Bizets »Les Pêcheurs de perles« erstmals an der Wiener Staatsoper
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Mit George Bizets bisher am Haus nie gezeigtem Werk Les Pêcheurs de perles steht am Donnerstag, 14. Mai 2026, die letzte Premiere der Spielzeit 2025/2026 auf dem Staatsopernspielplan.
Die Neuproduktion bringt zwei neue Künstler ans Haus: Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Ersan Mondtag sowie Dirigent Daniele Rustioni sind erstmals an der Wiener Staatsoper tätig. Auf der Bühne ist mit Kristina Mkhitaryan als Leïla, Juan Diego Flórez als Nadir, Ludovic Tézier als Zurga sowie Ivo Stanchev als Nourabad eine hochkarätige Besetzung zu erleben.
Zum Werk
Die Oper Les Pêcheurs de perles bietet nicht nur weltberühmte Melodien, die schnell und weltweit in Konzertprogramme aufgenommen wurden, sondern auch einen beeindruckenden Zugriff des noch nicht einmal 25-jährigen Komponisten Georges Bizet auf den hochromantischen Stoff. Die 1863 komponierte und uraufgeführte Oper auf ein Libretto von Eugène Cormon und Michel Florentin Carré erzählt von der Dreiecksbeziehung zwischen zwei Freunden und einer schönen Priesterin.
Die Themen reichen von Treueschwüren und verbotener Liebe bis hin zu Verrat, Vergebung und großmütigem Verzicht: Nadir kehrt zu seinem Jugendfreund Zurga zurück – beide hatten derselben Frau entsagt, um ihre Freundschaft nicht zu zerstören. Nun erscheint ausgerechnet sie wieder: Leïla, als verhüllte Priesterin, die mit ihrem Gebet Schutz für die gefährliche Arbeit der Perlenfischer erflehen soll und dafür ein Keuschheitsgelübde ablegt.
Aus der alten Erinnerung wird neue Gegenwart, aus dem Schwur ein Konflikt, in dem persönliches Begehren, religiöses Gesetz und die Ordnung der Gemeinschaft unaufhaltsam aufeinanderprallen. Nadir und Leïla finden zueinander, werden entdeckt und zum Tode verurteilt. Zurga erkennt in Leïla aber jene Frau, die ihm einst das Leben gerettet hat, und ermöglicht den Liebenden die Flucht.
Zum Leadingteam
Ersan Mondtag arbeitet als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner sowie bildender Künstler. Seine vielfach ausgezeichneten Arbeiten bewegen sich zwischen Theater, Oper, bildender Kunst und Performance und wurden international an Theatern, Opernhäusern und Kunstinstitutionen wie dem Berliner Ensemble, der Deutschen Oper Berlin, dem Residenztheater München, den Opern in Lyon und Rom sowie dem Burgtheater gezeigt. Künftige Opern-Arbeiten führen ihn u. a. zu den Salzburger Festspielen. Für die Neuproduktion von Les Pêcheurs de perles zeichnet er sowohl für die Inszenierung als auch für Bühne und Kostüme verantwortlich.
Er liest die Perlenfischer nicht als exotischen Stoff, sondern als sehr gegenwärtiges Modell für das in den sogenannten Globalen Süden ausgelagerte Scheitern des Kapitalismus, zum Beispiel in Form der Rolle eines Zulieferers für die globale Luxusproduktion. Er verortet dabei die Handlung im Spannungsfeld zwischen Textilfärberei und der Verwertung von deren Produkten in Konsumtempeln: »In den Perlenfischern geht es zunächst um die Ausbeutung der Natur. Die historische Perlenfischerei war ein brachialer Vorgang, bei dem Menschen für den Luxus anderer Leib und Leben riskierten. Wenn man diesen Stoff ins Heute ziehen will, braucht man ein Feld, in dem diese Gefährdung und diese Ausbeutungslogik noch real sind. Die Färberei ist in dieser Hinsicht sehr ähnlich: toxische Prozesse, prekäre Arbeit, gefährliche Bedingungen. Gerade deshalb haben wir uns entschieden, die Perle durch Textil zu ersetzen. Direkt danach kam die Überlegung, die Shopping Mall als eine Art eingefrorene Metapher für den Tempel zu nehmen, gewissermaßen in Marmor gegossen. Es sollte kein naturalistisches Einkaufszentrum werden, sondern eine überhöhte Form, in der Konsum und Sakralisierung ineinander kippen.«
Zum Umgang mit der exotisierenden Anlage von Bizets Oper sagt Mondtag: »Die Oper hätte man so, wie sie dasteht, heute nicht einfach ungebrochen aufführen können. Da ist alles zusammengemischt: religiöse Zeichen, koloniale Vorstellungen, ein diffuser Exotismus. Aus heutiger Sicht ist das in vielem eine Anmaßung. Aber natürlich muss man das Werk zugleich im Kontext seiner Zeit sehen. Für mich war klar: Es wäre viel zu schade, die Musik wegen dieser Probleme nicht mehr zu spielen. Also muss man einen Weg finden, das Werk szenisch umzuschreiben, ohne es zu verraten. Ich würde daher sagen: Auf den zweiten Blick bin ich werktreu. Ich tausche die Symbole aus, Natur wird Arbeit, Tempel wird Konsumtempel, aber innerhalb dessen bleiben die Figurenkonstellationen und Beziehungen bestehen.«
Dirigent Daniele Rustioni steht regelmäßig am Pult weltweit führender Orchester und Opernhäuser. Der ehemalige Musikdirektor der Oper in Lyon ist seit September 2025 Erster Gastdirigent der New Yorker Metropolitan Opera und vor Kurzem auch zum Ersten Gastdirigenten des Tokyo Metropolitan Orchestra ernannt worden. Seine bisherige Laufbahn führte ihn u. a. an die Mailänder Scala, das Londoner Royal Opera House, die Bayerische Staatsoper und die Opéra de Paris. Mit den Perlenfischern gibt er nun sein Debüt an der Wiener Staatsoper.
Angesprochen darauf, ob die Schönheit der Partitur die Dramatik nicht zu sehr abschwächen könnte, sagt er: »Bizet ist klüger als diese Gefahr. Zunächst schafft der Chor immer einen Kontrast. Er bringt rhythmisches Funkeln, Energie, Bewegung, manchmal sogar Gewalt hinein. Dann gibt es die Ausbrüche von Wut und Konfrontation zwischen den Hauptfiguren. Und strukturell ist Bizet sehr prägnant. Diese lyrischen, nostalgischen Momente dauern nicht ewig an. Sie sind begrenzt. Das ist einer der Gründe, warum diese Oper auf der Bühne so gut funktioniert. Sie wird nie träge. Sie bleibt in Bewegung. Und es gibt hier weit mehr als nur schwebende Schönheit. Diese Oper enthält auch den Ozean, die Sonne, das Gefühl von Strand und Boot, später den Sturm, das Feuer, die Angst, sogar einen regelrechten Blutdurst im Chor. All das steckt ebenfalls in der Partitur. Ich würde Les Pêcheurs de perles deshalb niemals auf etwas bloß Kontemplatives reduzieren wollen. Darin entfaltet sich eine ganze Welt elementarer Kräfte.«
Das Leading Team komplettieren Till Briegleb (Dramaturgie), Luis August Krawen (Video) sowie Henning Streck (Licht).
Zur Besetzung
Kristina Mkhitaryan verkörpert die Leïla. Seit ihrem Debüt an der New Yorker Met ist die gefragte Sopranistin an den großen internationalen Opern- und Festivalbühnen zu Gast. Im Haus am Ring debütierte die vielfache Preisträgerin 2022 als Violetta (La traviata) und sang hier weiters noch die Liù (Premierenproduktion Turandot), Adina (L’elisir d’amore), Micaëla (Carmen) und Manon (Manon Lescaut).
Der in Lima (Peru) geborene Tenor Juan Diego Flórez (Nadir) zählt zu den international renommiertesten Sängern seines Fachs. An der Wiener Staatsoper, der er seit seinem Debüt 1999 als Graf Almaviva (Il barbiere di Siviglia) eng verbunden ist, war er zuletzt u. a. als Pollione (Norma), Faust, Alfredo Germont (La traviata), Don Ramiro (La cenerentola), Tonio (La Fille du régiment) und Werther zu erleben, auch in zahlreichen Premierenproduktionen.
Ludovic Tézier (Zurga) gehört zu den weltweit führenden Baritonen und gastiert regelmäßig an allen großen Bühnen der Welt, so auch an der Wiener Staatsoper. Hier debütierte er als Conte d’Almaviva (Le nozze di Figaro) und war weiters u. a. in den Titelpartien von Don Giovanni, Rigoletto und Simon Boccanegra zu erleben, weiters u. a. als Rodrigo (Don Carlo und Don Carlos), Scarpia (Tosca), Amfortas (Parsifal), Jago (Otello) und Giorgio Germont (La traviata).
Den Nourabad singt Staatsopern-Ensemblemitglied Ivo Stanchev, der im Haus am Ring bereits in einem breit gefächerten Repertoire zu hören war, u. a. als René (Iolanta), Colline (La Bohème), Sparafucile (Rigoletto) und Micha (Die verkaufte Braut).
Es spielen das Orchester der Wiener Staatsoper sowie das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper, es singt der Chor der Wiener Staatsoper, weiters wirken Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper mit.