Welt am Abgrund
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Direkt steigt man in die Handlung ein: Hier ein Vorgesetzter, der sich rasieren lässt, dort ein Untergebener, nämlich Wozzeck, der gehänselt und gequält, gescholten und herumgestoßen wird. Und das von fast allen: vom Doktor, der ihn für fragwürdige medizinische Experimente missbraucht, vom Hauptmann, von der ihn umgebenden Welt: überall Sadismen und Spott.
Was Alban Berg in seiner Oper erzählt, ist die Geschichte einer gepeinigten Kreatur, die, von Visionen und Ängsten bedrängt, von der Gesellschaft verlacht und gequält, aus ihrer Existenz getrieben wird – bis es zur finalen Katastrophe kommt: Wozzeck, der nur noch bei seiner Geliebten Marie Halt findet, ermordet diese, nachdem sie ihn betrogen hat, und geht selbst tragisch zugrunde. Zurück bleibt das gemeinsame Kind. Wie Berg in den letzten Takten der Oper dessen Einsamkeit, aber auch Unschuld, zeigt und – wenn man es so hören will – die Tragik seines künftigen Lebens andeutet: das packt und schüttelt einen, wie so vieles in der Oper.
Den Anfang nahm das Werk in Wien, in den heutigen Kammerspielen im ersten Wiener Gemeindebezirk. Denn hier, im Jahr 1914, erlebte Alban Berg eine Aufführung von Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck. Und war vom Gesehenen so beeindruckt, dass er augenblicklich an eine Vertonung des Stoffes dachte. Büchners Stück wiederum beruhte auf historischen Begebenheiten, genauer: auf mehreren Kriminalfällen. Vor allem auf eine Person aus dem 19. Jahrhundert konzentrierte er sich: auf den ehemaligen Soldaten Johann Christian Woyzeck, der, sozial heruntergekommen, der Gesellschaft entfremdet, von Wahnvorstellungen gequält, seine langjährige Geliebte aus Eifersucht mit sieben Messerstichen ermordete. Der Tat folgte ein langer Prozess, in dem es auch um die Frage der Zurechnungsfähigkeit des Mörders ging. Obgleich der Fall nie ganz geklärt wurde, richtete man Woyzeck hin – für manche nur der brutale Versuch, an ihm ein abschreckendes Exempel zu statuieren. Gerade diese Diskussionen und die sozialen Umstände waren es, die Büchner interessierten. Als Doktor der Philosophie und Naturwissenschaftler setzte er sich gleichermaßen mit den wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Aspekten der Welt auseinander, entwickelte revolutionäre Ideen – man denke an seine Schrift Krieg den Palästen!. Genau so ist sein Woyzeck zu lesen: gleichermaßen als sozialer Aufschrei wie auch als Annäherung an damals heftig diskutierte ethisch-wissenschaftliche Fragen. Und als eine psychologische Studie. Nicht umsonst lässt er seinen Woyzeck flüstern: »Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut.«
Im Falle des Komponisten Berg ging es genau um diese Psychologie, um die tragische Handlung, die tragischen Figuren – und das sozial Beklemmende. »Es ist nicht nur das Schicksal dieses von aller Welt ausgenützten und gequälten armen Menschen, was mir so nahe geht, sondern auch der unerhörte Stimmungsgehalt der einzelnen Szenen«, schrieb er später an den Komponisten und Freund Anton Webern.
»Und das ist nun die große Überraschung. Das ist eine Oper!! Eine echte Theatermusik!«
Auch Bergs Sympathien lagen, wie jene von Büchner, bei den »armen Leut’«, und so ist es auch folgerichtig, dass nur diese Namen tragen dürfen, wohingegen den anderen wie dem Doktor, dem Hauptmann und dem Tambourmajor die Personalisierung fehlt und sie nur das verallgemeinerte, grundsätzlich Böse darstellen.
Für das Libretto, das er selbst einrichtete, wählte Berg Szenen aus der Schauspielvorlage aus, stellte um und kürzte. Dabei griffen musikalische Konzeption und Textbearbeitung ineinander: »Die Musik wurde nicht zu einem Text geschrieben, sondern dieser wurde in den Plan der Komposition eingefügt. Bergs Absicht ist unverkennbar, Gestalt, Inhalt und Sprachgewalt der Dichtung nicht zu verzerren oder abzuschwächen«, so der Musikwissenschaftler Ernst Hilmar. Doch die Vertonung zog sich, aus unterschiedlichen Gründen, in die Länge, erst 1922 war die Partitur im Wesentlichen abgeschlossen. Während zeitgleich Erich Wolfgang Korngold seine melodiesüffigen, klangreich schimmernden Opern schrieb, ging Berg mit dem Wozzeck einen gänzlich anderen Weg. In weiten Teilen atonal löste er eine – von ihm gar nicht explizit beabsichtigte – Diskussion aus. Gleichzeitig berief sich der Komponist auf flexibel gehandhabte historische Formen wie die barocke Suite, die das dramatische Geschehen subkutan strukturieren. Entstanden ist eine Oper, die eine Symbiose aus psychologischer Analyse, sozialem Aufschrei und höchstpersönlichem künstlerischen Ausdruck ist: das »erste Modell einer Musik des realen Humanismus«, wie Adorno es einst formulierte.
Ein kleines Detail: Es war Bergs Lehrer Arnold Schönberg, der anfangs kritisch zu der neuen Oper stand, ja, seinem Schüler von ihr abriet. Doch dann, als das Werk fertig war, packte den gestrengen Älteren die Begeisterung: »Ich habe nun allerdings als sicher angenommen, dass Berg etwas Talentvolles zusammenbringt, aber doch meine großen Zweifel gehabt, ob er etwas wirklich theatermäßiges zusammenkriegt. Und das ist nun die große Überraschung. Das ist eine Oper!! Eine echte Theatermusik!« Gewidmet ist das Werk übrigens Alma Mahler, der Witwe Gustav Mahlers.
In der aktuellen Wozzeck-Produktion der Wiener Staatsoper setzt sich Regisseur Simon Stone nicht mit einer historischen Gegebenheit auseinander, sondern bringt die Handlung in die unmittelbare Gegenwart. Es sind Schauplätze, wie wir sie alle kennen; Menschen, wie sie uns begegnen. Stone verlagert das Geschehen aus der militärischen Umgebung des Originals ins heutige Wien, um die Tragik des Stoffes nicht durch einen historischen Filter zu mildern. Hier und jetzt spielt Wozzeck: in der U-Bahn-Station, beim Würstelstand. Der Regisseur: »Es wäre viel zu einschränkend und verengt gedacht, all die hier geschilderten Repressionen, Brutalitäten, Missbräuche und Sadismen in die Grenzen eines vergangenen, rein soldatischen Biotops einzuzwängen. Die fatalen Konsequenzen, die entstehen, wenn einzelne Personen Macht über andere gewinnen und diese demütigen, sind allgegenwärtig und auf jede Gesellschaft übertragbar.« Wie in einer Dokumentation wird in Stones Inszenierung das Geschehen analysiert, gleichzeitig kippt die Perspektive aber immer wieder, sodass man mit dem halluzinativen Blick Wozzecks auf die Welt schaut. So gelingt es, dessen Leiden umfassend zu zeigen: einerseits die Drangsalierung durch seine Mitmenschen und andererseits der quälende Wahn in seinem Kopf. Und doch: »Wozzeck ist zweifellos ein vielfaches Opfer. Aber – und das ist wichtig – der Mord an Marie macht ihn zum Täter, und diese Tat ist nicht ableitbar aus seiner Opferrolle!«, so Stone. »Denn es gibt genügend Menschen in ähnlichen Situationen, die trotzdem nicht gewalttätig werden. Eine wichtige Lektion, die uns durch Büchner und Berg noch einmal eindringlich vorgeführt wird.«
Nach seiner bejubelten Fidelio-Premierenserie kehrt Franz Welser-Möst mit der Wiederaufnahme von Wozzeck ans Staatsopern-Dirigentenpult zurück. Unter seiner Leitung singt Marlis Petersen erstmals im Haus am Ring die Marie, Johannes Martin Kränzle gibt die Titelpartie.