Über das Werk
Ohne von den Bedrohungen zu wissen, die ihn umgeben, versucht der römische Kaiser Tito, seinem Amt und seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.
Großherzig vergibt er seinen Gegnern und hilft den Opfern des Vesuvausbruchs. Auch Servilia gibt er frei, als ihr Geliebter Annio ihn darum bittet. Doch Vitellia, die nach Macht strebt, stiftet Sesto zu Mord und Aufruhr an. Als das Kapitol brennt und Sesto gesteht, muss Tito entscheiden: Strafe oder Milde.
La clemenza
di Tito
Handlung
Tito opfert seine Liebe dem Willen des Volkes. Er trennt sich von seiner Geliebten, der Jüdin Berenice, und ist bereit, eine römische Patrizierin zur Gattin zu nehmen.
Vitellia, die Tochter des gestürzten Kaisers Vitellio, erhebt Ansprüche auf den Thron. Sie versucht, sich Sesto, einen Freund des Kaisers, als Werkzeug ihres Machtwillens gefügig zu machen. Sie verspricht ihm ihre Gunst, wenn es ihm gelänge, den Kaiser zu töten. Sesto, schwankend zwischen der Freundschaft zum Kaiser und der Liebe zu Vitellia, erklärt sich bereit, sich der Verschwörung des Lentulo anzuschließen und das Attentat zu wagen.
Annio, ein junger Patrizier, berichtet von der Verabschiedung der Berenice. Da fasst Vitellia neue Hoffnung und gebietet Sesto, die Tat noch einmal aufzuschieben. Annio bittet seinen Freund Sesto um die Einwilligung zur Hochzeit mit dessen Schwester Servilia.
Zur Krönung Titos versammelt sich der Adel Roms auf dem Kapitol. Das ihm dargebotene Geschenk bestimmt der neue Imperator jedoch zur Linderung der Not der Opfer des jüngsten Vesuvausbruchs. Um Sesto mit seiner Freundschaft auszuzeichnen, will er dessen Schwester Servilia zur Kaiserin erheben. Tugend und Freundschaft zu fördern, erachtet er als Sinn seiner Herrschaft.
Annio, der bereit ist, sich dem Wunsch des Kaisers zu unterwerfen, eröffnet seiner Braut Servilia, dass sie von Tito zur Gemahlin erwählt worden sei. Sie jedoch will sich nicht fügen, bekräftigt ihre Liebe zu Annio und gesteht Tito ihre Liebe zu Annio, worauf dieser auf ihre Hand verzichtet und selbst das Glück der Liebenden begründen will.
Vitellia, die währenddessen von der beabsichtigten Erhebung Servilias zur Kaiserin Kenntnis erlangt hat, fühlt sich in ihrem Stolz verletzt und drängt Sesto von Neuem zur Tat. Widerstrebend lässt dieser sich überreden, den Anschlag nun endgültig durchzuführen. Kaum jedoch ist er aufgebrochen, erfährt Vitellia von dem neuen Plan Titos, nunmehr sie selbst zur Gemahlin zu erwählen.
Der Aufstand des Lentulo hat begonnen. Vergebens bemüht sich Vitellia, ihm Einhalt zu gebieten. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Das Kapitol steht in Flammen, und wehklagend sucht das Volk sich zu retten. Sesto kehrt zurück in der Überzeugung, Tito getötet zu haben. Alle beklagen den Tod des gütigen Herrschers.
Annio berichtet dem verzweifelten Sesto, dass der Kaiser in dem Aufruhr unversehrt geblieben ist. Ein anderer sei vom Dolch getroffen worden. Nun bekennt Sesto seine Schuld. Vitellia drängt ihn zu eiliger Flucht, während Annio rät, auf die Gnade des Kaisers zu vertrauen.
Publio lässt Sesto als den erwiesenen Attentäter verhaften. Der erkennt nun, dass er irrtümlich seinen Mitverschworenen Lentulo, welcher sich triumphierend bereits mit dem Krönungsmantel geschmückt hatte, mit dem Dolch getroffen hat.
Der durch glückliche Fügung dem Tod entronnene Tito zeigt sich seinem Volk und sucht dessen Leid nach dem Brand der Stadt zu lindern. Der Senat hat über Sesto das Todesurteil gesprochen, der Kaiser aber zögert, das Urteil zu unterzeichnen. Er will allein mit dem Freund sprechen, der ihn verriet. Sesto gibt das Geheimnis seiner Tat nicht preis. Er ist bereit, zu sterben. Obwohl ihm das Schweigen seines schuldigen Freundes ein Rätsel bleibt, beschließt Tito, das Todesurteil aufzuheben.
Vitellia, durch Servilias Bitten bestürmt, entschließt sich endlich doch, Sesto durch ein Geständnis zu retten. Reumütig wirft sie sich dem Kaiser zu Füßen. Tito sieht sich von allen verraten. Aber er will der Rache nicht das letzte Wort lassen. Er schenkt den Attentätern und Verschwörern Leben und Freiheit. Das Volk preist das Glück dieses historischen Augenblicks.
Regisseur Jan Lauwers verzichtet in seiner Inszenierung darauf, simple Gut-Böse-Schablonen über die Figuren zu stülpen. Stattdessen lotet er die Vielschichtigkeiten der Charaktere aus und zeigt – wie von Mozart gefordert – eine »wahre Oper«, also wahre Menschen, wahre Seelenlandschaften. Es gelingt ihm, Musik und Bild, Video und Tanz, Raum und Klang miteinander zu verweben und so ein umfassendes Kunstwerk zu erschaffen. Mehrdeutigkeit ist dabei bestimmendes Prinzip: Lauwers schafft einen assoziationsreichen Raum, in den man intuitiv eintauchen kann. Im Sinne einer Vieldeutigkeit verortet der Regisseur die Handlung weder zeitlich noch örtlich, sondern entwirft überzeitliche Bilder voll suggestiver Erzählkraft.
Dem Kompositionsauftrag und der Vorlage, einem Libretto Pietro Metastasios, entsprechend, warf Mozart mit La clemenza di Tito einen Blick zurück auf die Opera seria. Indem er mit einer laut seinem Werkverzeichnis „zu einer wahren Oper reduzierten“ Fassung des Dresdner Hofdichters Caterino Mazzolà arbeitete, hatte der Komponist allerdings eine kompaktere und der musikalischen Dynamik entgegenkommendere Fassung zur Verfügung: Von den ursprünglich 25 Arien blieben nur sieben erhalten, vier mit neuem Text kamen hinzu.
Auch innerhalb der zur Entstehungszeit gelobten „strengen Form“ gelangen Mozart ergreifende Momente wie das Duett No. 7 (Annio und Servilia). Das Quintett zum Finale des 1. Aktes weist als spannungsreiches Aktionsfinale über die ältere Opera seria hinaus und vermag sogar Erinnerungen an die Finali der Da-Ponte-Opern aufblitzen zu lassen. Bemerkenswert sind auch die Arien mit obligatem Klarinetten- bzw. Bassethornsolo (No. 9, Sesto und No. 23, Vitellia), die Mozart für seinen Freund und Logenbruder Anton Stadler schrieb, einen Virtuosen auf beiden Instrumenten.
Als Krönungsoper anlässlich der Krönung Kaiser Leopolds II. hatten die böhmischen Stände das Werk beauftragt – eine Krönung, die Joseph II. noch verweigert hatte. La clemenza di Tito war von den vom Klerus und Adel dominierten Ständen auch als ein Appell an die Milde Leopolds in dem Sinne gemeint, dass sie sich die Rücknahme der zentralistischen Reformen Josephs II. zugunsten regionaler Privilegien erhofften. Eine Hoffnung, die enttäuscht wurde.
Gegenüber der Metastasio-Fassung fällt an der Oper des Freimaurers Mozart, die immerhin im Angesicht der Französischen Revolution uraufgeführt wurde, auf, dass die Milde des Herrschers nicht mehr aus dessen Gottesgnadentum, sondern aus seinen eigenen moralischen Überzeugungen erklärt wird.