Schon 25 Jahre im Paradies

Interview |

Andreas Láng im Gespräch mit George Petean

 

Er sang an der Wie­ner Staats­oper Pre­mie­ren, Re­per­toire, Wie­der­auf­nah­men und war zu­dem im­mer wie­der er­folg­rei­cher Ein­sprin­ger: der ru­mä­ni­sche Ba­ri­ton George Petean (die Be­to­nung liegt auf dem a) kann mitt­ler­wei­le auf ein Vier­tel­jahr­hun­dert Haus am Ring zu­rück­bli­cken. Auf ein Vier­tel­jahr­hun­dert, in dem er sei­nen war­men, edel tim­brier­ten Ba­ri­ton auch hier den un­ter­schied­lichs­ten Büh­nen­fi­gu­ren lieh und dem Pu­bli­kum un­ver­gess­li­che Aben­de be­scher­te. An­läss­lich sei­ner In­ter­pre­ta­ti­on des Mil­ler in der ak­tu­el­len Lu­i­sa Mil­ler-Neu­pro­duk­ti­on sprach er mit Andreas Láng über schö­ne Staats­opern-Er­in­ne­run­gen, den Ver­di-Ba­ri­ton, die Schwie­rig­keit, Ver­di-Fi­gu­ren cha­rak­ter­lich zu schu­bla­di­sie­ren, und war­um er den Kol­le­gen stets nur das Al­ler­bes­te wünscht.

Sie ha­ben an der Wie­ner Staats­oper seit Ih­rem De­büt 2001 als Bar­bie­re-Fi­ga­ro rund 90 Vor­stel­lun­gen be­zie­hungs­wei­se zwölf ver­schie­de­ne Rol­len ge­sun­gen. Was ver­bin­den Sie ad hoc mit die­sem Haus?

Ich ha­be die Staats­oper schon ge­liebt, be­vor ich hier selbst auf­tre­ten durf­te. Al­lein wenn man als Mu­sik­ken­ner von au­ßen auf das Ge­bäu­de blickt, wird ei­nem klar, vor dem ei­gent­li­chen Zen­trum der Mu­sik­haupt­stadt Wien zu ste­hen. Ich wuss­te schon als Kind, da­mals in Ru­mä­ni­en, dass es die­sen my­then­um­rank­ten, pa­ra­die­si­schen Ort »Wie­ner Staats­oper« gibt – zu­mal mein äl­te­rer Halb­bru­der Alexandru Agache seit 1990 re­gel­mä­ßig an die­ser Büh­ne sang. Als ich dann schließ­lich eben­falls auf die­sen ganz be­son­de­ren Bret­tern, die ei­ne ganz be­son­de­re Welt be­deu­ten, ste­hen durf­te, er­kann­te ich, dass die Re­a­li­tät noch groß­ar­ti­ger ist, als ich es mir in den schöns­ten Träu­men er­hofft hat­te. Al­lein das Staats­opern­or­ches­ter, das auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se mit den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern mit­at­met, mu­si­ziert und al­les mit dem be­rühm­ten, un­ver­gleich­li­chen war­men Klang ver­brämt, lässt ei­nem In­ter­pre­ten das Herz über­ge­hen. Und so freue ich mich auch als Zu­schau­er schon im Vor­hin­ein auf die­sen Klang­kör­per!

Was über­wog da­mals, im Mo­ment des De­büts: die Freu­de, an der Wie­ner Staats­oper an­ge­kom­men zu sein, oder doch das Lam­pen­fie­ber?

Na­tür­lich war ich sehr ner­vös. Ers­tens ver­kör­per­ten hier so Ka­li­ber wie Leo Nucci zur sel­ben Zeit eben­falls die Rol­le des Fi­ga­ro, und zwei­tens emp­fand ich mich mit mei­nen nicht ein­mal 25 Jah­ren als un­fer­tig und un­er­fah­ren, was ich ja tat­säch­lich auch war. Ei­gent­lich hat­te ich nie da­mit ge­rech­net, je­mals ein En­ga­ge­ment an der Wie­ner Staats­oper zu be­kom­men, und dann kam gleich die­se wich­ti­ge Rol­le – und so früh!

Eig­net sich denn die­se Rol­le als Ein­stand auf ei­ner Büh­ne?

Wenn man zu­sätz­lich zu den vo­ka­len Fä­hig­kei­ten auch ein Ge­fühl fürs Ti­ming mit­bringt, ei­nen Thea­ter­in­stinkt, et­was Spe­zi­el­les, das ei­nen re­gel­recht ins Schein­wer­fer­licht zieht, dann ja. Denn letzt­lich ha­ben wir es beim Bar­bie­re mit ei­nem Ab­kömm­ling der Com­me­dia dell’arte zu tun, der Ur­form des Un­ter­hal­tungs­thea­ters. Als Her­aus­for­de­rung kam da­mals je­doch da­zu – aber da ging es der ge­sam­ten Kol­le­gen­schaft nicht an­ders –, dass es nicht mehr als drei Ta­ge Pro­ben­zeit gab und das nur auf ei­ner Pro­be­büh­ne. Die Ku­lis­sen, Schein­wer­fer, Kos­tü­me, die Akus­tik des Hau­ses lern­te ich erst wäh­rend der Vor­stel­lung ken­nen. Span­nend. An­de­rer­seits war der Re­gie­as­sis­tent, der mit uns die Pro­duk­ti­on ein­stu­dier­te, ex­zel­lent; ich war al­so gut vor­be­rei­tet.

Wenn man al­ler­dings ein­springt, und das ist Ih­nen auch an der Staats­oper ei­ni­ge Ma­le pas­siert, dann muss man zur Not so­gar oh­ne je­de Pro­be ins kal­te Was­ser sprin­gen.

Ich ma­che das gern! Die­ser Kit­zel ist ein be­son­de­res Ge­würz un­se­res Sän­ger­da­seins. Mein be­glü­ckends­tes Er­leb­nis an die­sem Haus war ein Ein­sprin­gen im fran­zö­si­schen Don Car­los als Po­sa. Die An­fra­ge er­reich­te mich an ei­nem Sams­tag. Mit der Bit­te, die Rol­le zu über­neh­men, be­kam ich zu­gleich die No­ten zu­ge­sandt – per Fax. Was das be­deu­tet, kann die jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on viel­leicht nicht rich­tig ein­schät­zen: So man­cher Takt kam auf­grund der man­geln­den Le­ser­lich­keit ei­nem Rät­sel­ra­ten gleich. Wie auch im­mer: Am Mon­tag­vor­mit­tag be­herrsch­te ich die Par­tie schon, aber lei­der noch nicht aus­wen­dig. Wie ich es in den we­ni­gen Stun­den ge­schafft ha­be, die Rol­le so zu me­mo­rie­ren, dass ich am Abend auf­tre­ten konn­te, weiß ich nicht mehr. Aber die Vor­stel­lung wur­de zu ei­nem mei­ner größ­ten Er­fol­ge an die­sem Haus.

»Ich bin rettungsloser Idealist. Nichtsdestotrotz sind meine Möglichkeiten, die vielen Probleme und Krisen der Welt zu lösen, naturgemäß verschwindend. Aber ich glaube an die positive Wirkmacht der Musik.«

Sie sin­gen ein brei­tes Re­per­toire, in dem aber Ver­di ei­nen zen­tra­len Platz ein­nimmt. Auch im Fe­bru­ar ste­hen Sie in der Lu­i­sa Mil­ler-Neu­pro­duk­ti­on er­neut in ei­ner Ver­di-Par­tie vor dem Pu­bli­kum.

Es stimmt, ich füh­le mich bei Ver­di sehr wohl. Ei­ner­seits vo­kal: Die Ba­ri­ton-Tes­si­tur liegt bei ihm meis­tens et­was hö­her als im Bel­can­to-Fach oder bei Puc­ci­ni, und das kommt mei­ner Stim­me eben­so ent­ge­gen wie die Ver­schmel­zung aus ly­ri­schem Bel­can­to und Dra­ma­tik in­klu­si­ve Vor­grif­fe auf den Ve­ris­mo. Ich schät­ze an Ver­dis Mu­sik wei­ters die­se Kom­ple­xi­tät, die ei­nem durch sei­ne Mu­sik­spra­che hin­durch pas­sa­gen­wei­se an die ge­sam­te eu­ro­päi­sche Mu­sik des 18. und 19. Jahr­hun­derts er­in­nert – an Bach eben­so wie an Cho­pin, Schu­bert oder Do­ni­zet­ti. An­de­rer­seits schät­ze ich an den Ver­di-Ba­ri­ton­rol­len, dass es sich sehr oft um Cha­rak­te­re mit Lie­bes­fä­hig­keit han­delt. An­ders ge­sagt: Sie ma­chen zwar Feh­ler, be­wir­ken mit­un­ter Fa­ta­les, wo­ran sie zer­bre­chen, sind aber den­noch mit ei­nem lie­ben­den Her­zen aus­ge­stat­tet. Sie­he et­wa Ri­go­let­to, der sei­ne Toch­ter vor der zer­stö­re­ri­schen Welt be­wah­ren möch­te und ge­ra­de da­durch ih­ren Tod her­bei­führt. Oder Si­mon Boc­ca­ne­gra, der nicht be­reit ist, ähn­lich wie Mil­ler üb­ri­gens, sei­ne Toch­ter ir­gend­ei­nem un­ge­lieb­ten Mann zu über­las­sen, nur um per­sön­lich re­üs­sie­ren zu kön­nen. Und selbst ein Gior­gio Ger­mont, der meis­tens eher scheel an­ge­se­hen wird, zer­stört Vio­let­tas und Al­fre­dos Glück nur, weil er sei­ner ei­ge­nen Toch­ter den Weg eb­nen möch­te. Ja, so­gar ein Ver­bre­cher wie Mac­beth zeigt Reue, Er­kennt­nis und Skru­pel. Die Gut-Bö­se-Schub­la­de eig­net den Ver­di-Par­ti­en je­den­falls sel­ten, und des­halb muss der In­ter­pret in al­le Fa­cet­ten und See­len­win­kel der dar­zu­stel­len­den Fi­gur hin­ein­hor­chen, hin­ein­füh­len, um die­sen Cha­rak­te­ren ge­recht zu wer­den.

Sie mein­ten vor­hin, dass Sie ur­sprüng­lich gar nicht da­mit ge­rech­net hat­ten, auf ei­ner Büh­ne wie der Wie­ner Staats­oper zu ste­hen.

Wis­sen Sie, ich lie­be Mu­sik. Als Kind und Ju­gend­li­cher ha­be ich da­her auf un­ter­schied­li­che Wei­se mei­nen Platz in ihr ge­sucht: Ich ha­be Kla­vier ge­spielt, Po­sau­ne stu­diert und in En­sem­bles und Or­ches­tern mit­ge­wirkt, in Chö­ren ge­sun­gen, Schrit­te im Jazz und als Gi­tar­rist in ei­ner Hea­vy-Me­tal-For­ma­ti­on ge­wagt; zu mei­nen Schät­zen ge­hör­ten Schall­plat­ten mit Kla­vier­kon­zer­ten von Mo­zart und Bee­tho­ven, die ich rauf und run­ter ge­hört ha­be. Ei­ne be­son­de­re Prä­gung er­fuhr ich dann durch mei­nen be­reits ge­nann­ten Bru­der Alexandru Agache, den ich als mei­nen Hel­den be­wun­der­te und dem ich beim Stu­di­um di­ver­ser Par­ti­en as­sis­tie­ren durf­te. Aus all dem hat sich dann für mich der Weg ei­nes Sän­gers her­aus­ge­schält, oh­ne dass ich aber ir­gend­wel­che ehr­gei­zi­gen Zie­le da­bei ver­folg­te. Ich war glück­lich, auf der Opern­büh­ne wir­ken zu kön­nen. Die Welt­kar­rie­re emp­fin­de ich als Zu­ga­be und schon dar­um als Ge­schenk, weil ich auf die­se Wei­se mit den Bes­ten der Ge­gen­wart ge­mein­sam auf­tre­ten darf. Dar­um kann ich bis heu­te auch oh­ne je­den Kon­kur­renz­neid al­len Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen zu­hö­ren und mich über ih­ren Er­folg mit­freu­en.

Auf In­sta­gram fun­gie­ren Sie un­ter dem Na­men Je­di-Ba­ri­ton. Was hat es da­mit auf sich?

(lacht) Ich bin ret­tungs­lo­ser Idea­list. Nicht­des­to­trotz sind mei­ne Mög­lich­kei­ten, die vie­len Pro­ble­me und Kri­sen der Welt zu lö­sen, na­tur­ge­mäß ver­schwin­dend. Aber ich glau­be an die po­si­ti­ve Wirk­macht der Mu­sik. Was hat das mit den Je­di-Rit­tern zu tun? Nun, als Kind lieb­te ich den Krieg der Ster­ne-Film – er gab mir un­ter an­de­rem Kraft, als mei­ne El­tern ein­mal bei­de er­krankt wa­ren. Und da ich ein we­nig Kind­sein be­wah­ren konn­te, ver­ste­he ich mich spaß­hal­ber als ei­nen Rit­ter, der durch die Mu­sik, durch den Ge­sang un­ent­wegt für ei­ne bes­se­re Welt ein­tritt.

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