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Deshalb bannt uns Gesang

Interview |

Elīna Garanča über Ei­fer­sucht, künst­le­ri­sche Ver­ant­wor­tung und die Fra­ge, was eine Stim­me in uns aus­löst.

»Phä­no­me­nal.« »Ein Er­leb­nis.« »Ful­mi­nant.« »Durch­dacht, nu­an­ciert.« Nein, das ist kei­ne Stich­wort­samm­lung für ei­ne Preis­ver­lei­hung, son­dern es sind Mo­ment­auf­nah­men aus den Kri­ti­ken zu Elīna Garančas De­büt als Fürs­tin Bouillon an der Wiener Staatsoper. Zu er­le­ben vor ei­ni­gen Jah­ren, zur Freu­de und Be­geis­te­rung des Pu­bli­kums. Nun singt sie die Rol­le wie­der im Haus am Ring. Ob und wie sich ih­re Sicht auf die Par­tie ver­än­dert hat, wie dun­kel­schwarz die mör­de­ri­sche Fürs­tin ist und wel­che in­ne­ren Kon­flik­te Elīna Garanča durch­lebt – das er­fuhr Oliver Láng im Ge­spräch mit der ein­zig­ar­ti­gen Mez­zo­so­pra­nis­tin.

Die Fürs­tin Bouillon be­schäf­tigt Sie nun schon ei­ne gan­ze Wei­le: Nicht nur in Wien 2021, son­dern auch in Madrid und ge­ra­de erst in Neapel. Hat sich Ihr Blick auf die mor­den­de Fürs­tin ver­än­dert? Hat sich die Fi­gur für Sie ver­än­dert?

Die Bouillon ist ei­ne von je­nen Fi­gu­ren, die nicht un­be­dingt ein Rie­sen­spek­trum an Cha­rak­ter­tie­fe und -wei­te auf­wei­sen. Sie ist, was sie ist, und ent­wi­ckelt sich im Lau­fe der Hand­lung auch nicht we­sent­lich wei­ter. Es gibt die be­rühm­te gro­ße »Acerba voluttà«-Arie, die vie­le ken­nen: Sie liebt, lei­det an Zwei­feln, sehnt sich nach Maurizio. Auch wenn wir hier die lie­ben­de Frau er­le­ben, merkt man den­noch von An­fang an, dass das Was­ser tief und dun­kel ist, dass es Ab­grün­de gibt. Spä­ter stei­gert sich ih­re Ei­fer­sucht bis zur Ra­se­rei. 

Das ist zu­nächst nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches. – Ich glau­be, je­der Mensch, der schon ein­mal ei­fer­süch­tig war, kennt Ge­dan­ken, die viel­leicht über das Ge­wöhn­li­che hin­aus­ge­hen. Die Fürs­tin aber mor­det tat­säch­lich! Wo­bei man die Fi­gur in ih­rer Epo­che be­trach­ten muss: Als his­to­ri­sche Herr­sche­rin be­wegt sie sich in ei­ner Welt, in der im­mer wie­der Men­schen aus nich­ti­gen Grün­den er­mor­det wur­den, oh­ne viel nach­zu­den­ken. Das scho­ckiert uns heu­te ent­schie­den mehr als sie.

Sie ist kein weib­li­cher Scarpia? Sie ist kei­ne stra­te­gisch agie­ren­de dun­kel­schwar­ze Fi­gur, son­dern will Ra­che für ei­ne Lie­bes­krän­kung?

Ich glau­be nicht, dass sie ei­ne wahn­sin­nig kal­ku­lie­ren­de Per­son ist. Sie re­agiert im Mo­ment, oh­ne viel nach­zu­den­ken. Scarpia im Ver­gleich ist ein Mas­ter­mind. Bei ihm gibt es ei­ne gro­ße ge­dank­li­che Land­kar­te, in der die Ent­wick­lun­gen vie­le Schrit­te im Vor­aus ein­ge­tra­gen sind. 

Er denkt nach, plant, kal­ku­liert. Die Fürs­tin Bouillon agiert emo­tio­na­ler, ih­re Lie­be und Lei­den­schaft sind ei­ne hell auf­lo­dern­de Stich­flam­me.

Die an der Wiener Staatsoper ge­zeig­te In­sze­nie­rung von David McVicar spielt im frü­hen 18. Jahr­hun­dert, Sze­ne und Kos­tü­me sind der Hand­lungs­epo­che ge­nau nach­emp­fun­den. Macht das Spaß, auf der Büh­ne ei­ne Zeit­rei­se zu ma­chen? In his­to­ri­schen Kos­tü­men zu spie­len?

Ja, das ist so ein Touch in die Ver­gan­gen­heit, man kann sich ein­mal an­ders füh­len. Wo­bei die Mo­de des 18. Jahr­hun­derts nicht be­son­ders be­quem ist, al­lein schon die Schu­he! Wir tra­gen heu­te al­le im All­tag Snea­ker, und wenn man dann auf der Büh­ne in High Heels he­rum­geht, tun ei­nem nach ei­ner hal­ben Stun­de die Fü­ße weh! 

Nicht zu ver­ges­sen die Klei­der, die durch­aus ein Ge­wicht ha­ben und sich steif an­füh­len, da­zu kommt noch das Kor­sett. Das ist zwar al­les sehr schön, aber ich bin den­noch sehr froh, dass die­se Zeit vor­bei ist.

Die Adriana in der Oper, die auf der fran­zö­si­schen Schau­spie­le­rin Adrienne Lecouvreur ba­siert, spricht die Wor­te: »Ich bin nur die die­nen­de Magd des schaf­fen­den Ge­nies.« Ist das ei­ne Sicht, die Sie un­ter­schrei­ben? Die dar­stel­len­de Künst­le­rin als Aus­füh­ren­de, als In­stru­ment?

Ei­ne gu­te Fra­ge. Es ist ja tat­säch­lich so, dass wir et­was re­pro­du­zie­ren, das von an­de­ren er­dacht und ge­schaf­fen wur­de. Verdi, Cilea, Puccini ha­ben die No­ten ge­schrie­ben, Li­bret­tis­ten den Text ver­fasst, die gro­ßen Ge­dan­ken lie­gen schon vor, die Struk­tur eben­falls. 

Je­de ein­zel­ne Or­ches­ter­stim­me, je­de Me­lo­die, al­les, was wir sin­gen, was der Chor singt, fin­det sich in den No­ten. Und wir, wir füh­ren aus. Gleich­zei­tig ist es na­tür­lich so, dass wir die­se Wer­ke je­des Mal aufs Neue zum Le­ben er­we­cken. Ich ge­be der Mu­sik ei­nen Kör­per, und die­ser Kör­per tritt in ei­nen Aus­tausch mit dem Kom­po­nis­ten, re­agiert auf die ak­tu­el­le Si­tu­a­ti­on, auf das Pu­bli­kum, mein Ge­gen­über, auf die Ener­gie, die im Raum ist. 

Und auch wenn ich kein Verdi bin, hat mir der lie­be Gott doch ein Ta­lent ge­schenkt: mei­ne Stim­me. Ich fü­ge al­so et­was zu ei­nem be­ste­hen­den Werk hin­zu, in­dem ich es neu in­ter­pre­tie­re – aber et­was gänz­lich Neu­es schaf­fe ich nicht.

Singt jemand auf der Bühne, dann entsteht eine enge Beziehung zu den Zuhörern, ohne dass wir diese genau beschreiben oder gar greifen können. Das ist eine fast esoterische oder nennen wir es lieber: spirituelle Verbundenheit. – Und das ist einer der Gründe, warum uns Gesang und Oper bannen.

Wenn Sie sa­gen, der lie­be Gott hat Ih­nen ein Ta­lent ge­schenkt: Emp­fin­den Sie ei­ne Ver­ant­wor­tung, dass Sie die­ses nüt­zen müs­sen? Es der Welt und sich selbst schul­dig sind?

Si­cher! Das ist ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung. Ich emp­fin­de durch­aus ei­ne mo­ra­li­sche Ver­pflich­tung, ein Ta­lent nicht ein­fach fal­len zu las­sen. Die­ses Be­wusst­sein ist üb­ri­gens auch ei­ne star­ke »Im­präg­nie­rung« durch mei­ne Er­zie­hung in Lettland, die uns – wie in vie­len Staa­ten des ehe­ma­li­gen Os­tens – ver­mit­tel­te, dass wir der Büh­ne und der Kunst die­nen müs­sen. Und zwar in höchs­tem Ma­ße. Da­mit war auch das Be­wusst­sein ver­bun­den, manch Pri­va­tes für den Be­ruf op­fern zu müs­sen. Und letzt­lich ist es ja auch ge­nau so.

Rainer Maria Rilke kann­te die­ses The­ma auch und hat dies­be­züg­lich von der »al­ten Feind­schaft zwi­schen dem Le­ben und der gro­ßen Ar­beit« ge­schrie­ben. Al­so über die Span­nung zwi­schen Pri­vat­le­ben und Ver­ant­wor­tung. Wie ge­hen Sie mit die­sen Fra­gen um? 

Ist es so, dass man sich je­den Tag ein biss­chen was fürs Pri­va­te ab­zwei­gen muss – und dann ein schlech­tes Ge­wis­sen hat?

Al­so ich glau­be, dass das für je­de Per­son, für je­den Künst­ler und je­de Künst­le­rin an­ders ist. Al­lein schon die Tat­sa­che, ob man Fa­mi­lie hat oder nicht, ver­än­dert den Blick auf die­se Fra­ge. Ich kann auf ein Sän­ge­rin­nen­le­ben von bis­her 30 Jah­ren bli­cken und weiß, dass da­mit ein be­trächt­li­cher Teil mei­ner Kar­rie­re be­reits statt­ge­fun­den hat. 

Eben­so ha­be ich wahr­schein­lich die Hälf­te mei­nes Le­bens be­reits hin­ter mir und das ist ein Punkt, an dem ich mich fra­gen darf: Wie aus­ba­lan­ciert wa­ren die letz­ten 30 Jah­re? Und wie wird der zwei­te Teil? Denn zu der oben an­ge­spro­che­nen künst­le­ri­schen Ver­ant­wor­tung kommt näm­lich ei­ne zwei­te da­zu, und zwar je­ne als Ma­ma. Mei­ne Kin­der wer­den ir­gend­wann groß und ich will ih­nen Zeit und ei­nen Teil von mir ge­ben. Jetzt, und nicht in zehn Jah­ren, wenn sie er­wach­sen sind. 

Ich sa­ge oft: In mei­nem Le­ben gibt es drei Per­sön­lich­kei­ten, ei­ne im Kopf, ei­ne im Herz und ei­ne im Bauch. Die drei müs­sen ei­nen ge­mein­sa­men Weg fin­den und mit­ein­an­der aus­kom­men. Und ja, ich muss schon fest­stel­len, dass es Zei­ten gab, in de­nen ich an­de­res für die Kar­rie­re nach hin­ten ge­scho­ben ha­be. Die­se Din­ge wa­chen jetzt auf und sa­gen: »Wir müs­sen das jetzt neu re­geln.« Und es macht durch­aus Spaß, weil ich mich noch ein­mal an­ders ken­nen­ler­ne.

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