Der dunkle Herzog
Interview |
Der Blaubart-Mythos hat eine große Erzählbreite, von den ungemein blutigen Versionen in den Märchen über die symbolistische Oper von Béla Bartók bis zu modernen Fassungen der Gegenwart. Ich blende aus, dass die Erzählungen sehr unterschiedlich und die gesetzten Akzente vielfältig sind, und stelle zunächst nur die Frage: Warum beschäftigt der Blaubart die Kulturgeschichte? Warum deklinieren Menschen diese Geschichte immer und immer wieder durch?
Die Frage: »Welchen Blaubart meinen wir eigentlich?«, haben Sie eben angesprochen. Es gibt ja tatsächlich eine mehr als beachtliche Zahl an Annäherungen und Zugängen, dabei wird nicht nur die erzählte Geschichte, sondern auch die Blaubart-Figur variiert. Im Falle von Bartóks Oper etwa ist er kein Mörder wie im ursprünglichen Märchen. Aber zu Ihrer Frage: Das Mächtige, Abgeschiedene, Gefährliche, Dunkle lädt immer zu Fantasie, auch zu dunkler Fantasie ein. Diesem Dunklen nähern wir uns sehr unterschiedlich und in vielen Schichten an.
Nun ist der Blaubart insofern ein Mythos, als er oftmals ein Mysterium darstellt. Er ist mit einem »angeblich« verbunden. Jack the Ripper ist im Vergleich auch eine bekannte Figur, aber es gibt kein Mysterium. Er ist nichts als eine Horrorfigur – was für den Blaubart nicht gilt. Wenn wir uns seinen Charakter in der Oper anschauen, dann sehen wir, dass er durchaus etwas Anziehendes hat. Und auch das ist das Spannende daran. Aber er ist eben auch mit vielen Fragezeichen versehen. Viel »angeblich«.
Verbunden mit der Blaubart-Geschichte ist immer wieder ein Verbot, etwas zu fragen oder etwas Bestimmtes zu tun. Verwandt mit Wagners Lohengrin: »Nie darfst du mich befragen …« Auch das ist ein immer wiederkehrender Topos unserer Erzählkultur.
Das kann man sich im Hinblick auf Machtstrukturen anschauen – einer schreibt etwas vor, der andere muss sich daran halten – oder aber in Bezug auf die Neugierde. Wenn man sagt: »Das darfst du nicht fragen …« – na, dann wird genau das gefragt werden. Und wenn man sagt: »Alles darfst du, nur das eine nicht«, dann kennen wir den Ausgang. Das beginnt ja schon im Garten Eden.
Judith weiß anfangs wohl sehr wenig über Blaubart. Warum liebt sie ihn? Liebt sie den Menschen oder den Mythos? Oder geht es ums Retten eines offensichtlich Unglücklichen?
Das Retten: Das ist ihre sich offenbarende psychologische Disposition. Sie hat ein Helferinnensyndrom, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die sich darin zeigt, dass sie sich total zutraut, ihn zu retten. Es ist dieses: »Ich werde das schaffen, was alle anderen nicht konnten. Denn sie haben dich weder verstanden noch haben sie dich geliebt wie ich.« Da steht eine komplexe Psychopathologie dahinter. Wobei ich es zu einfach fände, sich in der Frage, warum sie ihn liebt, nur auf diese Psychopathologie auszureden. Wir sollten tatsächlich einen Schritt zurückgehen, uns den Moment geben und fragen: Ja, liebt sie ihn denn eigentlich? Wie lange kennen sie einander? Ich bin mit der Frage, warum sie ihn liebt, sehr vorsichtig. Mich interessiert eher: Warum geht sie mit? Warum dreht sie sich nicht um und verschwindet?
Also, warum geht sie mit?
Zum Beispiel: Er ist der Herzog Blaubart. Also Herzog. Als Georg Blaubart wäre er ja nicht so interessant. Mit ihm kommt Macht, die sich durch Status zeigt, ins Spiel. Es ist also auch das: Ich werde Herzogin.
Und was will er? Will er gerettet werden?
Wir wollen doch alle Rettung und Erlösung, zumindest irgendwo tief drinnen. Auch wenn ich persönlich glaube, dass es keine Erlösung von außen geben kann, sondern wir die Einzigen sind, die uns selbst befreien und Frieden mit uns machen können, so ist doch klar, dass diese Erzählung im christlich geprägten Kulturkreis entstanden ist. Also ist selbstverständlich die gesamte Struktur der zwischenmenschlichen und psychologischen Funktionen im Christentum gewurzelt. Wir könnten den Blaubart so nicht in Indien erzählen, das würde niemand verstehen.
Sie sprachen über das Abgründige und Dunkle, das Figuren wie den Blaubart umgibt oder sogar definiert. Warum beschäftigen sich das Theater und Musiktheater so gerne mit dem Düsteren und Tragischen? Warum findet die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Leiden so oft den Weg auf die Bühne?
Mir fällt dazu sofort Torquato Tasso von Goethe ein, sein großer, erhellender Satz: »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt / Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.« Entscheidend ist, auf Ihre Frage bezogen, das »wie ich leide«. Das Leiden, das wir alle erleben müssen, ist Teil unserer Conditio humana, unseres Menschseins, es gehört zu jedem Dasein. Die meisten von uns verstummen im Leid, manche aber haben die Kraft und das Talent, etwas Allgemeingültiges dazu sagen zu können. Und das sind die Dichterinnen und Dichter, die Komponistinnen und Komponisten, die Malerinnen und Maler. Wo andere angesichts des Schmerzes verstummen, finden sie einen Ausdruck, der uns alle anspricht. Das bringt uns zu dem großen Thema, was Kunst eigentlich tut. Wenn Politik die Disziplin ist, in der wir verhandeln, wie wir miteinander umgehen und leben wollen, dann ist Kunst der Platz, an dem verhandelt wird, wer wir sind. Darum geht es in einer Dichtung, in einem Lied, in einem Gemälde. Und natürlich auch in der Oper, der komplexesten aller Kunstformen.
Die Bartók’sche Oper ist stark symbolistisch, vieles wabert mit, das man nicht erklären, sondern nur fühlen kann. Wie tief müssen Sie in den Verständniskeller hinuntersteigen, um die Figur zu begreifen und sie sich selbst erklären zu können? Oder reicht es, vieles nur zu ahnen?
Meine Herangehensweise muss eine andere sein. Bei jeder Rolle, besonders aber dann, wenn ich abgründige, schwierige, dunkelste Charaktere abbilde. Meine Arbeit liegt darin, die Figur, sei es ein Giovanni oder ein Blaubart, zu normalisieren. Es darf keine Pose sein, sonst gibt es keine Glaubwürdigkeit in der Handlung.
Also auch eine Entmythologisierung, Entmystifizierung?
Ja, natürlich, für mich ist er ein Mensch, ein ganz normaler Mensch. Und genau das ist der springende Punkt. Sie schauen ihn an und sagen: »Das ist eine ganz außergewöhnliche Person!« Aus meiner Perspektive geht das aber nicht, denn wenn er auch für mich außergewöhnlich wäre, könnte ich ihn nicht glaubwürdig darstellen. Für mich muss er ganz normal sein. Ganz natürlich. Eben kein ungewöhnlicher Kunstcharakter. Und genau dieser Weg von »Boah, das ist arg« zu »Ja, eh klar« ist der eigentliche Annäherungsprozess an eine Bühnenfigur. Das geht manchmal leichter, manchmal schwerer. Die Imagination bekomme ich natürlich sehr stark über die Musik, und wenn der Komponist so ein Meister ist wie Bartók, Händel oder Mozart, dann bekomme ich als Interpret entsprechend viel Futter.
»Wir wollen doch alle Rettung und Erlösung, zumindest irgendwo tief drinnen.«
Abgesehen vom Inhaltlichen – wie ist Bartóks Futter? Rein technisch, gesanglich. Worin liegen die Herausforderungen?
Eine besondere Herausforderung ist das Ungarische, in dem die Oper geschrieben ist. Ich spreche diese Sprache nicht und muss daher mit dem reinen Erlernen des Textes viel Zeit verbringen. Das Ungarische aber ist so kompliziert, dass mir im Vergleich die Komplexität der Musiksprache Bartóks gar nicht mehr auffällt. Als ich die Partie vor meinem ersten Blaubart zu studieren begann, hörte Adam Fischer davon. In einer Pause eines gemeinsamen Konzerts in Kopenhagen setzte er sich hin und hat mir den gesamten Text, rhythmisch richtig gesprochen, aufs Handy aufgenommen.
Das war meine erste Grundlage. Natürlich darf man getrost auch feststellen, dass das Werk über Strecken überorchestriert ist. Aber das hat mit der Zeit zu tun, in der es geschrieben wurde. Da war in diesem Punkt vieles ein bisschen crazy und man war sehr großzügig mit üppigen Orchesterbesetzungen. Andere machten es ja ebenso, denken wir an Gustav Mahler oder Arnold Schönberg mit seinen Gurre-Liedern. Da muss man stimmlich etwas anbieten können, keine Frage. Aber man teilt sich gewissermaßen die Verantwortung der Balance mit dem Dirigenten und dem Orchester. Und auf dieses freue ich mich unglaublich. Die Musikerinnen und Musiker können auch Bartók sehr, sehr gut interpretieren, gerade im Hinblick auf die Fähigkeit, etwas in der Kapazität groß, aber dennoch leise zu spielen.
In der aktuellen Produktion dreht der Regisseur Vasily Barkhatov das Ende insofern ins Positive, als er das Paar Blaubart–Judith nicht in eine ewig schwarze Nacht versenkt, sondern die beiden auf eine neue Stufe ihrer Beziehung hebt. Die Ewigkeit wird als das immer Bleibende verstanden.
Ich finde die Idee von Vasily Barkhatov, dass es nicht auch drei weitere Frauen, frühere Ehefrauen, in Blaubarts Leben gibt, sondern es sich immer um dieselbe Judith in unterschiedlichen Lebens- und Beziehungssituationen handelt, ungemein klug gedacht. Judith ist der Morgen, der Mittag, der Abend – und nun die Nacht. Blaubarts letzte Worte »Von jetzt an bleibt immer Nacht« weisen also auf eine nun erreichte Beständigkeit oder ein Weiterbestehen der Beziehung hin. Ganz generell ist es einfach eine große Freude, mit einem Regisseur zu arbeiten, der sein Konzept so konsequent, gut und dramaturgisch klar durchdacht und jeden Satz, jedes Wort erforscht hat. Alles, wirklich alles wurde abgeklopft und fügt sich ins Konzept. Böse Überraschungen am dritten Probentag, wie man sie manchmal erlebt, gab es hier daher nicht.
Man kann Blaubart also auch ganz anders denken …
Man könnte die Geschichte auch so lesen: Unsere Entwicklungsfähigkeit als Erwachsene besteht im Hinblick auf Beziehungen auch darin, dass wir gewissermaßen üben, eine bessere Version von uns selbst zu werden. Jeder Beziehungsneustart oder jede neue Beziehung ist eine Chance, die bessere Version von sich selbst werden zu können. Eine scheiternde Beziehung hat also nichts mit »Na ja, sie war nicht die Richtige« zu tun, vielmehr mit »Ich war nicht der Richtige«. Einen Blaubart kann man vielleicht auch so denken, also nicht als Mörder, sondern im Versuch, es immer besser zu machen. In der menschlichen Hoffnung, dass es diesmal funktionieren wird. Das ist natürlich genau das Gegenteil des Ringlgschbüübsizzas von H. C. Artmann!