zum Inhalt springen zur Navigation springen

Mord, Manipulation & Gnade

Interview |

Im Gespräch mit Hanna-Elisabeth Müller, Emily D’Angelo & Katleho Mokhoabane

Auf den ers­ten Blick scheint al­les klar: Hier ein mil­der Herr­scher, da Ver­rä­ter und Mör­der. Doch Mozarts La clemenza di Tito wirft vie­le Fra­gen auf. Et­wa: Nach dem Ver­hält­nis von Macht und Mil­de, von Freund­schaft und Treue – und was Men­schen zu ih­ren Ta­ten an­treibt. Die Pre­mie­ren­sän­ger Hanna-Elisabeth Müller, Emily D’Angelo und Katleho Mokhoabane spra­chen wäh­rend der Pro­ben über die­se und wei­te­re As­pek­te in Mozarts spä­ten Oper.

Fan­gen wir mit der Mu­sik an. Wenn Sie ei­ne De­fi­ni­ti­on wag­ten: Wo­ran er­kennt man Mozarts Mu­sik? Was ist das »Mozartische«?

HEM: Wenn man ei­ne kla­re Li­nie hört, die ganz ein­fach ist und so­fort Gän­se­haut ver­ur­sacht. Das ist Mozart.

EDA: Mozarts Mu­sik hat ei­ne schwer fass­ba­re Qua­li­tät, die aber so­fort er­kenn­bar ist und prak­tisch von je­dem, der sie hört, zu­tiefst ver­ehrt wird. Ob man sich nun sein Le­ben lang mit ihr be­schäf­tigt oder sie zum ers­ten Mal hört: Man er­kennt das Ein­zig­ar­ti­ge so­fort.

Kat­le­ho Mokhoabane, Sie sind ein noch sehr jun­ger Sän­ger, und man kommt um die Fra­ge nach Vor­bil­dern in Sa­chen Mozart–Tenor nicht he­rum. Gab es prä­gen­de Stim­men?

KM: Pe­ter Schreier, Mi­cha­el Schade, Da­ni­el Beh­le, Bog­dan Vol­kov. Und auch noch et­li­che an­de­re.

Ist ei­ne Stim­me ei­gent­lich ein Ge­schenk? Oder ist Ge­sang ein­fach nur har­te Ar­beit?

KM: Sie ist ein Ge­schenk. In ers­ter Li­nie. Aber die­se Ga­be al­lein reicht in un­se­rem Ge­schäft nicht aus. Des­halb muss man stän­dig an der Stim­me ar­bei­ten. Egal, auf wel­cher Stu­fe der Kar­rie­re man sich be­fin­det, es braucht kon­ti­nu­ier­li­che Ar­beit. In mei­nem Fall be­mü­he ich mich, nicht nur bes­ser zu sin­gen, son­dern auch ein grö­ße­res Re­per­toire zu er­wer­ben. Und vor al­lem: die Stim­me so zu be­han­deln, dass sie ge­sund bleibt. Es ist so trau­rig zu hö­ren, dass es Sän­ger gibt, die ei­ne fünf­jäh­ri­ge Pha­se hat­ten, in der al­les groß­ar­tig war, und es dann berg­ab ging. Sehr oft, weil man nicht sorg­fäl­tig mit sei­nem In­stru­ment um­ge­gan­gen ist.

Mozarts Clemenza di Tito ist ei­ne Auf­stel­lung sehr un­ter­schied­li­cher Cha­rak­te­re. Vi­tel­lia ran­giert da­bei eher im düs­te­ren Eck. Was treibt sie an, den in sie ver­lieb­ten Ses­to zum Mord an Kai­ser Ti­to an­zu­stif­ten? Ver­letz­ter Stolz? Der Wil­le zur Macht?

HEM: Ehr­geiz. Macht­gier. Über­haupt ei­ne gro­ße Gier nach al­lem. Sie will ge­liebt wer­den, sie will, dass die Men­schen zu ihr auf­schau­en. Und sie möch­te die Macht ha­ben und al­les be­stim­men kön­nen. Was sie ja auch tut, denn sie ma­ni­pu­liert das Ge­sche­hen die gan­ze Zeit und be­nutzt die an­de­ren wie Spiel­pup­pen. Bis die In­tri­ge am En­de schei­tert und sie fällt, sehr tief fällt. Und ich weiß nicht, ob sie so viel per­sön­li­che Stär­ke hat, um wie­der auf die Bei­ne zu kom­men.

Aber kann man sich ei­ne Fi­gur wie Vi­tel­lia ei­gent­lich auch schön­re­den? So ein: Ja, aber …?

HEM: Wenn man un­be­dingt will: Sie hat At­tri­bu­te, die man sich in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang so­gar wün­schen kann und die vie­len Men­schen viel­leicht auch feh­len. Die­ser Ehr­geiz, die Pla­nung, das Durch­den­ken al­ler Even­tua­li­tä­ten, die Stra­te­gie, um an ein Ziel zu kom­men. Und die­ses ste­ti­ge Am-Ball-Blei­ben. Das sind Din­ge, die man auch po­si­tiv se­hen kann – wür­de sie die­se an­ders ein­set­zen.

Vi­tel­lia ist bö­se. Wo steht Ses­to auf ei­ner Ska­la des Bö­sen?

EDA: Vi­tel­lia, aber auch Ses­to, ma­chen schreck­li­che Din­ge. Doch letzt­lich se­he ich es nicht als mei­ne Auf­ga­be als Sän­ge­rin, zu ur­tei­len – wie auch im­mer mei­ne per­sön­li­che Mei­nung ist. Wir al­le ver­su­chen, die Fi­gu­ren so re­al und le­bens­nah zu zei­gen, wie es nur mög­lich ist. Und es gibt Men­schen wie Vi­tel­lia und Ses­to: Men­schen, die er­schre­cken­de Feh­ler ma­chen und furcht­ba­re Ver­bre­chen be­ge­hen. Das ist die Welt, in der wir le­ben. Wir zei­gen sie – das Dun­kle, aber auch die vie­len Grau­tö­ne, die es zwi­schen Hell und Dun­kel gibt.

Aber ist Vi­tel­lia so ge­fähr­lich wie ein Ha­gen oder Ja­go?

HEM: Sie will den Kai­ser von sei­nem bes­ten Freund, ih­rem Lieb­ha­ber, um­brin­gen las­sen. Viel in­tri­gan­ter und tie­fer geht es ja gar nicht. Dass der Kai­ser über­lebt, hat nichts mit ihr zu tun. Aber na­tür­lich ver­su­che ich, der Rol­le et­was Mensch­li­ches zu ge­ben. Denn es muss ei­ne Per­son auf der Büh­ne ste­hen, die wir al­le ken­nen könn­ten, die sich aber in Feh­ler und noch mehr Feh­ler ver­strickt hat.

Ei­ner Ih­rer Kol­le­gen mein­te einst, dass der von Ih­nen ver­kör­per­te Kai­ser Ti­to ein er­wach­se­ner Ta­mi­no ist.

KM: Das se­he ich auch so. Er ist de­fi­ni­tiv ei­ne äl­te­re Ver­si­on von Ta­mi­no, der noch sehr jung und na­iv ist und ei­ne ent­spre­chen­de Per­spek­ti­ve auf das Le­ben hat. Ti­to hin­ge­gen hat schon ei­ni­ges er­lebt, und die Kon­flik­te, die er durch­ste­hen muss, sind den­noch mehr als her­aus­for­dernd für ihn. Für jun­ge Sän­ger ist die Par­tie ent­spre­chend schwie­rig – ge­ra­de weil Ti­to Er­fah­run­gen ge­macht hat, die ich noch nicht ha­be. Die Fi­gur er­for­dert Nu­an­cen, Le­bens­er­fah­rung – aber auch das ist Teil des Be­ru­fes, je­mand ganz an­de­rer sein zu kön­nen.

Se­hen Sie Ti­to als ei­nen ver­zei­hen­den Men­schen oder als Po­li­ti­ker, des­sen Cle­men­za auch ein po­li­ti­scher Akt ist?

KM: Bei­des. Ti­to emp­fin­det nicht nur tie­fes Mit­ge­fühl für die Men­schen in sei­ner Um­ge­bung, son­dern ist auch ein Herr­scher. Da­her muss auch ein we­nig Po­li­tik in die Fi­gur ein­flie­ßen. Aber in ers­ter Li­nie se­he ich ihn als Men­schen, der tief emp­fin­det. Und da er sich um die ihm Ver­trau­ten sorgt, ist er durch den Ver­rat von Ses­to dop­pelt ge­trof­fen. Dass er zum Ver­zei­hen fä­hig ist: Das sagt et­was über sei­ne hu­ma­nis­ti­sche Hal­tung aus.

Ses­to ist Vi­tel­lia zu­tiefst ver­fal­len: Wel­che Art von Lie­be ist das? Zu viel da­von? Ei­ne fal­sche Lie­be? To­xisch?

EDA: Da die­se Lie­be zu ei­nem Mord führt, kann sie nur als to­xisch be­zeich­net wer­den. Mit die­sen Men­schen stimmt de­fi­ni­tiv et­was nicht …

Stimmt et­was mit Ses­to nicht, weil er sich so in­stru­men­ta­li­sie­ren lässt?

EDA: Ja: Er ist ein Mensch. Es gibt un­zäh­li­ge Mög­lich­kei­ten, die kom­ple­xen Fi­gu­ren, die Mozart und Metastasio ge­schaf­fen ha­ben, zu in­ter­pre­tie­ren und zu ver­ste­hen. Das ist ja das Schö­ne an ei­ner Neu­pro­duk­ti­on, dass wir ei­ne Kon­stel­la­ti­on frei in­ter­pre­tie­ren kön­nen. Was ge­nau ist falsch mit Ses­to und Vi­tel­lia? Es kann so vie­les sein … Fest steht nur, dass sie bei­de in die Sa­che ver­wi­ckelt sind – was die­ser Be­zie­hung ent­springt, ist Dun­kel­heit und Häss­lich­keit. Da ist nichts Gu­tes in die­ser Lie­be.

HEM: Wenn ich von au­ßen auf die­se Be­zie­hung schaue, dann fra­ge ich mich: Was will Ses­to ei­gent­lich von Vi­tel­lia? Das ist doch of­fen­sicht­lich ei­ne kran­ke Per­sön­lich­keit.

EDA: Es ist ein gro­ßes Ge­schenk, Fi­gu­ren wie Ses­to ver­kör­pern zu kön­nen – oder über­haupt Wer­ke wie Clemenza zu er­le­ben. Denn al­le Fi­gu­ren sind enorm kom­plex, viel­schich­tig. Und ge­nau da­von träu­men wir als Mu­si­ke­rin­nen und Dar­stel­le­rin­nen ja.

»Wenn ich von außen auf diese Beziehung schaue, dann frage ich mich: Was will Sesto eigentlich von Vitellia? Das ist doch offensichtlich eine kranke Persönlichkeit.«

Wird sich Ti­to in Zu­kunft an­ders ver­hal­ten? Sind Freund­schaft und Ver­trau­en über­haupt noch mög­lich?

KM: Ich den­ke schon, dass es die­se Wer­te in sei­nem Le­ben noch ge­ben wird. Aber ob es ein­fach wird? Si­cher­lich nicht. Zwei­fel­los wird Ti­to mit Be­zie­hun­gen in sei­nem Um­feld zu­künf­tig viel vor­sich­ti­ger um­ge­hen. Aber in der Haupt­sa­che bleibt er der Cle­men­za treu. Er ist gü­tig, und das zeigt, dass er in ers­ter Li­nie ein Mensch und kein Po­li­ti­ker ist. Ein Mensch, der ziem­lich viel durch­ma­chen muss.

Le noz­ze di Fi­ga­ro ist auch ein po­li­ti­sches Werk, aber viel­mehr noch spielt es sich im Per­sön­li­chen ab. Wie sieht es mit Clemenza aus? Ist es ein po­li­ti­sches Werk? Oder ist das nur ei­ne Fo­lie, auf der Pri­va­tes ver­han­delt wird?

 

EDA: Mo­zart hat­te das un­glaub­li­che Ta­lent, gro­ße Di­men­sio­nen auf das We­sent­li­che zu re­du­zie­ren. Er nimmt al­so das Ma­kro­sko­pi­sche und bringt es vors Mi­kro­skop. Es ist das Ge­nia­le an Mo­zart, dass er sich auf et­was Gro­ßes kon­zen­trie­ren und es so ins In­ti­me brin­gen kann. Die Be­zie­hun­gen die­nen als Me­ta­pher für die dy­na­mi­schen Pro­zes­se in der Kul­tur.

HEM: Es mi­schen sich die Ebe­nen, denn das Werk ist per­sön­lich und po­li­tisch. Wir ha­ben ei­nen Kai­ser, der un­ter ei­nem im­men­sen Druck steht, weil es um ein Ur­teil über sei­nen bes­ten Freund geht, der ihm nach dem Le­ben trach­tet. Al­le wür­den er­war­ten, dass er ihn min­des­tens ins Exil schickt oder so­gar um­brin­gen lässt. Das ist ei­ne po­li­ti­sche Fra­ge, ver­mischt mit ei­ner un­glaub­lich star­ken und gro­ßen emo­tio­na­len Bin­dung. Und er hat die Wahl: Er bleibt al­lei­ne oder aber er um­gibt sich mit Men­schen, die ihn be­tro­gen ha­ben. Was ist bes­ser? Die Si­cher­heit und Ein­sam­keit – oder ei­ne Ge­mein­schaft, der man nicht un­be­dingt ver­trau­en kann? Vie­le von uns stan­den vor ei­ner sol­chen Ent­schei­dung: Ich will ei­ne Per­son nicht auf­ge­ben, weil ich die Nä­he ge­wohnt bin, selbst wenn al­le ro­ten Alarm­zei­chen be­reits blin­ken.

»Ich persönlich halte mich gerne an das, was in der Partitur steht, denn wir wissen, dass Mozart genial genug war, um genau zu wissen, was er wollte. Also: Leichtigkeit.«

Kat­le­ho Mokhoabane, Sie wa­ren im Opern­stu­dio der Staats­oper und keh­ren nach ei­nem Jahr Ab­we­sen­heit wie­der in ei­ner Haupt­rol­le an die­ses Haus zu­rück. Was füh­len Sie? Hei­mat? Oder ist es jetzt ei­ne an­de­re Welt?

KM: In ers­ter Li­nie füh­le ich mich zu Hau­se: Ich ha­be zwei Jah­re hier ver­bracht und schät­ze die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen wie auch die Staats­oper sehr. Aber na­tür­lich ist es auch ein biss­chen et­was Neu­es. Denn der Ti­to geht weit über das hin­aus, was ich zu­letzt auf die­ser Büh­ne sang. Ich bin heu­te nicht mehr der ganz jun­ge Sän­ger, der ich da­mals im Stu­dio war.

Ich ha­be un­ser Ge­spräch mit Mozarts Mu­sik an­ge­fan­gen und en­de auch mit ihr. Hin­ter uns lie­gen Jahr­hun­der­te von Tra­di­ti­on und Auf­füh­rungs­pra­xis. Wie nä­hert man sich heu­te als jun­ger Mensch Mo­zart an? Wie soll Mo­zart klin­gen?

KM: So leicht wie nur mög­lich. Ich per­sön­lich hal­te mich ger­ne an das, was in der Par­ti­tur steht, denn wir wis­sen, dass Mo­zart ge­ni­al ge­nug war, um ge­nau zu wis­sen, was er woll­te. Al­so: Leich­tig­keit. Das ist al­ler­dings ein­fa­cher ge­sagt als ge­tan. Wir Sän­ger müs­sen näm­lich hart ar­bei­ten, um si­cher­zu­stel­len, dass das End­er­geb­nis ent­spre­chend leicht klingt.

Sehr geehrte Besucherin,
sehr geehrter Besucher,

um Ihren Besuch auf unserer Website noch attraktiver zu gestalten, laden wir Sie ein, an deren Neugestaltung mitzuwirken. Wir bitten Sie dazu, eine kurze Umfrage auszufüllen. Diese ist selbstverständlich komplett anonym und Ihre Antworten werden ausschließlich zur Optimierung der Website verwendet.