Der Tod ist ein Scharlatan
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Im imaginären Breughelland gedeiht eine hurende und saufende Menschheit. Überall wimmelt und wuselt es von Gestalten. Der Trunkenbold Piet vom Fass stimmt das »Dies irae« an, während das Liebespaar Amanda und Amando ein ungestörtes Plätzchen für intime Zuwendungen sucht. Dann erscheint Er – herrisch, megalomanisch, demagogisch: Nekrotzar, der aus seinem Grab entsteigt und das Ende der Welt verkündet, am selben Tag um Mitternacht mittels Kometeneinschlag. Piet wird versklavt, und man bricht auf zum Hof des babyhaften Fürsten Go-Go, wo die Menschheit ihren Untergang erwarten soll. Der Hofastrolog Astradamors wird von seiner sadistischen und sexuell unbefriedigten Frau Mescalina malträtiert, Fürst Go-Go von seinen korrupten Ministern tyrannisiert, und dann gibt es noch den Chef der »Gepopo«, der Geheimen Politischen Polizei, der kuriose und kryptische Nachrichten überbringt.
György Ligetis einzige Oper Le Grand Macabre ist ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts und ein Solitär in der Operngeschichte. Das liegt nicht nur an der irren Handlung und einer außergewöhnlichen Partitur – Ligetis ganzes Leben und seine ganze Person scheinen sich in dem Werk zu spiegeln: seine chaotische und exaltierte Manier, sein Humor und seine Lebensenergie, aber auch all die horrenden Erfahrungen und tiefen emotionalen Abgründe, die er als Kind des frühen 20. Jahrhunderts erlebt hat. Le Grand Macabre zeigt die Absurdität des menschlichen Daseins und entlässt uns am Ende dann doch mit einer frohen Botschaft.
Von Kylwiria nach Breughelland
Ligetis Oper ist skurril, übertrieben, grotesk. In seinen Erinnerungen schreibt er: »Handlung, Situationen, Charaktere sollten durch die Musik zum Leben erweckt werden, Bühnengeschehen und Musik sollten gefährlich-bizarr, ganz übertrieben, ganz verrückt sein«, das musikalische und dramatische Geschehen »hyperfarbig« und »comicartig«. Über zehn Jahre dauerte es von den ersten Ideen für eine abendfüllende Oper bis zur Uraufführung. Mehrfach verwarf Ligeti seine Entwürfe und begann von Neuem. Zunächst schwebte ihm ein Stück mit dem Titel Kylwiria vor, der Name des imaginären Landes, das er sich als Kind oft erträumte. Ursprünglich sollte Kylwiria keine Handlung haben, nur absurde, nichtbegriffliche, rein emotionale Texte. Das Ziel war eine vollkommene Verschmelzung von Sprache und Musik, wie er sie bereits in seinen Aventures und Nouvelle Aventures versucht hatte zu finden. Später beschloss er, eine Oper ohne Handlung wäre wohl nicht tragfähig, und begann in einem zweiten Entwurf mit einer musikdramatischen Bearbeitung der Ödipus-Sage.
Doch auch dieses Sujet verwarf er, nachdem sein Freund und Auftraggeber der Oper Göran Gentele – in den 1960er-Jahren Direktor der Stockholmer Oper, 1972 kurzzeitig Direktor der Metropolitan Opera in New York – bei einem Autounfall ums Leben kam. Letztendlich kam ein neues Team zusammen, und man suchte erneut nach einem Sujet. La balade du Grand Macabre des belgischen Dichters Michel de Ghelderode erschien Ligeti letzten Endes als die perfekte Wahl: »Ein Weltuntergang, der gar nicht wirklich stattfindet, der Tod als Held, der vielleicht aber nur ein kleiner Gaukler ist, die kaputte und doch glücklich gedeihende, versoffene, verhurte Welt des imaginären Breughellandes« – genau so etwas hatte er sich vorgestellt.
Faszination Apokalypse
Gerade heute scheint das apokalyptische Szenarium von Le Grand Macabre wieder einen Nerv zu treffen. Megalomanische und launische Präsidenten, die täglich mit neuen Skandalen die Menschheit an ihren Abgrund zu führen drohen; Pandemien, die Millionen Leben kosten, das Sozialsystem schachmatt setzen und demokratische Grundwerte infrage stellen; wissenschaftliche und technologische Fortschritte, die uns gleichermaßen Progressivität versprechen, wie sie uns beängstigen und tagtäglich vor neue ethische Herausforderungen stellen. Ein Blick in die Filmlandschaft zeigt die unablässige Begeisterung für unseren eigenen potenziellen Untergang: Mad Max oder Matrix, Contagion, 28 Days Later, World War Z oder der 2021 erschienene amerikanische Film Don’t Look Up von Adam McKay, eine schwarze Komödie, nicht ungleich dem Werk Ligetis. Auch dort wird das Ende der Menschheit durch den Einschlag eines Kometen vorherbestimmt, allerdings von zwei Wissenschaftlern. Eine selbstbesessene, opportunistische Figur gibt es auch, im Film die Präsidentin (wir wissen, wer gemeint ist), die den nahenden Weltuntergang lieber für ihren eigenen politischen Gewinn und eine Imageaufbesserung nutzt, als die Bedrohung ernsthaft wahrzunehmen. Das Ende des Lebens auf der Erde, wie wir es kennen, durch natürliche oder kosmische Katastrophen, atomare Zerstörung, Seuchen, Zombie-Apokalypsen oder die Unterwerfung der Menschheit durch Aliens oder superintelligente Maschinen (KI). Die große Katastrophe eignet sich eben gut für die große Leinwand.
In der Oper ist das selbstverständlich alles viel diffiziler. Sie kommt auch ohne Bilder gigantischer Explosionen oder verstörender Nahaufnahmen seuchenzersetzter Körper aus. Eigentlich geht es in Le Grand Macabre auch weniger um die Apokalypse an sich, sondern um die Frage nach der Sinnhaftigkeit im Tod und damit natürlich auch im Leben. Ligetis Breughelländer sind keine besonderen Menschen. Sie sind nicht besonders intelligent oder besonders liebenswürdig. Sie schaffen nicht (im sartreschen Sinne der eigenen Transzendenz), verwirklichen sich nicht, nutzen ihr menschliches Potenzial nicht. Sie leben einfach vor sich hin, fast schon animalisch – sie saufen, sie fressen, sie lieben sich. Will man diese Welt überhaupt retten? Die Frage ist egal, Ligeti wertet nicht. Die Menschen sind einfach da, und Nekrotzar vielleicht der Tod, vielleicht aber auch nur ein Scharlatan, ein eingebildeter Kranker, ein Gaukler. Ligeti lässt es uns offen, was wir in ihm sehen wollen.
Mittelalter 2.0
Der Name des Handlungsortes, das imaginäre, flämische »Breughelland«, ist natürlich nicht willkürlich gewählt. Auch nicht, dass eine der zentralen Figuren mit Vornamen Piet heißt. Michel de Ghelderodes Inspiration für seine Dichtung waren die Gemälde Pieter Brueghels d. Ä., insbesondere Der Triumph des Todes (1562). Unzählige Gestalten, Motive und Geschichten fügen sich auf diesem Gemälde zusammen zu einem wimmelnden, irren Tableau des Grotesken. Skelette erobern als Armee des Todes die wüste, verdorrte und zerstörte irdische Welt. Manche Menschen werden mit Waffen gemetzelt, andere ertränkt. Hier vergreift sich ein Skelett an einer Frau, dort reitet der Anführer, ganz dem Nekrotzar gleich, auf einem fahlen Pferd voran, das unter seinen Hufen die Sünder zertrampelt. »Heute noch, um Mitternacht, wirst du sehen ein fahl’ Pferd, und der darauf heißt Tod, und die Hölle folgt ihm nach!«, singt Nekrotzar zu Piet, als er erstmals das Weltende verkündet. Ganz ähnlich steht es in der Offenbarung des Johannes über den letzten der vier Reiter der Apokalypse geschrieben, die das Ende der Weltreiche und das Kommen des Reiches Gottes ankündigen.
In diesen bizarren, grotesken und chaotischen Massengemälden des Mittelalters sah Ghelderode die Absurdität seiner eigenen Zeit widergespiegelt. Ghelderode lebte viel später, als man vermuten würde; wie Ligeti ebenfalls im 20. Jahrhundert, er war nur um einige Jahre älter. Ghelderode durchlebte eine harte Erziehung im Jesuiten-Kolleg, einen herrischen Vater, vor allem aber – wie auch Ligeti – die Weltkriege. Der Tod, vor allem die Absurdität des Massensterbens in den Kriegen, wird in dieser Zeit zum omnipräsenten Thema in der Kunst und Philosophie, und es ist kaum verwunderlich, dass gerade in dieser Zeit des Sterbens das absurde, tragikomische Theater seine Wurzeln hat. Die Sinnhaftigkeit der Welt und des Lebens wird im absurden Theater radikal infrage gestellt, eben genau dadurch, dass sie ins Komische überzogen und wortwörtlich ad absurdum geführt wird: »Die Situation, dass ich sehr häufig und lange Zeit an der Schwelle des Todes stand, sowohl kollektiv als auch individuell, wird in meiner Musik projiziert. Nicht so, dass die Musik tragisch würde – ganz und gar nicht. Menschen, die schreckliche Dinge erlebt haben, werden keine ernsthaft schreckliche Kunst erschaffen. Sie werden sie verfremden«, schreibt Ligeti nach Vollendung der Oper. Ähnlich empfanden es sicherlich auch Ghelderode und andere Vertreter des absurden Theaters wie Albert Camus, der als Vertreter des Existenzialismus die philosophische Grundlage des absurden Theaters lieferte. Für ihn entsteht das Absurde in der unvereinbaren Gegenüberstellung des sinnsuchenden Menschen zu der sinnverneinenden Welt. Mit anderen Worten: Die individuelle Suche nach dem Sinn des Lebens ist wortwörtlich sinnlos, denn die Welt als Kollektiv hat keinen.
Das Ende
In Le Grand Macabre kommt am Ende die Katastrophe nicht. Nekrotzar betrinkt sich mit Piet und Astradamors und verschläft den Weltuntergang mehr oder minder. Noch beschwört er ihn, denkt, es sei getan … Etwas später wachen alle auf, und es ist wie vorher. Nichts ist passiert. Und Nekrotzar? Der schrumpft so lange, bis er einfach aufhört zu existieren. Der Tod stirbt selbst? Hieße das dann nicht der Beginn des »Ewigen Lebens«? Und wenn ja, wäre das dann doch der Himmel oder vielleicht sogar die ewige Hölle auf Erden? Die absolute Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens am Ende erreicht, weil wir nun nie mehr sterben können? Oder der Tod war eben doch nur ein Scharlatan, und für die Menschheit hat sich nichts verändert.
Das Ende der Oper beschäftigte Ligeti am längsten, war denn auch die Grenze zwischen Leben und Tod für ihn immer schwer fassbar: »Wir leben nicht wirklich«, schreibt er in einem Essay über eine Begegnung mit György Kurtág im Nachkriegs-Budapest. »Seit der Deportation unserer Familien waren Leben und Tod ein und dasselbe geworden. Wer starb, der starb, wer zufällig am Leben blieb, blieb am Leben.« Tot oder lebendig? Ligeti entscheidet sich am Ende von Le Grand Macabre für einen dritten Weg: Die Menschheit erfährt ihre Apotheose im Triumph des Eros, in der Wirkmacht der Liebe. Amanda und Amando steigen zuletzt aus ihrem Liebesnest hervor. Den vermeintlichen Weltuntergang haben sie nicht mitbekommen. Und die letzte Botschaft des Stückes ist klar: Fürchtet euch nicht! Denn der Tod und die ganze dunkle Zukunft sind egal. Es gibt nur das Hier und Jetzt.