zum Inhalt springen zur Navigation springen

Der dunkle Herzog

Interview |

Florian Boesch singt den Blaubart in der ersten Premiere der Saison

Der Blau­bart-My­thos hat ei­ne gro­ße Er­zähl­brei­te, von den un­ge­mein blu­ti­gen Ver­sio­nen in den Mär­chen über die sym­bo­lis­ti­sche Oper von Béla Bartók bis zu mo­der­nen Fas­sun­gen der Ge­gen­wart. Ich blen­de aus, dass die Er­zäh­lun­gen sehr un­ter­schied­lich und die ge­setz­ten Ak­zen­te viel­fäl­tig sind, und stel­le zu­nächst nur die Fra­ge: Wa­rum be­schäf­tigt der Blau­bart die Kul­tur­ge­schich­te? Wa­rum de­kli­nie­ren Men­schen die­se Ge­schich­te im­mer und im­mer wie­der durch?

Die Fra­ge: »Wel­chen Blau­bart mei­nen wir ei­gent­lich?«, ha­ben Sie eben an­ge­spro­chen. Es gibt ja tat­säch­lich ei­ne mehr als be­acht­li­che Zahl an An­nä­he­run­gen und Zu­gän­gen, da­bei wird nicht nur die er­zähl­te Ge­schich­te, son­dern auch die Blau­bart-Fi­gur va­ri­iert. Im Fal­le von Bartóks Oper et­wa ist er kein Mör­der wie im ur­sprüng­li­chen Mär­chen. Aber zu Ih­rer Fra­ge: Das Mäch­ti­ge, Ab­ge­schie­de­ne, Ge­fähr­li­che, Dunk­le lädt im­mer zu Fan­ta­sie, auch zu dunk­ler Fan­ta­sie ein. Die­sem Dunk­len nä­hern wir uns sehr un­ter­schied­lich und in vie­len Schich­ten an. 

Nun ist der Blau­bart in­so­fern ein My­thos, als er oft­mals ein Mys­te­ri­um dar­stellt. Er ist mit ei­nem »an­geb­lich« ver­bun­den. Jack the Ripper ist im Ver­gleich auch ei­ne be­kann­te Fi­gur, aber es gibt kein Mys­te­ri­um. Er ist nichts als ei­ne Hor­ror­fi­gur – was für den Blau­bart nicht gilt. Wenn wir uns sei­nen Cha­rak­ter in der Oper an­schau­en, dann se­hen wir, dass er durch­aus et­was An­zie­hen­des hat. Und auch das ist das Span­nen­de da­ran. Aber er ist eben auch mit vie­len Fra­ge­zei­chen ver­se­hen. Viel »an­geb­lich«.

Ver­bun­den mit der Blau­bart-Ge­schich­te ist im­mer wie­der ein Ver­bot, et­was zu fra­gen oder et­was Be­stimm­tes zu tun. Ver­wandt mit Wagners Lohengrin: »Nie darfst du mich be­fra­gen …« Auch das ist ein im­mer wie­der­keh­ren­der To­pos un­se­rer Er­zähl­kul­tur.

Das kann man sich im Hin­blick auf Macht­struk­tu­ren an­schau­en – ei­ner schreibt et­was vor, der an­de­re muss sich da­ran hal­ten – oder aber in Be­zug auf die Neu­gier­de. Wenn man sagt: »Das darfst du nicht fra­gen …« – na, dann wird ge­nau das ge­fragt wer­den. Und wenn man sagt: »Al­les darfst du, nur das ei­ne nicht«, dann ken­nen wir den Aus­gang. Das be­ginnt ja schon im Gar­ten Eden.

Ju­dith weiß an­fangs wohl sehr we­nig über Blaubart. Wa­rum liebt sie ihn? Liebt sie den Men­schen oder den My­thos? Oder geht es ums Ret­ten ei­nes of­fen­sicht­lich Un­glück­li­chen?

Das Ret­ten: Das ist ih­re sich of­fen­ba­ren­de psy­cho­lo­gi­sche Dis­po­si­ti­on. Sie hat ein Hel­fe­rin­nen­syn­drom, ei­ne nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keits­stö­rung, die sich da­rin zeigt, dass sie sich to­tal zu­traut, ihn zu ret­ten. Es ist die­ses: »Ich wer­de das schaf­fen, was al­le an­de­ren nicht konn­ten. Denn sie ha­ben dich we­der ver­stan­den noch ha­ben sie dich ge­liebt wie ich.« Da steht ei­ne kom­ple­xe Psy­cho­pa­tho­lo­gie da­hin­ter. Wo­bei ich es zu ein­fach fän­de, sich in der Fra­ge, wa­rum sie ihn liebt, nur auf die­se Psy­cho­pa­tho­lo­gie aus­zu­re­den. Wir soll­ten tat­säch­lich ei­nen Schritt zu­rück­ge­hen, uns den Mo­ment ge­ben und fra­gen: Ja, liebt sie ihn denn ei­gent­lich? Wie lan­ge ken­nen sie ei­nan­der? Ich bin mit der Fra­ge, wa­rum sie ihn liebt, sehr vor­sich­tig. Mich in­ter­es­siert eher: Wa­rum geht sie mit? Wa­rum dreht sie sich nicht um und ver­schwin­det?

Al­so, wa­rum geht sie mit?

Zum Bei­spiel: Er ist der Her­zog Blaubart. Al­so Her­zog. Als Georg Blaubart wä­re er ja nicht so in­ter­es­sant. Mit ihm kommt Macht, die sich durch Sta­tus zeigt, ins Spiel. Es ist al­so auch das: Ich wer­de Her­zo­gin.

Und was will er? Will er ge­ret­tet wer­den?

Wir wol­len doch al­le Ret­tung und Er­lö­sung, zu­min­dest ir­gend­wo tief drin­nen. Auch wenn ich per­sön­lich glau­be, dass es kei­ne Er­lö­sung von au­ßen ge­ben kann, son­dern wir die Ein­zi­gen sind, die uns selbst be­frei­en und Frie­den mit uns ma­chen kön­nen, so ist doch klar, dass die­se Er­zäh­lung im christ­lich ge­präg­ten Kul­tur­kreis ent­stan­den ist. Al­so ist selbst­ver­ständ­lich die ge­sam­te Struk­tur der zwi­schen­mensch­li­chen und psy­cho­lo­gi­schen Funk­tio­nen im Chris­ten­tum ge­wur­zelt. Wir könn­ten den Blaubart so nicht in Indien er­zäh­len, das wür­de nie­mand ver­ste­hen.

Sie spra­chen über das Ab­grün­di­ge und Dunk­le, das Fi­gu­ren wie den Blaubart um­gibt oder so­gar de­fi­niert. Wa­rum be­schäf­ti­gen sich das Thea­ter und Mu­sik­thea­ter so ger­ne mit dem Düs­te­ren und Tra­gi­schen? Wa­rum fin­det die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem mensch­li­chen Lei­den so oft den Weg auf die Büh­ne?

Mir fällt da­zu so­fort Torquato Tasso von Goethe ein, sein gro­ßer, er­hel­len­der Satz: »Und wenn der Mensch in sei­ner Qual ver­stummt / Gab mir ein Gott zu sa­gen, wie ich lei­de.« Ent­schei­dend ist, auf Ih­re Fra­ge be­zo­gen, das »wie ich lei­de«. Das Lei­den, das wir al­le er­le­ben müs­sen, ist Teil un­se­rer Conditio humana, un­se­res Mensch­seins, es ge­hört zu je­dem Da­sein. Die meis­ten von uns ver­stum­men im Leid, man­che aber ha­ben die Kraft und das Ta­lent, et­was All­ge­mein­gül­ti­ges da­zu sa­gen zu kön­nen. Und das sind die Dich­te­rin­nen und Dich­ter, die Kom­po­nis­tin­nen und Kom­po­nis­ten, die Ma­le­rin­nen und Ma­ler. Wo an­de­re an­ge­sichts des Schmer­zes ver­stum­men, fin­den sie ei­nen Aus­druck, der uns al­le an­spricht. Das bringt uns zu dem gro­ßen The­ma, was Kunst ei­gent­lich tut. Wenn Po­li­tik die Dis­zi­plin ist, in der wir ver­han­deln, wie wir mit­ein­an­der um­ge­hen und le­ben wol­len, dann ist Kunst der Platz, an dem ver­han­delt wird, wer wir sind. Da­rum geht es in ei­ner Dich­tung, in ei­nem Lied, in ei­nem Ge­mäl­de. Und na­tür­lich auch in der Oper, der kom­ple­xes­ten al­ler Kunst­for­men.

Die Bartók’sche Oper ist stark sym­bo­lis­tisch, vie­les wa­bert mit, das man nicht er­klä­ren, son­dern nur füh­len kann. Wie tief müs­sen Sie in den Ver­ständ­nis­kel­ler hi­nun­ter­stei­gen, um die Fi­gur zu be­grei­fen und sie sich selbst er­klä­ren zu kön­nen? Oder reicht es, vie­les nur zu ah­nen?

Mei­ne Her­an­ge­hens­wei­se muss ei­ne an­de­re sein. Bei je­der Rol­le, be­son­ders aber dann, wenn ich ab­grün­di­ge, schwie­ri­ge, dun­kels­te Cha­rak­te­re ab­bil­de. Mei­ne Ar­beit liegt da­rin, die Fi­gur, sei es ein Giovanni oder ein Blaubart, zu nor­ma­li­sie­ren. Es darf kei­ne Po­se sein, sonst gibt es kei­ne Glaub­wür­dig­keit in der Hand­lung.

Al­so auch ei­ne Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung, Ent­mys­ti­fi­zie­rung?

Ja, na­tür­lich, für mich ist er ein Mensch, ein ganz nor­ma­ler Mensch. Und ge­nau das ist der sprin­gen­de Punkt. Sie schau­en ihn an und sa­gen: »Das ist ei­ne ganz au­ßer­ge­wöhn­li­che Per­son!« Aus mei­ner Per­spek­ti­ve geht das aber nicht, denn wenn er auch für mich au­ßer­ge­wöhn­lich wä­re, könn­te ich ihn nicht glaub­wür­dig dar­stel­len. Für mich muss er ganz nor­mal sein. Ganz na­tür­lich. Eben kein un­ge­wöhn­li­cher Kunst­cha­rak­ter. Und ge­nau die­ser Weg von »Boah, das ist arg« zu »Ja, eh klar« ist der ei­gent­li­che An­nä­he­rungs­pro­zess an ei­ne Büh­nen­fi­gur. Das geht manch­mal leich­ter, manch­mal schwe­rer. Die Ima­gi­na­ti­on be­kom­me ich na­tür­lich sehr stark über die Mu­sik, und wenn der Kom­po­nist so ein Meis­ter ist wie Bartók, Händel oder Mozart, dann be­kom­me ich als In­ter­pret ent­spre­chend viel Fut­ter.

»Wir wollen doch alle Rettung und Erlösung, zumindest irgendwo tief drinnen.«

Ab­ge­se­hen vom In­halt­li­chen – wie ist Bartóks Fut­ter? Rein tech­nisch, ge­sang­lich. Wo­rin lie­gen die Her­aus­for­de­run­gen?

Ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung ist das Un­ga­ri­sche, in dem die Oper ge­schrie­ben ist. Ich spre­che die­se Spra­che nicht und muss da­her mit dem rei­nen Er­ler­nen des Tex­tes viel Zeit ver­brin­gen. Das Un­ga­ri­sche aber ist so kom­pli­ziert, dass mir im Ver­gleich die Kom­ple­xi­tät der Mu­sik­spra­che Bartóks gar nicht mehr auf­fällt. Als ich die Par­tie vor mei­nem ers­ten Blaubart zu stu­die­ren be­gann, hör­te Adam Fischer da­von. In ei­ner Pau­se ei­nes ge­mein­sa­men Kon­zerts in Kopenhagen setz­te er sich hin und hat mir den ge­sam­ten Text, rhyth­misch rich­tig ge­spro­chen, aufs Han­dy auf­ge­nom­men. 

Das war mei­ne ers­te Grund­la­ge. Na­tür­lich darf man ge­trost auch fest­stel­len, dass das Werk über Stre­cken über­or­ches­triert ist. Aber das hat mit der Zeit zu tun, in der es ge­schrie­ben wur­de. Da war in die­sem Punkt vie­les ein biss­chen cra­zy und man war sehr groß­zü­gig mit üp­pi­gen Or­ches­ter­be­set­zun­gen. An­de­re mach­ten es ja eben­so, den­ken wir an Gustav Mahler oder Arnold Schönberg mit sei­nen Gurre-Liedern. Da muss man stimm­lich et­was an­bie­ten kön­nen, kei­ne Fra­ge. Aber man teilt sich ge­wis­ser­ma­ßen die Ver­ant­wor­tung der Ba­lan­ce mit dem Di­ri­gen­ten und dem Or­ches­ter. Und auf die­ses freue ich mich un­glaub­lich. Die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker kön­nen auch Bartók sehr, sehr gut in­ter­pre­tie­ren, ge­ra­de im Hin­blick auf die Fä­hig­keit, et­was in der Ka­pa­zi­tät groß, aber den­noch lei­se zu spie­len.

In der ak­tu­el­len Pro­duk­ti­on dreht der Re­gis­seur Vasily Barkhatov das En­de in­so­fern ins Po­si­ti­ve, als er das Paar Blaubart–Judith nicht in ei­ne ewig schwar­ze Nacht ver­senkt, son­dern die bei­den auf ei­ne neue Stu­fe ih­rer Be­zie­hung hebt. Die Ewig­keit wird als das im­mer Blei­ben­de ver­stan­den.

Ich fin­de die Idee von Vasily Barkhatov, dass es nicht auch drei wei­te­re Frau­en, frü­he­re Ehe­frau­en, in Blaubarts Le­ben gibt, son­dern es sich im­mer um die­sel­be Judith in un­ter­schied­li­chen Le­bens- und Be­zie­hungs­si­tua­tio­nen han­delt, un­ge­mein klug ge­dacht. Judith ist der Mor­gen, der Mit­tag, der Abend – und nun die Nacht. Blaubarts letz­te Wor­te »Von jetzt an bleibt im­mer Nacht« wei­sen al­so auf ei­ne nun er­reich­te Be­stän­dig­keit oder ein Wei­ter­be­ste­hen der Be­zie­hung hin. Ganz ge­ne­rell ist es ein­fach ei­ne gro­ße Freu­de, mit ei­nem Re­gis­seur zu ar­bei­ten, der sein Kon­zept so kon­se­quent, gut und dra­ma­tur­gisch klar durch­dacht und je­den Satz, je­des Wort er­forscht hat. Al­les, wirk­lich al­les wur­de ab­ge­klopft und fügt sich ins Kon­zept. Bö­se Über­ra­schun­gen am drit­ten Pro­ben­tag, wie man sie manch­mal er­lebt, gab es hier da­her nicht.

Man kann Blaubart al­so auch ganz an­ders den­ken …

Man könn­te die Ge­schich­te auch so le­sen: Un­se­re Ent­wick­lungs­fä­hig­keit als Er­wach­se­ne be­steht im Hin­blick auf Be­zie­hun­gen auch da­rin, dass wir ge­wis­ser­ma­ßen üben, ei­ne bes­se­re Ver­si­on von uns selbst zu wer­den. Je­der Be­zie­hungs­neu­start oder je­de neue Be­zie­hung ist ei­ne Chan­ce, die bes­se­re Ver­si­on von sich selbst wer­den zu kön­nen. Ei­ne schei­tern­de Be­zie­hung hat al­so nichts mit »Na ja, sie war nicht die Rich­ti­ge« zu tun, viel­mehr mit »Ich war nicht der Rich­ti­ge«. Ei­nen Blaubart kann man viel­leicht auch so den­ken, al­so nicht als Mör­der, son­dern im Ver­such, es im­mer bes­ser zu ma­chen. In der mensch­li­chen Hoff­nung, dass es dies­mal funk­tio­nie­ren wird. Das ist na­tür­lich ge­nau das Ge­gen­teil des Ringlgschbüübsizzas von H. C. Artmann!

Sehr geehrte Besucherin,
sehr geehrter Besucher,

um Ihren Besuch auf unserer Website noch attraktiver zu gestalten, laden wir Sie ein, an deren Neugestaltung mitzuwirken. Wir bitten Sie dazu, eine kurze Umfrage auszufüllen. Diese ist selbstverständlich komplett anonym und Ihre Antworten werden ausschließlich zur Optimierung der Website verwendet.