Über das Werk
Die beiden Kurzopern Eine Florentinische Tragödie und Herzog Blaubarts Burg sind inhaltlich durch eine zentrale Thematik verbunden: Es geht um das fortschreitende Erkennen des nur scheinbar vertrauten Gegenübers.
In Zemlinskys Eine Florentinische Tragödie mündet die Ermordung von Biancas Geliebtem durch ihren eifersüchtigen Gatten Simone in einem Dialog der beiden Eheleute, der ganz überraschend einen neuen Liebesbeginn signalisiert.
In Bartóks Einakter wird Judiths Reise zu den inneren Abgründen des von ihr geliebten Herzog Blaubart – symbolisiert durch das Öffnen sieben geheimnisvoller Türen – hingegen in Dunkelheit und Einsamkeit enden.
Eine florentinische
Tragödie/
Herzog Blaubarts Burg
Handlung
Der wohlhabende Florentiner Tuchhändler Simone und seine Frau Bianca haben scheinbar jede Zuneigung zueinander verloren. Eines Tages kehrt Simone unvermutet von einer Geschäftsreise nach Hause zurück und überrascht Bianca mit einem fremden jungen Mann. Zwischen den beiden ist spürbar eine Liebesbeziehung im Entstehen, doch der augenblicklich eifersüchtig gewordene Simone tut, als bemerkte er nichts.
Vielmehr verwickelt er den Nebenbuhler, der sich als Guido Bardi, einziger Sohn des regierenden Herzogs, entpuppt, in einen gepflegten Austausch von Höflichkeiten. Simone mimt erfolgreich den servilen Kaufmann, der ausschließlich von merkantilen Interessen gelenkt wird, geschäftstüchtig seine Ware anpreist und auch im »Gast« lediglich einen möglichen, hochgestellten Kunden sieht. In Wahrheit führt er vom ersten Moment an einen äußerst subtil ausgefochtenen Kampf: Simone übergeht das provokante Benehmen, die herausfordernd unzweideutigen Anspielungen des arroganten Gegenspielers und lädt diesen sogar zum gemeinsamen Abendessen ein.
Doch spätestens, als Guido Bardi tief in der Nacht aufbrechen möchte und Simone daraufhin ein als freundschaftliches Kräftemessen getarntes Duell vorschlägt, wird auch dem Prinzen klar, dass es in Wahrheit um Leben und Tod geht. Das Gefecht der beiden spitzt sich in wenigen Augenblicken dramatisch zu: Bald ist Simone verwundet und Bianca nimmt nun offen Partei für ihren Geliebten, indem sie ihn anfeuert, den Ehemann endlich zu töten. Dennoch gelingt es Simone schließlich, Guido Bardi zu überwältigen und mit bloßen Händen zu erwürgen. Der Tod des Prinzen bewirkt jedoch eine überraschende, kathartische Verwandlung der beiden: In größter Begeisterung und mit neu entzündeter Leidenschaft füreinander, fallen sich Simone und Bianca in die Arme.
Judith ist in Liebe zum rätselhaften Herzog Blaubart entbrannt. Sie schlägt alle dunklen Gerüchte, die über ihn verbreitet werden, insbesondere über den Verbleib seiner früheren Ehefrauen, in den Wind und verlässt für ihn, ohne zu zögern, ihre Eltern, ihren Bruder und ihren Verlobten.
In der Burg Herzog Blaubarts angekommen, ist sie tief erschüttert von der dort herrschenden Stille, den mächtigen, feuchten Mauern, der Dunkelheit und Eiseskälte. Aber sie beschließt, zu bleiben und durch ihre Liebe die unwirtliche Umgebung zu verwandeln. Da erblickt sie sieben verschlossene Türen und fordert, um dauerhaft alles Verborgene aufdecken zu können, vom Herzog Schlüssel auf Schlüssel, die Blaubart ihr widerstrebend aushändigt. Voller Erschaudern erkundet sie auf diese Weise Stück für Stück die Geheimnisse der Burg: Hinter der ersten Tür stößt sie auf eine Folterkammer, hinter der zweiten auf eine Waffenkammer, hinter der dritten auf eine Schatzkammer, hinter der vierten auf einen sonderbaren Garten – und jedes Mal entdeckt sie mit Grauen, dass all das Aufgefundene von Blut durchtränkt ist.
Selbst die große, wunderschöne, lichtdurchflutete Landschaft – das prächtige Reich des Herzogs –, die sich nach dem Öffnen der fünften Tür vor ihr entfaltet, wird für Judith durch die beunruhigenden blutigen Schatten vorbeiziehender Wolken zu einer bedrückenden Erfahrung. Trotz der eindringlichen Warnungen des Herzogs fordert sie daraufhin auch den Schlüssel zur sechsten Tür, hinter der ein stiller, weißer See aus Tränen zum Vorschein kommt. Nun ist Judith nicht mehr zu halten. Sie meint zu wissen, was sie hinter der letzten Tür erwartet: Die Leichen der drei ermordeten, früheren Frauen Blaubarts. Taub für jede Bitte, jede Liebesbeteuerung, jede Mahnung des Herzogs erwirkt sie in höchster Erregung die Offenbarung des letzten Geheimnisses – und zu ihrem großen Entsetzen treten ihr nach dem Öffnen der siebenten Tür die prächtig gewandeten und geschmückten früheren Ehefrauen entgegen: lebend. Für Blaubart symbolisieren sie Morgen, Mittag und Abend – so wie Judith, als vierte Ehefrau hinzugefügt, von da an für die Nacht stehen wird.
Regisseur Vasily Barkhatov begreift den Abend als die Geschichte eines einzigen Paares, dessen hochemotionale Beziehungsentwicklung und Beziehungsarbeit wir, das Publikum, mitverfolgen dürfen: In der Florentinischen Tragödielernt man Bianca und Simone kennen. Ganz kurz, im Zeitraffer, wird der Beginn der Ehe geschildert, das Glück, das die beiden aneinander und am gemeinsam gegründeten noblen Innenausstattungsgeschäft hatten.
Doch Alltag und Routine ließen die anfängliche Leidenschaft und Freude bald erkalten, und so befinden sich die beiden mittlerweile am Totpunkt ihres gemeinsamen Lebens. Um der Beziehung doch noch eine Chance zu geben, engagiert Bianca einen Psychotherapeuten. Und dieser schlägt ein Rollenspiel vor – in den Räumlichkeiten des Geschäftes. Der Tenor ist hier kein geheimer Liebhaber Biancas, sondern einer, der kommt, um dem Zusammenleben der beiden wieder auf die Sprünge zu helfen. Wie oft in vergleichbaren Situationen findet der Ehemann, Simone, dieses Rollenspiel einfach nur lächerlich und sinnlos und macht nur notgedrungen mit.
Allerdings wird er, ohne es gleich zu merken, immer tiefer ins Geschehen hineingezogen. Nicht zuletzt, weil der Therapeut in diesem Spiel den Namen Guido Bardi annimmt, eines tatsächlichen früheren Geliebten Biancas, und auf diese Weise Simones Eifersucht dermaßen aufstachelt, dass alles außer Kontrolle gerät. Schließlich rastet Simone aus und tötet den Therapeuten. Aber gerade dieser Rückfall ins Animalische, dieses dem Wüten eines steinzeitlichen Kriegers vergleichbare Morden, entzündet in Bianca die frühere Leidenschaft, und auch Simone sieht Bianca wieder mit neuen, bewundernden Augen. Der Therapeut war also erfolgreich, bezahlt aber den Erfolg mit seinem Leben. Für die Pause zwischen den Stücken behauptet die Produktion, dass Bianca und Simone hinter dem geschlossenen Vorhang als Krönung ihres Wiederzueinanderfindens einen befreienden Sexualakt erleben.
Mit dem Auftauchen aus dem eben erlebten Sinnesrausch beginnt nach der Pause Bartóks Herzog Blaubarts Burg. Angesichts dieser Extremsituation, angesichts des Vorgefallenen ist das Ehepaar nun bereit, endgültig alle Karten auf den Tisch zu legen. Und so zwingen sie sich, zu zweit alle früheren Etappen ihrer Beziehung ein für alle Mal aufzuarbeiten. Die sieben verschlossenen Türen zielen in dieser Produktion nicht nur auf das Innenleben Blaubarts allein. Im Gegenteil: Sie meinen das Aufdecken gemeinsam erlebter Traumata, das Sichtbarmachen aller verdrängten, gegenseitig geschlagenen Wunden.
Der notwendige Prozess des symbolhaften Öffnens der Türen bekommt dadurch alptraumhafte Züge. Aber gerade das für beide schmerzhafte Durchschreiten dieser gemeinsamen Vergangenheit heilt das Gewesene in dem Moment, in dem sie sich ihr stellen.
Am Ende des Stückes wird sich das Paar auf einem neuen Beziehungsniveau entdecken, einem dauerhaft tragfähigen Niveau. Der letzte Satz Blaubarts »Und von nun an wird es für immer Nacht sein...« ist somit nicht im üblichen hoffnungslos-desillusionierten Sinn zu verstehen, sondern als positive Definition des neuen Status quo. Man erlebt also ein zufriedenes Paar, das nach einem langen Tag gemeinsam zu Bett geht. Und auch das ist ein Fazit dieses Abends: Jene irren, die meinen, man könne das Glück nicht auf das Unglück anderer bauen. Das Protagonistenpaar baut sein Glück auf den Tod eines Dritten auf. Und dieser Dritte wird einfach unters Bett geschoben …
Obwohl nahezu zur selben Zeit entstanden, bieten die zwei Stücke des Abends, Eine Florentinische Tragödie und Herzog Blaubarts Burg, vollkommen unterschiedliche Klangwelten, was dieser Kombination einen zusätzlichen Reiz verleiht. In Herzog Blaubarts Burg, vom Librettisten Béla Balázs als Mysterium bezeichnet, hört man den Einfluss der französischen Impressionisten ebenso heraus wie Béla Bartóks Beschäftigung mit der osteuropäischen Volksmusik. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Orchester, das hier die eigentliche Hauptrolle übernimmt und die emotionale Berg- und Talfahrt der Akteure ebenso schildert wie die eigentliche Erzählung des Dramas. Den beiden Handelnden, Judith und dem Herzog, kommt über große Strecken der Part einer kommentierenden Deklamation zu.
In Alexander Zemlinskys Eine Florentinische Tragödie blüht dem Publikum, von Oscar Wildes bildreicher Dichtung inspiriert, eine ungemein üppige Orchesterpracht entgegen, die zwischen der Spätromantik und der Moderne changierend, klar von Johannes Brahms, Gustav Mahler und Richard Strauss beeinflusst wurde.
An der Wiener Staatsoper wurden Eine Florentinische Tragödie und Herzog Blaubarts Burg jeweils erst ein einziges Mal produziert: Eine Florentinische Tragödie kam im Uraufführungsjahr 1917 auf eine einzige Vorstellungsserie, und Herzog Blaubarts Burg erreichte zwischen 1985 und 1989 lediglich neun Vorführungen. Die Neuproduktion bringt somit beide Werke nach langer Pause wieder zurück ins Repertoire des Hauses. Und das in einer Besetzung mit geradezu ikonischen Sängerpersönlichkeiten der Opernwelt. So wird Asmik Grigorian beide Frauenrollen übernehmen und dadurch eine zusätzliche Verbindung zwischen den Stücken schaffen. Als Herzog Blaubart kehrt Florian Boesch zurück, und als Simone wird Christopher Maltman mit einer weiteren Partie auf dieser Bühne zu erleben sein.
Diese Produktion wird gefördert von
»Eine florentinische Tragödie« wird unterstützt vom Alexander Zemlinsky Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.