Verliebt in den Opernball
Interview |
Die PR- und Marketing-Expertin Susanne Athanasiadis ist – nach Stationen bei Ö3, dem Kurier, dem ORF und einer zwölfjährigen Selbstständigkeit – seit 2020 Marketing- und Kommunikationschefin der Wiener Staatsoper. Darüber hinaus leitet sie seit 2023 mit größtem Enthusiasmus die Organisation des Opernballs, der diesmal am 12. Februar über die Bühne geht und in alle Welt übertragen wird. Wenige Wochen vor dem großen Ereignis, gewissermaßen während des Endspurts, pflegt Susanne Athanasiadis die Kunst der Bilokation: Sie scheint gleichzeitig an allen Orten des Hauses zu sein, um auf diese Weise überall nach dem Rechten zu sehen. Daher fand sie, trotz ihres enormen Arbeitspensums, auch Zeit für dieses Interview.
Zum Aufwärmen vielleicht ein paar kurze Fragen à la Wordrap:
Gut, leg los!
Was bedeutet der Opernball für dich?
Ich sage gerne, er ist mein „liebstes Hobby“, denn meine eigentliche Aufgabe an der Oper ist die Leitung der Abteilung Marketing & Kommunikation sowie der Guided Tours.
Und woher nimmst du die Zeit für dieses Hobby? Du hast mit deinem eigentlichen Job schon genug zu tun.
Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Es ist alles eine Frage der Selbstorganisation und vor allem eines funktionierenden Teamworks. Mir steht ein Super-Team zur Seite!
Und woher nimmst du die Energie?
Sowohl die Oper als auch der Opernball machen Menschen glücklich. Hier Mitverantwortung zu tragen, macht einen selbst glücklich und setzt ungeheure Energien frei.
»Sowohl die Oper als auch der Opernball macht Menschen glücklich. Hier Mitverantwortung zu tragen, macht einen selbst glücklich und setzt ungeheure Energien frei.«
Warst du schon vor deiner aktiven Staatsopern-Zeit auf einem Opernball?
Zweimal, aber das ist schon länger her.
Ziehst du dich während des Balls gelegentlich in dein Büro zurück, um die Beine auszuschütteln?
Ins Büro gehe ich nur, wenn ich die Tanzschuhe gegen die Plateau-Sneakers auswechsele.
Kannst du dir am nächsten Tag überhaupt noch die Fernsehberichterstattungen über den Opernball anschauen?
Das muss ich sogar, um Feedback geben zu können – selbst auf die Gefahr hin, mich selbst im Bild zu sehen.
Besucht dein Mann ebenfalls den Opernball?
Im ersten Jahr musste ich ihn noch überreden, damals hat er Blut geleckt, und seither kommt er sehr gerne freiwillig mit. Da ich ihm vor zwei Jahren zu Weihnachten einen Frack geschenkt habe, ist er auch bestens ausgestattet.
Wie fühlst du dich, wenn die Debütantenpaare ganz zu Beginn die Tanzfläche betreten?
Mein Puls ist ungefähr bei 200. Ansonsten bin ich gerührt, stolz, glücklich – ein tolles Gefühlsgemisch!
Der Ball ist um fünf Uhr am Morgen zu Ende. Kannst du danach überhaupt schlafen?
Der Adrenalinspiegel steht dem entgegen. Außerdem muss ich bald wieder in die Oper, da die beiden Kinder-Zauberflöte-Vorstellungen warten.
Hängst du dir zu Hause die Opernballplakate auf?
Ja, zwei hängen schon. Das heurige kommt ebenfalls auf die Wand.
Woran wirst du dich im Zusammenhang mit dem Opernball immer erinnern?
An mein erstes Live-Interview im Fernsehen. Zu wissen, dass mindestens eine Million Menschen live zusehen, ist schon ein eigenartiges Gefühl, an das man sich erst nach und nach gewöhnt. Damals war ich allerdings fast ohnmächtig vor Aufregung. Aber es ist alles gut gegangen.
Kommen wir nun zu etwas ausführlicheren Fragen: Ein Großereignis wie der Opernball, bei dem so vieles exakt zusammenspielen muss, bedarf einer sehr präzisen Planung und Organisation. Du bist seit 2023 federführend beteiligt. Wie sehen deine Aufgabenbereiche konkret aus?
Als es darum ging, den Opernball neu aufzustellen, waren wir uns alle einig, dass es sich um einen Event der Staatsoper handelt, an dem das gesamte Haus intensiv zusammenwirkt. Also sollte auch das Haus – vertreten durch den Direktor – als Gastgeber fungieren und nicht eine einzelne, externe sogenannte Opernball-Lady. In seiner Funktion als Direktor ist Bogdan Roščić daher der Einzige, der den Bundespräsidenten und das Publikum im Fernsehen begrüßt. Er selbst stützt sich, wie an jedem anderen Abend auch, auf ein Team, das sich um die Durchführung kümmert.
Im Fall des Opernballs sind das drei Personen: die Steirereck-Chefin Birgit Reitbauer als Spitzengastronomin Österreichs, Maryam Yeganehfar, die heute eine der erfolgreichsten Event-Agenturen des Landes betreibt und ein ungemeines Gespür für die Schönheit und Gestaltung von Räumen mitbringt, sowie ich selbst, bei der sowohl die organisatorischen und logistischen Fäden zusammenlaufen als auch der Verkauf der Karten, Tische und Logen.
Der Opernball setzt sich aus zwei Teilen zusammen: aus dem einstündigen Eröffnungsblock am Beginn und dann dem restlichen Abend, an dem sich alle nach Lust und Laune ins Geschehen werfen können. Dich interessiert vermutlich in erster Linie die Eröffnung?
Mich interessiert tatsächlich alles! Gerade die Vielfältigkeit des Angebots, die man in ihrer Breite nur mitbekommt, wenn man anwesend ist, gehört zu den Alleinstellungsmerkmalen dieses Balls: die zahlreichen Säle mit unterschiedlichster Musik von der 1980er-Jahre-Disco bis zum Walzer und zur Quadrille, die verschiedenartigsten Kulissen, in die man eintauchen kann, die Auswahl an Speisen und Getränken … Der Abend reicht definitiv nicht aus, um die angebotene Fülle in ihrer Gesamtheit auskosten zu können.
Du nanntest den Opernball vorhin dein liebstes Hobby. Wann lässt denn die Anspannung während des Abends nach?
Gar nicht. Wie auch? Los geht’s mit einem Foto-Shooting auf der Feststiege, gefolgt von einem Direktionsempfang für Künstlerinnen und Künstler sowie geladene Gäste nach dem Einlass um 20.15 Uhr. Vor und nach der Eröffnung sind TV-Interviews eingeplant, im Anschluss kümmert sich Birgit Reitbauer um den Gastrobetrieb, Maryam Yeganehfar inspektiert alle Räumlichkeiten, und ich besuche diverse Logengäste; dazwischen findet um zwei Uhr ein weiterer Direktionsempfang statt. Letztes Jahr habe ich es allerdings tatsächlich geschafft, von vier bis halbfünf zu tanzen. Noch dazu mit Christoph Santner, der gemeinsam mit seiner Schwester das Eröffnungskomitee betreut und damit für die Eröffnungschoreografie verantwortlich zeichnet. Was soll ich sagen? Er hat mich so meisterhaft geführt, dass ich das Gefühl hatte, großartig tanzen zu können …
Ein großes Thema unter Damen ist natürlich das Ballkleid. Musst du es farblich mit dem Blumenschmuck abstimmen?
Mehr oder weniger. Heuer wird es nicht die Farbe der Blumen haben, aber trotzdem dazu passen. Das Kleid wird von der österreichischen Designerin Michel Mayer für den Ball entworfen und mir lediglich zur Verfügung gestellt. Danach wird es verkauft. Einmal im Jahr bin ich so etwas wie eine „öffentliche Person“, ansonsten wirke ich ja immer hinter den Kulissen.
»Ich verstehe diese Veranstaltung durchaus als eine wichtige Leistungsschau des Hauses. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass es sich um ein weltweit einzigartiges Großereignis mit immenser internationaler Strahlkraft handelt!«
Nun eine ganz grundsätzliche Frage: Immer wieder taucht der Vorwurf auf, dass die Wiener Staatsoper wegen des Opernballs ihrer Bestimmung, nämlich allabendlich Opern- und Ballettvorstellungen auf höchstem Niveau anzubieten, jährlich für mehrere Tage nicht nachkommen kann. Warum ist es dennoch für das Haus gut und wichtig, den Opernball abzuhalten?
Zunächst einmal – und das wissen viele möglicherweise gar nicht: Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, diesen Ball auszurichten. Es ist also keine Entscheidung der jeweiligen Direktion, ihn abzuhalten oder nicht. Oder anders gesagt: Auch der Opernball gehört laut Bundestheaterorganisationsgesetz zur Bestimmung der Wiener Staatsoper, der sie nachkommen muss, und zwar, wie bei den Vorstellungen, auf dem allerhöchsten Niveau. Ich verstehe diese Veranstaltung daher durchaus als eine wichtige Leistungsschau des Hauses. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass es sich um ein weltweit einzigartiges Großereignis mit immenser internationaler Strahlkraft handelt! Unter den vielen Millionen, die den Ball im Fernsehen mitverfolgen, aber auch unter jenen, die live anwesend sind, finden sich Unzählige, die durch die einstündige Eröffnung erstmals Kontakt zu einem Opernhaus, zu Sängerinnen und Sängern, zu einem Ballett haben und vielleicht Feuer fangen oder zumindest beschließen, diese Gattung Musiktheater, insbesondere die Wiener Staatsoper, einmal aus der Nähe anzuschauen.
Marketingtechnisch gesehen also ein Riesengeschenk! Und das ist noch nicht alles. In der Direktion Roščić wurde nämlich zusätzlich etwas Essenzielles eingeführt: Die heißbegehrten Ranglogen und Bühnenlogen des Opernballs können zunächst einmal per Vorkaufsrecht erworben werden. Und dieses Vorkaufsrecht erhält man, wenn man ein höher zahlendes Mitglied des offiziellen Freundeskreises der Wiener Staatsoper ist, also Donator oder Benefactor+. Donator oder Donatorin ist mit einer Zahlung von 30.000 Euro pro Spielzeit verbunden. Dieses für uns so wichtige Geld fließt dann 1:1 der Nachwuchsarbeit der Staatsoper beziehungsweise dem Spielbetrieb der neuen Spielstätte NEST zu. Wenn man so will: Ein Vorkaufsrecht für all jene, die auch während des Jahres der Wiener Staatsoper verbunden sind – und nicht nur einmal beim Opernball.
Der zweite Vorwurf, der regelmäßig zu hören ist, lautet: Das ist der Ball der Reichen und Superreichen, von dem der Großteil der Bevölkerung ausgeschlossen ist.
Als wir 2023 nach der coronabedingten zweijährigen Pause wieder einen Opernball abhalten konnten, war die finanzielle Situation durch die hohe Arbeitslosigkeit beziehungsweise die weit verbreitete erzwungene Kurzarbeit, welche die Pandemie verursacht hatte, enorm angespannt. Und so stellten wir uns damals die Frage, auf welche Weise wir gerade durch den Opernball ein Zeichen der Solidarität setzen könnten. Das Ergebnis war der sogenannte Solidaritätsbeitrag, ein Aufschlag auf jede Ballkarte und auf jede Konsumation, der als Spende dem Verein Österreich hilft Österreich zugutekommt. Dieser Verein wurde vom ORF und den wichtigsten Hilfsorganisationen des Landes eingerichtet und unterstützt in Not geratene Menschen schnell und unbürokratisch. Letztes Jahr beispielsweise waren es Opfer der Hochwasserkatastrophe.
Finanziell nicht unwesentlich ergänzt werden diese mittlerweile obligatorischen Aufschläge durch eine weitere Besonderheit, die ebenfalls erst seit 2023 existiert: Es ist uns heuer zum vierten Mal gelungen, einen namhaften zeitgenössischen Künstler beziehungsweise dessen Erben zu gewinnen, dem Opernball ein eigenes Werk zu spenden. Im ersten Jahr war dies Georg Baselitz, im Jahr darauf Herbert Brandl, danach der Sohn Franz Grabmayrs und diesmal Arnulf Rainer, mit dem wir schon im Frühjahr entsprechenden Kontakt aufgenommen hatten. Diese Werke dienen einerseits als Sujet für das jeweilige Opernballplakat und gelangen andererseits ins Dorotheum zu einer Benefizversteigerung. Der Erlös kommt wiederum zu unserer Solidaritätsspende dazu. In Summe hat der Opernball auf diese Weise bisher rund 1,4 Millionen Euro eingebracht.
Und was die Reichen und Superreichen betrifft: Einmal den Zauber und die einzigartige Atmosphäre des Opernballs miterleben zu dürfen, zählt für viele der Besucherinnen und Besucher des Abends zu einem langgehegten Traum, den man sich einmal gönnt, selbst wenn man nicht zur finanzstarken Elite gehört. Das Publikum ist also auch hier glücklicherweise sehr vielfältig.
Durch die Spendenaufrufe des ORF kann sich das Fernsehpublikum ebenfalls an der Aktion Österreich hilft Österreich beteiligen. Überhaupt ist der ORF ein wichtiger Partner des Opernballs. Da profitieren wohl beide Seiten voneinander?
Der ORF bezahlt die Übertragungsrechte und verfügt dadurch über die meistgesehene Sendung im Jahr und kann den Content in den darauffolgenden Tagen vielfach weiterverwenden. Die Redaktion für diese Sendungen liegt selbstverständlich ausschließlich beim ORF. Wir arbeiten aber sehr eng und gut zusammen, und die Wiener Staatsoper hat bis hin zur Moderatorenauswahl ein gewisses Mitspracherecht. Zudem ermuntern wir die Künstlerinnen und Künstler sowie unsere prominenten Gäste, dem ORF für Interviews zur Verfügung zu stehen. Es ist also tatsächlich eine Win-win-Situation.
Gemeinsam mit den beiden Santner-Geschwistern bist du Teil der dreiköpfigen Jury, die nach einem Vortanzen im Gustav-Mahler-Saal der Staatsoper darüber entscheidet, wer für das Eröffnungskomitee ausgesucht wird. Worauf wird dabei geachtet?
Maria und Christoph Santner achten auf die Qualität der tänzerischen Leistung. Jedes der jungen Paare muss sich bei einem Linkswalzer beweisen. Ich schaue hingegen auf die Ausstrahlung, das Selbstbewusstsein, inwieweit das Paar gut zusammenpasst und Ähnliches. Das Vortanzen für den heurigen Ball fand im Oktober statt – angetreten sind nicht weniger als 400 Paare. Darüber hinaus rekrutieren wir Paare aus dem Tanzverein für Menschen mit und ohne Behinderung Ich bin OK. Uns ist es wichtig, auch hier ein Zeichen der Inklusion zu setzen.
Nun ist der Ball am Freitag um fünf Uhr bereits Geschichte. Ab wann starten die Vorbereitungen für 2027, und welche Themen werden als erstes behandelt?
Die erste Gesprächsrunde mit dem Direktor findet schon wenige Tage nach dem Ball statt. Ein ehrliches Feedback von allen Seiten ist natürlich die Voraussetzung für viele weitere Überlegungen. Da wir in den letzten drei Jahren begonnen haben, einzelne Räume zu adaptieren, geht es weiters darum, wo wir diesbezüglich fortsetzen. Heuer wurden die Bühnenlogen restauriert und mit einem schönen Hintergrund versehen, außerdem wird eine neue Bar die Gäste empfangen. Weitere Vorbereitungsschritte betreffen den Blumenschmuck, das Opernballsujet, die Musikauswahl, die Suche nach Partnern und Sponsoren. Natürlich verdichtet sich die Arbeit in den letzten Wochen gehörig, aber ein Dauerthema bleibt der Opernball auch die restliche Zeit im Jahr.