wotan und Wanderer, Amfortas und Telramund, Kurwenal, die Alberiche und sogar Gunther: All diese Wagner-Partien haben Sie bei uns wiederholt mit großem Erfolg gegeben. Nur den Holländer noch nicht. Warum?
Wissen Sie, es passiert mir immer wieder, dass Kollegen aus dem italienischen Repertoire zu mir sagen: Da ich jetzt umsteige und auch Wagner singen möchte, werde ich zunächst mit der kurzen und einfachen Partie des Holländers anfangen. Und jedes Mal, wenn ich das höre, versuche ich, den Betreffenden vorsichtig darauf hinzuweisen, dass er sich kolossal irrt. Als Wagner den Fliegenden Holländer schrieb, war er erst 29 und wollte, wie immer genial-visionär unterwegs, alles nur denkbar Mögliche in diese eine Rolle hineinpacken, mit ihr ausdrücken. Aber die Erfahrungen, wie viel er Sängern zumuten dürfe, hielten mit seinem Experimentier- und Vorwärtsdrang damals noch nicht so recht Schritt. Anders ausgedrückt: Allzu lang mag die Rolle ja nicht sein, aber von den Herausforderungen her gehört sie zum Schwersten, das Wagner in meinem Fach geschrieben hat. Wenn man sich also diesem Komponisten annähern möchte, dann besser mit einer anderen Rolle, dem deutlich leichteren Amfortas beispielsweise. Darum habe auch ich den Holländer erst relativ spät in mein Repertoire aufgenommen. Es gab zwar in meiner Karriere zwei frühe konzertante Aufführungen, bei denen ich mich erstmals an die Partie herangewagt hatte, sowie szenisch eine Produktion an der Deutschen Oper am Rhein.
Aber so richtig losgegangen ist es erst nach der Pandemie: an der New Yorker Met, in Chicago, an der Bayerischen Staatsoper, in Bayreuth, wo ich in einem Sommer sogar abwechselnd Wotan und Holländer gegeben habe, weil ein Kollege erkrankt war, und so fort. Es musste also erst der richtige Zeitpunkt in meinem Sängerleben kommen, um den Holländer stärker in den Fokus zu rücken. Jetzt passt es gut! So gesehen ist es gar nicht so schlecht, dass ich mich dem Staatsopern-Publikum nicht schon früher als Holländer vorgestellt habe – wiewohl ich natürlich in all den Jahren seit der Premiere Aufführungen der aktuellen Mielitz-Inszenierung ganz genau mitverfolgen konnte.
Aber wo genau liegen die Schwierigkeiten in dieser Rolle?
Es beginnt schon mit der ersten Szene des Holländers. Ohne jede Möglichkeit, sich warm zu singen, tritt man mit diesem rund zwölfminütigen Monolog, in dem es gleich aufs Ganze geht, vor die Zuschauerinnen und Zuschauer: Der zu bewältigende Tonumfang ist schon für sich gesehen eine Herausforderung, dazu kommen sich ständig ändernde, oft gegensätzliche dynamische und rhythmische Vorgaben sowie zahllose technische Finessen. Sogar noch heikler ist dann das Finale. Im Grunde ein mächtiges Rezitativ und keine Arie, in der ungemeine Spannung und Energien konzentriert werden. Der Holländer-Interpret muss an dieser Stelle de facto im Alleingang die gesamte dramaturgische Conclusio der Oper wie in einem Fluchtpunkt bündeln, indem er die enorme, tieftragische Verzweiflung des Titelhelden stimmlich Ausdruck werden lässt.
Leider hat Wagner diesen finalen Aus- oder Zusammenbruch im Orchester nicht ideal unterstützt, sodass man als Sänger vokaltechnisch äußerst konzentriert und kontrolliert ans Werk gehen muss, um reüssieren zu können. Zwischen diesen beiden Extremgipfeln gibt es freilich wunderbare Momente, etwa das Duett mit Senta, das zunächst ganz leise losgeht und sich dann, vom Orchester getragen, immer weiter aufschaukelt – das ist wirklich wie in einer großen italienischen Oper! Aber dennoch steht und fällt alles mit dem Monolog am Beginn und dem Rezitativ am Ende der Oper. Man kann sogar sagen, dass alle Schwierigkeiten und unterschiedlichen technischen Voraussetzungen, die die drei Wotan-/Wanderer-Partien gesondert aufweisen, in der einen Rolle des Holländers vereint auf den Interpreten warten.
»Das ist ja das Romantische an dieser Oper, dass man die Hoffnung quasi verloren hat, aber doch weiter hofft – weil man eben liebt.«
Sie inszenieren den Holländer?
Ich hatte für mein Baltic Opera Festival schon eine eigene Regie konzipiert, die dann aus Zeitgründen von anderen realisiert wurde. Aber im Februar 2028 werde ich in Dortmund tatsächlich als Regisseur eine neue, eigene Inszenierung erarbeiten. Ohne zu viel zu verraten, nur so viel: Ich möchte einen Menschen zeigen, der von einem Zwang beherrscht wird, gegen seinen Willen ständig dasselbe zu tun. Ich bleibe also beim wesentlichen Grundgedanken Wagners von der Qual der ewigen Wiederholung, werde aber dieses äußerlich Spukhafte etwas abändern, sodass er nicht alle sieben Jahre an eine andere Frau gerät.
Ist der Holländer überhaupt in der Lage, zu lieben?
Doch, das ist er, so wie alle Wagner-Heroen. Weshalb ist uns Alberich so unsympathisch? Er tut nichts wirklich Unrechtes und bezahlt überdies einen hohen Preis für seine Entscheidung. Trotzdem mögen wir ihn nicht. Warum? Weil er nicht (mehr) liebesfähig ist. Anders Wotan. Der dreht zwar lauter krumme Sachen und führt sogar die Welt dem Untergang zu, bleibt aber bis zum Schluss ein Sympathieträger – weil er eben liebt. Wenn es nach Fricka geht, sogar viel zu viele andere Frauen. Darin ist er übrigens ein Alter Ego des Komponisten. Andererseits sind alle großen Wagner-Helden – zumindest zeitweise – Machos. Sie können sich also verlieben, aber ob dann daraus jeweils eine reife Liebe wird, samt der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, muss gesondert betrachtet werden.
Die reifer Liebenden, die Klügeren, Verantwortungsbewussteren sind bei Wagner meistens die Frauen, deshalb kommt ihnen auch die Aufgabe zu, den Mann, eine Gesellschaft oder sogar die ganze Welt zu erlösen. Was ich in der Geschichte vom Holländer so gewagt finde, ist die Tatsache, dass von all den Frauen, die der Holländer trifft, bedingungslose Treue verlangt und jeder Fehltritt mit deren Tod geahndet wird. Da kommt einer nach sieben Jahren an Land und will innerhalb eines Tages gleich die ewige, ungeteilte Verbundenheit. Das ist schon etwas viel verlangt, schon gar, wenn man bedenkt, wie es manche Wagner’schen Männer mit der Treue halten!
Aber liebt der Holländer augenblicklich jede der Frauen, die er nach jeweils sieben Jahren trifft? Ab welchem Moment liebt er Senta?
Ich glaube, der Holländer wird nur zu jenen Familien geschickt, in denen es tatsächlich eine unverheiratete junge Frau gibt, die er wirklich lieben kann und die ihn wirklich lieben kann. Anders hätten diese Landgänge überhaupt keinen Sinn. Er trifft also nicht zufällig auf Daland, und die Frage, ob dieser eine Tochter hätte, ist nur eine scheinbare, da der Holländer die Antwort schon im Vorhinein kennt. Also ist es folgerichtig nicht weiter verwunderlich, dass der Holländer und Senta augenblicklich einander zugetan sind. Zugleich mit dem Aufbrechen der Liebe keimt beim Holländer aber augenblicklich auch die Hoffnung auf Erlösung auf, selbst wenn er im Grunde gar nicht mehr daran glaubt, dass es eine hundertprozentig treue Frau geben könnte. Das ist ja das Romantische an dieser Oper, dass man die Hoffnung quasi verloren hat, aber doch weiter hofft – weil man eben liebt.
Interessanterweise ist die Erlösung des Holländers erst in dem Moment möglich, in dem er den Wunsch nach Erlösung loslässt, also Sentas vorgesehenen Untergang verhindern möchte.
Das ist ein sehr wichtiger Punkt, den ich in meiner eigenen Inszenierung ebenfalls betonen möchte. Aber auch allgemein betrachtet stimmt es: Mit einem Mal, aus seiner Liebe heraus gewandelt, geht es dem Holländer plötzlich nicht mehr um sich selbst, um seine Erlösung, sondern um das Heil des anderen Menschen. Als ich vor bald 20 Jahren mit Sven-Eric Bechtolf den Alberich erarbeitet hatte, stellten wir uns die Frage, wieso der Fluch dieses verlachten Außenseiters eine derart elementare Wirksamkeit entfaltet. Und wir kamen überein, dass jeder Mensch in emotionale Zustände geraten kann, in denen er eine Art Aura zu schaffen imstande ist, die große Veränderungen zulässt. Jede Person ist also in der Lage, grundlegende Realitäten abzuwandeln. Und irgendwie scheint es in unserem Fall Senta – wiederum durch die Liebe – zu gelingen, beim Holländer jenen ganz zentralen Paradigmenwechsel herbeizuführen, der endlich die Erlösung ermöglicht.