Vom Sneaker zum Spitzenschuh
Ballett |
In seiner zweiten Staatsopern-Premiere begegnet das Wiener Staatsballett drei außergewöhnlichen Tanzkünstler*innen. Justin Peck, Wayne McGregor und Twyla Tharp erforschen das Ballett und dessen Möglichkeiten in Bewegung auf individuelle Art und Weise und lassen so Visionary Dances für eine zeitgenössische Ballettkunst entstehen.
Um eine Kunstform in der Gegenwart oder gar Zukunft zu etablieren, muss man sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Das Ballett und der Tanz besitzen ein reiches Erbe, das wiederum inspiriert und eine aufregende Basis für die Kunst der Choreografie im Heute sein kann. So scheint es nur folgerichtig, dass der neue Ballettabend Visionary Dances mit dem Werk abschließt, das nach seiner Premiere 1986 zu einem ikonischen Stück im Ballettkanon wurde und 2026 sein 40. Jubiläum feiert: Twyla Tharps In the Upper Room. Als eine der wichtigsten zeitgenössischen Choreografinnen hat sich Tharp seit Beginn ihrer Karriere in den 1970er-Jahren ein vielseitiges Œuvre erarbeitet, das nicht nur Choreografien für pure Tänze beinhaltet, sondern auch für Hollywood-Filme, den Broadway und Eiskunstlauf.
»Tharps vielfältige choreografische Erscheinungsformen – als radikale Avantgardistin Mitte der 1960er-Jahre und später als erste ›moderne‹ Tänzerin, die für das Ballett, für das Musical und für das Eiskunstlaufen choreografierte – forderten die Annahmen der Hochkultur über die Rolle der Künstlerin als besonders feinfühlige Zeugin der Wahrheiten menschlicher Existenz heraus. Ihr selbst proklamiertes Interesse am ›Betteln, Leihen und Stehlen‹ sowie ihr subversives Experimentieren mit den Ausdrucksformen der Populärkultur hoben sie als rebellische Begründerin einer neuen hybriden Form des Tanzes hervor«, schreibt Susan Foster in The Signifying Body: Reaction and Resistance in Postmodern Dance.
Damit verweist Foster auf Tharps Gespür, Grenzen in komplexen choreografischen Bearbeitungen diverser Bewegungsmotive auszuloten und den Körper als expressives Ausdrucksmittel zu verstehen. Schrittmaterial aus dem Alltag wie das Gehen, der Moderne Tanz, das Ballett, Jazz- und Stepptanz und sogar Sportarten – etwa das Boxen – fanden so Einklang in ihr reichhaltiges Bewegungsvokabular, welches die Seherfahrungen und ästhetischen Vorstellungen des Publikums nachhaltig verändert hat.
In the Upper Room, uraufgeführt mit ihrer eigenen Compagnie Twyla Tharp Dance, ist ein Exempel par excellence für Tharps Tanzkunst: Zu der gleichnamigen Auftragskomposition von Philip Glass trifft in dieser Choreografie Klassik auf moderne Athletik, Spitzenschuh auf Sneaker, rohe Kraft auf außergewöhnliche Grazie – all das geprägt von ungemeiner Körperlichkeit und Lebendigkeit. Die Idee dahinter ist einfach: eine choreografische Untersuchung von gegensätzlichen Elementen auf einer Bühne innerhalb eines Werkes. Das betrifft nicht nur das Vokabular des Balletts und des modernen Tanzes, sondern auch Entscheidungen über Richtungen, Bewegungsarchitektur und emotionale Zugänge. Die treibenden Rhythmen von Philip Glass führen so zu einem berauschenden Tanz, der in seiner inszenierten »Lockerheit« vor allem von einer choreografisch-mathematischen Präzision geprägt ist.
»Kein Ballett des Choreografen Justin Peck gleicht dem anderen; mit jedem Auftrag stellt er sich neue choreografische Hürden. Mr. Peck ist rasch zu einem der bedeutendsten Ballettchoreografen der Vereinigten Staaten aufgestiegen. Zwei besondere Eigenschaften haben ihn an die Spitze gebracht: die mitreißende formale Architektur seiner Tänze und der kinästhetische Reiz seiner Bewegung.«
Auch der amerikanische Choreograf und zweifache Tony Award-Preisträger Justin Peck, dessen Werk erstmals mit dem Wiener Staatsballett aufgeführt wird, fühlt sich zu einem interdisziplinären Arbeiten hingezogen. 2014 als zweiter Choreograf in der Geschichte des New York City Ballet zum Resident Choreographer dieses renommierten Ensembles ernannt, hat er sich seither nicht nur im internationalen Ballettkosmos einen Namen gemacht, sondern auch erfolgreich für den Film und am Broadway inszeniert und choreografiert:
»Ich habe das Glück, dass der gemeinsame Faktor in all diesen Dingen der Tanz ist und, sei es Theater oder Ballett, dieser ist eine Sprache, die ich zu sprechen weiß. Die Ausdrucksfähigkeit der anderen Genres hat mich schon immer fasziniert. Ich bin mit Broadway-Shows und Musicals aufgewachsen und habe natürlich auch viele Filme gesehen, sodass es mich sehr inspiriert, an der Entstehung von Werken aus anderen Gattungen teilzuhaben. Ich mag es nicht, nur eine Sache zu machen. Die Vielfalt der Arbeit ist es, die mich kreativ am Leben hält. Die verschiedenen Künste gleichen sich gegenseitig aus und ich lerne viel von jedem einzelnen Genre, das ich in das nächste einbringen kann. Sie alle funktionieren ein bisschen anders und ich liebe diesen gegenseitigen Einfluss.«
Pecks Choreografien sind unverkennbar und geprägt von einer Originalität, Leichtigkeit und Frische, ohne jemals banal oder einfach zu sein. Modern anmutende Ballettbewegungen treffen in seinen Werken auf eine hochmusikalische Komplexität. Und auch in Pecks Werkverzeichnis findet sich – vielleicht von Twyla Tharp oder dem ehemaligen Associate Artistic Director des New York City Ballet Jerome Robbins inspiriert – der eine oder andere Turnschuh, der sich unter die Spitzenschuhe mischt.
Seine Kreation Heatscape, 2015 für das Miami City Ballet entstanden, eröffnet das Triple Bill Visionary Dances und läutet einen Abend voller sprühender Energie ein. Inspiriert von den mit Street Art bestückten Straßen im Wynwood Art District in Miami, die sich visuell vor allem im Bühnenbild des Künstlers Shepard Fairey wiederfinden, lässt Peck seine Tänzer*innen vor einem großen, farbintensiven Prospekt, der den gesamten Bühnenhintergrund einnimmt, erwachen. Als ob das Kunstwerk sie zum Leben erweckt oder zumindest zum Bewegen inspiriert, choreografiert Peck zum Konzert für Klavier und Kammerorchester Nr. 1 des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů große, schnelle und harmonische Ensembleszenen in geometrischen Formationen – »Linien, Kreise und Gruppen entstehen an unterschiedlichen Stellen und in verschiedenen Winkeln auf der Bühne und setzen dabei eindrucksvolle Akzente« – genauso wie einen intimen, an die vergängliche Romantik erinnernden Pas de deux.
»Ich bin fasziniert von der Technologie des Körpers und seinem Potenzial, durch Bewegung neue Parameter dessen zu entdecken, was es bedeutet, menschlich zu sein.«
Der Mittelteil von Visionary Dances widmet sich dem britischen Choreografen Wayne McGregor. Bereits seine Choreografie Eden | Eden sorgte 2017 für Staunen in der Wiener Staatsoper. Nun taucht das Ensemble des Staatsballetts mit Yugen in eine ganz andere Welt, kreiert durch den Choreografen, ein: Yugen evoziert eine wechselhafte Schönheit durch einfache Mittel. Dieser aus der japanischen Ästhetik abgeleitete Begriff steht für das Werk, das jene geheimnisvolle, tiefe Anmut durch die Beziehungen von elf Körpern auf der Bühne erforscht. Inspiriert von Leonard Bernsteins eindrucksvollen Chichester Psalms schuf Wayne McGregor in Zusammenarbeit mit dem Keramikkünstler und Autor Edmund de Waal eine klare, reduzierte Bühnenästhetik, ergänzt durch Kostümentwürfe von Shirin Guild und ein Lichtdesign der langjährigen Weggefährtin Lucy Carter.
Bernsteins lebensbejahende Komposition – eine eklektische Mischung aus hebräischen Texten, Broadway-Jazz und christlicher Chormusik – lieferte McGregor jene Inspiration, dem Unergründbaren und geheimnisvoll-subtilen Schönen, das in jedem Körper steckt, durch den Tanz eine Form von Visualisierung zu geben: »Es ist ein außerordentlich kraftvolles Werk, es ist organisch und ermöglicht eine Flüssigkeit im Körper, eine weiche und feinsinnige Beziehung zur Bewegung, die sich im Verlauf des Stücks ständig verwandelt«, sagt der Choreograf über seine Musikauswahl.
Wayne McGregor, 2024 von König Charles III. zum Ritter geschlagen, zählt unangefochten zu den wegweisendsten und einflussreichsten britischen Choreografen. Mit seinen radikalen, genreübergreifenden Innovationen hat der Künstler die Sprache des zeitgenössischen Balletts nachhaltig verändert. Ausgangspunkt seiner Arbeit ist dabei stets eine unermüdliche Neugier auf Bewegung – auf ihre Struktur, ihre Intelligenz, ihr kreatives Potenzial. Dieses Interesse führt McGregor immer wieder in produktive Grenzbereiche zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie, aus deren Dialogen dann vielschichtige, oft überraschende Arbeiten entstehen, die seit mehr als drei Jahrzehnten Maßstäbe in der internationalen Tanz- und Performance-Landschaft setzen.
Vom Sneaker zum Spitzenschuh –
Visionary Dances zeigt, wie lebendig das klassische Vokabular im Dialog von Vergangenheit und Gegenwart ist und immer bleiben wird.
»Die drei Choreograf*innen haben das klassische Ballett erweitert und in neue Richtungen geführt. Twyla Tharp war die erste, die diese Tür mit ihrem ikonischen Werk In the Upper Room öffnete. Zum ersten Mal brachte sie zwei verschiedene Welten zusammen: die moderne und die klassische. Dieses Stück hat die Geschichte des Balletts nachhaltig geprägt. Justin Peck und Wayne McGregor fanden ihren Stil auf sehr unterschiedliche Weise. Sie haben ihre eigene Stimme geschaffen und sind in verschiedene Bereiche vorgedrungen. Justin Peck arbeitet am Broadway, an Filmen, er hat eine sehr originelle amerikanische Sprache. Heatscape ist eines seiner klassischsten Werke. Wayne McGregor hat das klassische Ballett auf die Spitze getrieben und die Regeln gebrochen. Yugen zeigt eine andere Seite von ihm, ist sehr lyrisch, bewegend und zerbrechlich. Wayne McGregor kann die wahre Tiefe einer Emotion auf abstrakte Weise erforschen.«