Schule des Lebens
Interview |
Es ist gute vier Jahre her, dass Michele Mariotti sein – spätes – Staatsoperndebüt gab. Spät, weil er seit Langem schon zu den führenden Namen einer jüngeren Dirigentengeneration gehört und mit wachem Geist, großer Kenntnis und Liebe zum Genre das Repertoire durchquert. Und das weltweit. Schon 2012 debütierte er an der New Yorker Metropolitan Opera, 2013 am Royal Opera House in London, davor, 2010, an der Mailänder Scala. Seit 2022/23 ist er Musikdirektor der Oper in Rom.
Man teilt Giuseppe Verdis Schaffen gerne in Phasen ein: die Werke des jungen, des mittleren, des reifen Komponisten. Und fast automatisch beurteilt man seine Opern oftmals aus dem Blickwinkel der berühmten Drei, also aus der Sicht von Rigoletto, Trovatore, Traviata. Wo soll man Luisa Miller verorten?
Eigentlich kann man Verdis Opern überhaupt nicht miteinander vergleichen. Es ist ja fast unvorstellbar, dass dieselbe Feder, dieselben Hände I masnadieri und Falstaff geschrieben haben! Wenn man zum Beispiel an Rossini denkt: Hört man Guillaume Tell oder Semiramide oder Sigismondo, erkennt man sofort denselben Stil. Bei Verdi ist das praktisch unmöglich. Jedes Werk stellt einen Entwicklungsschritt dar.
Das bedeutet, dass es in der Entwicklung nichts Sprunghaftes gibt?
Verdis Stil entwickelte sich stets konstant weiter. Und gerade darum ist jede Oper genau an dem Ort wichtig, an dem sie steht. Denn sie folgt immer als nächster Schritt einem Vorgängerwerk, und es kommt immer ein Nachfolger. Sie alle sind miteinander verbunden, wie eine gleichmäßig weiterlaufende Kette. Diese Kette reicht übrigens sehr weit! Denken wir nur an Falstaff, seine letzte Oper. Sie ist ein Wunder – so modern, so anders, so fortschrittlich. Viele Opernliebhaberinnen und Opernliebhaber können Melodien aus zahlreichen Verdi-Opern singen, etwa aus Traviata, Rigoletto, Aida … Aber aus Falstaff? Das ist viel schwieriger. Und es ist so ein janusköpfiges Werk! Man kann es aus der romantischen Tradition heraus lesen oder aber nur als Rhythmus, vertikaler Rhythmus, wie ein Stück von Igor Strawinski. Das Duett Falstaff – Mrs. Quickly, es könnte genauso gut von Puccini sein. Manche nennen den Falstaff die erste Oper des 20. Jahrhunderts … Wir sehen also, dass Verdi niemals aufhörte, sich weiterzuentwickeln. Warum? Weil sich das Theater veränderte, weil er sich veränderte. Noch einmal der Gegensatz zu Rossini: Dieser schrieb Ermione, seine modernste Oper, und danach Semiramide, einen stilistischen Rückschritt von vielen Jahren! Bei Verdi war es anders, da ging es immer vorwärts.
Und dennoch gibt es natürlich grundlegende Unterschiede.
Natürlich! Luisa Miller etwa ist darum so bedeutsam – für mich die wichtigste Oper seines Schaffens überhaupt –, weil sie im Sujet einen Wandel bringt. Verdi beschloss, nicht mehr über Krieg zu sprechen. Nicht mehr über Religion zu sprechen. Er wandte sich anderen Themen zu und fing an, die Gesellschaft zu analysieren. Und was bedeutet das? Es bedeutet, menschliche Beziehungen unter die Lupe zu nehmen. In Luisa Miller erleben wir zwei Familien, zwei Väter, die im Wesen grundverschieden sind. Graf Walter will Rodolfos Glück, egal, wie er es erreicht. Ihm geht es um Status, er kennt keine Skrupel: Er hat gemordet, um an die Macht zu kommen. Miller hingegen geht es um Ehrlichkeit, um Geradlinigkeit, aber es geht ihm auch um das Glück seiner Tochter. Er spricht es aus: Die Familie ist heilig, und heilig ist die Freiheit, sich den Menschen, den man liebt, zu wählen. Unglaublich modern für die damalige Zeit! Und jetzt ein spannender Aspekt: Nur wenige Jahre später schrieb Verdi La traviata. Und viele wissen, wie Alfredos Vater, Giorgio Germont, das Liebesglück seines Sohnes stört und keine Freiheit zulassen will. Also: La traviata ist in dieser inhaltlichen (nicht musikalischen!) Hinsicht altmodischer als Luisa Miller!
Die Vorlage der Oper stammt von Friedrich Schiller, nämlich das Schauspiel Kabale und Liebe. Ein Kammerstück. Wie verhält sich die Oper dazu? Ist sie ein „größeres“ Werk? Oder gibt es auch hier den Aspekt des Kammerspielhaften?
Es ist wie bei Schiller, auch die Oper ist ein sehr intimes Werk, in dem das Zwischenmenschliche im Zentrum steht. Es geht um Familie, Beziehungen, Zwischenmenschliches.
Und die Politik? Schillers Stück ist hochpolitisch, verliert die Oper durch die Betonung des Familiären diesen Aspekt wie auch das Revolutionäre?
Absolut nicht! Ich denke, dass Luisa Miller revolutionär ist, und Verdi kritisiert durchaus die Gesellschaft, die Umstände. Aber er ist weniger ein politischer Mensch im großen Überblick als ein Analytiker des Menschlichen. Denn vor allem sticht bei ihm ins Auge, wie er Personen charakterisieren kann. Das Böse in Wurm wird musikalisch brillant dargestellt. Überall Chromatik, Dunkelheit, man könnte sagen: Schlamm. Wurm ist wie eine Krankheit, die sich eines Körpers bemächtigt. Luisa wiederum stellt das Gegenteil dar, sie verkörpert das Helle. Mit anderen Worten: Wir erleben einen Gegensatz, Abgrund und Licht. Es sind Dimensionen des Menschen, die hier gezeigt werden.
»Wir erleben einen Gegensatz, Abgrund und Licht. Es sind Dimensionen des Menschen, die hier gezeigt werden.«
Vorhin haben Sie Miller und Giorgio Germont in einen Bezug gebracht. Kann man sagen: Auch Wurm und Jago stehen in einer Verwandtschaft?
Ja, selbstverständlich, es gibt große Parallelen. Das gilt auch für die Darstellung. Beide müssen das Böse nicht laut schreiend zum Ausdruck bringen, sondern die Gefährlichkeit entsteht durch das Leise, Andeutende. Das Gegenüber muss Wurm vertrauen, ihm glauben, dann kann die Attacke erfolgen. Hinter dem Rücken, unerwartet. Ein paar Worte, eine geflüsterte Phrase können stärker sein, als wenn man lautstark herausposaunt.
Immer wieder erwähnen Sängerinnen gerne, dass man für die Violetta in La traviata eigentlich drei unterschiedliche Stimmen braucht. Wie viele braucht man für Luisa Miller?
Rodolfo und Luisa Miller brauchen eigentlich jeweils zwei. Ihre erste Arie ist absolutes Belcanto, elegant, leicht, tänzerisch – sie könnte von Rossini sein. Das Duett Rodolfo–Federica ist stilistisch ebenso ausgeformt. Aber wenn wir in den dritten Akt kommen, dann wird es richtig dramatisch, und man benötigt auch entsprechende Stimmen. Und noch ein Hinweis: Die bekannteste Arie der Oper ist Quando le sere al placido von Rodolfo. Ein Notturno. Ich sagte unlängst zu Freddie De Tommaso: Mit dieser Stimmung wirst du siegen, mit der kantablen Atmosphäre, begleitet von einer Soloklarinette. Wie gerne wäre ich Tenor, nur um diese Arie singen zu können! So schön! So berührend! Ein Meisterwerk im Meisterwerk! Darüber dürfen wir aber die Partie des Miller nicht vergessen: Eine der schwierigsten und herausforderndsten Rollen des Repertoires überhaupt. Seine Arie ist verflixt hoch, wirklich: sehr hoch. Wenn Verdi wusste, was er tat, dann war er tatsächlich nicht sehr nett zu den Baritonen.
Die Oper spielt in Tirol. Geht Verdi musikalisch auf die Örtlichkeit ein?
Ganz am Beginn der Oper gibt es etwas Einzigartiges: Die Atmosphäre ist sehr pastoral, die Stimmung ist fröhlich, ruhig, ländlich, man riecht förmlich die Gebirgsluft. Eine Besonderheit – und bei Verdi ganz neu.
Verdi war fasziniert von Shakespeare, weil er in ihm das Theatergenie erkannte, das reale Figuren und nicht Schablonen zeigte. Was zog ihn an Schiller an? Schließlich vertonte er mehrere seiner Dramen?
Wahrscheinlich ging es ihm um die Behandlung der menschlichen Beziehungen. Man erlebt in Werken wie Luisa Miller oder I masnadieri – einer Oper, die auf Schillers Die Räuber basiert – viel Trübes, Undurchsichtiges. Ich sprach vorhin in Bezug auf Wurm von Schlamm … Es gehört zum Menschen, dass es nicht immer nur Klarheit und Helles gibt, vor allem auch in den Beziehungen zwischen Personen. Wir alle müssen schwimmen, und das Wasser um uns herum ist nicht immer durchscheinend. Manchmal umgibt uns Unklarheit, Unsauberkeit, Dunkles, das gehört zu unserem Dasein. Ich denke, dass Verdi von dieser Sicht fasziniert war und er Schillers Darstellung der Komplexität der Beziehungen wie auch der Vielschichtigkeit der menschlichen Seelen schätzte.
»Wir alle müssen schwimmen, und das Wasser um uns herum ist nicht immer durchscheinend. Manchmal umgibt uns Unklarheit, Unsauberkeit, Dunkles, das gehört zu unserem Dasein.«
Wir sprachen über die Herausforderungen für die Sängerinnen und Sänger. Was aber sind die Herausforderungen für den Dirigenten?
Es ist keine einfache Oper. Zum Beispiel: Man muss sich den Rezitativen mit besonderer Hingabe widmen, weil sie so exquisit gestaltet sind und so viele Details enthalten; manchmal sind sie geradezu cinematografisch. Oder: Der Orchesterklang muss natürlich Substanz haben, gleichzeitig aber auch eine Leichtigkeit. Es darf niemals zu schwer werden, das wäre eine altmodische Sicht auf das Werk. Wir müssen immer den Belcanto im Blick haben, zu dem es zahlreiche Verbindungen gibt.
Warum aber ist die Oper weniger populär als ihre Geschwister Traviata, Trovatore, Rigoletto?
Ich weiß es wirklich nicht! Die Oper ist voller Anklänge an Rigoletto und Traviata – oder wir sollten eigentlich besser sagen: Rigoletto und Traviata stecken voller Luisa Miller. Und dennoch sind die beiden viel bekannter. Ich bin ratlos. Ist der Plot zu kompliziert? Hm, seien wir ehrlich: Trovatore ist komplexer. Ich denke aber, dass ein Opernhaus wie die Wiener Staatsoper fast die Pflicht hat, sie zu spielen. Es ist eine Pflicht – und ein großes Geschenk! Vor allem, wenn man alles hat wie hier: das großartige Orchester, den wunderbaren Chor und die exzellente Sängerinnen- und Sängerbesetzung. Man darf ja nie vergessen: Opern wie Luisa Miller brauchen große Sängerpersönlichkeiten. Plus: Wir haben eine spannende Inszenierung.
»Eine Oper hören, eine Oper studieren: das ist mitunter wie eine Schule des Lebens. Wie soll man sich verhalten? Was soll man tun? Die Oper gibt Antworten.«
Bei der Umwandlung eines Schauspiels in eine Oper muss viel Text gestrichen werden, man verliert Details, Wendungen. Was setzt die Oper dem entgegen? Was ist der Zugewinn durch eine Vertonung?
Die Oper hat die Fähigkeit, im selben Augenblick Geist und Herz zu berühren. Die berühmte, von uns schon angesprochene Tenorarie Quando le sere al placido. Wenn Sie sich die Melodielinie anschauen, dann ist sie im Grunde verblüffend simpel. Dazu einfache Arpeggi der Klarinette und ein bisschen Pizzicato. Eigentlich: nichts. Aber dennoch: so betörend schön. Man weint, wenn man es hört … wie bei Mozart. Warum? Das ist es eben! Es ist Oper. Ein Wunder. In einigen wenigen Takten kann alles gesagt werden. Und gerade darum wird die Oper niemals sterben. Wir sehen es nach Covid, das Publikum liebt dieses Genre noch mehr als zuvor. Eine Oper zu hören, eine Oper zu studieren: Das ist mitunter wie eine Schule des Lebens. Wie soll man sich verhalten? Was soll man tun? Die Oper gibt Antworten. Das Genie der Komponisten hält uns immer wieder einen Spiegel vor. Direkt. Unmissverständlich. Und man muss kein Musiker sein, um das zu begreifen und zu fühlen. Alles, was es braucht, ist ein offenes Herz.